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Zur Lage der Nation II: Vom Brechen der Knie

2010-02-02

Ich habe da eine Regel. Bis zu dreimal gehe ich je Tag zum Schnee schippen. Morgens und abends sowie einmal bei Bedarf, je nach Schneefall, um mir abends keinen Prolaps ins Kreuz zu hieven. Jetzt müsste ich ein viertes Mal gehen. Aber pfft. Das soll warten.

Stattdessen zitiere ich zwei Sams.

50%

Der erste Sam heißt wahrscheinlich gar nicht Sam, sondern George oder Bryan oder Matthew, aber das tut nich unbedingt was zur Sache. Jonathan Clements hat 2009 ein Buch namens Schoolgirl Milky Crisis herausgebracht (London: Titan Books, 2009), zwischen dessen augenkrebserregenden Buchdeckeln eine Sammlung seiner vielen verschiedenen Texte zu Anime, Manga und mehr bis weniger affinen Texten steckt. Clements ist ein intimer Kenner der Animebranche, und das gilt für hüben wie drüben. Seine interessantesten Texte, die er in den Kolumnen für die amerikanische Newtype-Ausgabe oder das NEO-Magazine schreibt, sind dementsprechend auch die, die einen Blick in die Mechanismen der Branche erlauben.

In der Newtype-Kolumne vom Januar 2008 spricht er mit Sam. Sam ist ein Marketingmensch für einen japanischen Anime-Produzenten, den Clements als Moderator bei einer Pressevorführung interviewt. Er stellt ihm eine Frage, die er auch selber hätte beantworten können, doch die Antwort Sams ist natürlich eindrücklicher, eben weil sie direkt aus dem Maschinenraum kommt.

„Twelve years ago,“ I say, „an anime producer told me that the foreign market was only worth ten percent of a Japanese company’s interest. Can you put a number on it now?“

„Sure,“ says Sam, „It’s fifty percent of our business. Half of our plans, half of our selections, are geared directly towards foreign markets, specifically America. And it’s worth fifty percent of our profits.“ (ibid, p. 265)

Fünfzig Prozent also. 40 Prozentpunkte und 500 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Das ist erstens eine Hausnummer, und steht zweitens, um das Wort endlich, endlich!, mal wieder benutzen zu dürfen, der gängigen Argumentation im Netz diametral gegenüber. Nach wie vor wird gerne die allzu bequeme Logik ins Feld geführt, dass die virulente Fansub-Szene außerhalb Japans die Branche gar nicht betrifft, weil die Produktion ausschließlich auf die japanischen DVD-Verkäufe ausgelegt sei. Was Jonathan Clements und Sam zu Folge schlicht nicht stimmt.

Nothing To Pin The Plushie On

Das alleine, aus einer einzigen Quelle, wäre noch nicht evident genug. Nur gut, dass ich noch einen zweiten Sam habe. Der zweite Sam heißt wirklich Sam, Sam Pinansky nämlich, hat aber auch noch einen zweiten Namen. Sam ist heute freiberuflicher Übersetzer für Crunchyroll; früher kannte man ihn aber auch als Quarkboy, als er noch für die mittlerweile stillgelegte Fansub-Gruppe Arienai aktiv war (auf Rizon tummelt er sich aber immer noch).

Die infamen Fansubber von gg haben Pinanskyboy in einem Q&A und einem zum Interview aufgehübschten Chatlog ein wenig ausgequetscht. Beides ist, wenn man mal außen vorlässt, dass Quarkiboy ein recht nerviger Typ ist, eine verdammt spannende Lektüre. Schon weil er die Thematik der Bedeutung des westlichen Publikums drastisch erweitern kann, da er die Marktsituation aus der Warte eines Streaming-Anbieters kommentiert.

Ob man will oder nicht, physikalische Datenträger werden mittelfristig definitiv von Online-Angeboten verdrängt werden. Im letzten Kapitel seines Buches, einem kleinen Essay für das kurzlebige PiQ-Magazin mit der treffend gewählten Überschrift The End Of The World. Again, zählt Jonathan Clements nicht nur auf, wie oft und zu welchen Gelegenheiten Anime schon starb (als Tezuka den Sci-Fi für sich entdeckte; als mit dem VHS auch die erwachsenen Stoffe kamen; als Miyazaki einen Oscar bekam;…). Er wagt auch eine Prognose, die er unter ein griffig-abgegriffenes, aber passendes Motto stellt: „The next format is No Format.“ (ibid., p. 392)

Das wird uns als webaffine Konsumenten, die wir uns schon vor einer Dekade in DC++ und WinMX versorgt haben, und unsere Sehgewohnheiten sicherlich bei Weitem nicht so stark erschüttern wie die Anime-Industrie, wo ganze Glieder in der Verwertungskette ersatzlos ausfallen (werden). Und damit tut man sich, folgt man Quarkboy Pinansky, in Japan noch recht schwer:

The industry’s opinion is split heavily. There are old school companies that basically refuse to sell streaming rights separately from DVD rights. There are people who think streaming is the future… But it takes a lot of people all agreeing to make it really happen (google “nemawashi”).

