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Review: Taishou Yakyuu Musume

2009-12-30

Nicht täuschen lassen: Koume trägt zwar einen seifuku, aber nur im Traum. Ihre Eltern erlauben ihr diesen modernen Firlefanz nicht, selbst wenn sie in ihrem Restaurant auch westliche Speisen  servieren. Doch auch im hakama fällt sie an ihrer Schule nicht weiter auf – manche Schülerinnen tragen die modernen Uniformen, manche halt nicht. So ist’s eben heutzutage.

Wir befinden uns in der ausgehenden Taishô-Zeit. Die für Japan so bedeutende Meiji-Ära, in der in kürzester Zeit gewaltigste gesellschaftliche Umbrüche betrieben wurden, war vorbei. Die Eroberung der Mandschurei und die Schwächung der europäischen Kolonialmächte im Ersten Weltkrieg ließen Japan im ost- und südostasiatischen Raum zur Hegemonial- und Großmacht aufsteigen, was auf direktem Wege zum verhängnisvollen Militarismus der Shôwa-Periode und in den Zweiten Weltkrieg führen sollte.

Aber: so weit sind wir noch gar nicht. Die Meiji-Ära hat vieles verändert, alles aber nicht. In den 1920ern steckt man daher immer noch mittendrin im Umbruch, und noch tiefer mittendrin steckt Koume. Ein lebensfrohes junges Ding, das nach der Schule in der elterlichen Restaurantküche aushilft und weiter keine Sorgen hat. Ihre Freundin Akiko fragt sie dann eines Tages, ob sich nicht Lust hätte, mit ihr ein Baseball-Team für Mädchen zu gründen. Halb zog sie sie, halb sank sie hin, und plötzlich ist sie designierte Catcherin für das erste weibliche Baseball-Team des Landes. Fehlen nur noch sieben weitere Spielerinnen…

Natürlich geht es in Taishou Yakyuu Musume nicht nur um den Baseball, auch wenn das hier ein astreiner Sport-Anime ist mit allem, was dazugehört. Die sieben anderen Spielerinnen finden sich, und wenig überraschend sind sie erstmal hundsmiserabel. Aber gemeinsam arbeiten sie an ihrem Spiel und trainieren fleißig, und schaffen es am Ende sensationell, fast eine überlegene Jungsmannschaft zu schlagen. Nach diesem Muster funktionieren viele Sport-Anime, mindestens ebenso viele nutzen den Sport aber auch als Folie, um tiefergehende Geschichten zu erzählen.

Wenn Akiko unbedingt eine Baseballmannschaft gründen will, dann liegt das nicht daran, dass das Fräulein ojou-sama vom Sport so begeistert wäre. Sie hat anfangs nicht die geringste Ahnung, wie Baseball eigentlich funktioniert. Es geht ihr darum, ihrem Verlobten eins auszuwischen. Der ist nicht nur davon überzeugt, dass Frauen – und damit auch Akiko, seine Zukünftige – jenseits des Haushalts nichts verloren hätten, schon gar nicht in der Schule, sondern auch talentierter Nachwuchspitcher. Was läge also näher, als ihn in seinem eigenen Spiel zu schlagen?

Taishou Yakyuu Musume ist also eine Geschichte der Emanzipation, eine Geschichte, in der Mädchen selbstbewusst werden und sich durchzusetzen lernen. Sie müssen sich auch gegen viele Widerstände behaupten: gegen die Schulleiterin, ihre Eltern, die Jungs, und nicht zuletzt auch gegen das Spiel selbst, das ihnen anfangs so gar nicht von der Hand geht. Dass sie im letzten Inning um Zentimeter an der Sensation vorbeischrammen, die am Ende eines klassischen Sport-Anime steht – geschenkt. Bis dahin haben sie viel mehr geschafft als nur zu gewinnen.

Das klingt jetzt alles recht ernst und moralinsauer, doch Taishou Yakyuu Musume ist in erster Linie eine Komödie. Eine Komödie allerdings, die sich darin gefällt, fast schon altbacken zu sein. Nicht nur Sprache ist betulich-altmodisch, was ich selbst als Laie ausmachen kann, auch die Subplots und Dialoge versuchen sich darin, ihrem Setting zu entsprechen.

Gerne werden zum Beispiel fast schon verloren gegangen Humorformate wie der Slapstick zitiert. Die ein oder andere Episode wird auch mal gänzlich einer einzigen Pointe gewidmet, wie diejenige, in der Koume denkt, sie sei als Schauspielerin gecastet worden, und am Ende feststellen muss, dass sie nur als Körperdouble von einer Brücke in den Fluss springen muss. Das ruft heutzutage bei niemandem mehr Lachanfälle hervor, aber genau deswegen muss man trotzdem grinsen.

Denn die Show ist unter anderem wegen solcher Ausflüge reichlich charmant. Natürlich bleibt Anime letztlich Anime, und einige der obligatorischen staple des Mediums findet man natürlich auch hier. Taishou Yakyuu Musume ist auch in keiner Beziehung revolutionär. Im Gegenteil: in seiner Selbstbeschränkung, die auch mit dem Setting und dem klassischen Plot zu tun hat, nimmt sich der Anime im Vergleich zu vielen anderen, die auf die ein oder andere Weise die Grenzen ihrer Genre erproben, sehr bescheiden aus. Wo viele heutige Komödien nicht ohne zahlreiche Referenzen oder Meta-Humor auskommen oder mit der Vierten Wand spielen müssen, begnügt sich Taishou Yakyuu Musume mit seiner wenig experimentellen, aber eben durchaus charmanten Verarbeitung gängiger Komödienstandards.

Für die höchsten Weihen reicht es damit nicht. Die lagen aber auch nie im Fokus der Macher, was sich auch an der Animations- und generellen Designqualität ablesen lässt. Grundsolide und ansehnlich ist die zwar geraten, aber eben kaum umwerfend. Das ist aber schon okay so, die visuelle wie narrative Bescheidenheit ist ja gewollt, und sie passt eben dadurch auch zur Geschichte. Taishou Yakyuu Musume vermengt die klassische Plotentwicklung eines Sport-Anime mit der Emanzipation der Frauen in einem Japan des Umbruchs, was nicht nur ein formal sehr stimmiges Konzept ist, sondern auch angenehm luftig und amüsant von J.C. Staff umgesetzt worden ist, ohne sich zu verkopfen oder zu viel zu wollen. Sicherlich einer der sympathischsten Anime des Sommers. 7/10

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