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Review: Aoi Hana

2009-10-30

Hol tief Luft.

In der japanischen Gesellschaft gibt es ein erstaunliches Phänomen mit dem Namen enjokôsai; damit sind Ober- und teilweise sogar Mittelschülerinnen gemeint, die mit älteren Männern Zeit verbringen und sich dafür mit Geschenken wie Luxusartikeln oder Geld belohnen lassen. Das „Zeit verbringen“ ist meistens der gemeinsame Besuch von Karaoke, kann bisweilen aber auch Sex bedeuten.

Deswegen wird enjokôsai gerne mit Kinderprostitution gleichgestellt oder in dessen Nähe gerückt. Natürlich ist das alles nicht so einfach wie auf den ersten Blick; in der hysterischen Medienberichterstattung wird gerne sensationalisiert, und aus der Ferne ergibt sich vieles deutlich krasser, als es letztlich ist.

enjokôsai allerdings kann trotzdem als ein Hinweis unter vielen aufgefasst werden, dass die Hypersexualisierung der Jugend in Fernost zumindest nicht weniger verbreitet ist als etwa in Europa. Und damit wären wir auch schon bei Anime und Manga, einem anderen gerne aufgeführten Kardinalbeweis. Denn kaum ein Titel kommt schon seit Jahrzehnten ohne Fanservice aus. Nur, dass ein üppiges Dekolleté oder ein pantsu shot mittlerweile bei weitem nicht mehr reichen.

Shows, die im morgendlichen Kinderprogramm laufen, verbraten ihr halbes Budget auf ausgefeilte, physikalisch wie anatomisch abstruse Tittenanimation (cf. Queen’s Blade). Wo immer es passt oder nicht passt, werden Röcke entweder kürzer oder gleich zu Gürteln (cf. Umineko). Und ganz gleich, ob der Anime es hergibt – Promo-Illustrationen müssen so viel Haut wie nur irgend möglich zeigen (cf. The Sacred Blacksmith, Umineko, Phantom; man beachte, wie gekonnt die verschiedenen Fetische Geschmäcker in Sachen Oberweite bedient werden…). Manche Anime schützen gleich kaum mehr Story vor und schauen einfach mal, ob sie das Ganze noch über die Spitze hinaus treiben können. So etwa Sora no Otoshimono – nur, was bitte soll jenseits von jetgetriebenen pantsu-Schwärmen noch kommen können?

Und schließ deine Augen.

Tja, und dann wäre da noch Aoi Hana.

In diesem Sommer lief in Aoi Hana ein Anime, der an keiner, aber auch wirklich keiner der oben genannten Malaisen krankte. Und das bei einer Geschichte, die die Irrungen und Wirrungen junger Mädchen in der Liebe portraitiert, die es zum gleichen Geschlecht zieht. Eigentlich ein gefundenes Fressen für das übliche Regime, dem man einen solchen Anime in der Regel unterwerfen würde. Aber, nichts davon. Gar nichts. Stattdessen lange Röcke und keine Ausschnitte. Kleidung, die man fast schon züchtig nennen will im Vergleich zu dem, was ansonsten in heutigen Anime getragen wird – dabei ist sie ganz einfach nur normal. Nur, wie um alles in der Welt kann das heutzutage, in dieser Branche, noch angehen?

Aber von vorne: Fumis Familie zieht zurück in die Gegend, in der sie aufgewachsen ist. Fumi, der introvertierte, unsichere Bücherwurm, ist niedergeschlagen, weil ihre Cousine heiratet. Und in diese war sie nicht nur verliebt, ihre Gefühle wurden sogar erwidert. Nun hat das ein Ende, und zu allem Überdruss muss sie sich noch in eine neue Umgebung einleben. Das aber läuft zu ihrem Erstaunen besser als erwartet; bald schon trifft sie eine alte Freundin aus Kindheitstagen wieder, Akira, ein quirliges Mädchen, auch in ihrer neuen Klasse findet sie sofort Anschluss. Und dann wäre da noch Yasuko, ein Mädchen aus der Abschlussklasse, in das sie sich bald verliebt…

Wie gesagt: Aoi Hana hätte auch ganz anders aussehen können. Eine Plethora an aktuellen Anime bedient sich bei der weiblichen Homosexualität für mehr oder weniger subtile und geschmackvolle Andeutungen – Strike Witches etwa verkaufte sich unter anderem deswegen blendend. Und doch, einen zurückhaltenderen, unaufdringlicheren Anime habe ich wahrscheinlich noch nie gesehen, und das rechne ich den Machern hoch an. Denn jenseits der prinzipiell anderen Ausrichtung, die mich eigentlich schon gewonnen hat, ist Aoi Hana auch für sich genommen ein beeindruckend gut gemachter Anime.

Ach, Fumi...

Da wäre etwa das entspannte Erzähltempo. Obschon Aoi Hana nur als ein cours und auch als solcher mit nur elf Episoden gar noch knapper angelegt worden ist, und trotzdem die Manga-Vorlage schon vier Bände umfasst, beeilt sich der Anime nicht. Er nimmt sich Zeit, um in Bildern zu zeigen, wozu Worte nicht genügen – oder die richtigen Worte und Wortwechsel zu wählen. Aoi Hana geht es nicht um Sensationen und Höhepunkte; in gewisser Art und Weise ist dieser Anime bescheiden in seinem Anspruch, seine Geschichte zu erzählen. Und das ist angesichts genau dieser Geschichte auch die richtige und effektivere Methode.

Es ist wirklich erstaunlich zu sehen, mit wieviel Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Feingefühl man sich ausgerechnet in diesem Medium dem Coming-of-age junger Lesben widmen kann. Anders als in den erwähnten, populären Beispielen ist die Homosexualität hier kein aufreizendes Vehikel – bis auf einen Kuss, bis auf die paar Szenen, in denen man verstohlen Händchen hält, sieht man kaum bis gar nichts. Stattdessen finden sich viele Gedanken, Zweifel, Sorgen, aber auch Hoffnungen, das Schwelgen im Glück oder die Aussicht darauf. Aoi Hana hievt die Beziehungsgeschichten höher, weg von der rein sexuellen Ebene. Es geht weniger um das Fassbare als um das Unfassbare, das für jedes der vier Mädchen, die im Mittelpunkt stehen, anders ist.

Fumi etwa ist ihrem Wesen nach zutiefst verunsichert. Was sie braucht sind Halt und Geborgenheit. Im Kindergarten nahm Akira sie an die Hand, wenn sie wieder einmal weinte; später waren es ihre Cousine und Yasuko, an denen sie Halt suchte und fand, aber auch verlor. Akira wiederum ist gerade dabei, ihre kindliche Naivität abzulegen. Mit Staunen verfolgt sie Fumi und Yasuko und Kyouko und versucht nachzuempfinden, wie und wieso diese so und nicht anders handeln. Yasuko ist eine Enttäuschte – ihre Schwester heiratet den Mann, den sie geliebt hat und immer noch liebt, einen ihrer ehemaligen Lehrer. Sie wendet sich zum Trost Fumi zu, die ihr Aufmerksamkeit und Zuneigung schenkt. Aufmerksamkeit und Zuneigung Kyoukos, einer Mitschülerin Akiras, aber hat sie harsch zurückgewiesen. Und doch will Kyouko nicht aufgeben, auch wenn ihre Gefühle verletzt worden sind – und auch wenn sie dabei selber die Gefühle ihres Verlobten verletzt.

Ein Weg, ein Baum, ein Bahnhof, und der Ozean

Mit diesem Bekenntnis zum Facettenreichtum arbeitet Aoi Hana, ohne sich daran abzuarbeiten. Fäden werden zusammengeführt, verwoben, wieder getrennt, ohne Aufregung aber und vor allem ohne den Pathos, der Geschichten, denen es um die Liebe an sich geht, allzu gerne anhaftet. Verantwortlich dafür dürfte wohl das Team von Regisseur Kenichi Kasai bei J.C. Staff sein, denn nicht nur in dieser Beziehung fühlt man sich an seine anderen Anime wie Honey and Clover und Nodame Cantabile erinnert. Auch der Zeichenstil ist den beiden Werken sehr ähnlich mit seiner leicht impressionistischen Wasserfarbenoptik, mit seiner warmen und sanften Farbwahl, untermalt – und das verdient Sonderlob – von einem unaufgeregten, eleganten Soundtrack von Takefumi Haketa (auf den ich heute noch warte! Grummel.)

Zwar hat Aoi Hana anders als die beiden keine ausgemacht humorvollen Sequenzen, aber eine gewisse Lockerheit und Gelöstheit hat sich der Regisseur – und das tut dem Anime gut – dennoch behalten. Letztlich inszeniert er die Geschichte bewusst im kleinen Rahmen. Ohne große Aufregung, ohne große Gesten kommt Aoi Hana aus, und das sogar beim narrativen Höhepunkt, dem Theaterstück. Gegen Mitte der Show kommt es zu einer Aufführung, in der Yasuko die Rolle des Heathcliff in Emily Brontës Wuthering Heights spielt. So eine Parallelmontage, in der sich die Plots von Aoi Hana und Brontës Buch reflektieren und brechen, ist natürlich plakativ. Und doch, in Fernseh-Anime ist ein solches Mittel immer noch die hehre Ausnahme – zumal auch darum in der Erzählung kein großes Aufhebens gemacht wird.

Dieser Anime verdient sich Sympathiepunkte, wo er nur kann. Für die Tatsache, so ganz anders zu sein; für die Tatsache, daraus keine Sensation zu machen; für die vielen Charakteren, deren Innenleben man nicht nur nachvollziehen, sondern auch nachfühlen kann; für das Erzähltempo, das gemächlich voranschreitet und eine willkommene, entspannende Abwechslung zum Üblichen ist. Vor allem aber für die Bescheidenheit, Unaufgeregtheit und Eleganz, mit der Aoi Hana seine Geschichte erzählt. Anscheinend muss eben nicht alles sexuell durchdekliniert sein, wie eben in vielen Medien an die Wand gemalt. Und für diese Idee und diese Möglichkeit, dass auch heute eine Geschichte wie diese noch Anklang finden kann, bin ich dankbar. Alles halb so wild. 8/10

... und die Sterne.

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