Doch die Erfolge, die Crunchyroll und FUNimation einfahren, sprechen für sich, und allmählich stellt man sich auch in Japan auf die neuen Bedingungen ein. Interessant fand ich bei Pinanskys Ausführungen den Verweis auf die hauseigene Streaming-Plattform Bandais, deren technischer Unterbau vor kurzer Zeit von WMV auf H.264 umgestellt wurde – und die in die selbe Zeit fallende Ankündigung des nächsten Gundam-Juggernauts. MS Gundam Unicorn wird nämlich von Anfang an weltweit einheitlich vermarktet, die DVDs und BDs haben neben der japanischen Synchronisation auch eine englische, sowie japanische, englische, spanische, chinesische und französische Untertitel. Bin gespannt, ob Unicorn so auch zum Streaming-Pionier wird…

Vom Brechen der Knie

Damit haben wir beim einen Sam den Befund, dass die westlichen Märkte mittlerweile eine entscheidende Rolle in der Planung und Finanzierung von Anime spielen. Wir sind 50%. Beim anderen Sam sehen wir, dass, bei aller Zögerlichkeit, die japanischen Produzenten sich allmählich aufmachen, ihre Vertriebswege neu zu sortieren – und uns dabei ins Visier nehmen, so oder so.

Eingeschossen hat man sich dabei auf das in vielerlei Hinsicht kritikwürdige Konzept des Streaming, in glückseliger Ignoranz der Lektionen, die die Musikindustrie lernen musste. DTO, wie es bei Musik gängiger Standard geworden ist, wird trotz der verdammt vergleichbaren Ausgangslage gar nicht erst in Erwägung gezogen. Das erinnert an das vertrackte japanische Lizenzierungssystem, das man in Clements‘ Kolumnen so schön nachzeichnen kann, und das eher einer Art bedingtem Leasing nahekommt. Nichts wird sie dazu bringen, ihr Eigentum anderen zu überlassen, selbst wenn diese dafür zahlen.

Dementsprechend konsequent wie charmant mutet dann auch Pinanskyboys Anekdote an, in der er von seinem Gespräch mit einem Verantwortlichen über Ripper wie HorribleSubs berichtet:

Jaka: What do the Japanese think of the rips?
[…]
Sam: I know an industry guy in Japan who wants me to give him the names and addresses of the members of the group so he can pay for local thugs to “break their knees”. The rips and illegal sites they want stopped, immediately.

Viel Glück wird er dabei nicht haben, Horrible etwa wird meinem Informationsstand nach von einem Ägypter geleitet und in Malaysia gehostet, was von Japan aus juristisch ungefähr so weit weg sein dürfte wie die Hertha von einer Erstligasaison 2010/2011. Doch je mehr die Japaner den Vertrieb in die eigene Hand nehmen – und das werden sie -, umso enger dürfte es mittelfristig für die nach wie vor florierende Ripper- und Fansub-Szene weltweit werden. Zu groß sind dann die Überschneidungen in den Angeboten.

Noch so einigen westlichen Publishern wird es in Zukunft wohl so ergehen wie zuletzt etwa Geneon oder ADV in den USA. Auch Crunchyroll dürfte es schwer haben, sobald die Japaner nicht mehr auf sie angewiesen sein werden (und das wird wohl nicht lange dauern) – angesichts ihrer Geschichte werde ich der Seite aber sicher keine Träne nachweinen.

Aber der Gedanken, mir in Zukunft womöglich Inhalte gebührenpflichtig leihen zu müssen statt kaufen zu dürfen, und das in mäßiger Qualität, während ich gleichzeitig eMusic mit Geld füttere und dafür Musik nach Gusto erhalte, der macht mir Bauchschmerzen. Wahrscheinlich wird Clements Recht behalten, wenn er sagt, dass die gesundgeschrumpften Kostenstrukturen es wahrscheinlicher machen, mehr Nischenprojekte zu sehen. Doch darin muss ihn die Zukunft erstmal bestätigen. Aber irgendwie wird’s dann ja doch immer weiter gehen:

„This isn’t going to kill anime […] Anime, as you know it, is going to die, again, just before it is reborn… again.“ (ibid., p. 393)

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4 Kommentare leave one →
  1. 2010-02-07 09:34

    Moinsen! Was macht der Schnee? 😉

    Doumo arigatou für die Links! Das „Interview“ mit Sam ist für mich, der sich ja nur nebenbei mit Anime beschäftigt, teilweise ziemlich schwer verständlich weil mir die ganzen Hintergründe fehlen. Trotzdem viele spannende Passagen, sehr interessant. Und natürlich hab ich mir Schoolgirl Milky Crisis gleich auf die Einkaufsliste gesetzt.

