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Retrospektive 2009: Die Anime, #15 – #11

2010-01-04

Ich bin kein „Anime-Fan“. Zumindest nicht mehr, als ich „Buch-Fan“ oder „Kino-Fan“ oder „Musik-Fan“ bin. So banal es auch ist: Anime ist nur das Medium. Es hat fantastische Vertreter ebenso wie mittelmäßig und miserable, und wie in jedem anderen Medium sind die letzteren auch die mit frustrierendem Abstand häufigsten. Klar, wir haben einen Miyazaki, einen Takahata,  einen Otomo, einen Oshii, einen Kon; wir haben großartige Raconteure, auf die wir zu Recht verweisen können. Weil sie aber nur einen geringen Ausriss des Spektrums stellen, reicht das alleine nicht, um eine Aussage über Anime im Allgemeinen treffen zu können.

Nur: wozu sollte man überhaupt?

Das Medium Anime hält ein Füllhorn an Chancen bereit. Im Prinzip gibt es eine unendliche Zahl von Gestaltungsmöglichkeiten und Ausdrucksformen. Der Anime hat aber auch schon eine ganz eigene, reizvolle Ästhetik und Bildsprache entwickelt. Nun kann ich mich wortreich darüber auslassen und Profilierung betreiben – ah, quel connaisseur! -, und damit meinen Animekonsum legitimieren. Aber was bringt’s schon, denn die Theorie ist in diesem Punkt in jedem Medium ähnlich angelegt, im Buch wie im Film wie in der Musik. Und dann wäre ich ja Fan von allem, und damit Fan von gar nichts.

Ich kann kein „Anime-Fan“ sein. Ich will Fan sein guter Erzählungen. Wenn sie dann in Anime stattfinden, gerne, wieso nicht. Sie müssen auch gar nicht brillant sein – ein Cowboy Bebop, Haibane Renmei oder  Now and Then, Here and There wird eben nicht jedes Jahr neu erfunden. Auch wenn das dann alles samt und sonders unterhalb dessen bleibt, was die eingangs erwähnten Regisseure leisten. Na und? Ich brauch das nicht zur Legitimation und nicht zur Profilierung. Mir reicht schon weniger, um am Ende mit einem Anime zufrieden zu sein. Und weil weniger nicht gleich wenig heißen muss, hier die Plätze 15 bis 11.

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15 | Ristorante Paradiso david, 11 Eps, Q2

Wie schon der famose Grumpy Jii-san in seinem vor kurzem erschienenen Video-Review zu Ristorante Paradiso anmerkte: „I’m sure all those young people will enjoy it, because I know how much you like listening to old men talk about their past“. RisPara ist wahnsinnig untypisch und kontraintuitiv. Wo ansonsten nur Mädchen in die Hauptrolle rutschen, die jünger und jünger aussehen müssen, sind es hier die alten Männer, die im Vordergrund stehen.

Und das ist richtig gut so.  Manchmal wird’s ein wenig holprig, mal sieht’s auch etwas schräg aus. Die Prämisse alleine reicht eben nie, und die Umsetzung hakt eben ab und an. Vielleicht ist die ein oder andere der erzählten Geschichten so interessant wie andere. Aber insgesamt ist der Anime gelungen und eine sehr angenehme, entspannte Angelegenheit, weil er nach ganz anderen Regeln funktioniert. Tut gut.

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14 | CANAAN P.A. Works, 13 Eps, Q3

Auch wenn dem Anime bisweilen die Puste ausgeht, weil er sich übernimmt – wenn es mal läuft, dann läuft es, und zwar so richtig. CANAAN ist hochwertig produzierte Actionkost und sieht in den passenden Momenten großartig aus. Das ist in erster Linie dem animierenden Studio P.A. Works zu verdanken, das schon bei True Tears seine technische Klasse unter Beweis stellen konnte.

Der überwiegende Rest – also die Story – stammt aus der Feder Kinoko Nasus. Was einem aber, ohne es zu wissen, gar nicht aufgefallen wäre. Seine Geschichte kombiniert eine Reihe von Versatzstückchen des Thriller-Genres, die Nasu dann lediglich noch fachgerecht verquirlt und mit einer Prise seiner üblichen, leicht verquasten Motive abschmeckt. Das Resultat hat dann zwar vielleicht keinen sehr hohen Nährgehalt, sieht aber verdammt gut aus und schmeckt auch so. (Wieso ich bei Nasu nur ans Kochen denken muss?)

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13 | Tokyo Magnitude 8.0 Bones/Kinema Citrus, 11 Eps, Q3

Nicht falsch verstehen: ich bin sehr, sehr dankbar für Anime wie diese. Tokyo Magnitude 8.0 ließ sich als Lichtblick an. Nicht sehr viele Dramen gibt es in diesem Medium, die sich der machtvollen und nachdrücklichen Mittel bedienen, die das Katastrophengenre bietet. Filme dieser Art sprechen Urängste an, umso mehr, je näher sie in der Realität verwurzelt sind.

