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Retrospektive 2009: Die Anime, #10 – #06

2010-01-06

Wenn man Anime verfolgt, wirklich verfolgt, dann beschäftigt man sich vor allem aus einem Grund überwiegend mit Serien: weil es sie in Hülle und Fülle gibt. Miyazaki beschwerte sich schon im Jahr 1987 darüber, dass je Woche bis zu vierzig Serien die japanischen Wohnzimmer dauerbedröhnen (cf. Miyazaki, Hayao. Starting Point 1979-1996. San Francisco: VIZ Media. 2009. p. 72).

Ich mag das Serienformat. Nicht aus der Zwangsläufigkeit heraus und auch nicht exklusiv, es gab auch im Jahr 2009 wieder Filme und OVAs, die gut bis fantastisch waren. Ihnen werde ich aber einen eigenen Artikel widmen. Ich mag das Serienformat wegen seiner Herausforderungen und seiner Spielräume.

Schon eine Serie mit einem einzigen Cours, eine Serie von, sagen wir, 12 Episoden, die abzüglich der OPs und EDs auf netto etwa zwanzig Minuten Erzählzeit je Folge kommt, hat also 240 Minuten zur Verfügung. Das ist, je nachdem, entweder furchtbar viele oder wahnsinnig wenig Zeit. Wenn man dann eine Geschichte geschrieben hat, die 240 Minuten füllen kann, muss man gleich wieder die Schere ansetzen. Denn die Gesamtzeit muss in episodenlange Abschnitte segmentiert werden. Jede Episode muss für sich genommen ebenso Sinn ergeben, mit allen Erzählsträngen und Nebengeschichten, wie sie es im Kontext aller anderen tun muss.

Mittel und Wege dazu, und da wird’s dann spannend, gibt es viele. Manche Anime funktionieren über durchgängige Geschichten, manche sind episodisch angelegt, manche gehen Mittelwege. Die meisten wecken am Anfang Erwartungen und das Verlangen, die Auflösung der Story zu sehen. Alle greifen sie auf offene wie sublime Signale und Reize zurück, eine Erkennungsmelodie oder eine konsistente Farbwahl zum Beispiel. Das ist aber von Serie zu Serie höchst unterschiedlich.

Ich mag das. Jemand findet da einen Weg, mir eine Geschichte zu vermitteln, die irgendwas mit mir anstellen soll, und wählt Mittel, um das zu erreichen. Er feilt an Szenen, bis sie stimmig und eindrucksvoll werden – was mein eskapistisches Bedürfnis befriedigt, auf Dauer, weil ich doch erst in der vierten Episode bin und doch schon angekommen in der Welt. Und/Oder er arrangiert Plots und Subplots so, dass ich mich in komplexe, verwinkelte Konstrukte reinfuchsen kann – was herrlich befriedigend ist, weil ich stundenlang daran gearbeitet und alles verstanden habe.

Das sind die Chancen, die das Serienformat unter anderem bietet. Aber nicht alle nutzen sie im gleichen Maße, manche weniger, manche aber auch mehr. Hier die Plätze 10 bis 6.

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10 | Suzumiya Haruhi no Yûutsu 2009 Kyoto Animation, 14 Eps, Q2/Q3

Endless Eight. Um’s gleich mal erledigt zu haben. Ja, Endless Eight war kontrovers. In acht Folgen wurde achtmal die selbe Geschichte erzählt, nur immer etwas anders. Für die meisten war das zu viel, und der pawlowsche Beißreflex verlangt nun mal in diesem Fall, die Keule auspacken zu müssen. Man muss Endless Eight sicher nicht mögen. Aber man kann es.

Es kommt darauf an, aus welchen Gründen man das erste Haruhi gemocht hat. Wenn man sich zum Beispiel als Cosplayer in der Öffentlichkeit nicht schon genug blamiert hat, konnte man seine Performance ja mit dem notorischen Hare Hare Yukai veredeln. Meinetwegen. Ich mochte die erste Staffel immer schon wegen der ausgezeichneten Regie Tatsuya Ishiharas, weil er für die Adaption sein ganzes Können gezeigt hat und alles aus der Story rausholen konnte.