    Oh, und was das Streamen angeht und deine Befürchtungen bez. Musikindustrie: Ich sehe hier nur eine sehr begrenzte Vergleichbarkeit, weil die Konsummuster ganz andere sind. Musik ist etwas, das man überwiegend nebenbei konsumiert und bei dem Mobilität (zwischen verschiedenen Abspielgeräten) ein großes Thema ist. Wenn man sich dagegen einen Film oder eine Serie ansieht, ist das eine eigenständige Tätigkeit, der man hohe Aufmerksamkeit widmet und Zeit einräumt. Daher ist das Thema „Besitz“ hier imho weniger ausgeprägt als bei Musiktiteln, die man überallhin mitnehmen können will.

    Davon abgesehen bin ich absolut überzeugt, dass es auch in Zukunft physikalische Datenträger zu kaufen geben wird. Dass es unterschiedliche Ausgaben desselben Films für unterschiedliche Zielgruppen gibt, ist ja ein alter Hut. Ich gehe davon aus, dass Streaming die weniger qualitätsorientierten Produkte für den Alltagskonsumenten ersetzen wird, der keine allzuhohen Ansprüche hat. Für qualitätsorientierte Fans/Sammler, die sich sowieso die Limited Collector Box kaufen, wird es auch zukünftig entsprechende Ausgaben geben.

  2. escapistolero permalink*
    2010-02-07 14:15

    Der taut ab, zu meiner Freude. Morgen soll er wiederkommen, aber dann bin ich für ein paar Tage eh nicht da, hehe.

    Schoolgirl Milky Crisis gewinnt viel durch Clements‘ sehr launigen Stil und seine teils wirklich verdammt interessanten Anekdoten (bei einer musste ich sogar an dich denken), aber das macht leider nicht gleich alle Artikel gleich spannend. Trotzdem lesenswert.

    Die Vergleichbarkeit habe ich bewusst überspitzt, weil ich den Eindruck habe, dass sich die Sehgewohnheiten in den letzten Jahren ziemlich verändert haben; vor allem, seit Video-Playback auf Handies, mp3-Playern, PSP und Konsorten gängig geworden ist. Der Nebenherkonsum ist stärker als früher.

    Klar, physikalische Datenträger werden nie ganz wegfallen; seit einiger Zeit kann ich sogar schon im Müller durch Vinyl-Platten wühlen, hätte ich vor ein paar Jahren auch nicht gedacht. Nur, das Augenmerk liegt auf der Marktmasse, und die wird wohl woanders liegen.

  3. 2010-02-07 15:26

    Yep, das stimmt, auch der Videokonsum ist mobiler geworden, aber selbst mit neuen Abspielgeräten wie dem iPad etc. kann ich mir nicht vorstellen, dass sich die Konsummuster ähnlich angleichen wie bei Musik. Das liegt einfach am grundlegenden Unterschied zwischen reinem Audio-Content auf der einen und audiovisuellem Video-Content auf der anderen Seite.

    Der Markt wird sich in den nächsten Jahren ausdifferenzieren, es werden sich verschiedene Nischen bilden. Mag sein, dass der Massenmarkt dann über Streaming bedient wird. Die Auswirkungen auf Qualität etc. sind dabei dann aber glaub ich noch die geringsten. Ich könnte mir vorstellen, dass speziell Serien sich bei einer Entwicklung des Massenmarkts hin zur Online-Konsumption sehr stark in ihrer Substanz und in ihrem Format verändern.

    Analysen der Youtube-Nutzung zeigen ja schon, dass kürzere Clips sehr viel stärker nachgefragt sind. Möglicherweise bestehen viele Anime-Serien in Zukunft dann nicht mehr aus 13 Folgen à 20 Minuten pro Season sondern aus 50 Folgen à 5 Minuten. Wer weiss?

  4. escapistolero permalink*
    2010-02-07 21:13

    Stimmt natürlich, vollkommen angleichen werden sie sich nie, da hast du Recht.

    So weit wie du habe ich noch gar nicht gedacht. Das klassische n x 13 x 24 Minuten-Format hat ja seinen Ursprung in den Fernsehzeiten. Ich sehe zwar noch keine Anzeichen, dass das in nächster Zukunft vollkommen entkoppelt wird, aber für die Dramaturgie der Handlungen wird das irgendwann einen riesigen Einschnitt bedeuten können.

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