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Review: Phantom ~Requiem for the Phantom~

2009-12-28

Eigentlich eine sehr löbliche Idee, die man immer wieder erzählen kann: Kôichi Mashimo gründete das Studio Bee Train als Außenstelle der renommierten Production I.G., als eine Art Auffangbecken für strauchelnde Animatoren, die dort, unter geringerem Druck, arbeiten sollten. So ganz uneigennützig kann sein Unterfangen aber auch nicht gewesen sein – bei ganzen 20 von 26 Produktionen, die da unter dem neuen Label entstanden sind, führte er selber Regie. Bee Train war und ist sein Studio.

Vielen seiner Anime sieht man seine Handschrift an. Drei Titel werden dabei oft und gerne genannt: Noir, Madlax und El Cazador de la Bruja. Die meisten dürften wohl vor allem den ersteren kennen, der Anfang der 2000er große Verbreitung fand, als es gängig wurde, sich fangesubbte oder gerippte Anime via Internet einigermaßen mühelos auf den heimischen Rechner zu ziehen.

Noir bediente sich, ebenso wie seine beiden Nachfolger im Geiste, am Genre des Girls with guns, das aus dem Hongkonger Actionfilm stammte, und erzählte die Geschichte zweier junger Auftragsmörderinnen. Die Korsin Mireille und das japanische, unter Amnesie leidende, schweigsame Mädchen Kirika führen unter dem Codenamen „Noir“ gezielte Attentate durch. Dabei spüren sie aber auch ihrer eigenen Vergangenheit nach, und ihr Weg kreuzt sich mit der Geheimorganisation Les Soldats.

Nun erzählt Mashimo in Phantom ~Requiem for the Phantom~, seinem neuesten Anime, die Geschichte zweiter junger Auftragsmörder. Der Japaner Reiji und das asiatische, unter Amnesie leidende, schweigsame Mädchen Ein führen unter dem Codenamen „Phantom“ gezielte Attentate durch, im Auftrag der Geheimorganisation Inferno. Eh?

Klar, das ist jetzt etwas überspitzt. Es gibt durchaus gewichtige Unterschiede zwischen Noir und Phantom. In diesem Fall sind etwa die Rollen vertauscht; das mysteriöse junge Ding ist nicht der Rookie im Tandem, sondern die Ausbilderin. Und die Amnesie ist menschengemacht: Inferno hat beide entführt, zugedrogt und zu Assassinen ausgebildet. Aber die Parallelen sind trotzdem unübersehbar, und sie beschränken sich bei weitem nicht auf den Umriss der Stories.

Die Vorlage dieses Anime, eine Visual Novel aus dem Jahr 2000, schien wie für Mashimo gemacht. Reiji gerät zufällig zwischen die Szenen eines Attentats, doch statt ihn zu töten, will ihn der sinistre Scythe Master zu Eins Partner heranzüchten. Ein ist seine große Schöpfung, eine perfekte Tötungsmaschine, in der Unterwelt unter dem Namen „Phantom“ gefürchtet. Doch Ein und Zwei, wie Reiji nun genannt wurde, können und wollen ihm irgendwann nicht mehr gehorchen. Auf der Flucht stirbt Ein. Zwei muss nun seine Rolle akzeptieren, wird zum abgebrühten, weltgewandten gentleman killer, zum smarten Motherfucker, und wirbt mit der jungen Cal sogar eine talentierte Nachwuchsmörderin an.

Eine wirklich dankbare Vorlage für Mashimo. Phantom war eine Spielwiese für ihn, ein Raum fast unbegrenzter Möglichkeiten, seinen Stil darin zu verwirklichen. Das merkt man dem Anime an, und es bekommt ihm auch gut. Phantom ist bis ins Letzte durchgestylt; die schillernde Welt der Gangsterbosse Infernos in ihren Lofts und Villen, die Kampfchoreographien mit viel Gun fu, die hochdramatische Musik, die konsequente Inszenierung einiger Motive.Das sieht attraktiv aus und ist sicherlich kompetent gemacht.

Mashimo hat große Vorbilder; die unvermeidliche Godfather-Trilogie, Casino, Léon. Es geht ihm zu einem gewissen Anteil darum, seine Anime schlicht cool sein zu lassen, diese großen filmischen Vorbilder zu zitieren. Dass ihm das ordentlich gelingt, das kann und will ich ihm gar nicht absprechen, Phantom macht das in der Hinsicht schon ganz gut. Überhaupt, Phantom ist durchaus unterhaltsam, und auch die Animationsqualität, ein Bereich, bei dem es bei Bee Trains bislang oft arg gehakt hat, ist weitestgehend richtig ordentlich gemacht.

Doch Mashimo tappt wieder einmal in die selbe Falle. In seinem unbedingten Stilwillen limitiert er sich nämlich enorm. Er zwängt die Geschichte in einen sehr engen Rahmen, in eine sehr eng gesteckte Logik, und muss dann eben 26 Episoden lang darin operieren. Das funktioniert leider nicht ganz. Sowohl der Plot an sich wie auch die moralische Ebene, die er einzieht, sind verhältnismäßig dünn. Zusammen mit den durchwachsen geschriebenen, hölzernen Dialogen führt das zu jeder Menge Redundanzen.

Viele Charakterkonstellationen und -interaktionen beschränken sich auf Klischees. Der Eindruck des zentralen Konfliktes, Reijis und Eins Kampf um das Recht auf ein eigenes Leben, Glück zu finden statt zu zerstören, wird dadurch gemindert, dass wieder und wieder expositorisch darauf zurückgekommen werden muss. Wieder und wieder beschwören Reiji und Ein herauf, dass sie sich wieder lächeln sehen wollen, dass sie ihre Träume wiederfinden wollen. Irgendwann ist das eben nur noch penetrant.

Aber auch viele andere plot points sind nicht gerade besser angelegt: der Scythe Master wirkt in seinem pervertiert-obsessiven Wahn eher wie die Abziehfigur eines unberechenbaren, geisteskranken Bösewichts (wobei seine Einöl-Orgien schon reichlich abgefahren sind… wäh); und der rasende Hass Cals auf Reiji wird zwar teilweise gut rübergebracht, was auch der guten Synchro durch Miyuki Sawashiro zu verdanken ist – aber der ständige Rückgriff auf das ausgeleierte Motiv der Spieluhr als Erinnerungsstück nervt dann schon derart, dass einem die Motivationen und Hintergründe gleich werden.

Mashimo tut sich selbst keinen Gefallen, weil er seine Szenen ihrer Wirkmacht beraubt. Er darf ja ruhig seinen Stil weiter anwenden, sieht ja schick aus und wird mittlerweile bei Bee Train in ein attraktives Gesamtpaket geschnürt. Und es traut sich bei weitem nicht jeder Storyteller in der Animebranche, – Spoiler, zum Lesen markieren – seine Hauptcharaktere am Ende in den Tod gehen zu lassen. Und doch macht er es sich ein Stück weit wieder selbst kaputt, wenn er die Handlungsstränge auf Klischees verknappt und die Substanz ganz ohne Not hinter den Stil stellt. Möglicherweise sollte er, auch wenn Bee Train sein brain child ist, doch auch mal andere Kräfte an seine Stoffe lassen. Damit wäre dann allen geholfen. 6/10

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