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Retrospektive 2009: Die Fetzen

2010-03-01

Zwei Monate des neuen Jahres sind um, die Frühjahrs-Season steht schon vor der Tür, und ich hänge noch im alten Jahr fest.

Naja, nicht wirklich. Eigentlich gar nicht.

Erinnerungen werden blasser. Was bleibt, sind Fetzen. Die vielen kleinen unvergesslichen Dinge, die als Randnotizen mit Ausrufezeichen in meinen Protokollen landen (ich bin ein Pedant und führe tatsächlich Protokolle). Das sind manchmal zentrale Dreh- und Wendepunkte, manchmal auch bloß Charaktere oder Momente oder Beobachtungen, die teils sonstwo keinen Platz hatten. Dinge, die so oder so einen Anime für mich prägten, und in der Summe das Jahr 2009 ausmachten. Weniger die technischen Aspekte – die eine eigene Betrachtung verdienen würden, was aber anderswo in besseren Händen ist -, mehr diese ungefähren Eindrücke. Es folgt ein Patchwork dieser Dinge, ohne besondere Reihenfolge, um endlich mal einen Deckel auf dieses Jahr zu machen; 2010 verdient eigene Aufmerksamkeit.

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Michiko to Hatchin #20: Rendezvous Massacre

Michiko fährt der Sonne entgegen. Sie hat einen Polizeikäfer gestohlen und rast die Straße herunter, der Sonne entlang, wie wenn sie sie nicht untergehen sehen will. Etwas steht ihr auf dem Weg zum Grande Finale entgegen: eine Straßensperre der Polizei, die mit ihren Autos die Straße verbarrikadiert hat. Dann aber röhrt der Soundtrack los, mais alto, höher, höher schneller weiter, ein dreckig röhrender, treibender Gitarrentrack, Michiko rammt ihren zerschundenen Käfer im Kugelhagel in die Karren, pedal to the metal, ein Himmelfahrtskommando; dann ist sie durch und fährt weiter der Sonne entgegen.

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Denpa teki na Kanojo / Ame

Ame, das Mädchen mit dem zauberhaften Namen, ist der festen Überzeugung, Juus Leibgardistin zu sein. Sie küsst seine Füße. Sie verfolgt ihn, bis in sein eigenes Zimmer. Und sie räumt mit ihrem Elektroschocker ab, was sich in Juus Weg stellt. Man weiß nie ganz genau, wie ernst sie es tatsächlich meint; ist sie nur introvertiert und eigenwillig oder tatsächlich psychisch gestört? Eine gefährliche, kaputte Persönlichkeit, nur allzu vertraut mit den Schattenseiten der modernen Jugend, oder ein hoffnungslos verkopftes, aber unter all der verbauten, vertrackten Oberfläche doch eigentlich ein einfaches (und wunderschönes) Mädchen? Die Antwort lautet: beides, und jeweils zur richtigen Zeit. Sicher nicht die beste und stärkste Frauenrolle des Jahres, aber eine der reizendsten, die den etwas verspulten Charme dieses Anime großartig transportiert.

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Tokyo Magnitude 8.0 #8: Pure White Morning

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Die achte Episode von Tokyo Magnitude 8.0 war eine der am brillantesten inszenierten des vergangenen Jahres. Das zuständige Personal für die Episode – Hideyo Yamamoto als Autor, Hajime Yabana und Shinobu Sasaki als Regisseure – hat dabei bemerkenswert wenige eindrucksvolle Referenzen, Yabana gar hat als einzige seine Key Animation für Haibane Renmei vorzuweisen. Und doch sieht man der Episode jederzeit an, dass sie von vornherein im Kern stehen sollte, dass alles bis dato auf sie zulief und alles ab dato von ihr wieder ausging. Das Herz dieser Geschichte, brillant inszeniert in seinem fiebertraumhaften, labyrinthischen Schnitt, seiner furchteinflößenden Leere und drückenden Vorahnung. Wäre der Anime nur stets so gut gewesen…

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Haruhi 2009 #19 / Ending Endless Eight

Viele Geschichten haben, narratologisch, ein großes Problem: sie müssen enden. Dahinter steckt literaturwissenschaftlich ein ziemlicher Rattenschwanz, aber im Grunde genommen sind Geschichten zum Erzählen da, und das Ende steht dem ja irgendwie entgegen. Kein Wunder, dass viele Enden unbefriedigend sind (was gar nicht mal so sehr auf japanische Enden bezogen ist, die kriegen völlig unverdient so viel Flak ab). Endless Eight hatte da einen entscheidenden Vorteil: nicht der Weg war das Ziel, denn der Weg war ja endlos, sondern das Ende. Umso befriedigender, wuchtiger, bedeutungsvoller, als Kyon dann endlich den entscheidenden Geistesblitz hatte, die Musik jubilierte, Haruhi explodierte, und Endless Eight endete. Prima.

