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Post ∞

2009-08-27

ηὕρηκα

Acht mal zwanzig Minuten macht einhundertundsechzig Minuten macht zwei Stunden und vierzig Minuten.

So lange dauerte Endless Eight. Drei lange Jahre voller Gerüchte (die zu Anfang dieses Jahres immer dichter und glaubwürdiger wurden) mussten ins Land gehen, bis tatsächlich eine neue Folge Suzumiya Haruhi no Yuutsu ausgestrahlt wurde. Am 22. Mai flimmerte Bamboo Leaf Rhapsody über die Bildschirme Japans, die Adaption einer Kurzgeschichte, die ein paar lose Fäden aus der ersten Staffel aufnahm und gekonnt verwob. Sie hatte wieder all das, was Haruhi vom Gros der anderen Slice of Life-Shows abhob – eine für das Genre erstaunlich komplexe Narration, gute Regiearbeit, und eine ausgefuchste übernatürliche Rahmengeschichte.

Verdammt guter Auftakt zu Staffel zwo. Fuck yeah, Haruhi war wieder da.

Sicherlich, schon die erste Staffel war nie eine Offenbarung oder ein Meilenstein. Es gibt reihenweise besserer Anime. Aber Haruhi war verdammt unterhaltsam und bemerkenswert gut gemacht. Die nur auf den ersten Blick wirre Reihung der Episoden, Kyons lakonische Kommentare aus dem Off – Beweis einer guten Adaption -, die überdurchschnittlichen production values – Kyoto Animation hat sich spätestens mit dieser Produktion Meriten verdienen können. Es waren letztlich nicht etwa der pervers populäre Abspannsong oder das moé-Design, die Haruhi zu einem der meistreferenzierten Anime überhaupt machten, sondern die Arbeit, die KyoAni in den Anime steckte, wie etwa die sehr, sehr gute Regie von Tatsuya Ishihara. Auch wenn’s vielleicht keiner gerafft hat.

Eine Kinokarte in Japan kostet an die 1'800 Yen - 13 Euro. True story.

Jedenfalls! Fuck yeah, Haruhi war also wieder da. Die aktuell laufende Wiederholung, in die die neuen Folgen eingestreut wurden, ist chronologisch angelegt.  Also konnte man sich leicht ausrechnen, wann die nächste neue Story nach Bamboo Leaf Rhapsody folgen sollte und welche es sein würde. Endless Eight war es, eine recht clevere Short Story, die vor allem Haruhis kaum kontrollierbare Allmacht mit einigem Nachdruck skizzieren wollte – und durch die Hintertür, ebenso wie Bamboo Leaf Rhapsody, auch als Prolog für Suzumiya Haruhi no Shoushitsu verstanden werden konnte. Dieser vierte Band der Light Novel-Reihe ist keine Sammlung von Kurzgeschichten, sondern eine in sich geschlossene Story – und zwar eine richtig, richtig gute. Alle Zeichen deuteten darauf hin, dass wir in diesem Sommer Haruhis Verschwinden erleben würden. Fein fein fein.

Am 19. Juni, mittlerweile erwartungsgemäß, kam also Endless Eight im Fernsehen – und ging nicht zu Ende. Was aber wenig Wunder nahm; schließlich war der Clou der Kurzgeschichte, dass sie sich abertausend Male wiederholte, immmer und immer und immer wieder die letzten beiden Augustwochen abgespult wurde, weil Haruhi den Sommer nicht enden lassen wollte. Nur konsequent also, nächste Woche eine fast identische Folge abzuspulen, diesmal aber mit einer Auflösung, ne? Ne? Dann:

26. Juni: Endless Eight Folge zwei. Endet nicht. Nächste Woche dann, sicher, oder?

03. Juli: Endless Eight Folge drei. Endet nicht. Eh.

10. Juli: Endless Eight Folge vier. Endet nicht. Woah woah woah.

17. Juli: Endless Eight Folge fünf. Endet nicht. 2ch sagt, die Story sei auf sechs Folgen ausgelegt.

24. Juli: Endless Eight Folge sechs. Endet nicht. Gerüchte aus 2ch kann man in die Tonne kloppen.

31. Juli: Endless Eight Folge sieben. Endet nicht.

07. August: Endless Eight Folge acht. Endet nicht. Eh, Moment, doch. Endless Eight… endet!

Wahrscheinlichkeit: 0,00154%

Acht Folgen fast identischen Inhalts. Ein unerhörter Vorgang in dem Sinne, in dem ihn uns unsere Deutschlehrer immer mit dem ollen Goethe erläutert haben: eine sich ereignete unerhörte Begebenheit. Sollte mal wer ‘ne Novelle drüber schreiben.

