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Zur Lage der Nation I: The Downward Spiral

2009-11-24

ANN: In terms of where the Japanese manga industry is going, what are some of the most promising and distressing areas you can see in the manga industry today in Japan?

Fred Schodt: The big problem in Japan is that the bubble in the industry has definitely burst for both anime and manga. I think it’s probably worse than many of the official statistics reveal. I was in Tokyo in May – and I go to Tokyo every year to watch trends – and the thing that drove the point home to me is that on the train, almost no one is reading manga. That’s a huge, huge change from ten years ago, huge. On top of that, you have a new era in Japan where there’s a declining population of young people, which is still the main readership and market for manga and anime. So publishers and producers of shows are confronting this very stark reality that fewer people are buying their products, and there are fewer people to buy their products. It’s not only that they are buying less, but that there are fewer people to buy them! So no one knows what’s going to happen yet.

Frederik L. Schodt in einem Interview mit dem ANN. Hervorhebungen von mir.

Es braucht keinen Schodt, um zu sehen, dass das Geschäft mit Anime und Manga an allen Ecken und Enden krankt. Das Wissen darum ist beinahe so allgemein wie banal. Doch das Problem bekommt Gewicht, wenn sich eine anerkannte Autorität wie Schodt, einer, der schon seit weit über 30 Jahren Zugang hat zu den innersten Zirkeln der Branche, derart pessimistisch äußert. Die Blase ist geplatzt, und keiner weiß so recht, was folgen wird.

Einen der wichtigsten Gründe nennt Schodt: die japanische Bevölkerung schrumpft. Die Geburtenrate liegt mit 1,26 Kinder je Elternpaar sogar noch unter der ohnehin sehr niedrigen Deutschlands von 1,37 – anders als in Deutschland lässt sich jedoch aus Gründen, die mehr Aufmerksamkeit als einen läppischen Nebensatz erfordern, keine nennenswerte Einwanderung verzeichnen. Ergo: weniger Kinder, weniger Jugendliche, weniger junge Erwachsene, und damit auch weniger Konsumenten für Anime und Manga. Das allerdings ist bei weitem nicht der einzige Grund. Die Branche hat an verdammt vielen Fronten zu kämpfen.

In dieser Rubrik will ich ab und an, wenn mir einige gute Links in die Hände fallen, ein paar Hintergründe beleuchten und nach Möglichkeit auch Verbindungen knüpfen. Das Problem des Niedergangs der Branche ist ein komplexes, und ich habe nicht großartig Lust, mich an einem Mammutartikel abzuarbeiten wie der letzte Mofo – besser aufbereitete Infos als bei mir kriegt man ungefiltert an der Quelle ehwieso.

The Downward Spiral

Im an sich spannenden, teils etwas redundanten, aber immer gut mit Fakten unterfütterten Buch Shutting Out The Sun (New York: Random House, 2006) stellt der Autor Michael Zielenziger eine starke Korrelation der chronischen japanischen Wirtschaftskrise und dem Hikikomori-Phänomen auf. Besonders im sechsten Kapitel, Careening Of Course, benennt er einige Punkte, die jeder für sich zum Platzen der bubble economy der Achtziger führten und Japan eine so massive Wirtschaftskrise einbrockten, dass sich das Land bis heute nicht davon erholen konnte. Viele junge japanische Männer soll das in die innere Emigration getrieben haben. Nun mag Zielenzigers Buch kein Referenzwerk für die jüngere japanische Wirtschaftsgeschichte sein und auf ein anderes Thema abheben, aber es taugt, um den starken Zusammenhang von Wirtschaft und Gesellschaft an einem Beispiel zu erörtern. Und die grundlegenden Beschreibungen treffen zu, die Probleme wirken heute mehr denn je.

