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Review: Seitokai no Ichizon

2010-02-15

Seitokai no Ichizon könnte konservativer nicht sein. Das Setting, die Charaktere, der Plot: nichts lotet, konzeptionell zumindest, Grenzen aus oder ragt aus dem Einerlei vergleichbarer Anime heraus. Das ist sicherlich auch gewollt, denn die Grundrezeptur ist nun mal tried and tested. Gleiches gilt auch für das hochfrequente name dropping mehr oder weniger obskurer Referenzen aus dem Otaku-Universum, das heute bei weitem kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist. Nein, neue Pfade werden in Seitokai no Ichizon wirklich nicht beschritten.

Wenn ich vor so einem Anime stehe, denke ich mir zweierlei. Einerseits will ich keine Zeit verschwenden. Das mag ironisch klingen, weil ich das ehwieso tue; aber selbst dabei, das lehrt die Erfahrung semiprofessioneller, jahrelanger Zeitvernichtung, gibt es eben Unterschiede. Manche Anime verströmen eine solche schiere Leere und Sinnlosigkeit, dass mir diese Sache nur umso unangenehmer bewusst wird. Anime wie dieser hier tendieren dazu. Andererseits gibt es viele Qualitäten, die ein Anime haben kann. Grenzen zu sprengen schaffen aber nur die wenigsten, weswegen auch etwa handwerkliche Fähigkeiten ihren Wert für mich haben.

Das setzt dem ganzen Unterfangen zwar einen Deckel auf, aber wenn eine Serie innerhalb ihres Rahmens viel oder alles aus ihren Möglichkeiten macht, ist das durchaus schon richtig okay. Und manchmal sogar noch ein klein wenig mehr. Seitokai no Ichizon hat mich überrascht, weil der Anime zwar alles andere als eine brillante Serie ist, aber das, was er anfängt, mit Verve, Erfahrung, Fingerspitzengefühl und Sympathie zu Ende bringt.

Ken Sugisaki ist nicht nur Schülerratsvizepräsident, sondern auch die Hauptfigur eines galge. Glaubt er zumindest. Zumindest fahndet er konstant nach den Flaggen seiner vier Kolleginnen, mit dem ultimativen Ziel, die Harem-Route zu betreten. Kurimu, Chizuru, Minatsu und ihre Schwester Mafuyu sind davon eher weniger angetan. Allerdings widmen sie sich die meiste Zeit über weder der Abwehr von Kens Annäherungsversuchen noch ihren eigentlichen Aufgaben – sondern dem gediegenen Nichtstun. Und dem Fanservice.

Seitokai no Ichizon ist rappelvoll mit sexuell suggestivem Material; die so beliebten überknielangen Strümpfe sind Teil der Schuluniform, Chizuru als lasziv-sadistische femme fatale spielt mehr als nur einmal mit ihren üppigen Reizen, und Kens Fantasien tun ihr übriges. Überhaupt, jedes Mädchen bedient natürlich andere Fetische, Kurimu etwa bedient die Lolikons und Mafuyu, hoffnungslos in ihre kruden Fantasiewelten aus Videospielen und Yaoi-Stories versunken, die Otakus.

Eigentlich kann ich das nicht haben. Fanservice hat natürlich seine mittlerweile schon historisch gewachsene Funktion – Gunbuster ist auch schon 22 Jahre her… -, aber irgendwann wird das erst öde und dann ätzend. Erst recht, wenn man die arg fadenscheinige Konstruktion durchschaut. Schön aber, dass auch Seitokai no Ichizon das nicht haben kann. Die Szenen sind da, aber sie sind stark vordergründig, teils schon gleichgültig.

Überhaupt, gerade die offensichtlich reizsetzenden Elemente durchzieht eine bemerkenswerte Gleichgültigkeit, wie wenn nun mal ein Pflichtprogramm abgespult werden müssen, um zur Kür kommen zu dürfen. Am offensichtlichsten wird das in einer Szene kurz vor Schluss, als Mafuyu Ken ihre Liebe gesteht – und keiner so recht weiß, was damit jetzt anzufangen ist. Bei aller Koketterie und Anzüglichkeit gehörte das schlicht nicht zum Spiel; was der beste Beweis ist, dass Seitokai no Ichizon insgeheim doch andere Motive hat.