Dass er das kann, wird in der zweiten Staffel nur noch klarer, weil hier, anders als bei der ersten, die Reihenfolge der Episoden nicht wild zusammengewürfelt wurde, sondern stringent ist. Nicht vergessen, neben Endless Eight hatte die zweite Staffel mit Bamboo Leaf Rhapsody und Suzumiya Haruhi no Tameiki zwei weitere Storylines. Allen dreien ist gemein, dass sie großartig geschrieben und komponiert und von Ishihara und seinem Team passgenau und kreativ umgesetzt worden sind. Und ja, das schließt auch den frischen Zeichenstil ein. Man tut Haruhi 2009 Unrecht, wenn man es auf Endless Eight reduziert. Leicht fiel mir das vielleicht auch nicht, aber den Preis habe ich für Haruhi 2009 in seiner Gesamtheit sehr gerne gezahlt.

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09 | Aoi Hana J.C. Staff, 11 Eps, Q3

Nicht, dass Liebe keine große Sache wäre, das ist sie, die größte aller vielleicht. Sie lebt aber nicht nur in den Hochzeitskutschen, von weißen Pferden gezogen, von in den Himmel geschriebenen Botschaften und melodramatischen Liebesschwüren. Sondern auch in den kleinen Dingen.

Aoi Hana ist ein großer Anime der kleinen Dinge. Es sind die kleinen und unauffälligen Dinge, in denen er die Liebe verortet; im kurzen Zögern, im gemeinsamen Schweigen, im Rauschen der Blätter. Das ist wahrscheinlich hoffnungslos romantisch und unrealistisch, aber eben auch wunderschön in diesem Anime, dessen Geschichte einiger Mädchen weiter nicht bemerkenswert sein müsste. Da er aber in jedem der richtigen Momente verweilt, ihn auskleidet mit seinen sanften Farben, seiner anmutigen Musik, seiner bedachten Inszenierung, wird aus den vielen kleinen Dingen doch wieder eine große Sache.

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08 | Clannad After Story Kyoto Animation, 25 Eps, 08-Q4/09-Q1

Es ist nun mal die Ultima Ratio, auf die man leider immer wieder zurückgreifen muss. Auch wenn man damit allen klugen Interpretationen und Argumenten den Boden unter den Füßen wegzieht und alles ins Diffus-Subjektive schiebt. Aber manche Anime muss man einfach nehmen, wie sie sind, und sich auf sie einlassen, um sie mögen zu lernen.

Clannad ist eines der besten Beispiele dafür. Natürlich trägt Clannad dick auf, in der zweiten Staffel After Story gar noch mehr als in der ersten. Hinter jeder der zahlreichen Geschichten, die aus der Visual Novel (nicht immer restlos überzeugend) adaptiert wurden, steckt stets ein tränenreiches Drama. Verlust, Reue, Sehnsucht, Enttäuschung, aber auch Trost und Glück sind einige seiner Konstanten. Das ist, wie gesagt, dick aufgetragen. Man muss es nicht mögen. Will man es aber versuchen, und lässt man sich darauf ein, dann packt Clannad einen und lässt nie mehr los. Es genügen wenige Töne vom Soundtrack, und alles kommt wieder hoch.

Tatsuya Ishihara ist es, der erneut mit seinem Regiestil den Unterschied macht. Hier wirkt er aber weiter als in Haruhi; es ist ihm zu verdanken, wenn man alles verinnerlicht. Plötzlich spielt sich alles in einem selber ab, man vermisst, man bereut, man sehnt sich, man ist enttäuscht. Manchmal jubiliert man auch. Die Geschichte wird die eigene. Die Charaktere wachsen einem ans Herz, so sehr, dass man in jeder Faser mit ihnen leidet – und wie man leidet. Die zweite Hälfte von After Story ist über weite Strecken quälend, auch, weil sie erzählerisch alles richtig macht. Erbarmungslos richtig. Das Gefühl, das bleibt, ist ein kostbar bittersüßes.