Glaubt man Telepolis, steuert die japanische Wirtschaft derzeit nicht mehr gen Abgrund, sie steht mittlerweile hart an der Kante und wartet auf den Todesstoß. Deflation, irrsinnige Staatsverschuldung, nominale Schrumpfung der Wirtschaft um 10% in einem einzigen Jahr, Konsumeinbruch trotz Absturz der Sparquote auf 2% – Hiobsbotschaft über Hiobsbotschaft. Was es für die Weltwirtschaft bedeutete, wenn die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt kollabiert oder auch nur einer ihrer gigantischen Wirtschaftskonzerne wie Matsushita, kann man sich ausmalen.

Um aber zum Thema zurückzukommen: natürlich hat die Krise auch enormen Einfluss auf alle Beteiligten der Branche. Denn bei schlechterer Wirtschaftslage sind es immer erst die nicht lebensnotwendigen Einkäufe, die zurückgestellt werden. Also kommt zu der schrumpfenden Bevölkerung auch noch die sinkende Bereitschaft, Geld in Anime und Manga zu investieren – ganz so, wie Schodt es ausgemacht hat.

Taschengeldanimatoren und schwankende Riesen

Der ökonomische Aspekt trifft die Branche auf Konsumentenseite direkt. Auf Produzentenseite ist er eher ein Gift unter vielen, denn neben den Einnahmeeinbrüchen haben die Animationsstudios noch an anderen, vielleicht sogar schwerwiegenderen Problem zu knabbern – wie dem Nachwuchsmangel. Auf welcome datacomp kann man die Übersetzung eines sehr spannenden Artikels des Regisseurs Osamu Yamazaki finden, der das Problem des fehlenden Nachwuchses an fähigen Key-Animatoren thematisiert.

Er erweitert die etwas einseitige Betrachtung der wirtschaftlichen Problematik, die sich so aufdrängt: klar, die wegbrechenden Werbe- und Verkaufseinnahmen wirken sich aus. Ein Rückgang von 18% bei den DVD-Verkäufen in den Jahren von 2006 bis 2008 tut extrem weh. Und doch fällt für ihn das Nachwuchsproblem gar noch mehr ins Problem – was bezeichnend ist. Er umreißt es wie folgt: Ein Inbetweener, also ein Animator, der die Animationsschritte zwischen den Key-Frames ergänzt, bekommt bis zu 250 Yen pro Zeichnung – und damit bei einer Monatsleistung von 500 Zeichnungen nach Abzug der Steuern etwa 100’000 Yen als Verdienst, knapp 750€ Stand heute. Viele Studios sitzen in Tokio, einer der teuersten Städte der Welt.

Der Tarif wurde in den Siebzigern geschlossen, und da mag das noch gepasst haben. Heute aber reicht das kaum zum Leben und zieht unter den harschen Bedingungen (Vierzehn-Stunden-Tage, teils Sieben-Tage-Woche) auch kaum wirklich gute Zeichner an. Die mittelmäßigen Kräfte zwar schon, aber geschlagene neun von zehn (!) Animatoren steigen nach durchschnittlich drei Jahren wieder aus dem grind aus – weil das Geld nicht reicht, das Talent, die Zeit. Gute Animatoren hingegen zieht es in lukrativere Jobs, während die Animationsstudios sogar auf Hobbykräfte zurückgreifen müssen, die sich etwas dazuverdienen wollen und ohne Leidenschaft und großes Können vor sich her pinseln.

Die wenigen wirklich fähigen Key-Animatoren, Veteranen der Branche, bekommen dagegen mehr und mehr anstrengende Korrekturarbeit aufgeladen, ihre eigene Arbeit bleibt dann auf der Strecke. Darunter leidet die Qualität, auch weil viele Animationsschritte, oft ohne ausreichende Kontrolle, aus Kostengründen nach Korea, China oder Vietnam ausgelagert werden müssen. Womit wir wieder bei der Wirtschaft wären. Und als Fan leidet man mit, denn folgt man Yamazakis düsterer Argumentation, werden die Animationsstudios auf kurz oder lang ausbluten – viele der Veteranen sind in den Fünfzigern und Sechzigern und werden, wie kürzlich Yoshinori Kanada, irgendwann den Weg alles Irdischen gehen, ohne dass die Studios die Stellen äquivalent nachbesetzen können.

Allerdings muss man bei der Argumentation ein wenig aufpassen; natürlich kann man auch als Animator gut verdienen, doch dazu muss man entweder in der Hierarchie der Studios aufgestiegen sein oder einen spezialisierten Job finden. Die Verallgemeinerung, dass Animatoren mies verdienen, wäre in der Tat zu einfach. Das ändert aber nichts am grundsätzlichen Problem, denn auf jeden Animationsdirektor kommen dutzende Inbetweener, und die talentierten Nachwuchskräfte scheitern oft schon beim Einstieg an den harschen Bedingungen derer Jobs. Der Grundkonflikt bleibt. Yamazakis ebenso knappes wie zutreffendes Fazit dazu findet sich beim Wall Street Journal:

„People have tremendous power by just being young […] Without young blood, we’ll lose our ability to think flexibly and creatively.“

Addendum: Wie ich das nur übersehen konnte? Dunno dunno. Jedenfalls gehört zum Artikel des WSJ auch ein aufschlussreiches kleines Video, über das ich erst bei einem Eintrag auf Random Curiosity gestolpert bin. Asche, Haupt, etc.

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3 Kommentare leave one →
  1. 2009-11-30 21:58

    Hm, von den miesen Arbeitsbedingungen in der japanischen Anime-Industrie hab ich schon des öfteren gehört. Dass jetzt aber sogar Insider eine veritable Krise ausrufen, ist dann doch nochmal eine neue Dimension. Wobei ich mich beim Lesen des Artikels zwei Dinge gefragt habe:
    1. Dass heutzutage weniger Manga konsumiert würden (siehe Beispiel U-Bahn) kann ja auch mit den Verschiebungen im Mediensektor ganz generell zu tun haben. So gibt es ja schon länger Romane und Manga fürs Handy, die gar nicht mehr gedruckt erscheinen (und die wohl teilweise schon so erfolgreich sind, dass sie verfilmt werden). Möglicherweise ist es also ein Stück weit „bloß“ eine Verschiebung von einem Medium auf ein anderes, der Konsum selbst bleibt aber.
    2. Der demographische Wandel Japans könnte doch durch das zunehmend internationale Publikum ausgeglichen werden. Gerade die neuen Technologien mit digitaler Distribution übers Internet dürften da ganz neue Möglichkeiten eröffnen – wer weiss, die Studios könnten sich dabei vielleicht sogar die Fansubber-Szene zunutze machen! Ich denke, dass hier ein Riesenpotenzial schlummert, denn international ist die Fanszene ja noch sehr jung. Wer hier kreativ ist und neue Wege beim Vertrieb von Anime geht, kann bestimmt gut was abräumen.

  2. escapistolero permalink*
    2009-12-01 16:53

    Stimmt natürlich, der Anime-Branche geht es wie jeder anderen Branche: Seit dem ersten Tag schlechter und schlechter. Heh.

    Deinen Einwand finde ich sehr gut, die Idee ist mir auch schon gekommen. Medienverschiebungen sind ja nichts neues, Anime und Manga entstanden irgendwann ja aus der selben Dynamik heraus. Trotzdem ganz interessant zu sehen, wie so ein Medium den Rückzug antritt. Bin gespannt, wie die Situation in einigen Jahren aussieht.

    Die Sache mit dem Ausland und den neuen Vertriebswegen macht mir allerdings noch etwas Kopfschmerzen. Die Ansätze gibt es ja schon, Crunchyroll etwa, oder das Streaming-Angebot bei Funimation, und dass die teils in der Fansub-Szene rekrutiert haben, ist auch ein offenes Geheimnis. Wir stecken also schon im Umbruch. Ich persönlich kann mich allerdings nicht damit anfreunden, für etwas zu zahlen, dessen ich nicht wirklich habhaft werden kann. Nur, dass DTO-Verfahren den japanischen Publishern nicht in den Kram passen. Ich harre weiter der Dinge und schaue, wie sich die Lage entwickeln wird.

Trackbacks

  1. Lesenswertes « noushi.org – wir lieben Anime

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