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Retrospektive 2009: Die OPs

2009-12-27

Vorspann- und Abspannsongs von Anime, kurz OPs und EDs, sind ein Phänomen für sich. Sie stellen den Paratext des Anime, leiten ein, leiten aus, formulieren Erwartungshaltungen vor, lenken unseren Blick auf gewisse Details. Sie geben den Takt vor und umreißen in aller Kürze: worum geht es? was wird wichtig sein? Weiters sind sie auch für sich genommen eigenständig, kleine Miniaturen ihrer Anime, gebaut aus dem Zusammenspiel von knapp 90 Sekunden Animation und Musik. Wer wird jemals den ikonischen Vorspann von Cowboy Bebop vergessen können?

Eine wichtige Rolle fehlt aber noch: die des Geldbringers. Üblicherweise werden die meisten Anime heutzutage von einem Produktionskomitee lanciert und vorfinanziert, und üblicherweise sitzt auch immer ein Musiklabel an Bord, das sich um die OPs und EDs kümmert. Jeder wird schon mal nach dem obligatorischen kono bangumi wa goran no suponsaa no teikyou de o-okuri shimasu etwa Lantis oder King Records/Starchild gelesen oder gehört haben. Die Musiklabel finanzieren die Produktion der Anime, dürfen dann aber auch die Musik zu Vor- und Abspann stellen und selber vermarkten.

Dementsprechend häufig finden sich dort mehr oder weniger populäre Popkünstler wieder, die demnächst ein neues Album rausbringen oder neu aufgebaut werden sollen – oder aber die fotogenen Synchronsprecherinnen, wenn man eher auf Single- denn auf Albenabverkäufe zielt. Das ist vielleicht sowas wie das lange, lange Sofa Gottschalks in Japan; der Anime bekommt einen taufrischen Vorspann, und der Sponsor einen netten Werbeeffekt.

So seziert nimmt sich das Prinzip der OPs und EDs nüchtern aus, zumal, da ein Gutteil der Songs nicht unbedingt spektakulär fantastisch ist. Man sollte da aber auch nicht den üblichen Maßstab anlegen. OPs und EDs sollen in erster Linie eingängig sein, in zweiter zum Anime passen. Wenn sie das erfüllen, dann ist das schon absolut okay – wobei es ganz sicher nicht so ist, dass die Label nur unhörbaren Kram reinstopfen. Viele Songs sind an sich schon gar nicht mal so übel, wenn schon nicht spektakulär fantastisch.

Überhaupt: ich habe eine sehr, sehr große Schwäche für diese Art von Popmusik. OPs und EDs sind eines meiner liebsten guilty pleasure unter vielen guilty pleasures. Womöglich liegt das daran, dass ich den Text nicht verstehe, oder dass meine Affinität mir Scheuklappen aufsetzt. Aber damnit, son, bisweilen (und damit meine ich: oft) pfeife ich mit dem größten Vergnügen auf reichhaltig-hochkomplexe Musik, um mir ein paar einfach gebaute Popsongs aus Anime reinzuziehen. Da muss dann nicht mal mehr das Gesamtpaket aus Musik und Animation zusammenpassen – wenn der Song mich zum mitsummen bringt, hat er mich gewonnen. Halt auch ’ne Form von Eskapismus.

2009 hatte in dieser Hinsicht (wie auch jedes andere Jahr, übrigens) einiges im Angebot. Im ersten Post widme ich mich aus Platzgründen zunächst nur den Vorspannsongs; weil der Eintrag ansonsten zu lang geriete, und weil ich damit doppelt so viele Lieder unterbringen kann. Hehe.

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11 | Long Shot Party – Ano hi Time Machine [Zoku Natsume Yuujinchou OP]

Meistens sind es die OPs, die als erstes den Weg ins Netz finden, bevor sich die Fansubber an die Arbeit machen. So war es auch hier. Die ersten Bilder von Zoku Natsume Yuujinchou, im OP, zeigten einige der Charaktere der ersten Staffel inmitten herrlichster herbstlicher Landschaft. Dazu spielt die japanische Ska-Band Long Shot Party ein ganz und gar un-ska-haftes Lied, das zwar Trompeten hat und eine funkige Gitarre, aber lauter Popharmonie verströmt. Und das ist toll, genau so wollte man die zweite Staffel des Anime sehen, mit viel Wärme und Harmonie. Weniger auf Pop gebürstet, dafür umso spannender ist übrigens die B-Side Tokyo Polaris. Lässt ahnen, was die Jungs in den Jahren gemacht haben, bevor sie bei einem Majorlabel unterkamen – und dass hinter dem Sound jede Menge Leben steckt.

