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Retrospektive 2009: Die Anime, #05 – #01

2010-01-09

Draußen schneite es lange nicht mehr, dann wieder; die Plätzchen sind alle, der Tee auch. Tee habe ich wieder gemacht, Plätzchen nicht. Tja.

Meiner Chronistenpflicht wäre ich hiermit weitestgehend nachgekommen. Ein wenig schreibe ich noch zu den Filmen und OVAs des mittlerweile vergangenen Jahres, auch da gab es einige bemerkenswerte, und zu ein paar sonstigen Fetzen, die ich loswerden will. Aber im Großen und Ganzen wär’s das meinerseits. Das Jahr 2009 geht, zumindest in Sachen Anime, voll in Ordnung. Der landläufige Konsens ist zwar, dass die durchschnittliche Qualität aller Fernseh-Anime seit Jahren kontinuierlich abnimmt, aber ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen kann.

Eigentlich war es immer schon so, dass man entweder die richtigen Serien finden und/oder etwas aus ihnen machen musste (Haruhi 2009, Bounen no Xamdou). Ob jetzt auf jeden süßen zehn oder fünfzehn saure Äpfel kommen, ist da eher zweitrangig. Sorgen würde ich mir machen, wenn eine ganze Season nur komplett unanschaubaren Kram liefern würde. Aber bislang war noch immer etwas dabei, das ich aus dem ein oder anderen Grund gerne schauen wollte – erstaunlich oft sogar Sachen, die mich teils restlos begeistern konnten.

Auch wenn das etwas unglaubwürdig klingt aus den Fingern von einem, der einen Blog zu Anime und Manga betreibt, aber: ich nehme diese Dinge nicht so ernst. Ich bin Eskapist, mein Name rührt nicht von ungefährt her. Nicht immer, nicht ständig, nicht stets im gleichen Maße, nicht auf Anime und Manga beschränkt, aber doch fast immer spielen eskapistische Motive eine Rolle bei mir. Wieso sollte ich mir meinen eigenen Spaß ruinieren?

Zumal es, wie gesagt, keinen wirklich nachdrücklichen Grund gibt, das Ende der guten Anime heraufzubeschwören. Auch für das Jahr 2010 sind schon so einige enorm vielversprechende Anime angekündigt, TV Tokyo startete gar mit Anime no Chikara ein frisches Label, unter dem originale und kreative Serien laufen sollen. Und auch schon im vergangenen Jahr 2009 gab es nicht nur gute und sehr gute Anime, sondern teils auch überwältigend grandiose. Polen ist also noch lange nicht verloren. Die Plätze 5 bis 1.

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05 | Bounen no Xamdou Bones, 26 Eps, 08-Q3/09-Q1

Es sollte das ganz große Kino werden, der ganz große Wurf. Sony suchte Argumente für sein PlayStation Network, die Downloadplattform der PS3, und fand sie bei Bones. Sicher nicht die schlechteste Wahl, ist die Liste der großartigen, selbst geschriebenen und produzierten Anime, die Bones vorweisen kann, ebenso lang wie beeindruckend.

Mit Bounen no Xamdou legt das Studio eine weitere epische Abenteuergeschichte vor, das ganz große Kino eben. Dank der üppigen Finanzierung durch Sony konnte Bones so richtig reinlangen, gar einige Animatoren von Ghibli anheuern. Bisweilen erreicht der Anime spielend die technischen Qualitäten eines Kinofilms, ist fantastisch entworfen und tadellos animiert. Das Ganze ist schwer beeindruckend, und beschränkt sich darin nicht nur auf die Schauwerte.