Wäre es ein belangloser Anime aus der Peripherie der Aufmerksamkeit gewesen, das Ganze hätte vielleicht auf sich aufmerksam gemacht und wäre dann als Kuriosität in der Versenkung verschwunden. Aber Haruhi? Ein smash hit, der – und das heißt was – Kadokawas Gundam werden sollte ? Unfassbar bekanntes und beliebtes center of attention allerorten? Die Entscheidung Kadokawas, des DVD-Publishers und Lizenzinhabers, acht Folgen Endless Eight bei KyoAni zu bestellen, war – nun, war wahlweise verdammt mutig oder verdammt dumm. Wahrscheinlich beides.

Sicherlich hat die Aktion einen Haufen Fans vergrault, und das wird sich auch im wirtschaftlichen Schaden ausdrücken: Anime refinanzieren sich in Japan fast ausschließlich über die DVD- und BD-Verkäufe. In der Regel finden sich auf jeder DVD zwei Folgen, und dafür verlangt man dann zwischen 4′500 und 5′000 Yen – also 32 bis 36 Euro. Macht im günstigsten Fall runde 130 Euro für vier DVDs und damit, wie gesagt, acht fast identische Folgen. Kein guter Plan, um DVDs zu verkaufen. Beschissener Plan. Insofern hat sich Kadokawa ins Bein geschossen, davon kann man ausgehen. Davon konnte man aber auch zuvor ausgehen. Kein rein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen käme auf so eine Idee. Was hat sie also nur geritten?

Gehen wir mal anders an die Sache ran. Das, was wir in den vergangenen zwei Monaten gesehen haben, war ein Experiment. KyoAni hatte also den Auftrag bekommen, acht Mal Endless Eight zu produzieren. Jede Folge from scratch, aber auf dem exakt selben Material basierend. Keine sonderlich leichte Prämisse, aber mit dem Material kann man arbeiten. Man kann es nutzen. Immerhin ist Endless Eight eine Geschichte, die sich mit minimaler Varianz konsequent wiederholt, auch wenn im Buch nur eine Rekursion erzählt wird. Vom Narratologischen her ist das eigentlich ganz spannend, weil man mit eben dieser minimalen Varianz arbeiten kann – und das war auch der Punkt, an dem KyoAni angreifen konnte und musste. Und wenn es ein Studio gibt, das eine solche Aktion durchziehen kann, dann ist das KyoAni.

ENDURESSO

Was kann man als Animationsstudio machen, wenn man ein und dieselbe Geschichte acht Mal erzählen muss? Im Grunde genommen das, was man am Anfang der Produktion sowieso tun muss: sich für ein stimmiges Konzept entscheiden. Nur verwirft man die anderen Ansätze nicht, sondern verfilmt sie eben auch. Endless Eight ist letztlich ein Panoptikum der Möglichkeiten: so oder  so oder so oder so könnte jede einzelne Folge aussehen. Eine ziemlich faszinierende Sache, eigentlich: jede Erzählung ist nur eine mögliche Erzählung, ein einziger möglicher Diskurs des Plots – und jeder Diskurs beeinflusst uns als Rezipienten anders.

