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Review: Umineko no Naku Koro Ni

2010-01-16

Ryukishi07-Stories sind eine Sache für sich. Seine Doujin-Gruppe 07th Expansion hat ihre Nische gefunden und im Grunde genommen nichts zu verlieren; er schreibt und illustriert Geschichten, sein jüngerer Bruder Yatazakura packt sie in ein Visual Novel-Framework, und dann wird haufenweise verkauft, ohne irgendwelchen größeren Zwängen unterworfen zu sein. Er als Schreiber kann sich also nach Belieben ausleben. Was er auch tut. Ausgiebigst.

Higurashi no Naku Koro ni, sein erstes Großprojekt, war schon eine enorm verspulte Angelegenheit. Im urigen Dörfchen Hinamizawa, im immerwährenden Juni des Jahres 1983, zog er eine irrsinnig ausfransende Story auf, verstrickt in einem Dickicht aus mysteriösen Morden, brutaler Gewalt, psychologischem Terror, düsteren Geheimnissen, aber auch ländlicher Idylle. Völlig ungewöhnlich die Erzählweise, verschiedene Versionen der Geschichten zu erzählen, die in verschiedenen Zeit- und Realitätsebenen ineinander verschachtelt sind.

Das ist irrsinnig anmaßend und fordernd und heillos zugebaut, aber auch erstaunlich erfolgreich. Bester Beleg dafür: die berühmt-berüchtigte Anime-Adaption durch Studio Deen beziehungsweise Chiaki Kon, durch die viele (auch der Autor dieser Zeilen) erst in Kontakt mit Ryukishi07s krude-faszinierendem Storytelling kamen. Der Higurashi-Anime sah grottig aus, er war miserabel animiert, furchtbar inkonsistent und konnte sich eigentlich nur daran verheben, die  verquere Erzählstruktur der Vorlage zu adaptieren.

Aber genau dank dieser ungewollten B-Movie-Optik und der inhärenten Kaputtheit des ganzen Vorhabens passte er perfekt auf diese seltsame Welt, die Ryukishi07 geschaffen hat. Bei aller Hässlichkeit war der Anime nicht nur ein Kuriosum, sondern auch ein echtes Faszinosum, das eine eigentümliche Sogkraft entwickelte und eine ganz eigene Atmosphäre verströmte, die der Story vorbildlich diente.

Bei allen offensichtlichen Schwächen war der Higurashi-Anime nämlich eine verdammt spannende Sache, die nach langem Mäandern erst allmählich ihre wirklich clevere Konstruktion offenbarte, und auf dem Weg dorthin in vielen guten Einfällen, Kniffen und Twists echten Horror, oder doch zumindest Suspense, erzeugen konnte. Dann sah das Ganze vielleicht mau aus, aber trotzdem (oder deswegen) funktionierte der Anime immer noch erstaunlich gut und leistete sehr viel von dem, was er erreichen wollte.

Nachdem Higurashi und seine diversen Nebenschauplätze mehr oder weniger abgeschlossen worden sind, widmete sich Ryukishi07 dem nächsten großen Wurf. Umineko no Naku Koro ni heißt er, und nicht nur im Namen sieht man die Verwandtschaft zu Higurashi; die komplexe Narrative, die Multiperspektivität, die übersinnlichen Elemente, das alles ist zu Ryukishi07s Markenzeichen geworden. Dabei muss ich gestehen, dass ich noch nicht dazu kommen konnte, die Novels zu lesen. Das ist ein ziemlicher Mangel für diese Rezi. Allerdings hat mich von Anfang an vor allem die Anime-Adaption interessiert, denn wieder sollte es Studio Deen unter Anleitung von Kon sein, die gegen Ryukishi07s Windmühlen ankämpfen sollten. Darauf war ich gespannt.

4. Oktober 1986. Die Familien des Ushiromiya-Clans kommen auf Rokkenjima, einer abgelegenen Insel, zu einer Konferenz zusammen. Ihr Oberhaupt, der ergraute Kinzo, ist dem Tode nahe, und sein sagenhaftes Vermögen will geteilt werden. Doch bald schon werden sie nach und nach brutal abgemetztelt, und alles deutet darauf hin, dass die mysteriöse Hexe Beatrice verantwortlich ist.

