Skip to content

Review: Spice and Wolf II

2009-10-27

en route

歌:清浦夏実 / 作詞:小峰公子 / 作曲:吉良知彦 / 編曲:吉良知彦

Einsam verlor sich mein Herz auf der Reise. Doch dann traf ich dich, und ich fand wieder auf den Weg. Diese Worte, frei übersetzt, erklangen im Januar 2008 im Vorspannsong von Spice and Wolf. Und schon da, in den ersten vier Zeilen sogar, finden sich fast alle Motive wieder, die den Anime durchziehen und dreizehn Episoden lang bestens tragen sollten: die Reise; die Einsamkeit; die Gemeinsamkeit; das Ziel. Das sind klassische Motive und Zusammenhänge, zweifellos, kein narratives Neuland. Richtig erzählt aber lassen sich daraus eindringliche Geschichten weben, die hängen bleiben, weil ihre Motive so nahe am Leben sind und viele auf die ein oder andere Weise berühren können.

Und Spice and Wolf machte das damals richtig gut. Der Anime erzählte die Geschichte von Kraft Lawrence, eines jungen, alleine durch die Lande ziehenden Krämers, und von Horo, einer Wolfsgöttin, die im Weizen lebte. Vor hunderten von Jahren schloss sie einen Vertrag mit den Bewohnern eines Bergdorfes: sie würden Horo verehren und anbeten, und Horo würde im Gegenzug für gute Ernten sorgen. Doch Horos Existenz verblasste in dem Maße, in dem die Landwirtschaft sich änderte und die Kirche heidnische Traditionen zurückdrängte. Da traf es sich gut, dass Horo im Weizen Unterschlupf finden konnte (so bestimmte es ja der Vertrag), den Lawrence geladen hatte, um darin das Dorf zu verlassen und in ihre Heimat hoch im Norden zurückzukehren.

Lawrence und Horo schlossen ihrerseits einen Vertrag: er würde sie, natürlich gegen entsprechende Entlohnung, auf seiner Handelsroute nach Yoitsu bringen. Das wären Reise und Ziel. Insgeheim aber verstanden auch beide, dass sie nicht nur den Weg teilen, sondern eine Gemeinschaft eingehen würden. Beide sind gezeichnet von Einsamkeit. Diejenige Lawrences war seinem Broterwerb geschuldet, der es ihm unmöglich machte, sich länger an einem Ort aufhalten zu dürfen. Horos Einsamkeit wiederum lässt sich auf das Gegenteil zurückführen: lange Jahrhunderte musste sie an Ort und Stelle verharren, ewig jung, ohne jemals jemanden zu kennen, der nicht nach wenigen Jahrzehnten wieder sterben würde.

Horo, ebenso weise wie lieblich

So eine Reise ist aber lang, zumal in der europäisch-hochmittelalterlichen Welt, in der die Story angesiedelt ist. Spice and Wolf beeilte sich aber auch nicht. Wozu auch? Reise und Ziel sind Mittel und Zweck, im Mittelpunkt aber steht die Beziehung von Lawrence und Horo. Und die braucht Raum, viel Raum und viel Platz und viel Zeit und einen ganz eigenen, langsamen Erzählrhythmus, um in angemessener Form ausgeleuchtet zu werden. Denn diese Beziehung ist eine der am besten geschriebenen, die ich bislang in Anime sehen durfte.

Zunächst ist es vor allem Horo, die den Takt vorgibt – was kein Wunder ist, denn sie hat Lawrence zwei Dinge voraus: mehrere hundert Jahre an Erfahrung und Verstand, und ihre Weiblichkeit. Und so spielt sie bisweilen mit Lawrence wie ein Welpe mit einem Küken. Sie ist sich ihrer betörenden Gestalt bewusst, gibt sich charmant, liebreizend, betörend, wickelt Lawrence immer weiter um den Finger – um ihn dann, wenn er sich in ihrem Netz verfängt, mit Genuss auflaufen zu lassen. Doch es bleibt ein Spiel für sie. Auch wenn es sich wie ein stetiger Kampf um Macht und Vormacht darstellt, sie spielt letztlich nur damit. Horo findet Gefallen am menschlichen Umgang, und natürlich auch an Lawrence, der ihr anfangs noch hoffnungslos unterlegen ist, bis er allmählich nicht nur besser in ihren verbalen Fallstricken zurechtkommt, sondern sogar selber mitspielen kann.

Ein schönes Beispiel findet sich in Horos gelegentlicher Anrede für Lawrence: 主, nushi. Das bezeichnet, und da geht mein Linguistenherz auf, gleich mehrerlei. Einerseits hat das Wort Bedeutungen wie Hausherr, Haushaltsvorstand, Eigner, Unternehmer – distanzierende Begriffe, mit denen Horo Lawrences Rolle als Händler adressiert, gemäß ihres offiziellen Vertragsschlusses. Zugleich aber trägt nushi auch wesentlich intimere Konnotationen: Schutzgeist etwa. Oder eben auch Ehemann. Dank des fantastischen Skripts und dank Ami Koshimizu, die ihre Horo auf den Punkt genau und perfekt spricht, verfeinern Details wie diese das Bild, das da gezeichnet wird.

