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Review: Rebuild of Evangelion 2.0: You Can (Not) Advance

2009-11-15

Track 27.

Da gibt es eine Szene in diesem Film, in der vieles klar wird. Wenn man sie denn entdeckt, denn der Moment wirkt auf den ersten Blick nebensächlich. Es geht darin um Shinjis SDAT-Player, der in der ursprünglichen Fernsehserie Neon Genesis Evangelion als Symbol und Motiv verwandt wurde. Immer und immer wieder wurde damals gezeigt, wie Shinji die Tracks 25 und 26 hörte. Erst den einen, dann den anderen, dann wieder den einen. Diese Einstellungen fanden sich immer dann, wenn Shinji sich in sich selbst zurückzog, wenn er sich dem Druck, der auf ihm lastete, nicht mehr aussetzen konnte und sich abkapselte. Man konnte sie auch als Ausdruck dieses drückenden Fatalismus verstehen, der auf NGE lastete – sie deuteten das Ende an, im einen Fall das Ende der Serie (Episoden 25 und 26), im anderen, End of Evangelion,  gar das Ende alles und jeden. Von vornherein war klar, dass alles enden würde. Diese Weltenschwere ließ Shinji nie los.

In Rebuild 2.0 ist der SDAT-Player nach einem Zwischenfall defekt. Statt 25 und 26 zu wiederholen, springt er weiter zu Track 27. Die Szene dauert kaum einige Sekunden, sie ist weder auffällig noch so zentral, wie sie mit meiner Beschreibung erscheint, aber sie ist da.

Wenn man will, kann man in diesem Track 27 ein Sinnbild für die Rebuild-Reihe sehen. Eine Absage an die zwingende, innere Logik von Neon Genesis Evangelion, die ihren Ausdruck fand in der motivischen Verwendung der beiden Songs. Rebuild macht Schluss damit – und geht zugleich einen Schritt weiter, ist also eine Fortsetzung, die zugleich eine gänzlich andere, eigene Logik hat. Das zu begreifen ist wichtig, sehr wichtig. Neon Genesis Evangelion funktionierte nur innerhalb seiner eigenen Logik – ebenso, wie es die Rebuild-Filme nur innerhalb ihrer eigenen tun. Bei aller Nähe und bei allen offensichtlichen Gemeinsamkeiten liegen ihnen einige elementar unvereinbare Antriebe und Motivationen zu Grunde – nicht frappierend viele, aber mehr als genug, um beide Ansätze als eigenständige Auslegungen ein und des selben Plots verstehen zu müssen.

Vergleiche zwischen NGE und seinem Rebuild sind natürlich immer möglich, gerade im Kontrast erschließt man sich oft die Feinheiten und Funktionsweisen beider Ansätze – nicht möglich ist aber, die Maßstäbe des einen auf den anderen anzulegen und daraus eine Wertung zu ziehen. Damit macht man sich’s nur selbst schwer, denn es geht nicht. Rebuild of Evangelion 2.0: You Can (Not) Advance muss als eigenständiges Werk behandelt werden, nicht als Remix, nicht mal mehr als Re-Interpretation. Es gibt keinen Track 27 in Neon Genesis Evangelion – es gibt kein Rebuild in Neon Genesis Evangelion. Nicht vergessen, nie vergessen.

Der Welt den Rücken.

(An dieser Stelle die Warnung: Das Review wird stellenweise Spoiler für Evangelion 2.0 enthalten; die jeweiligen Absätze markiere ich mit einem roten Asterisk*.)

Ende Juni lief der zweite Rebuild-Film nach etwa zweijähriger Produktionszeit in den japanischen Kinos an. Zwei Wochen später schon kursierte eine qualitativ… mäßige Camrip im Netz, deren Verlockung ich erlegen bin. Denn die japanische BD liegt in weiter Ferne, ist noch nicht einmal datiert, während für die deutsche bei Universum der Mai 2010 angepeilt wird. Zu lange, viel zu lange. Also Augen auf und durch, denn nach Rebuild 1.0: You Are (Not) Alone war die Spannung immens. Das lag vor allem am Projekt selber; ein Jahrzehnt nach dem schier unfassbaren Abschluss der Serie in End of Evangelion, sollte Hideaki Anno sich erneut seines Magnum Opus annehmen. Ein faszinierender Gedanke, denn Neon Genesis Evangelion war ein epochales Werk. Und jetzt würde er den Stoff für die Leinwand neu erarbeiten, gar ausweiten? Woah.

Schwer tat man sich noch mit dem ersten Film der Rebuild-Reihe, wenn es darum ging, ihn in den ausufernden Kanon des Epos Neon Genesis Evangelion einzupflegen. Die Meere blutrot, die Engel anders benannt. Viele Details fügten sich nicht mehr in den Plot, wie wir ihn kannten. Gerade gegen Ende. Nach dem furiosen grande finale mit der komplett neu geschriebenen Operation Yashima sahen wir plötzlich Kaworu, wie er einem Sarg auf dem Mond entsteigt. Vier zu seiner Rechten sind offen, vier geschlossen, und einmal quer durch die Szenerie zieht sich ein großer Streifen Blut. In seinem Angesicht eine gewaltige Ausgrabungsstätte mit einem maskierten Koloss – ein Engel? Ein EVA? Und dann, nach dem Abspann, die Vorschau auf den nächsten Film – EVAs 05 und 06? Die First Ancestral Race? Und eine neue Pilotin? Wenn schon der erste Film im Detail und in den letzten Minuten so viele Änderungen beinhaltete, würde das Sequel wohl umso mehr davon bieten. Im Raum stand bald die (durchaus plausible) Theorie, die Rebuild-Filme wären eine Fortsetzung von End of Evangelion, eine buchstäblich postapokalyptische Geschichte und zugleich Reset der Serie unter anderen Bedingungen. Track 27 eben.

*Konnte man Evangelion 1.0 noch ansehen, wie nah er sich phasenweise am Ausgangsmaterial bewegte, sind es bei Evangelion 2.0 allenfalls Zitate daraus. Aus den Episoden 8 bis 19 bediente sich Anno des Plots, stellte einige der zentralen Ereignisse – Asukas Erscheinen, die Kämpfe gegen Bardiel und Zeruel – zusammen, fügte aber auch etliche neue Entwicklungen hinzu. Der Film eröffnet gleich mit dem Kampf Maris, der neuen Pilotin, in ihrem provisorischen EVA-05 gegen den dritten Engel in der amerikanisch-russischen Bethany Base, ist also chronologisch noch dem ersten Rebuild-Film vorgeschaltet. Bald schon wird Asuka eingeführt, und mit ihr die im Fokus des ersten Filmes stehende Beziehung von Shinji und Rei um eine Dimension erweitert. Sinnbildlich dafür der Kampf gegen Sahaquiel, in dem die drei Kinder zusammenarbeiten müssen, um den Fall des Bombenengels auf Tokyo-3 aufzuhalten – und es vor allem Asuka schwerfällt, sich in das schon eingespielte Regimen zu fügen.

*Die Kinder sind gezwungen, in diesen konflikthaltigen Interaktionen ihre eigenen Vorstellungen vom Leben in Frage zu stellen. Asuka etwa beruft sich anfangs noch auf die Prinzipien der Leistung und Stärke, weil sie darin bis dato die Beste war. Warum müssten sich die Japaner immer für alles entschuldigen? Schließlich fresse alles, das leben wolle, anderes Leben. Um selber zu leben, müsse anderes nun mal sterben. Mit anderen Lebensentwürfen wie demjenigen Reis, die sie von Anfang an dafür verachtete, ist das nicht kompatibel. Mehr noch: diese Prinzipien sind das be-all and end-all ihres Wesens. Im Kampf gegen Sahaquiel aber werden sie verneint, denn alleine wäre sie zu Grunde gegangen. Und mit dem Verschluss ihres EVA-02, um die Stationierung von EVA-03 in Japan zu erlauben, wird ihr buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen, ihre selbst auferlegt einzige Existenzgrundlage. Was ist sie nun noch?

Stachelschweine stechen.

*Doch in bester dialektischer Manier, und dabei teils drastisch anders als in NGE, wachsen die Kinder aneinander. Sie lernen voneinander. Mit einem bewusst einfachen, fast schon primitiven Vorgang bringt Anno das zum Ausdruck: mit dem Essen. Anders als in Asukas martialischer Vorstellung eines Fressens oder gefressen Werdens ist Shinji jemand, der nicht für sich selbst, sondern auch für andere Essen zubereitet. Für Asuka ist das ein ungewohnter, eigentümlich intimer Ausdruck der Zuneigung und Sorge: ich sorge dafür, dass du lebst. Für Rei hingegen stellt sich das als Zugang zum sozialen Leben selber dar, als etwas, wodurch man in der Gesellschaft sein Glück findet: ich sorge dafür, dass es dir gut geht.

*Beide machen den entscheidenden Schritt aus ihren jeweiligen Dilemmata heraus, indem sie schlicht kochen. Asuka will Shinjis Geste erwidern. Das ist für jemanden wie sie ein gewaltiger Schritt, weil er ihre ursprüngliche Philosophie negiert – sie erkennt an, dass es andere Menschen außerhalb ihrer eigenen Sphäre gibt, deren Existenz ihr wichtig sind. Rei wiederum empfindet bei etwas so Gewöhnlichem wie einem gemeinsamen Mahl Glück, und das will sie teilen mit den Menschen, für die sie etwas empfindet. Sie will für alle kochen, für sich, Shinji, Gendo, Asuka; sie geht damit auf’s Leben zu. Natürlich bringen dabei beide ihre Opfer, zu sehen an ihren Händen. Keine von beiden ist es gewohnt, zu kochen, und so schneiden sie sich ständig. Und trotzdem machen sie weiter.

*Ihren finalen Ausdruck findet diese Entwicklung in der zweiten Hälfte des Filmes. Rei wurde für den Tag, an dem sie ihre Party abhalten wollte, als Testpilotin für EVA-03 designiert. Die Amerikaner baten die japanische NERV-Abteilung, EVA-03 nach der mysteriösen Explosion von EVA-04 in Nevada, die weite Teile des Kontinents verwüstete, bei sich aufzunehmen. Doch Asuka erklärt sich bereit, Rei diese Pflicht abzunehmen – teils aus dem Grund, selber wieder ans Steuer zu dürfen, doch eben teils auch, um es Rei zu ermöglichen, zusammen mit Shinji und Gendo zu essen. Und dafür bedankt sich Rei sogar. Asuka und Rei sind aneinander gewachsen.

***Doch zugleich ist diese Sequenz, etwas nach der Stundenmarke, auch der Auftakt zur furiosen Schlussphase von Evangelion 2.0. Denn EVA-03 ist von Bardiel infiziert, der mit Asuka in seinem Inneren Amok läuft und schließlich nur von EVA-01 unter Führung des Dummy Plug gestoppt werden kann. Shinji wird Zeuge der monströsen Vergeltung Shogokis, der Gogoki zerfleischt. Zwar sieht Shinji nichts, doch er spürt und hört, was er tut. Daher weiß er auch genau, was passiert, als Shogoki den Entry Plug Asukas zwischen den Kiefern hält. Und ihn zerbeißt.

Ich hätte nie gedacht, dass Einsamkeit mich einmal stören würde.

***Analog zur Beziehung der Kinder, die sich in der ersten Stunde entwickelt, nur um an dieser Stelle abrupt und brutal zerfetzt zu werden, ist auch der Verlauf des Filmes. Lange Zeit bereitet er vor, nimmt sich Zeit, um die Geschichte zu entwickeln, die Konflikte einzuführen und zu entfalten – nur, um in einer furiosen, atemberaubenden, spektakulären halben Stunde zu münden, in der das alles auf die Spitze und weit, weit darüber hinaus geführt, mit Genuss und Brachialität in Trümmer gelegt wird. Dass Anno und Shirou Sagisu, der Komponist, mit ihrem Soundtrack während besagter Szene an das nervenzerreißende Finale von End of Evangelion erinnern, ist mehr als passend. Wie damals Komm, süßer Tod ist auch hier ein vermeintlich fröhlich klingender, auf Textebene aber gänsehauterregend passender Song Untermalung und Folie des Schlimmstmöglichen; während EVA-01 im Abendrot steht, am Horizont ein Regenbogen, trieft ihm LCL aus den Lefzen, mit denen er gerade Asuka zermalmt hat; und Megumi Hayashibara, VA Reis, singt dazu: Sayonara. Anno macht unmissverständlich: was jetzt folgt, wird End of Evangelion noch in den Schatten stellen wollen.

***Und was dann folgte war schon im Camrip kaum zu fassen, und auf der großen Leinwand erwartungsgemäß überwältigend. Shinij kann nicht ertragen, was mit Asuka geschah, und nimmt seinen Abschied. Währenddessen jedoch steigt Zeruel herab und dringt mühelos bis zum NERV-HQ vor. Er schlägt Schneisen der Verwüstung, legt Tokyo-3 und das Geofront in Schutt und Asche. Auftritt Mari, die sich als Agentin einer unbekannten Macht in das Hauptquartier einschlich und die Kontrolle über EVA-02 übernahm. Sie führt ihn in eine Vernichtungsschlacht gegen Zeruel, und als ihre ersten Attacken nicht wirken, geht sie einen Schritt weiter: Sie löst EVA-02s Rückhaltemechanismen, die die Bestie im Inneren der EVA-Rüstungen bändigen, und wird mit ihm zum Biest, einer buchstäblich ungeheuerlichen, bestialischen Kampfmaschine. Mari riskiert dabei ihren Verstand, riskiert, vom EVA absorbiert zu werden, aber schon fast lustvoll, wahnhaft stürzt sie sich in den Kampf

***Doch sie scheitert. Rei greift ins Geschehen ein und will Zeruel zusammen mit sich selbst in die Luft jagen. Zusammen mit der fast völlig zerfetzten Mari durchbricht sie dessen AT-Field, doch der Angriff scheitert, und Rei wird von Zeruel verschlungen. Zeruel macht sich auf zum Central Dogma. Nun stellt sich ihm Shinji in den Weg, der mitansah, wie Rei starb. Er kehrt zurück, besteigt EVA-01 und nimmt den Kampf auf. Dann aber, er wird besiegt, geschieht etwas Epochales. Nicht nur Asuka und Rei kamen verändert aus ihren Begegnungen, auch Shinji. Er steckt nun nicht auf, sondern… nun, es ist schwer, das in Worte zu packen. Er transzendiert.

***Shogokis Augen, Glieder, Rachen erglühen rot, und über seinem Haupt erstrahlt eine Gloriole. Er lässt alle irdischen Begriffe und wird vom Mensch unter Menschen zum Gott unter Menschen. Shinji greift sich Zeruel, bricht ihn, dringt in ihn ein. Er will Rei zurück. Er löst sich auf, konkretisiert sich wieder, erst strahlend weiß, dann liegt seine Haut in Fetzen, aber er will Rei zurück. Unmenschliche, göttliche Anstrengungen, bis er sie wieder erreicht, sie befreit, mit ihr verschmilzt. Damit läutet er das Ende der Welt ein, denn das ist der Third Impact. Und im Hintergrund singt Hayashibara: In diesem endlosen Himmel will ich meine Flügel ausbreiten und fliegen, einem anderen Himmel entgegen, frei und frei von Traurigkeit.

--

*Was da alles geschieht ist schwer in Worte zu fassen. Fast jede Einstellung ikonisch, fast jedes Geschehen geht Meilen über das hinaus, was man sich zuvor hätte vorstellen können. Endlos könnte man Adjektive auseinanderpacken, aneinanderreihen – phänomenal, spektakulär, gewaltig, überragend, überwältigend – und doch wären sie zu kurz gegriffen. Evangelion 2.0 hat eines der intensivsten, atemberaubendsten Enden, das ich je in einem Film erleben durfte. Erst recht auf der großen Leinwand, in 35mm-Projektion und mit DTS-Sound. Und das ist nicht nur der Handlung geschuldet, sondern auch den Schauwerten. Eine solche visuelle Brillanz findet man in kaum einem Anime ein zweites Mal, und Evangelion 2.0 ist damit reich gesegnet, vor allem in den zahlreichen, fantastisch animierten und musikalisch unterlegten Kampfsequenzen.

*Natürlich findet all das in erster Linie auf einer vordergründigen Handlungsebene statt. Die hintergründigen treten zurück ins zweite Glied, werden zwar zitiert, immer wieder aufgegriffen, aber machen doch Platz für die actionreiche Auflösung des Films. Das kann man gerne kritisieren, genauso, wie man den Film als Ganzes kritisieren darf. Wenn man mit der Serie vergleichen will, dann ist klar, dass ein Spielfilm die psychologischen Details und Feinheiten in der Fülle, wie sie in der Serie minutiös aufgearbeitet worden sind, schlicht nicht leisten kann. Evangelion 2.0 gibt diesen Anspruch nicht unbedingt auf, aber man kann nicht umhin festzustellen, dass die inneren Mechanismen, die Beziehungen und Entwicklungen der Charaktere, die drüben beim Japankino in einer sehr, sehr klugen Analyse umrissen worden sind und für die Fernsehserie eine unüberschätzbare Rolle gespielt haben, in Filmform vereinfacht werden mussten. Das ist Fakt. Und damit muss man natürlich nicht glücklich sein.

Aber hier kommt auch ein anderer Fakt ins Spiel, den ich anfangs eingeführt habe: Rebuild of Evangelion ist nicht Neon Genesis Evangelion. Das sind zwei verschiedene Entitäten. Weder tut man sich noch seinem Filmgenuss noch den Werken einen Gefallen, wenn man das vergisst. Rebuild of Evangelion ergründet man am besten aus sich selbst heraus. Und in Evangelion 2.0 haben wir einen sensationellen Film mit enormen Ansprüchen an sich selbst, denen er fast allen auch gerecht werden kann. Sicherlich, bisweilen tut er sich schwer damit, alles in der angestrebten Perfektion zu erreichen, und wird immer dann ein wenig holprig. Manchmal gelingt der Spagat nicht ganz.  Und manchmal hätte man sich, wenn man die Serie kennt, noch ein wenig mehr Details gewünscht, noch etwas mehr Hintergrundgeschichte.Viele Nebencharaktere spielen kaum noch eine Rolle, und auch wichtigere Elemente wie Asukas Vergangenheit mussten weichen.

Das muss man in diesem Fall einfach akzeptieren lernen. Man muss sich darauf einlassen können, begreifen können, dass es in dieser Fassung der Geschichte nun mal einen Track 27 gibt. Dass all das, was wir aus der Serie kennen, da ist, nur eben anders. Entschlackt, neu arrangiert, in eine neue Logik gebracht. Dass in diesem neuen Arrangement weniger Raum ist für die extrem ausführlichen, tief ergründenden Charakterstudien, die Neon Genesis Evangelion bot. Das mag in den Augen vieler ein Versäumnis sein, und das ist natürlich völlig legitim. Doch es geht am Kern der neuen Filmreihe vorbei, denn so kann man Evangelion 2.0 nicht als das erfassen, was es ist: ein Ereignis.

Denn die inszenatorische Wucht Annos, die überwältigende Inszenierung des Films wiegt all das auf. Und macht wieder bewusst, dass Anno seine Geschichte eben nie exklusiv als introspektive psychologische Fingerübung verstand, nicht als E-Anime, sondern eben immer auch und im gleichen Maße als U-Anime. Es ist völlig richtig, dass sich Anno aus praktischen, sicher aber auch inhaltlichen und persönlichen Gründen dafür entschied, die Mechanismen der Geschichte etwas zu vereinfachen. Doch es wäre nicht nur unfair, sondern auch am Kern des Rebuild-Projektes vorbeigedacht, dabei das zu ignorieren, worauf er stattdessen abzielte: auf den Film an sich. Und Evangelion 2.0 ist ein Ereignis, in jeglicher Hinsicht. Man darf gespannt sein, wie Anno sich in Rebuild of Evangelion 3.0: Quickening noch steigern will, und dann noch einmal im vierten und letzten Film. Es scheint schier unmöglich nach dem, was er uns in Evangelion 2.0 vorgelegt hat. Aber wenn jemand das Unmögliche einfach wegfegen und weit, weit hinter sich lassen kann, dann ist das Anno.  9/10

Sayonara. / Wir sehen uns.

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4 Kommentare leave one →
  1. 2010-08-17 10:28

    Hey mein lieber, ich muss mich bei Dir bedanken. Und zwar für dieses großartige Review, dass meine Lust auf den Film nun endlich wieder angeheizt hat. Schließlich gibt es bei dieser enorm langen Warteperiode immer wieder Momente, in denen man sich fragt: „arrg, woher jetzt den Film nehmen“… ich habe es bis heute geschafft, nicht zuviel vorwegzunehmen. Keine leichte Aufgabe, und schon gar nicht, nachdem einige qualitativ durchaus akzeptable Ausschnitte im Netz herumgeistern. So habe ich den Kampf mit dem „Bombenengel“ Sahaquiel bereits gesehen bzw. erlebt, und dies sollte mich nun auch noch über die letzten Tage bis zum 17.ten September hinwegtrösten. Nur eines ist klar: wenn dieser Termin nun NOCHEINMAL verschoben wird, dann erkläre auch ich der deutschen Anime-DVDpolitik endgültig den Krieg und bestelle nur noch „Originale“ (d.h. im Herkunfstland).
    Dein „Bericht“ hier ist wirklich sehr gut geschrieben und liest sich sehr angenehm. Super auch, dass Du bereits auf verschiedene Interpretationen eingegangen bist. Nur einige der späteren Absätze (die sich auf das „Finale“ des Films beziehen) musste ich kurz (über)scrollen. Ich ahnte schon, dass das dort gezeigte geradezu episch und einzigartig sein würde, deswegen wird dies mein wahrer „EVA-Moment“ beim Ansehen der DVD im September. Ich werde Deinen Blog (den ich übrigens zufällig bei der Suche nach „Evangelion 2.22“ über die WordPress-Suche gefunden habe) nun regelmäßig besuchen. Solltest Du mal auf meinem vorbeischauen, so wirst Du feststellen, dass sich auch dort Evangelion wie ein roter Faden durch das Konzept schlängelt… liebe Grüße und danke, Oliverdsw