Nun ist ein verheerendes Erdbeben in Tokio schon überfällig, und TM8.0 sollte es zeigen. Inmitten der Verwüstungen, die ein solches daishinsai anrichten würde, lässt der Anime die beiden Kinder Mirai und Yuuki durch viele Gefahren nach Hause wandern. Unheimlich viel Potential steckt in dieser Konstellation, aber leider wird es nur zum Teil abgerufen. Trotz der geringen Episodenzahl hat der Anime einige Längen vorzuweisen, und gleichzeitig verpasst er es, ausführlicher und intensiver die katastrophalen Auswirkungen des Erdbebens zu beleuchten.

Das ist schade, denn damit hätte er seine Dramenhandlung noch deutlich beleben können. Der grundlegende Plot ist spannend, sogar mutig, und das verdient jede Menge Respekt. Teilweise hat der Anime auch einige geniale Inszenierungsideen, etwa eine fiebertraumhafte Sequenz in einem Krankenhaus, eine der zentralen Szenen der Handlung. Aber er schafft es nicht, dass auch the whole nine yards zu leisten; streckenweise lässt er einen sogar kalt. Zwar ist Tokyo Magnitude 8.0 immer noch ein wirklich recht guter Anime, aber er hätte auch das Zeug gehabt, ein brillanter zu sein.

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12 | Darker than Black: Ryuusei no Gemini Bones, 12 Eps, Q4

Ich gebe zu, diese zweite Staffel ist im Grunde genommen eine sehr zerschossene Sache. Die erste ließ zwar auch anfangs viel im Dunkeln, als aufmerksamer Zuschauer konnte man gegen Ende aber doch erfolgreich die Puzzlestücke zusammensetzen, und am Ende hatte man einen sehr konsequenten, gut erzählten, ansprechenden Action-Anime mit ein paar spannenden Einfällen.

Wenn man nun aber noch mehr spannende Einfälle hat, aber nur halb so viel Zeit, und nicht nur ein, oder sondern zwei Geschichten zwischen erster und zweiter Staffel überspringt (den Manga Shikkoku no Hana und die bald erscheinenden vier OVAs), dann grenzt das schon hart an Überforderung. Nicht alle der Einfälle sind  so stimmig wie gewohnt, manche sogar einfach nur seltsam oder irritierend. Und auch der Formatwechsel, weg von doppelepisödigen Kurzgeschichten, hin zu einer durchgehenden Geschichte, gelingt nicht hundertprozentig.

Und trotzdem. Vielleicht hat Ryuusei no Gemini das Glück, dass ich auf zerschossene Sachen stehe und nicht alles erklärt haben muss. Ich mag Gedankensprünge und Ellipsen. Vielleicht bringe ich deswegen auch nur sehr viel goodwill auf. Aber auch die zweite Staffel habe ich wieder gerne geschaut, denn von dem, was ich an der ersten so mochte, gab es auch hier wieder viel zu bestaunen; bestens animierte Kampfsequenzen; eine mit der richtigen Dosis Ironie (und zwar einer geringen) erzählte Geschichte aus der vielleicht nicht sehr schlüssigen, aber interessant konstruierten Welt von Darker than Black; und verdammt viel genuine Coolness.

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11 | White Album Seven Arcs, 2×13 Eps, Q1+Q4

Wie schon früher angemerkt: White Album ist alles andere als Hochkultur. Drama ja, aber Beziehungsdrama. Sucht man eine Entsprechung in anderen Medien, dann landet man schnell zum Beispiel bei Telenovela. Wenn ich White Album dann nicht nur geschaut, sondern sogar sehr gemocht habe, dann liegt das daran, dass der Anime viel mehr richtig als falsch macht.

Großartig etwa die Regie, die sich immer eine gewisse Distanz und Zurückhaltung bewahrt und damit gekonnt vermeidet, Zuckerguss über die Handlung zu gießen. Stattdessen inszeniert sie die Geschichte, grundsätzlich ja anfällig für Kitsch und Melodrama, mit einer gewissen Eleganz, setzt in den richtigen Momenten Highlights, übt sich aber zumeist in Gelassenheit und beschränkt sich darauf, die Handlung zur eigenen Entfaltung in das richtige Licht zu setzen.

Wenn dann noch die Charaktere glaubwürdig angelegt sind, ihre Motivationen und Empfindungen nachvollziehbar und nachfühlbar, da kann gar nicht mehr so viel kaputt gehen. White Album ist eine menschliche Geschichte, sie erzählt von missbrauchtem Vertrauen, vorgeschützter Zuneigung und schmerzhafter Unentschlossenheit. Und das macht sie reichlich gut, so gut, dass auch die bisweilen massiv abstürzende Animationsqualität und die manchmal sehr gewagten Wendungen nicht daran rütteln können.

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