Die erste Folge fiel nicht weiter ins Auge – sie war, wie auch Bamboo Leaf Rhapsody war; beiden Folgen sah man zwar deutlich an, drei Jahre später entstanden zu sein (was viele am bekrittelten K-ON!-Stil festmachen; kann man, muss man aber nicht – die Untertassenaugen von Staffel eins waren ja auch nicht gerade das Wahre…). Weiter fiel jedoch nichts auf. Die zweite Folge aber schon war sehr eigentümlich: übersaturierte Farben, Kontrast runter, Helligkeit hoch. Andere Folgen fuhren die Farbregler runter, bis bisweilen fast nur noch Graustufen auszumachen waren. Hintergründe wurden mit Symbolen beladen, Perspektiven und Fokussierung verzerrten das Bild teils bis zur Unkenntlichkeit. Wieder andere Episoden spielten mit den Möglichkeiten, die Regie und Storyboarding bieten: Ultranahaufnahmen, plötzliche Wechsel in Kyons Sehperspektive; eine Folge inszenierte die Aussprache zwischen Kyon, Itsuki, Yuki und Mikuru mit der Ästhetik des griechischen Theaters; eine andere endete mit einer symbolträchtigen, ungewöhnlichen Sequenz, in deren Fokus der Stundenzeiger lag. Tick-tick-tick-tock.

links oben: DA-KA-RA!; rechts oben: round and round it goes; links mittig: swinging in technicolor-1; rechts mittig: douzo! (wer, ich?); links unten: tick; rechts unten: tock

Das ist natürlich nicht nur Selbstzweck. Jeder, der jemals ein Déja-vu hatte, kennt das Gefühl: die Zeit hält an; alles klingt anders, fühlt sicher anders an, sieht anders aus; KyoAni nutzt die filmischen Möglichkeiten, um das Gefühl zu replizieren.

Die vielleicht beste Episode der Endless Eight-Reihe, abgesehen von der letzten, dürfte die vierte gewesen sein. Eingeleitet von einem Panshot eines Wolkenberges gibt sie schon mal das szenische Motiv vor, das immer und immer wieder aufgegriffen wird bis hin zur fantastisch montierten finalen Sequenz. Ist die Folge vom rein Technischen her weiter nicht bemerkenswert, fast schon gewöhnlich inszeniert, kann Ishihira als Regisseur hier ein hübsches kleines Meisterstück abliefern. Die Metapher des Flugzeugs hoch in den Wolken, verdichtet in Kyons fast schon wahnhaften Assoziationen. Großartig gemacht, wirklich.

*whisper*

Wie gesagt – Haruhi ist keine Offenbarung und kein Meilenstein. War’s auch nie, auch in Staffel 1 nicht. Wenn ich hier vielleicht begeistert klinge, dann nur, weil der Respekt vor den Fähigkeiten Ishiharas und KyoAnis aus mir spricht. Ob es wirklich klug war, Endless Eight gleich achtfach auszustrahlen, will ich nicht beurteilen müssen. Zweifellos, man braucht Ausdauer und Geduld dafür, wenn man sich’s denn überhaupt antut. Andererseits: wir kriegen den Kram ASAP frei Haus geliefert, mit Untertiteln, ohne einen einzigen Cent ausgeben zu müssen. Es steht uns frei, was wir schauen und was nicht. Und es steht uns frei, nach der Art zu schauen, die wir selbst wählen.

Wenn ich etwas von meiner Zeit für Anime abzwacke, dann will ich daran auch meinen Spaß haben. Und diese Einstellung kann schon den ganzen Unterschied machen. Wer Anime schaut, um in /a/ in den Chor der Schreihälse einzustimmen, macht es sich selbst kaputt – oder aber, wenn man nicht bereit ist, auch mal einen Gedanken an den Anime selber statt an den nervigen Paratext zu verschwenden. Oder aber, wenn man einfach zu doof ist und sich Anime wie Cheeseburger reinstopft.

Ob ich an Endless Eight meinen Spaß hatte? Sicherlich, dank der ausgesprochen guten Produktion KyoAnis. Und Kadokawas irrsinniges Vorhaben ist so bescheuert, dass es mir irgendwo sogar Respekt abnötigt. Ich würde mir Endless Eight sicher nicht im Marathon reinziehen. Aber in homöopathischen Dosen, einmal die Woche zwanzig Minuten, verteilt auf zwei Monate? Passt, wieso auch nicht. Dann sind auch einhundertundsechzig Minuten nichts mehr.

ηὕρηκα

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