  2. escapistolero permalink*
    2010-08-19 22:05

    Oh, danke schön, hört man gerne. Ich selber hatte nie eine Nibelungentreue gegenüber deutschen Verlegern; die Ghiblis hole ich mir gerne in der SE von Universum, weil sie schick gemacht sind und der Dub taugt, um Kinder zu bespaßen; aber privat mag ich weder deutsche Synchros noch deutsche Untertitel, weswegen ich eher aus England oder den USA ordere. So lange wie du hätte ich jedenfalls sicher nicht auf Eva 2.22 gewartet… und deinen Blog werde ich sicher mal unter die Lupe nehmen, hehe.

  3. 2010-12-15 21:02

    Anstatt bei Tomino klaut Anno jetzt also bei Roland Emmerich: Anspruchsloses Popcornkino. Die Fans finden es toll, ich nicht. Wie beim neuen Star-Trek-Film hat man das bisher Gewesene auf ein Minimum reduziert, propagiert die Verachtung der Intellektualität und gleichzeitig die Diktatur des Bauchgefühls. Anstatt Psychologiebüchern liest Anno seit Neuestem die Bedienungsanleitungen von Mixern. Man wirft eigentlich alle Inhalte der Serie weg, und fängt mit dem Grundgerüst neu an. Dabei kann man sich aber nicht zu einem radikalen Neuanfang durchringen und klebt sklavisch am Skript der Vorlage. Die unerträgliche Penetranz der Unausweichlichkeit des Niedergangs, für welche der Originalserie Tribut zu zollen ist, fehlt einfach. Anspruchsloses Popcornkino mit flachen Charakteren. Andererseits kann man an einer Hälfte planlosem „Hau das Monster der Woche“ und einer Hälfte Deressionstherapie auch nur noch Schadensbegrenzung betreiben.

  4. escapistolero permalink*
    2010-12-20 02:28

    Oh je Anno, so oder so, er macht es einfach nur falsch ¯\(O_o)/¯

    Deine Meinung halte ich für legitim, damit liegst du auch auf einer Linie mit den meisten Kritikern, die ich für voll nehme und die mir – in der Sache – mit guten Argumenten widersprechen. Womit ich gut leben kann. Ich kann den Standpunkt voll nachvollziehen, oft empfinde ich die Art des Vortrags aber als etwas arg verbissen. La critique pour la critique oder so, ganz zu schweigen vom Unsinn des Kampfes um Deutungshoheiten.

    Ich werde wohl nie diese Auffassung verstehen, dass ein Remake ein Original entwertet oder negiert; daran hängt sich wohl meine Auffassung der Rebuild-Filme auf.

    Die Serie werde ich auch weiterhin für die Qualitäten schätzen, die du angerissen hast. Dass das Rebuild-Vorhaben in eine andere Richtung geht, empfinde ich als unproblematisch. Ob ich einen tiefer schürfenderen Ansatz besser gefunden hätte? Vielleicht, gut möglich sogar; als Sparintellektueller stehe ich auf verkopften Kram.

    Dann könnte ich aber auch gleich die Serie wieder schauen. Als ich letztes Mal nachgeschaut habe, ging es meinen DVDs im Regal zumindest noch verhältnismäßig gut. Würde sogar darauf wetten, dass auch immer noch dasselbe drauf ist.

    Eigentlich sind die Filme ja nur ehrlich und konsequent: die Franchise (!) war immer auch ein Lehrstück der Vermarktung und völligen Kommerzialisierung. Wer mehr daraus macht, ist selbst dafür verantwortlich. Ich gebe sogar zu: es amüsiert mich zu beobachten, wie Anno allen, die sich als Gralshüter des der Serie angetragenenen Vermächtnisses sehen, genüsslich das Spielzeug wieder wegnimmt. Könnte ein Grund sein, wieso ich wohlwollend an die Sache herangehe.

    Überhaupt: Ob und wie es in Q und dem vierten Film weitergeht, wissen wir schlicht noch nicht, wir sind noch mitten im Prozess; ich finde, es ist noch etwas zu früh die Kulturkritikkeule zu schwingen. Auch wenn sie so schön parat liegt.

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