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Chrome Shelled Regios / Post Apocalypse Disneyland

Chrome Shelled Regios war ein hoffnungslos verklausuliertes, konfuses, zerfahrenes Stück irgendwas. Machte sich nicht einmal mehr die Mühe, eine Art Stringenz zu bewahren oder auch nur einen Großteil dessen, was da vor sich ging, auch nur im Ansatz zu erklären. Das wurde nirgendwo deutlicher als in den letzten paar Episoden, in denen der Cast glatt verdoppelt wurde. Und irgendwann, zwischendrin, fällt Nina vom Himmel herab und Leyfon fliegt ihr entgegen, einen innige Umarmung, und im Hintergrund sehen wir Disneys Dornröschenschloss. Häh? Wie bitte? Ach du Scheiße. Beeindruckend in all seiner völligen, restlosen Whatthefuckhafthigkeit.

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Eve no Jikan / Sammy

Eve no Jikan bedient sich eines klassischen Motivs der Roboter-Science-Fiction: des künstlichen Wesens, das nicht nur denken, sondern auch fühlen kann. Die Empathie gelingt umso besser, je sympathischer der Roboter ist. Sammy ist in dieser Hinsicht wunderhübsch gelungen. Das nicht nur, weil sie so attraktiv gezeichnet ist mit ihren bezaubernden kurzen Pferdeschwanz (beste Frisur wo gibt!) und dem waidwunden Blick, sondern weil sie sich so naiv-bekümmert und ängstlich in die Welt der Menschen hineinwagt – während sie zugleich unausgesprochen darunter leidet, als bloße Puppe oder eben als unempfindlicher Roboter wahrgenommen zu werden. Durch ihre Augen wird erst klar, was für eine Oase dieses kleine Cafe sein muss. Und ah, was für Augen!

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K-ON! #13 / Einer dieser Tage

Wenn man einen Anime eigentlich nur für seine atypischsten Momente schätzt, dann spricht das nicht unbedingt für ihn. Nun ist es halt so, dass die eigentlich feine Arbeit der Animatoren und Schreiber von Kyo für K-ON! nur sehr, sehr selten abgefragt wird. Die letzte Episode aber ließ ihnen jede Menge Luft, und die nutzten sie. Anstelle der üblichen banal-klamaukigen, arg berechnenden, aber inhaltsarmen sonstigen Geschichtchen setzte es eine unerwartet clever geschriebene, in sich schlüssige und fast schon grüblerische Episode, dutzendmal besser als die gewohnte Chose. Highlight: Ritsus bange Introspektive, weil sie sich erstmals auch als Mädchen wahrnimmt. Und aus dem rotzfrechen Kasper wird auf einmal ein echter Charakter.

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White Album / Die Sache mit Yayoi Shinozuka

Von den vielen komplizierten, zumeist nur allzu menschlichen Beziehungen, die White Album durchziehen, bleibt mir die Figur der Yayoi Shinozuka am deutlichsten in Erinnerung. Yayoi legt ihren Beruf als Managerin des aufstrebenden Idols Yuki kompromiss- und skrupellos aus. Was Yukis Aufstieg im Weg stehen könnte, wird ausgeräumt. Und wenn’s auch Yukis Freund ist, und wenn’s auch mit ihrem Körper sein muss. Yayoi ist hier eine ruchlose Verführerin, von Romi Paku mit knisternder, eiskalter Laszivität und Erotik gesprochen, die sich nur sehr selten aus der Fassung zeigt und nur in einem einzigen Moment, in einer kurzen Einstellung, erregt. Doch das reicht, um mit knappen Andeutungen anzudeuten, wie viel mehr hinter ihrer Fassade steckt, dass sie in der Verführung Touyas zugleich Trost und Schutz und Anerkennung sucht. Ein schönes Sinnbild für das, was unter der Oberfläche von White Album brodelt.