Dabei können viele mit dem Storytelling nichts anfangen. Wie so einige Anime erzählt sich auch Bounen no Xamdou lückenhaft, fast schon erratisch, ohne alle Hintergründe auszuleuchten. Das machte es nicht gerade leicht, ihm immer zu folgen – aber es lohnt sich. Es war nicht so, dass die Macher es nicht besser konnten. Sie wollten es so haben, um den Reiz der Entdeckung, der in jeder guten Abenteuergeschichte stecken muss, zu bieten. Und sie schafften es. Bounen no Xamdou ist ein wilder Ritt, bei dem man nie genau weiß, wohin es geht. Die Geschichte schlägt aus und springt unbändig,  aber verdammt, macht der Ritt Spaß.

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04 | Zoku Natsume Yuujinchou Brain’s Base, 13 Eps, Q1

Das, was Natsume Yuujinchou besonders macht, ist der Schuss Magie. Nicht nur, was die Story angeht, die auf den Magischen Realismus zurückgreift. Der junge Natsume kann yôkai zu sehen, japanische Mythengestalten, welche die Welt bevölkern. In jeder Folge stößt er auf einen oder mehrere yôkai und dessen oder deren Geschichten, und er widmet sich ihnen.

Die Geschichten sind oft sehr melancholisch. Menschen sterben, yôkai aber leben sehr lange. Das birgt nicht nur den Kern der meisten Geschichten, die vom Losslassen handeln und vom Umgang mit dem Verlust, das ist auch eine Metapher für Natsume. Natsume Yuujinchou, in der ersten ebenso wie in der nicht minder schönen zweiten Staffel Zoku, ist eine Art Bildungsroman. Nicht, dass Natsume kindliche Verhaltensweisen ablegen müsste, er ist ein beneidenswert reifer, bedachter junger Mann. Jedoch muss er in die Welt und die Gesellschaft hineinfinden.

Irgendwann wird auch er nicht mehr zu den yôkai sprechen können. Auch wenn er aus den vielen Episoden lernt und als Mensch noch weiter wächst, er weiß, dass seine Zeit vergänglich ist. Natsume Yuujinchou tastet sich gekonnt in dieses eigenartige, bittersüße, gleichzeitig tröstliche wie schmerzhafte Gefühl zwischen den Gefühlen hinein und kostet es aus. Eindrucksvoll ist es, dass er darauf verzichtet, abstrakt zu werden, und sympathisch und felsenfest mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen steht. Damit trägt er seine eigene Magie erst in die Welt.

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03 | Bakemonogatari SHAFT, 12+3 Eps, Q3

Es ist unfassbar, wie gut sich Bakemonogatari verkauft. Der Anime stellt drei der fünf meistverkauften Anime-BluRays des Jahres in Japan. Jede der drei bisher veröffentlichten Scheiben wanderte um die 50’000 mal über die Ladentheken. Und das beinhaltet noch nicht mal die DVD-Verkaufszahlen. Wohlgemerkt in einer Zeit, in der ein Anime etwa 5’000 Kopien verkaufen muss, um Profit abzuwerfen, und viele daran scheitern.

Wieso? Das clevere Marketing wird mitverantwortlich sein. Die OP-Maxis und der Soundtrack werden nicht seperat veröffentlicht, sondern als Bonus den DVDs und BDs beigelegt. Viele haben sicher zu Recht auch erweiterte Szenen erwartet – die meisten Episoden waren zur TV-Ausstrahlung schlicht unfertig, was das Team um den exzentrischen Regisseur Akiyuki Shinbo kaltschnäuzig und rotzfrech mit title cards überblendete. Das Versprechen auf motto sabisu! wird sein Übriges getan haben, an sexuellem Subtext wurde nicht gegeizt.

