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Naoki Urasawa – Billy Bat

2009-11-20

„escapistolero“, werde ich häufig (nie) gefragt, „escapistolero, sag mal, was liest du eigentlich gerade für Manga?“; nun, dies und jenes. Und mehr, als der Blog meinen lässt – 20 Artikel, und noch kein Wort zu Manga? Das muss sich ändern. Und womit ließe sich das besser an als mit Billy Bat, dem neuesten Wurf von Naoki Urasawa?

Wer Naoki Urasawa sagt, denkt auch an Osamu Tezuka. Das hat drei Gründe. Zum einen ist Urasawa der einzige Mangaka, der den Tezuka Osamu Bunkashō, den Exzellenzpreis der Zeitung Asahi Shimbun, in den zwölf Jahren seit dessen Auslobung bereits zwei Mal verliehen bekam. Den einen kassierte er für seinen phänomenalen Manga 20th Century Boys, den anderen, und damit komme ich zum zwoten Punkt, für Pluto. Denn Pluto ist eine Art Fortsetzung/Hommage/Bearbeitung/Update der sicherlich nicht besten, aber bekanntesten und vor allem unfassbar stilprägenden Geschichte Tezukas: Tetsuwan Astro aka Astro Boy.

Drittens, und nicht zuletzt, wird Urasawa gerne für den besten lebenden Mangaka gehalten. Für den legitimen Nachfolger Tezukas. Das zu diskutieren wäre ebenso müßig wie frucht- und sinnlos. Weder lässt sich das abschließend feststellen, noch würde es irgendwas ändern oder besagen können. Aber das alles zeigt, dass Urasawa zumindest einer der ganz, ganz Großen ist und auch bleiben wird. 20th Century Boys, Monster, Pluto – seine drei jüngsten abgeschlossenen Manga kann man guten Gewissens zu den besten Manga der letzten beiden Jahrzehnte rechnen. Dabei ist Urasawa kein tiefschürfender Philosoph, niemand, der radikal neue Wege beschreitet, und auch sicher nicht der brillanteste Zeichner unter der Sonne Japans. Aber mit einiger Wahrscheinlichkeit der beste Erzähler.

Das Erzählen, das Storytelling, das ist Urasawas Domäne. Ich kenne viele Mangaka, die ansprechender zeichnen – und das ist nicht zu unterschätzen, Manga bleibt eben ein Zwittermedium aus Text und Zeichnung. Ich kenne auch viele Mangaka, die hochwertige, hochintelligente Geschichten anspruchsvoll im Medium Manga aufbereiten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Inio Asano. Aber nur ganz, ganz wenige können sich mit Urasawa in dem messen, für das er so geachtet wird: Im Erzählen von Geschichten.

Urasawa kann das Tempo anziehen und drosseln, Fokus und Spannung steuern mit einfachen ebenso wie mit raffinierten Methoden, seine Stories referenz- und kenntnisreich ausmalen in den schönsten aller Farben. Am wichtigsten allerdings: die Geschichten stehen immer im Mittelpunkt. Er hat all die Erzählformen des Mediums gemeistert, damit seine Geschichten sich noch besser entfalten können. Mit Billy Bat nimmt er eine der letzten Hürden, die ihm geblieben ist, greift auf Elemente der Metafiktion zurück – und stellt damit zugleich die Frage, ob ausgerechnet das in seinem ureigenen, plotzentrierten Erzählen funktionieren kann.

Um es vorwegzunehmen: es kann. Und wie. Urasawa eröffnet Billy Bat ansatz- und schnörkellos im Stile eines amerikanischen Comics der Vierziger, dessen Hauptfigur ein kruder Wiedergänger Micky Maus‘ ist, Billy Bat eben, ein marlowesker, zynischer Privatdetektiv (außerdem auch eine Fledermaus), der sich mit einem dieser hundsgewöhnlichen Ehebruch-Fälle abmühen muss, bald aber in ein Geflecht aus Geheimorganisationen und Agenten verwickelt wird, und… das war’s dann. Kevin Yamagata, der Zeichner der in den USA der Nachkriegszeit höchst populären Billy Bat-Comics, ärgert sich über die Vorgabe des Redakteurs, schon wieder Sowjetspione als Bösewichte verbauen zu müssen, da klopft es an der Tür. Polizei. Das Fenster, das zur Straße rausgeht, sei optimal, deswegen müsse man das Studio akquirieren. Denn gegenüber sollen Sowjetspione hausen.