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Zoku Natsume Yuujinchou #7 / Blind

Natsume Yuujinchou ist ein Balanceakt, ein Tanz auf dem Drahtseil, stets in Gefahr, in die Düsternis zu stürzen. Doch je näher man ihr ist, desto süßer schmeckt die Erkenntnis, dass es noch nicht so weit ist, jetzt noch nicht. Auch wenn sich ein bitterer, melancholischer Geschmack beimischt. Episode 6 der zweiten Staffel ließ Natsume und Taki, eine neue Freundin, auf einen furchteinflößenden youkai stoßen; sein Fluch traf Natsume, der in der folgenden Episode seinerseits keine youkai mehr sehen konnte. Nyanko-sensei nahm seine ursprüngliche Form als Madara an, plusterte sich, füllte den ganzen Raum, und doch saß Natsume stumm daneben und sah ihn nicht. Irgendwann ebbte der Fluch wieder ab, Natsume gewann seine Fähigkeit zurück, kehrte in seine gewohnte Welt zurück. Aber diese kurze Zeit war eine schmerzhafte Erinnerung: genieß deine Zeit. Irgendwann stürzt auch du vom Drahtseil.

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CANAAN #1: Crimson Shanghai

Ein offenes Geheimnis: letzte und erste Episoden haben ein dickeres Budget als alle anderen. Erste Episoden müssen den ganzen Anime verkaufen, einerseits dem potentiellen Zuschauer, andererseits aber auch ganz buchstäblich dem späteren Käufer, ob demjenigen der DVDs oder demjenigen der Fernseh- und Vertriebsrechte. Wenn das aber zu so prächtig  inszenierten Sequenzen wie im Auftakt zu CANAAN führt, werde ich der letzte sein, der sich darüber beschwert. Canaans Gefecht inmitten des Shanghaier Neujahrsumzugs und Alphards Befreiungsaktion in Pakistan waren zwei der am spektakulärsten animierten Stücke Anime des Jahres 2009, geschmeidig und dynamisch. CANAAN mag an ein paar anderen Dingen gekrankt haben, aber allein für diese Szenen hat es sich gelohnt.

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Bakemonogatari / Zuckerbrot

Hitagi Senjougahara operiert mit zweierlei, mit Zuckerbrot und Peitsche. Vor allem aber mit der Peitsche. Sie kann fies, giftig und gemein sein, Araragi mit Verachtung und Spitzen traktieren, knallhart offenbaren und schonungslos aufdecken. Ganz, ganz selten mal, in der ihr eigenen Mischung aus ehrlicher Empfindung und eiskaltem Kalkül, gibt sie Araragi aber doch ein kleines Stückchen Zuckerbrot. Ein kleines, bescheidenes Lächeln. Völlig unerwartet und nur sehr, sehr selten, sehr spärlich eingesetzt, und daher so schön anzuschauen. Irgendwie leidet man schließlich mit Araragi.

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Rebuild of Evangelion 2.0: You Can (Not) Advance / Carnage

Im Rip wie im Kino: bombastischere, eindrucksvollere, gegen Ende sogar visuell überwältigendere Action-Sequenzen hat kein anderer Anime zu bieten. Sicher, ich gebe es gerne zu: in der Serie gelang die Ausnuancierung der Charaktere besser, ihr Psychogramme sind vielschichtiger und komplexer. Das kann der Film nicht leisten, nicht aus praktischen Gründen – der Dauer -, aber auch nicht, weil er es gar nicht will. Was er aber kann und will: seine ganze Wucht in die Waagschale zu werfen. Und wie. Wenn Shiro Sagisu seine epochalen, orchestrierten und choralen Stücke loslässt, Carnage, The Decision We All Must Take, In My Spirit, und Anno umso unvergesslichere Bilder an die Wand wirft, je weiter der Film voranschreitet, dann ist das sicher anders als Neon Genesis Evangelion damals, aber immer noch viel zu verdammt gut, um es mit gutem Gewissen „schlechter“ zu nennen.

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Darker than Black: Ryuusei no Gemini / UNTZ und so.

Es ist schon seltsam; während der Ausstrahlung der zweiten Staffel vermisste man Yôko Kannos Soundtrack zur ersten sehr. Der reichte zwar auch nicht an ihre Großtaten wie Cowboy Bebop heran, aber selbst ein routiniert runtergespielter Score von ihr kann immer noch fast jeden Anime aufwerten. Die musikalische Untermalung von Ryuusei no Gemini funktionierte kaum mal; hört man die Tracks für sich, stellt man aber fest, dass die meisten überraschend gut sind. Keine Ahnung, wie die Musikregie das verbocken konnte und die Songs bis auf ganz wenige Ausnahmen in der Serie überhaupt nicht zündeten. Eine der ganz wenigen Ausnahmen war Savage Dog Cerberus, eine für Anime-Verhältnisse fies pumpende Elektrogranate, die Heis nachdrückliche (hust) Auftritte gebührend in Szene setzte.