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10 | Aya Hirano – Super Driver [Haruhi 2009 OP]

Nun bin ich alles andere als der größte Fan von Aya Hirano. Sie ist aber auch nicht der Grund, weswegen ich diesen OP in Videoform ziemlich mag. Zugegeben, die Nummer ist besser als der austauschbare Vorspann der ersten Staffel, und auch besser als de Abspänne der zweiten wie der ersten (urks) Staffel. Der treibende Popsong dient aber vor allem der herrlich gemachten Comic-Optik (stomp stomp!) des zweiten OPs, der mal symbolträchtig ist, mal skizzenhaft, mal ausgewaschen, dann wieder fein animiert. Großartig gemacht etwa, wie jede der Hauptfiguren ihren ganz eigenen Laufstil hat: Haruhi energisch, Kyon lässig, Mikuru ungelenk und überfordert. Schlichtweg gut gemacht von KyoAni, mit viel visuellem Einfallsreichtum und prima Umsetzung. Und sowieso: „Ihr wollt wieder eine Tanznummer? No no no!“ – hehehe.

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09 | Akino Arai – Mitsu no Yoake [Spice and Wolf II OP]

Es würde schwer werden, den OP der ersten Staffel zu toppen. Kiyoura Natsumis Tabi no Tochuu war nicht nur ein denkbar schönes kleines Poplied, sondern korrespondierte auch perfekt mit dem Anime, der ihm folgen sollte. Nun , da man aber doch einen neuen Vorspann brauchte, entschieden sich die Macher für eine konservative Lösung. In Bildsprache wie in Schnitt erweist der Vorspann der zweiten Staffel demjenigen der ersten seine Reverenz; auch hier werden so ziemlich alle relevanten Charaktere in aller Kürze eingeführt, ohne große visuelle Spielereien, dafür mit stilllebenhafter Symbolik. Vielleicht kein Tabi no Tochuu, ein guter Vorspann aber doch allemal.

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08 | Maaya Sakamoto – Magic Number [Kobato OP]

Wer in einer gewissen Zeit begann, Anime zu schauen, der wurde mit Maaya Sakamotos Stimme im Ohr groß. Nach ihrem Debüt in Vision of Escaflowne war sie eine der präsentesten und auch besten Synchronsprecherinnen und Sängerinnen der Szene. Anfangs war das noch ihrer engen Zusammenarbeit mit der Soundtrack-Koryphäe Yoko Kanno geschuldet, aber auch nach ihrer Emanzipation liefert sie Album an Album feinster Popmusik. Magic Number, Vorspann zur ansonsten nicht umwerfend spannenden Serie Kobato, erinnert mich zum Beispiel an Mameshiba oder Purachina – und fällt keinen Deut ab. Richtig hübsche Nummer (no pun intended).

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07 | Soil & „Pimp“ Sessions – Paraiso [Michiko to Hatchin OP]

Schwer zu glauben: hinter diesem furiosen Sound stecken ausschließlich Japaner. Soil & „Pimp“ Sessions haben es mit ihrer wilden Fusion-Melange mittlerweile sogar zu einiger internationaler Berühmtheit gebracht. Ihr Beitrag zu Michiko to Hatchin passt wie Arsch auf Eimer, sowohl zum Anime an sich wie auch zu den abgedrehten Popart-Visuals des Vorspanns. Ein Paradebeispiel für eine gelungene Song-Visuals-Kombo, wieder in bester Cowboy Bebop-Manier, und eine musikalisch verdammt spaßige Angelegenheit obendrein.

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06 | Nana Mizuki – Shin’ai [White Album OP1]

Man hört es ihr an: Nana Mizuki ist ausgebildete enka-Sängerin. Nun ist enka nichts anderes als Schlagermusik, und wenn wir das als Kulturfremde toll finden, dann liegt das zu einem nicht zu unterschätzenden Teil daran, dass wir schlicht den Text nicht verstehen. So weit weg vom Musikantenstadl ist das Ganze wohl nicht. Allerdings nahm Mizuki nur die Ausbildung mit, enka sind ihre Nummern nämlich nicht, und macht das Beste daraus. Ihre beiden OPs für White Album sind dramatische Popsongs, von ihrer backing band allerdings angenehm geerdet und präsent runtergespielt, so dass sie trotz großer Gefühle und dem obligatorischen Himmel voller Geigen keinen kitschiger Pathos ansetzen.