Der kleine, feine Kunstgriff in den ersten beiden Kapiteln des Manga enthält im Kern alles, was Billy Bat an Themen und Dynamiken durchziehen wird. Denn Urasawa geht nicht nur einen Schritt hinaus, lässt seine und Yamagatas Geschichte nicht nur parallel laufen und sich spiegeln. Sie verschränken sich auch – die Sowjetspione im Comic ziehen die Sowjetspione im Manga nach sich. In den nächsten Kapiteln beschreibt er Yamagatas Suche nach Billy Bat im Japan des Wiederaufbaus, denn er hat diese Figur während seines Einsatzes als Besatzungssoldat in Tokyo im Dienste des GHQ aufgeschnappt. Das führt ihn, in bester Urasawa-Manier, nicht nur auf die Spur verschiedenster geheimer und supergeheimer Organisationen und Akteure, sondern auch zu den übernatürlichen Ursprüngen der Fledermausfigur, bis er Billy Bat, seiner vermeintlichen Kreation, leibhaftig gegenüber steht, und… das war’s dann, wieder.

Denn Billy Bat hält sich nicht nur mit diesem Ebenenspiel zwischen Realität und Fiktion (in einem fiktiven Medium) auf. Es reicht nicht, dass Yamagata einen Manga in Händen hält, der den Lauf der Welt prädeterminiert, und dass ihm Billy Bat, das schizophrene, mysteriöse, gottgleiche Irgendwas die alles entscheidende Frage stellt. Urasawa bricht weitere Ebenen auf, etwa die historische – denn plötzlich geht es um Judas Ischariot, um Francis Xavier, um eine kitschig-schöne Weihnachtsgeschichte inmitten des von Segregationshass gebeutelten Amerikas der 1950er, um den Tod der Freundschaft in der Sengoku-Zeit. Und alles passt zusammen, und alles läuft auf eines hinaus: Billy Bat.

Am ehesten noch erinnert das an 20th Century Boys, Urasawas fantastisch-phantastischer Potenzierung einer Kindheitsphantasie. Auch dieser Manga spielte in verschiedenen Zeitebenen, arbeitete mit ihrer Verschränkung – anders als Monster und Pluto, die beide eher straightforward ausfallen. Doch wirklich vergleichen lässt sich Billy Bat nur bedingt, denn der Manga ist wesentlich konsequenter darin, die Multidimensionalität des Plots zu nutzen. Die Geschichte franst an den Rändern aus, um sich auf links gedreht durch den Stoff zu wühlen und an den losen Enden wieder anzuknüpfen; rennt auf und davon, um sich selbst zu überholen. Fast schon klassisch das einführende Kapitel der Judas-Episode, ein tolles Beispiel für den Urasawa-Stil.

Billy Bat zieht sich bereits jetzt, nach gerade mal 20 Kapitel Stand dato, durch die Geschichte der Menschheit ebenso wie durch die Metaebenen des Comicmediums, dass Scott McCloud seine helle Freude daran hätte. Ein Galoppritt durch die Möglichkeiten. Und ein Beweis für Urasawas gelungene Erweiterung seines Repertoires, der es tatsächlich schaffen kann, bei seiner jetzt schon brillanten Erzähltechnik noch einmal eine Schippe draufzulegen. Urasawa ist ein Schlitzohr, einer, dem es diebische Freude macht, den Leser mit Finten und Haken und Ösen durch seine modernen Märchen zu geleiten. Ein Raconteur eben, einer, der meisterlich auf der Klaviatur der Unterhaltung spielt. Ob er jetzt so gut oder fast so gut oder besser als Tezuka ist – geschenkt, solange ich meine ungetrübte Freude an ihm haben kann, und mit Billy Bat definitiv haben werde.

Nach dem Pluto-Clusterfuck EMAs, für das sie freilich keine Verantwortung tragen, und Paninis schwerem Stand mit 20th Century Boys, das der Verlag mit Ach und Krach im nächsten Jahr mit den beiden Bänden von 21st Century Boys zu Ende bringen wird, glaube ich nicht, demnächst Billy Bat in einer deutschen Edition in den Händen halten zu dürfen. Auf den üblichen Seiten im Netz lassen sich die Scanlations natürlich finden, wenn auch in teils unerträglicher Qualität. Allerdings haben Arienai ab Kapitel 14 das Steuer in die Hand genommen und liefern gewohnt gute Scans ab. (Über die Moralität der Piraterie schreibe ich irgendwann mal was.)

„escapistolero“, heißt es dann jedenfalls immer (nie), „escapistolero, liest du eigentlich immer nur so geilen Scheiß?“ – ne, natürlich nicht. Aber am liebsten schon.

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One Comment leave one →
  1. GuyIncognito permalink
    2010-02-27 00:07

    Ich habe diesen Manga gerade durch Zufall für mich entdeckt und daraufhin dann diesen Artikel. Vielen Dank dafür.

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