Das ist überhaupt das Schöne an Spice and Wolf, einem Anime, der Abstand nimmt von einigen Konventionen (ohne allerdings den Bruch zu suchen), um in vielen langen Dialogsequenzen, im gesprochenen Wort, diese Beziehung in ihren schönsten Farben auszumalen. Immer geht es noch ein Stück weiter, immer hat noch jemand etwas in der Hinterhand, immer stecken hinter allen Metaphern nochmal zwei Ebenen. Doch liegt auch immer noch eine unausgesprochene Wahrheit hinter allem: beide sind sie im Grunde genommen doch alleine, und ihr Weg wird sich wieder trennen, so oder so: entweder in Yoitsu oder mit Lawrences Tod.

... und furchtbar/wunderbar gewitzt.

Ganz so schnell geht es aber, wie erwähnt, auch nicht. Am Ende der ersten Staffel stand man immer noch am Anfang des Weges (der im Übrigen in mittlerweile 12 Light Novel-Bänden niedergeschrieben wird). Und die guten Verkaufszahlen der DVDs ließen auf eine Fortsetzung hoffen, die schließlich Anfang 2009 auf die diesjährige summer season terminiert wurde. Gespannt sein konnte man auf die Änderungen; auch diesmal sollten in 13 Episoden zwei eigenständige Handlungen erzählt werden. Doch anders als bei der ersten Staffel sollte nicht mehr das Studio IMAGIN für das Team rund um Regisseur Takeo Takahashi animieren, ein Studio, das sich mit Fanservice-Anime,  kleineren Aushilfsarbeiten und häufiger Auslagerung an koreanische Animatoren (und damit verbundener mäßiger Qualität) eher keinen als einen Namen gemacht hatte. Wenn überhaupt, dann kann man das an der ersten Staffel von Spice and Wolf aussetzen: der Anime sieht bei weitem nicht so gut aus, wie es ihm gebühren würde.

Das sollte sich mit der zweiten Staffel jedoch ändern, denn nach dem Erfolg der ersten beschlossen sich die Investoren, das Studio Brain’s Base mit der Animation zu beauftragen. Bekanntlich eines meiner Lieblingsstudios. Für die gestalterische Konsistenz sollte der Führungsstab sorgen, den Takahashi wieder vollständig versammelte. Designer, Komponist, Autor, Regisseur, Synchronsprecher: sie arbeiteten daran, dass Spice and Wolf auch Spice and Wolf bleibt. Und Brain’s Base daran, dass es noch besser wird. Und das ging auch auf, denn die zweite Staffel gibt sich noch stimmiger gezeichnet und flüssiger animiert.

An der Story ist, wie zu erwarten war, nichts zu bekritteln. Erneut verstricken sich Horo und Lawrence im Dickicht mittelalterlicher Handelskonstrukte, die in Spice and Wolf in zweierlei Hinsicht funktionieren . Zum einen als Hintergrund, vor dem Horos und Lawrences Beziehung nicht nur stattfindet, sondern wiedergespiegelt und katalysiert wird. Zum anderen dienen sie aber nicht nur der Story – aus ihnen spricht auch die Liebe des Autoren zur Sache, der seine komplexe kleine Wirtschaftskrimis konstruiert wie ein ein Uhrmacher ein Uhrwerk. Dem kann zwar nicht mehr jeder folgen, der gleich mal den Wirtschaftsteil rausmacht und zum Panorama blättert, aber Respekt verdienen sie auch ohne vollkommenes Verständnis allemal – für ihre eigenständige, handwerkliche Solidität, und für ihre Rolle innerhalb der Beziehungsgeschichte.

Drei weiße Federn am Gewand.

Diese wiederum vertieft sich in der zweiten Staffel, in der es zu ausgewachsenen Krisen kommt. Horos Urängste treten zu Tage, ihre panische Angst davor, in Lawrence wieder einen (insgeheim) geliebten Menschen sterben zu sehen, und auch ihre Beziehung zu ihm grundsätzlich missverstanden zu haben. Letztlich: allein zu sein und zu bleiben. Das geht dann so weit, dass sie vollkommen aus ihrer Rolle fällt, die sie sich mit viel Ironie und Gewandtheit schuf, und sich in stark gemachten, bald schon herzzerreißenden Szenen offenbart.

Doch wie es der inhaltlichen Klasse dieses Anime entspricht wird das Problem nicht einfach aufgelöst. Horo und Lawrence akzeptieren es aber. Das hebt ihre Beziehung auf eine ganz neue Ebene, in der sie um das Unausgesprochene des Gegenübers wissen. Das Problem ist eben nicht einfach zu lösen, das Dilemma ist und bleibt: Horo wird Lawrence (nach derzeitigem Stand der Dinge) überleben. Nun aber liegt dieser dunkle Schatten nicht mehr über ihrer verspielten, anfangs unbedarften und naiven Beziehung. Sie akzeptieren ihn als Teil ihrer selbst.

Und damit schafft es Spice and Wolf II, nicht nur die zahlreichen sehr guten Ansätze und Ausführungen der ersten Staffel aufzunehmen, sondern weiterzuführen und neu zu weben. Die Konflikte, die Horo und Lawrence durchstehen, füllen nicht einfach nur DVDs und BDs; sie facettieren die treibende Kraft hinter der Geschichte weiter aus, machen sie rauer, aber auch eindringlicher. Das macht, zusammen mit dem deutlichen Fortschritt in den technischen Qualitäten, die zweite Staffel von Spice and Wolf abermals zu einem der schönsten Anime des Jahres. Bleibt nur zu hoffen, dass ich das im nächsten Jahr auch über eine dritte Staffel sagen darf. 8/10

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: