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Plädoyer für das Arschloch

2009-12-01

Es gibt da einen recht häufigen Fehlschluss. Man meint oft, dass nur ein Charakter, der einem sympathisch ist, auch ein „guter“ Charakter wäre. Ist der Charakter im Gegenzug jemand, dessen Weltbild das eigene in Frage stellt, dessen Meinungen man nicht teilt und dessen Handlungen man nicht gutheißen will, sei er im Gegenzug eben ein „schlechter“ Charakter. Und gute Charaktere machen gute Shows, und schlechte Charaktere machen schlechte Shows, ne?

Ne.

Das Ganze ist gleichzeitig viel einfacher und viel komplizierter, wie das Beispiel der Hauptfigur in White Album, Touya, wunderschön illustriert.

Mal einen Blick in’s Bedford Glossary of Critical and Literary Terms (Boston: Bedford/St. Martin’s 2003) geworfen, weil’s gerade auf dem Tisch steht. In Abschnitt G-3 steht da folgende Definition:

flat characters: Characters that behave in predictable and uncomplicated ways, in part because they are thinly developed emotionally. Frequently found in melodrama, flat characters are often stereotypes. Their opposites, so-called rounded characters, possess the complications and contradictions of real people.

Man unterscheidet also in der angelsächsischen Literaturtheorie nach flachen und nach runden Charaktern. Ein flacher Charakter ist stereotyp und nicht allzu tiefgründig. Oft aber ist er notwendig – der Zeuge bei der Polizei, der den entscheidenden Hinweis gibt; der Jogger, der den Ermordeten im Wald entdeckt; der Lehrer, der die Strafarbeit aufbrockt, weswegen man erst abends aus der Schule kommt, an Bahnhof dann aber… – Nebencharaktere, die nur wenig zur Geschichte beitragen, müssen gar nicht kompliziert geschrieben sein. Problematisch wird es immer dann, wenn Hauptcharaktere flach sind, nicht genügend ausgebaut sind, denn die Geschichte kann nur so tief gründen wie ihre Charaktere.

Umgekehrt zeichnet runde Charaktere aus, dass sie, und das gefällt mir an der Formulierung im Bedford Glossary, die Verwicklungen und Widersprüche echter Menschen in sich tragen. Es reicht nicht mehr, den Charakter mit nur wenigen Attribut belegen zu können; der Jogger, atemlos, dick verpackt, es ist ja November, Stöpsel im Ohr und Pulsmesser am Handgelenk. Das ergibt eine einfache Figur, die man sich gut vorstellen kann. Aber kaum einen echten Menschen kann man so simpel beschreiben, ohne stark zu vereinfachen und damit eben auch zu verfälschen. Es fehlen die Widersprüche und Verwicklungen.

Nun ist es so, dass runde Charaktere in der Literaturtheorie als gute Charaktere gelten, weil sie aus sich selbst heraus die Geschichten gewissermaßen schreiben. Um ein bekanntes Beispiel kurz anzureißen: Schuld und Sühne baut auf der Dynamik, die sich aus Rodion Raskolnikows höchst widersprüchlichem, komplizierten Charakter ergibt. In ihm kommt furchtbar viel zusammen, und das treibt die Geschichte voran. Aber auch flache Charaktere können als gute Charaktere gelten, wenn sie denn richtig platziert sind und ihre Funktion erfüllen, ohne die Geschichte ins Stocken zu bringen. Der umgekehrte Fall macht sie dann zu schlechten Charakteren, im Sinne der Literaturtheorie.

Blöd nur, dass „gut“ und „schlecht“ gleichzeitig moralische Kategorien sind. Siehe Einleitung. Ist Raskolnikow ein guter Charakter, obwohl er ein Doppelmörder ist? Ja und nein. Je nachdem. Knifflig.