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07 | Spice and Wolf II Brain’s Base, 12 Eps, Q3

Eigentlich erstaunlich: die Verkaufszahlen der ersten Staffel waren noch ausgezeichnet, doch diejenigen der zweiten liegen derzeit weit, weit darunter. Um die Hälfte sind sie etwa eingebrochen. Woran es liegt? Weiß ich nicht. Das kann viele Gründe haben, eine starke Konkurrenz zum Beispiel. Dass es am Anime selber scheitert, daran will ich nicht glauben.

Die erste Staffel hatte den Vorteil, risikolos den Auftakt zur Geschichte geben zu können. In der zweiten aber muss sie sich weiterentwickeln. Das tut sie auch, sie bringt Konflikte auf’s Tapet, unterzieht der Beziehung zwischen Horo und Lawrence einer Belastungsprobe. Ist das vielleicht zu riskant? Will ich nicht glauben. Das ist ein wichtiger und richtiger Schritt, um Spice and Wolf Tiefe zu verleihen; in den Light Novels funktionierte er ja auch, und die verkaufen sich gut.

Japan verpasst da was. Brain’s Base hat die Serie entscheidend aufgehübscht, was der munteren, prima geschriebenen und stimmig aufgezogenen Fantasy-Geschichte auch einen würdigeren Rahmen verleiht. Die Nebencharaktere beleben den Anime ungemein. Die Show steht und fällt aber mit Horo und Lawrence und dem, was zwischen ihnen ist – und in diesem Fall steht sie. Das Katz-und-Maus-Spiel der beiden, bei dem man nie weiß, ob die Katze nicht gerade eine Maus-Maske trägt oder umgekehrt, ist das beste Argument von Spice and Wolf. Es zieht hier wie in der ersten Staffel, vielleicht sogar etwas besser. Muss nur noch Japan drauf kommen…

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06 | Eden of the East Production I.G., 11 Eps, Q2

Kenji Kamiyama kann sich’s mittlerweile leisten. Mit seinen so gewaltigen wie großartigen und erfolgreichen Ghost in the Shell-Anime, aber auch mit Seirei no Moribito hat er sich eine gewisse Narrenfreiheit gründlich verdient. Mit Eden of the East, seinem ersten wirklich komplett eigenständigen Projekt, kostet er sie auch aus. Production I.G. hat ihm dazu sein eingespieltes Team und jede Menge Manpower zur Seite gestellt, um seine Story zu verwirklichen.

Kamiyama erweist sich jetzt, da er nicht an fremde Stoffe gebunden ist, als ein sehr moderner und kenntnisreicher Erzähler, der gerne mit Film- und Kulturreferenzen arbeitet. Die hängen aber nicht in der Luft, sondern verwurzeln vielmehr seine Geschichte in der Realität und verleihen ihr Nachdruck. Dabei kann ich nicht mal mit Sicherheit sagen, worum es genau geht. In media res fängt Eden of the East an, und hört bei einem – freilich verdammt gut inszenierten – Zwischenhöhepunkt auf, bevor in den beiden Filmen The King of Eden und Paradise Lost wohl alle Fäden zusammengeführt werden.

Wenig verbissen (sonst hätte er nicht die Honey & Clover-Illustratorin Umino für sein Projekt engagiert), aber trotzdem nicht ohne Nachdruck will Kamiyama wohl eine Art Parabel auf unsere Informationsgesellschaft und ihren Cyber-Terrorismus aufziehen, eine Zukunftsvision von Macht und Ohnmacht gegenüber der kommenden Moderne ausmalen. Kein Zweifel, dass er dafür der richtige Mann ist – dafür spricht sein track record ebenso wie diese blendend produzierte und interessant konzipierte Fernsehserie, die mit Fug und Recht behaupten kann, einer der wenigen richtig modernen Anime zu sein. Ein Anime für die Jahre 201x, so oder so.

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