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05 | Kuuki Koudan – Aoi Hana [Aoi Hana OP]

Ja, es ist diese unglaublich liebenswerte Tanzszene. Stilvoll eingeleitet in weiß und blau nimmt das Video da plötzlich Anlauf, zusammen mit ihm die Melodie; bunte Blumen fluten das Bild, und Fumi und Akira fassen sich an den Händen und tanzen, wie sie es als Kinder schon taten. Zusammen mit dem sanften Song von Kuki Koudan macht das einen der größten Feelgood-Momente des Jahres.

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04 | Nana Mizuki – Mugen [White Album OP2]

Es gilt das selbe wie bei ihrem ersten OP für White Album. Nur, dass dieser hier eine Spur kompakter ist, die Dramaturgie noch besser gesetzt – und die Eröffnungsanimation nun endlich mal da ist. Irgendwo hatte auch diejenige des ersten Vorspanns einen Sinn, Ultranahaufnahmen von Yukis Kleidung, doch den Vergleich gewinnt die wunderschöne Aquarelloptik des zwoten. Pluspunkte gehen an Mizukis Band, die die ganze Angelegenheit angenehm stramm zusammenhält, damit sie sich nicht im Beliebigen verläuft, und den Song sehr energisch und straightforward runterspielt (1’10“!).

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03 | Boom Boom Satellites – Shut Up and Explode [Bounen no Xamdou OP]

Tapp tatata tapp tapp.  Tapp tatata tapp tapp. Das Ding hier hat unheimlich viel Rhythmus, unheimlich viel Zug. Drums und Bass halten den Laden zusammen, Gitarren nehmen ihn wieder auseinander, und Bones strickt die passende Eröffnungssequenz dazu. Ein showcase ebenso für ihr konsequentes Design wie für die brillante Animationsqualität, mit der sie Bounen no Xamdou in den folgenden 26 Episoden veredeln sollten. Rundum gelungener Kraftzwerg, der fast an den Nähten zu platzen scheint vor lauter Energie; und überhaupt: RUN AWAY RUN AWAY RUN AWAY RUN AWAY RUN AWAY RUN AWAY RUN AWAY RUN AWAY RUN AWAY

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02 | Chiwa Saito – Staple Stable [Bakemonogatari OP1]

Bisweilen haben Anime mehr als einen Vorspann. In der Regel wird nach einem Cours getauscht, weil das Lied schon bekannt genug ist und sich schon abverkauft hat, weil die Szenen darin schon stattfanden, weil man Abwechslung braucht. Bakemonogatari hatte 5 OPs. Auf 15 Episoden. Dahinter steckt zwar ein Stück weit Berechnung, denn je mehr OPs, desto mehr verkaufte OPs. Jedoch: jeder Vorspann muss neu vertont und animiert werden, und bei den Ansprüchen Shafts ist das ein Heidenaufwand. Hat sich aber gelohnt, vor allem für den ersten Vorspann, den meg rock für die Synchronsprecherin Chiwa Saito aufgelegt hat. In ihrer Rolle als unterkühlte Senjougahara Hitagi singt sie einen ebenso modernen und frischen Popsong, wie es der Anime selber ist, bestens inszeniert von Shafts gewohnt kreativer Visualisierung.

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01 | Hekiyou Gakuen Seitokai – Treasure [Seitokai no Ichizon OP]

Die reinste Bauchentscheidung. Chiwa Saitos Staple Stable ist blendend bis zur Perfektion in Szene gesetzt, Shut Up and Explode der Boom Boom Satellites knallt ins Ohr, Paraiso der Soil & „Pimp“ Sessions trieft die Spielfreude aus jeder Ritze – und doch habe ich keinen OP öfter und lieber gehört als diesen hier. Mariko Honda, Misuzu Togashi, Yuka Saitou, Yuki Horinaka hatten in Seitokai no Ichizon teils ihre allerersten Sprechrollen. Das merkt man ihnen aber nicht an, im Gegenteil: sie sind zu einem großen Teil dafür verantwortlich, dass der Anime für mich ebenso überraschend wie unfassbar sympathisch geraten ist.

Sie singen auch zusammen den OP des Anime, und manchmal holpert’s etwas, manchmal kann es ein klein wenig schräg rüberkommen, aber die vier klingen zusammen und im Wechselspiel einfach toll. Ihre Band, die auch eigene Akzente setzen kann, spielt die Uptempo-Nummer klasse runter und gibt ihnen und ihren unterschiedlichen Registern immer wieder Raum und Zeit, dem Song einen eigenen Anstrich zu geben, bevor gleich die nächste kommt und drüberpinselt. Zusammen basteln sie dann weiter, und am Ende steht ein Lied, das vielleicht technisch oder stilistisch oder kreativ alles andere als herausragend ist, aber enormst viel Spaß macht (zumindest, wenn man den Anime kennt und mag).

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