Um endlich zu White Album zurückzukommen: es kann verdammt schwer sein, Touya als „guten Charakter“ zu bezeichnen. Touya ist ein Herzensbrecher, nicht wie weiland Cary Grant (hach), sondern im wortwörtlichen Sinne: er nimmt sich Herzen, und bricht sie. Er steht im Mittelpunkt eines komplizierten Charaktergeflechts, in dem er immer wieder Menschen – Mädchen – verletzt. Und zwar, weil er ein Arschloch ist. Touya ist untreu, feige, verlogen, sprunghaft, opportun, un- und selbstgerecht, ignorant, selbstsüchtig, unreif, fahrlässig, und vor allem: sich jeder seiner Handlung, mag sie noch so beschissen sein, bewusst. Auf einer rein persönlichen, moralischen Ebene würde ihn gerne an den Eiern aufknüpfen. Ist Touya ein guter Charakter? Fuck no.

Auf der anderen Seite aber ist er es dann doch. Denn Dramen brauchen Arschlöcher. Wenn man sich White Album anschaut – das soll an dieser Stelle kein Review werden, folgt noch -, dann sieht man schnell, dass die vordergründige Story reichlich egal ist. An sich geht es im Kern um Yuki, die als Idol Karriere macht, um Rina, ihre Kollegin und Freundin, und eben Touya, Yukis Freund. Aber im Grunde genommen ist es egal, denn White Album ist ein Drama und lebt damit von den Gefühlen seiner Charaktere, vom Herzschmerz. Und dafür braucht es eben einen Brecher, ein Arschloch.

Touya ist notwendig. Ohne ihn wäre ich nicht in der Lage, mit denjenigen, denen er Unrecht tut, die er betrügt und im Stich lässt, Mitleid zu empfinden. Ohne ihn und seine hassenswerte Idiotie gäbe es kaum bis keine Konflikte in White Album – Konflikte aber sind zentral, nicht nur für das Genre, sondern für fast jede Geschichte; entweder freut man sich, sie überwunden zu haben, oder trauert darum, an ihnen gescheitert zu sein. Natürlich ist Touya nicht alleine darin, negative Züge zu tragen. Die meisten Charaktere in diesem Anime sind doppelbödig und ambivalent. Die Hauptlast, die Hauptschuld, die trägt aber nur er. Er zieht in der Geschichte den Hass auf sich. Klar fällt es da schwer, ihn – in moralischen Kategorien denkend – einen „guten“ Charakter zu nennen. Aber genau deswegen ist er es eben doch.

Es ist nicht nur, dass er notwendig ist, dass er eine so zentrale und wichtige Rolle für die Geschichte einnimmt. Es ist auch die Tatsache, dass er allem zum Trotz sogar noch seine eigene Rolle reflektieren kann. Er weiß ziemlich genau, dass er immer und immer wieder Scheiße baut. Manchmal bekommt er es nicht mit, manchmal ignoriert er es, manchmal ist es ihm gleichgültig. Fast immer wieder er es aber. Er weiß, dass er Yuki nicht anlügen sollte. Aber er tut es, und er tut es nicht einfach so, sondern trotzdem. Im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Das macht ihn natürlich zu einem Arschloch – und zugleich zu einem guten, runden Charakter im Rahmen eines Dramas.

Touya ist echten Menschen charakterlich wohl näher als die meisten anderen Anime-Charaktere in diesem Jahr, voller Komplikationen, Widersprüche. Ein runder Charakter, nur halt moralisch verdorben. Kein Mörder, kein Vergewaltiger, aber eine mitgeben will man ihm trotzdem dafür. Das alleine macht einen Anime nicht gleich selber schlecht. Das ist zu simpel gedacht: beschissener Charakter, beschissener Anime, und obendrein fühle ich mich auch noch selber beschissen. Aber dafür sind Dramen ja da, und dafür brauchen sie Arschlöcher wie Touya.

(Übrigens, wenn ich hier „Drama“ sage, dann meine ich Melodrama. White Album ist kein Othello, Touya kein Iago. Und ebensowenig ist er ein Raskolnikow. Um das mal klarzustellen.)

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