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Review: Tokyo Magnitude 8.0

2010-01-20

Auch auf die Gefahr hin, langweilig zu werden: aber noitaminA ist eine der feinsten Institutionen des Fernsehanime. Nicht nur, dass abseitigere Projekten wie Mononoke oder Trapeze dort ein Sendeplatz eingeräumt würde (der nächste Anime von Masaaki Yuasa, Yojouhan Shinwa Taikei, wird dort laufen); auch kommerziell erfolgreiche Anime wie Honey & Clover haben dort ihre Heimat. Fast alle haben aber gemein, überdurchschnittlich gut zu sein, und sich wenn schon nicht experimentell, dann wenigstens unorthodox zeigen zu dürfen.

Tokyo Magnitude 8.0 passt perfekt in das Profil. In elf Episoden wird die Odyssee von Mirai und Yuuki porträtiert, die auf der künstlichen Insel Odaiba von einem gewaltigen Erdbeben überrascht werden, das weite Teile Tokios verwüstet. Zusammen mit der Kurierfahrerin Mari machen sie sich auf, quer durch die von der Katastrophe verheerte Metropole nach Hause zu gelangen, doch natürlich ist das alles andere als ein Spaziergang. Auf dem Weg begegnet ihnen nicht nur das Leid anderer auf den Straßen, auch sie selber werden nicht verschont.

Das ist im Vergleich zum Gros der Anime durchaus ungewöhnlich, aber, wie gesagt, ideal geeignet für den noitaminA-Slot. Die Außergewöhnlichkeit von Tokyo Magnitude 8.0 beschränkt sich dabei nicht auf dessen Prämisse, denn auch der Handlungsverlauf ist nicht unbedingt das, was man aus anderen Anime kennt; nur langsam und mühselig geht es für die drei Protagonisten voran, bis sich aus dem Chaos nach der Katastrophe allmählich ein Drama herausschält. Und damit gleichzeitig zum Kern seines Dilemmas gelangt.

Zwei große Felder will Tokyo Magnitude 8.0 abdecken. Der Anime will ein realistisches, und damit schreckenerrregendes Bild eines Tokio  zeichen, das von einem Erdbeben mit der Stärke 8 auf der Richter-Skala heimgesucht worden ist, und vermengt dies mit der tragischen Geschichte Mirais und Yuukis – was unterm Strich leider nicht ganz aufgeht.

Beides hat seine jeweiligen Qualitäten, und davon teils nicht zu knapp. Der Anime investiert einige Zeit darin, die Rettungsmaßnahmen der Katastrophenhelfer, der Armee, der Marine, der Feuerwehr und der Spezialkräfte zu zeigen, mal ausführlich, mal auch nur implizit. Auch die Folgen des Erdbebens für die Infrastruktur und Kommunikation Tokios dienen nicht nur als Kulisse; Tokyo Magnitude 8.0 will eine Art Vorschau auf das, was da mal kommen wird – denn es wird kommen. Der Anime spielt in keiner nur hypothetischen Parallelwelt, auf kurz oder lang wird Tokio von einem vergleichbar starken Erdbeben getroffen werden.

Zugleich ist Tokyo Magnitude 8.0 aber auch die Geschichte von Mirai und Yuuki. Ander als ihr lebenslustiger jüngerer Bruder, ein Grundschüler, ist die Mittelschülerin mit dem bezeichnenden Namen von so einigen Teenager-Krankheiten befallen. Ohne große Lust begleitet sie ihren Bruder nach Odaiba, und es wird auch nach dem Erdbeben lange dauern, bis sie ihr eigenes Handeln reflektiert und sich allmählich wandelt.

Da wären einige Begegnungen auf dem Weg, die ihre Entwicklung auslösen. Sie trifft Großeltern, die ihre Enkelkinder nicht beschützen konnten, oder ihre Schulfreundin, die Teile ihrer Familie verloren hat – oder natürlich Mari, die sich der beiden Kinder annimmt, obwohl sie von eigenen Sorgen geplagt wird. Im Angesicht existentieller Fragen, die sie sich als verwöhntes Großstadtgör nie stellen musste, wird sie reifer und empathischer und lernt ihre Familie neu schätzen.

Doch macht Tokyo Magnitude 8.0 es weder sich noch den Zuschauer zu leicht und belässt es schon dabei. (Spoiler) In der großartig inszenierten und geschriebenen achten Episode, Pure White Morning, durchlebt Mirai einen fieberwahnhaften Alptraum, in der sie von Yuukis Tod fantasiert. Doch erst zwei Episoden später begreift sie, dass Yuuki tatsächlich gestorben ist. Der Anime endet schließlich mit einer verdammt schmerzhaften, todtraurigen Montagesequenz, in der Yuukis Leben ein letztes Mal erzählt wird. Das ist nicht nur ein reichlich mutiger Schritt, der dem Anime die dringend benötigte Tiefe verleiht, das hat auch eine große Wucht und setzt sich bei einem als Zuschauer nachhaltig fest.

Für sich genommen hat beides, wie eingangs erwähnt, seine Qualitäten, die zwar nicht immer berauschend sind, aber doch beeindruckend. Zusammengenommen wirkt das große Ganze, Tokyo Magnitude 8.0 im Gesamten, aber unnatürlich und hölzern. Das Erdbeben und das Schicksal von Mirai und Yuuki finden bis zu einem gewissen Grad separat voneinander statt.

Die realistische Abbildung der Erdbebenkonsequenzen mag technisch interessant und auch spannend sein, bleibt aber ein Stück weit Showcase des japanischen Katastrophenschutzes. Das ist nicht nur ärgerlich, das ist fast schon verächtlich dem gigantischen menschlichen Leid gegenüber, welches eine solche Katastrophe – wie derzeit in Haiti zu sehen – nach sich zieht. Die Sterilität und Nüchternheit, in der sich Tokyo Magnitude 8.0 vollzieht, kann praktische Gründe wie das anscheinend überschaubare Budget haben, aber sie tut dem Anime nicht gut.

Zumal die narrativen Möglichkeiten eines vernichteten Tokios nicht annähernd ausgeschöpft werden. Die Handlung selber profitiert zwar von dem einen zentralen dramatischen Ereignis, durchschreitet auf dem Weg dorthin aber einige Längen und verwässert sich in dessen Nachklapp mit einer zu lange herausgezögerten und nicht gut erzählten Pointe. Sehr viel mit dem Erdbeben hat das aber, abgesehen vom einstürzenden Tokyo Tower, nicht zu tun.

Das mag vielleicht Haarspalterei sein, aber an einen Anime wie Tokyo Magnitude 8.0 muss auch ein anderer Maßstab angelegt werden. Die Qualitäten bleiben unbestritten, Tokyo Magnitude 8.0 ist nicht nur ungewöhnlich, sondern auch mutig. Man muss ihm schon deswegen, weil er so grundsätzlich anders ist, verdienten Applaus klatschen. Und doch, wenn er es trotz bester Bedingungen nicht schafft, vollends zu überzeugen, im Gegenteil sogar teils fast kalt lässt, dann ist das arg ärgerlich.

Geradezu symptomatisch: selbst der Soundtrack, für den sich Kow Otani verantwortlich zeichnete, der schon für Haibane Renmei oder Shadow of the Colossus brillante Kompositionen vorlegte, bleibt völlig unauffällig. Das ist verdammt schade, passt aber auch gewissermaßen zu Tokyo Magnitude 8.0, der zwar allein schon durch seine Konzeption ein guter Anime ist, phasenweise aber nüchtern, apathisch und ungeschickt bleibt. Auf noitaminA kriegen alle Anime die Chance, groß zu werden, aber man muss sie auch zu nutzen wissen. 6/10

P.S.: Wer es sich leisten kann, seine Zeit mit Anime und Manga zu vernichten, lebt ein verdammt begütertes und privilegiertes Leben. Spendet bitte dem Roten Kreuz oder einer anderen seriösen Hilfsorganisation.

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