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Kaoru Mori – Otoyomegatari

2009-12-06

Kaoru Mori ist ein Otaku alter Schule, im eigentlichen Sinne und in der positivsten Auslegung des Wortes. Ohne mich daran lange aufhalten zu wollen – Wikipedia weiß genug dazu -, ist Mori eine, die viel Leidenschaft und viel Herzblut in ihre Interessen steckt. Die können dann, nicht unüblich für japanische Otaku, ebenso ausgefallen wie speziell sein, und in ihrem Fall sind es eben Leben und Wirken von Dienstmädchen im viktorianischen England. Das hat weniger mit dem notorischen meido-Fetisch zu tun, und umso mehr mit dem englischen Sittenroman des 19. Jahrhunderts, wie sich sehr schön in ihrem bislang einzigen größeren Manga besichtigen lässt, Emma. Mori liebt den nun mal Stoff zutiefst, und das kann man sehen.

Nun hat Otoyomegatari mit diesem Sujet nichts zu tun. Ihr neuestes Projekt, das seit Oktober letzten Jahres zweimonatlich erscheint, findet wohl zwar auch irgendwann im 19. Jahrhundert statt; doch das Setting ist ein ganz anderes. Nahe des Kaspischen Meeres, vielleicht auch nahe der Seidenstraße, in einem Dorf sesshaft gewordener Nomaden, ist Otoyomegatari die Geschichte von Amira und Karluk. Karluk ist zwölf Jahre alt, Sohn einer großen Familie des Dorfes, und schon alt genug zur Heirat. Seine Braut ist Amira, die Tochter eines halbnomadischen Stammes aus dem Norden, und sie ist zwanzig.

Doch das ist kein Problem. Karluk ist ein herzensguter Junge, seine Familie freundlich und sympathisch, sein Dorf eine eingeschworene Gemeinschaft. Amira ist ein junges Mädchen von entwaffnender Aufrichtigkeit, gesegnet mit einer strahlend liebenswerten Persönlichkeit und großen Fertigkeiten: jagen kann sie, reiten, Tiere treiben, aber auch kochen und nähen. Niemand stört sich am Alter, weil alle glücklich sind. Alles könnte perfekt sein, wäre nicht Amiras Familie. Notfalls mit Gewalt will ihr Vater sie zurückholen, um sie zur Heirat in den brutalen Stamm der Numaji zu geben, und lässt ihren Onkel und ihren älteren Bruder das Dorf angreifen.

Das ist, in ihren Grundzügen, die Geschichte von Moris neuem Manga. Doch erst in den letzten Kapiteln rückt sie auch in den Mittelpunkt, denn anfangs nimmt sich Mori viel Zeit, um in diese gänzlich neue Welt einzutauchen. Und aus jedem Panel spricht ihre innige Liebe zu diesem neuen Setting.

Im zweiten Kapitel lässt sich das fein nachzeichnen. Rostam, Karluks kleiner Bruder, schleicht sich ständig fort und lässt seine Aufgaben liegen, um dem Schreiner bei der Arbeit zuzuschauen. Akribisch und sorgfältig formt er Türen, Säulen, Geländer, Fensterläden, verziert mit den schönsten Ornamenten. Er erläutert ihm das Bauprinzip der Häuser, wie das zweite Stockwerk angelegt wird, die Wände mit Teppichen behangen werden, im Innenhof vielleicht noch Traubenstöcke und Bäume angelegt werden – kurzum, wie man ein Idyll schafft.

Mori wendet unfassbar viel Energie auf, auch die kleinsten und allerkleinsten Verzierungen und Details in all ihrer Pracht wiederzugeben. So akribisch und sorgfältig der Schreiner seine Werke formt, die Figuren in Otoyomegatari für ihr Glück arbeiten, so akribisch und sorgfältig ist sie, ihnen in ihrem Manga gerecht zu werden. Eine schier unglaubliche Detailfreude erschlägt einen alle naslang, in den besagten Einrichtungen, in den Wandteppichen, in den Gewändern steckt eine solche Pracht und Schönheit, dass man nicht anders kann als minutenlang darin zu schwelgen. Und über allem eine solche Luftigkeit und Leichtigkeit…

Natürlich ist das höchst subjektiv, und natürlich lässt sich Schönheit auf vielfältigste Arten und Weisen auslegen. Aber Moris Stil ist für mich verdammt attraktiv und herrlich anzuschauen, nicht nur in den technischen Details, sondern auch in der Ausgestaltung der Charaktere. Schöne Menschen noch und nöcher. Allerdings ist Otoyomegatari keine plotlose Fingerübung, in der sie ihren famosen Zeichenstil spazieren führt, denn in dem der Story zu Grunde liegenden Konflikt steckt eine sehr interessante und durchdachte Überlegung.

Otoyomegatari ist eine Geschichte zum Anbruch der Moderne. Am Anfang der Neuzeit finden wir da Nomaden und Halbnomaden, deren althergebrachte, archaische Regeln nicht mehr von allen geteilt werden. Amiras Familie beharrt auf der Wirkmacht ihrer Traditionen und will sich durch eine arrangierte Heirat absichern, auch wenn sie wissen, wie brutal Frauen bei den Numaji behandelt werden; Karahiga und Aterui, zwei alte Freundinnen Amiras, sind dort umgekommen. Doch Karluks Gemeinschaft akzeptiert dies nicht und verweigert die Herausgabe Amiras.

In Karluks Dorf herrscht eine andere Definition von Glück: statt Macht und Sicherung, wie sie bei Nomaden, die täglich neu um ihr Überleben kämpfen müssen, steht bei ihnen die Intaktheit und Geborgenheit in der Gemeinschaft im Mittelpunkt. Deswegen wollen sie sich Amira nicht rauben lassen. Der Kampf um Amira ist also zugleich ein Kampf der Weltanschauungen, Symptom eines sich gerade vollziehenden Paradigmenwechsels, und der Versuch, eine Antwort zu finden auf die Frage, was das Glück des Menschen ist – in einer brutalen und lebensfeindlichen Zeit.

Otoyomegatari ist eher Sittengemälde denn Sittenroman, ganz buchstäblich. Gemälde einerseits, weil der Manga so wunderschön gezeichnet ist und sich Mori nicht die Arbeit erspart, ihre Bilder mit detailverliebten Minutien auszukleiden. Und Sittengemälde, weil es darüber hinaus ganz ohne Ethno-Kitsch einen grundlegenden Konflikt der Menschheit illustriert – wer lebt denn nun das richtige Leben? Niemand möchte am Ende einsehen müssen, dass der eigene Lebensentwurf der falsche war, dass man den falschen Regeln und Gesetzen folgte.

Moris Antwort auf diese Frage ist eine zutiefst sympathische. Nicht umsonst malt sie das Leben in Karluks Dorf und Familie in den schönsten Farben aus, lässt Karluk und Amira am Glück der Gemeinschaft teilhaben, zeigt, wie schön das Leben in einer intakten Umwelt ist, wenn alle aufgeschlossen, freundlich, zugänglich sind. Das kann natürlich eine japanische Antwort sein, das kann auch eine weibliche Antwort sein, vielleicht eine materialistische, eine unrealistische, eine utopische, eine verklärte; darüber lässt sich diskutieren. Aber in Moris Fassung ist sie eben so unfassbar sympathisch und einladend, dass ich mir wünsche, sie wäre auch die richtige.

Einzig schade, dass der Manga so selten erscheint. Angesichts der brillanten Detailfülle ist es mehr als nachvollziehbar, dass sie zwei Monate je Kapitel benötigt, aber das macht das Warten nur bedingt erträglicher. Der Konflikt kommt seiner Auflösung allerdings näher, so dass ich mir vorstellen könnte, in zwei, drei Kapiteln die Geschichte schon abgeschlossen zu sehen. Das Höchste der Gefühle wäre dann ein hübsch dicker Sammelband – vielleicht bei Tokyopop? -, aber da hoffe ich lieber erst gar nicht mal drauf. So lange kann man sich aber mit den sehr guten Scanlations der Jungs vom iichan versorgen.

Einen Link will ich zum Schluss loswerden: Auf Comic Natalie findet sich eine Videoserie, die Mori bei der Arbeit an einer Illustration Amiras zeigt. Sehr spannend!

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