Vielleicht, nur vielleicht könnte es auch daran liegen, dass Bakemonogatari ein verdammt großartiger Anime ist. Er spielt in einer streng durchdesignten, abstrakten, mit Symbolen und visuellen Reizen überfrachteten Welt, und funktioniert fast ausschließlich über knallscharf gescriptete, hocheloquente Dialoge. Und was für Dialoge! Ätzend ironisch, betörend lasziv, charmant kokettierend. Um menschliche Beziehungen geht es da, und um die Probleme, die sie nach sich ziehen: Neid, Eifersucht, Furcht, Misstrauen, doch dieser Anime ist komplett anders. Vieles ließe sich auf eine einfache Ebene herunterbrechen, aber einfach macht Bakemonogatari nichts, gar nichts. Das ist mutig und experimentell, das ist verdammt gut gemacht, und das fährt in Japan gerade seinen verdienten Lohn ein. Mal schauen, was die Branche daraus lernen wird.

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02 | Michiko to Hatchin Manglobe, 22 Eps, 08-Q4/09-Q1

Cowboy Bebop bleibt ein Anime für die Ewigkeit. Und ich habe rein gar nichts dagegen. Shinichiro Watanabes und Keiko Nobumotos Meisterwerk macht alles, aber auch wirklich alles richtig. Natürlich ist auch Cowboy Bebop nur auf seine eigene Art und Weise brillant, so, wie es zum Beispiel auch Neon Genesis Evangelion oder Haibane Renmei auf ihre Weisen sind. Doch er bleibt ein eigentlich unerreichbares Idealbild. Eigentlich. Denn Michiko to Hatchin ist der erste Anime seit langer, sehr langer Zeit, der sich mit Cowboy Bebop auf Augenhöhe messen kann.

Das kommt nicht von ungefähr. Manglobes erstes großes Projekt, Samurai Champloo, entstand unter der Regie Shinichiro Watanabes. Auch in Michiko to Hatchin ist er involviert, und zwar als Musikproduzent. Das klingt nach weniger, als es ist, denn die fantastische Musik ist das letzte Puzzlestück in einem atemberaubend farbprächtigen und fantasiereichen Bild.

Aus jeder Pore trieft diesem Anime die Kreativität, visuell wie narrativ, und der nackte Spaß an der Sache. Michiko to Hatchin ist rappelvoll mit Leben, ein grandioser road trip quer durch ein wahnwitzig verfremdetes, herrlich lebendiges Lateinamerika, das in jeder Episode anders schmeckt. Und das sind keine Abziehbilder for the sake of it, das sind innige Hommagen – an Fernando Meirelles‘ Cidade de Deus, an den Buena Vista Social Club, an die feurige Küche, das Meer, die Wüsten, die Wälder, die Ströme und Straßen und Städte und Orte; und an die Leute.

Jede einzelne Episode von Michiko to Hatchin ist so voller Ideen, großartig geschriebener Charaktere, Stil, Gefühl und schierer Klasse, dass sie alleine schon selber einen Anime tragen würde. Der Zirkus! Die Stripperin! Die Tourada! Der Quacksalber! Como um Fliperama Desesperado. Alles ist drin. Der Jubel und die Schwermut. Das Leben und der Tod. Der Anime brennt im Minutentakt Feuerwerke ab, wie wenn es kein Morgen gäbe. Ein Morgen wird es auf absehbare Zeit auch nicht mehr geben, die Verkaufszahlen in Japan waren katastrophal. Im nicht messbaren Bereich. Es tut verdammt weh, diesen Anime derart scheitern zu sehen. Und doch, wenn er schon untergeht, dann tut er es wenigstens mit fliegenden Fahnen, als einer der besten Anime, die ich je gesehen habe.

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01 | Aoi Bungaku Madhouse, 12 Eps, Q4

Aoi Bungaku hätte als Literaturadaption eine reichlich jenseitige Angelegenheit werden können. Kein Manga war die  Vorlage, keine Light Novel, keine Visual Novel. Sondern moderne japanische Meisterwerke, fin de siècle, Nachkriegszeit. Aus den Werken Osamu Dazais und Ryuunosuke Akutagawas wurden je zwei Geschichten ausgesucht, Ango Sakaguchi und Natsume Souseki waren mit je einer vertreten.