Das ist, in groben Zügen, die grundlegende Geschichte von Umineko – und zugleich nur die Kulisse, vor der der eigentliche Anime stattfindet. Nach der ersten Story Arc verlässt er nämlich die Erzählebene und wechselt auf eine Meta-Ebene. Dort entspinnt sich, in der Metapher eines Schachspiels, ein Kampf zwischen Battler Ushiromiya, einem Enkel Kinzos, und der Hexe Beatrice. Battler will mit Logik beweisen, dass ein Mörder die Insel heimsucht, während Beatrice ihn davon überzeugen will, dass sie selber, eine mystische Gestalt, dafür verantwortlich sei.

In vier größeren Arcs erzählt Umineko vier teils drastisch unterschiedliche Versionen, was die Charaktere angeht, die Abläufe und die Perspektiven. Das beschränkt sich nicht nur auf die Frage, wer wie stirbt; der Anime schmeißt Runde um Runde neue Charaktere ins Spiel, hier ein neuer Dämon, da ein paar neue Höllendiener oder eine frische Protagonistin aus der Zukunft, bringt neue Hexen ins Spiel, haut seine vielen Zeitebenen durcheinander, springt von der einen Realität in die nächste und lässt seine Stammbesetzung in neue Rollen schlüpfen.

Umineko knallt einem immer neue Ungeheuerlichkeiten vor den Latz. Es ist, wie schon bei Higurashi, zerklüftet und total verspult. In einem Irrsinnstempo hetzt der Anime von der einen Schlachtorgie zur nächsten (da macht es sich dann bemerkt, die Hintergründe aus den VNs nicht zu kennen), so dass man irgendwann zwangsläufig abschaltet. Das ist natürlich alles andere als ein Qualitätsmerkmal. Es fehlt vieles, was eine Geschichte eigentlich zum funktionieren bringt, die Nachvollziehbarkeit zum Beispiel. Es kann keine innere Logik geben, wenn alle paar Episoden die Regeln völlig umgeschmissen werden. Und damit kann man als Zuschauer kaum noch folgen.

Alles an Umineko atmet den Geist des Amateurismus. Ryukishi07 mag sich schon lange professionalisiert haben, und Deen ist ein profitorientiert arbeitendes Animationsstudio wie jedes andere. Aber Ryukishi07 spielt nur nach seinen eigenen Regeln – vor allem, was die Konventionen des Storytellings angeht. Vieles mag da noch in Form von regelmäßigen VN-Episoden angehen, in Form eines Anime kann es eigentlich nur schiefgehen. Das ist eine Schnapsidee und von vornherein zum Scheitern verdammt.

Bei Higurashi hat’s aber trotzdem geklappt. Und das tut’s eigentlich auch noch bei Umineko. Die vielen Mängel sind so offensichtlich wie gravierend, Umineko sieht furchtbar aus und ist ein Kuddelmuddel aus allem Möglichen und Unmöglichen. Vieles, was Ryukishi07 da aufbietet, ist schlicht lächerlich und albern, und da sein schwindelerregend kompliziertes Storygeflecht sowieso nur seinen eigenen Regeln folgt, kann er im Grunde genommen machen, was er will. Was er auch tut. Der Anime ist durch und durch kaputt.

Und doch bleibt er dabei, gerade dadurch, ähnlich wie auch schon Higurashi, auf seine Art und Weise immer noch reizvoll. Umineko ist ein Trip in die abstrusen Spinnereien eines Autors, der mit der Detailverliebtheit eines Obsessiven an seinen hoffnungslos verkomplizierten Geschichten baut. Man muss ihm aber lassen, dass er es in seinem ganz eigenen Genre immerhin zur Meisterschaft gebracht hat, denn auch die Story hinter der Story (hinter der Story hinter der Story über der Story neben der Story in der Story…) in Umineko ist ein wirklich raffiniertes Ding, was in einigen fantastischen Szenen auch triumphal aufblitzt.

Seine Konstrukte sind faszinierend bizarr, weil sie ihrer Absurdität gleichzeitig mit Ernsthaftigkeit und beißender Ironie begegnen, und weil er sich ihre (unfreiwillige? beabsichtigte?) Groteskheit zu Eigen macht, um seine Geschichten zu erzählen. Irgendwann entfaltet das, wie auch schon bei Higurashi, seinen eigenen, seltsamen Charme. In Higurashi mag mir die Thematik eine Spur besser gefallen haben, aber auch Umineko bietet reichlich von dem, was ich mir von der Zusammenarbeit zwischen Ryukishi07, Chiaki Kon und Studio Deen erhofft habe. Soll er ruhig weiterspinnen, meinen Segen hat er. 7/10

 

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