Immer wieder drosselt die Serie drastisch ihr Tempo und schlüpft in eine neue Rolle, weg von der notorischen Fanservice-Parade für speckige Otakus, hin zu – in ihrem Rahmen – erstaunlich einfühlsamen dramatischen Passagen. Auf die ein oder andere Weise haben alle Hauptfiguren ihre eigenen Ängste auszustehen. Minatsu und Mafuyu etwa werden bald wegziehen müssen, und Ken hat in der Vergangenheit viele Menschen verletzt.

In diesen Sequenzen, in denen das Licht weicher fällt und alles ganz neu illuminiert, spielt das Animationsstudio seine ganze Erfahrung aus. DEEN mag animatorisch oft nur allzu magere Kost liefern, zuletzt etwa bei Umineko no Naku Koro ni unter Beweis gestellt (und bei Unlimited Blade Works neulich wiederlegt?), aber dass dort so einige routinierte und fähige Erzähler arbeiten, daran kann kein Zweifel sein; Takuya Satos Regie zum Beispiel merkt man an, dass er einige Folgen von Kino no Tabi gestoryboardet hat und für NieA_7 verantwortlich war.

Das macht Seitokai no Ichizon sicher nicht zu einer Offenbarung, aber DEENs völlige Beherrschung des Handwerkszeugs zeigt einige Seiten, die unerwartet sind und schlicht  zünden – nicht zuletzt, weil sie einfach sehr gut funktionieren. Die tragischeren Hintergründe werden den Charakteren nicht nur untergeschoben, sondern erweitern sie kompetent und glaubhaft um einige Facetten. Wenn man sieht, wie Ken die Verantwortung dafür übernimmt, in der Vergangenheit Herzen gebrochen zu haben, oder Chizuru an den Nachwehen einer zerbrochenen, missverstandenen Freundschaft leidet, dann nimmt man das nicht nur hin, man empfindet auch Mitleid und Sympathie.

Die Macher haben es geschafft, Seitokai no Ichizon, einem vordergründig wirkenden, aufgesexten Harem-Anime, einen narrativ und empathischen Unterbau zu verleihen, der mehr als nur solide ist. Nach und nach wird die anfangs verborgene, grundlegende erzählerische Konstruktion aufgedeckt, in der jedes der vier Mädchen für eine Jahreszeit steht und für eine Lehre, die Ken für sein Leben zieht. Das ist nicht nur erstaunlich sauber formal aufgezogen, sondern bereichert die Story und vor allem ihre Charaktere ungemein.

Nicht falsch verstehen: Seitokai no Ichizon ist – nach wie vor – keine Offenbarung. Auf viele Szenen hätte ich gerne verzichten können, auch wenn der Anime, wie überhaupt Timing und Pointen ziemlich gut gesetzt sind, seine eigenen Klischees mit einer angenehm parodistischen Note untergräbt. Und DEEN mag erzählen können, viele andere Anime sehen aber deutlich besser aus. Wenn meine Kritik so positiv erscheint, dann liegt das vor allem daran, womit ich Seitokai no Ichizon vergleiche; in seiner Klasse ist der Anime eine angenehme Erscheinung, für wesentlich höhere Weihen reicht es trotzdem nicht.

Doch die positiven Überraschungen, die meine Erwartungen übertreffen und mit Geschick und Können aus ihren Möglichkeiten das Beste machen, sind mir trotzdem lieb. Seitokai no Ichizon ist eine ungemein sympathische Angelegenheit, übrigens auch dank der unverbrauchten Synchronsprecherinnen, die mir mit ihren Qualitäten, angesichts vergleichbarer Anime, doch ziemlich Respekt abgerungen hat. Hab ich aber gern gegeben. 7/10

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