Am Ende stellte sich Aoi Bungaku als eine gleichermaßen traum- wie schmerzhaft diesseitige Angelegenheit heraus. Um eine populäre Definition heranzuziehen: Literatur ist in Worte gegossenes Gefühl. Die größte Literatur ruft die innigsten, tiefsten, ehrlichsten Gefühle in einem hervor. Es geht nicht darum, hochgestochen zu sein, referenzreich, technisch anspruchsvoll, verklausuliert, weltfremd. Im Gegenteil: Literatur soll ein warmer Sommerregen sein, ein Schlag in die Magengrube, die Hand, die uns liebevoll durch’s Haar fährt oder die Kehle zuschnürt.

Das alles schafft Aoi Bungaku. Natürlich speist sich die Güte dieses Anime aus seinen Geschichten; ich habe die einzelnen Werke (noch) nicht gelesen, aber ich kann ihre Auswahl sehr gut nachvollziehen, denn sie alle gehen dorthin, wo es weh tut, wo man am tiefsten empfindet. Osamu Dazais Ningen Shikaku etwa, die erste der sechs Geschichten, ist das qualvolle Porträt des Niedergangs eines Mannes. Wir sehen, wie das Leben ihn Stück für Stück auffrisst, und wir teilen seine Ängste, die einen fast in den Wahnsinn treiben. Sousekis Kokoro hingegen, die Geschichte zweier Männer und einer Frau, changiert zwischen tiefster Erfüllung und bitterster Einsicht, thematisiert, wie alles Glück am Menschen hängt und an ihm scheitert.

Nun sind die Geschichten das eine; sie sind nicht für Anime geschrieben, sondern stehen alleine, sprechen durch sich selbst. Eine gute Adaption schafft es vielleicht, sie und ihre Aussage, ihre Stimmung in ein anderes Medium zu übersetzen. Aoi Bungaku leistet aber noch wesentlich mehr – dieser Anime ist keine einfache Umsetzung, Aoi Bungaku ist eine Hommage, eine Widmung, ein Denkmal, kongenial bearbeitet von Madhouse. Jede einzelne Geschichte ist ein Juwel, mit Sorgfalt und Liebe angefertigt. Die Farbwahl, die Animation, der Schnitt – die Macher sind mutig, sie interpretieren die Vorlagen, schreiben sie um, und finden ausnahmslos fantastische Mittel und Wege, um sie auszudrücken.

Kokoro etwa ist in seiner ersten Hälfte eine würdige, meisterhaft gemachte Nacherzählung von Sousekis Geschichte. Doch erst die zweite Hälfte macht diese Adaption brillant; Mika Abe und Shigeyuki Miya erzählen Kokoro ein zweites Mal, jedoch aus anderer Perspektive. Ein erhabener Anblick, wie die Geschichte sich auf einmal entfaltet, wie viele neue, widersprüchliche Gefühle sie in einem hervorruft, wie viel man selber daraus gewinnt. Grandios, wie das Team mit Farben arbeitet, wie sie Wärme und Kälte visuell umsetzen, so dass man bei der finalen Auflösung nicht weiß, ob man jubeln oder weinen soll vor lauter Gefühl, das in einem tobt.

Kokoro ist nur ein Beispiel; alle sechs Geschichten, alle zwölf Episoden sind gleichermaßen perfekt  geraten. Aoi Bungaku ist eine der größten und eindrucksvollsten Leistungen, die jemals im Medium Anime erbracht worden ist. Zum einen auf Grund ihrer technischen Perfektion – Madhouse macht seinem Namen alle Ehre -; zum anderen, noch wichtigeren aber, weil dieser Anime den Geist seiner Vorlagen nicht nur einfängt und wiedergibt, sondern zur Entfaltung bringt. Aoi Bungaku ist nicht nur der warme Sommerregen, der Schlag, der einem den Atem raubt, die Hand, die durch’s Haar fährt oder würgt; Aoi Bungaku ist noch viel, viel mehr.

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