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Clannad After Story / Small Palms

Die zweite Staffel des notorisch gefühlsduseligen, aber verdammt effektiv und gekonnt gespielten Dramas Clannad begann arg unrund. Es galt, noch ein paar Storylines aus der VN zu verarbeiten, die zudem nicht allzu spannend angelegt waren. In der zweiten Hälfte nahm der Anime aber an Fahrt auf und kulminierte in einer vernichtenden Schlussstrecke von den Episoden 16 bis 21. Diese sechs Episoden reihen erschütternde und tröstende Momente in einer solchen Frequenz und Qualität aneinander, dass man am Ende gar nicht mehr weiß, wohin man mit sich soll. Das schönste visuelle Motiv dafür sind die zwei Umarmungen, in Episode 18, als Touya seine Entfremdung zu seiner Tochter Ushio ablegt, dann in Episode 21, als Ushio in seinen Armen… ah.

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Phantom ~Requiem for the Phantom~ #26: Elen

In vielerlei Hinsicht war Phantom nicht sonderlich zufriedenstellend. Überwiegend solide, stellenweise auch mal ganz gut, aber dem Anime mangelte es an Unbedingtheit, weswegen er oft genug hohl drehte und seine eigenen Motive nicht bis zum Ende verfolgte. Was aber nicht für die letzte Episode gilt. Reiji und Elen wanden sich ein letztes Mal aus den Krallen des Syndikats, spürten Elens Herkunft nach, und endlich erreichten sie ihre Heimat, gleich einem Paradies – nur, um dann doch zu sterben. Die Konsequenz, mit der hier die Tatsache des Sündenfalls und der Verstrickung in das Verbrechen ausdekliniert wird, indem die beiden Mörder Reiji und Elen letztlich niemals ihrer Verantwortung entrinnen werden, ist durchaus respektabel. Es ist nun mal kein Platz mehr für sie auf dieser Welt. Reiji lässt sich erschießen, Elen vergiftet sich. Selbst auf die sich anbietende Romeo & Julia-Metaphorik verzichtet man. Respektabel, wirklich.

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Aoi Bungaku # / K für Kokoro

Schon zuvor war klar, dass Aoi Bungaku etwas ganz besonderes war. Bis dahin überwog allerdings eher ein Gefühl von Bewunderung. Die zweite Hälfte der Doppelepisode Kokoro, die der Adaption von Natsume Sousekis Geschichte in der ersten Hälfte einen Perspektivwechsel entgegensetzte, packte mich aber im Innersten. Auch wenn ich’s meinem Review vorwegnehme: am Ende dieses meisterhaft erzählten und animierten Stückes, in dem visuelle Motive von Kälte und Wärme brillant ineinander verwoben werden, steht da K, ein Bär von einem Mann, emotional unbeholfen und zwischenmenschlich unbedarft, erschüttert von einer kleinen Geste der Zuneigung und in Tränen aufgelöst, zur einen Hälfte aus Freude, zur anderen aus tiefster Trauer. Und man empfindet alles mit. Einer der stärksten Momente, die ich jemals in einem Anime sehen durfte.

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Sonderpreis OP/ED: Bakemonogatari

Ein Großprojekt wie Bakemonogatari muss auch in den Details besondere Leistungen bringen. Deswegen hatte der Anime etwa nicht nur einen, sondern fünf individuelle Vorspänne, einen für jedes Mädchen, das für die Dauer ihrer Arc im Fokus stand. Manche davon sind musikalisch mehr, manche weniger gelungen; Miyuki Sawashiros OP passt sich qualitativ an ihre sowieso eher mäßig spannende Rolle an, und Kana Hanazawas saccharinsüßer Song sowie Emiri Katous quietschbunt-gniedelnder Elektrostampfer mögen teils ganz nett geraten sein, wenn auch total übersteuert. Aber Chiwa Saitos Staple Stable war ein lupenreiner, feiner Popsong, und dass Yui Hories Version gar ihre jüngsten Peinlichkeiten vergessen lässt, verdient Sonderlob. Wenig heimliches Highlight bei allen Beiträgen ist aber klar die optische Note, denn Shafts visueller Einfallsreichtum mag in so einigen ihrer Anime bloß atmosphärisches Störrauschen sein, passt in den teils völlig verschiedenen Songs aber wie die Faust aufs Auge.

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Sonderpreis: lim(Qualität des Anime/Qualität des EDs) –> ∞

Oder: Wenn der Abspann im Vergleich des Anime mal sowas von mies ist. Dabei könnte man das ED selber noch als einen dieser üblichen belanglosen, banalen, in elektronischen Fitzeleien verpackten Plastikpopsong einfach ignorieren, wie man es bei Anime doch eigentlich gewohnt ist. Wenn aber nach wirklich tragischen, ergreifenden Szenen plötzlich dieser völlig zusammenhanglose, unsensible Kram abgefeuert wird, dann lernt man ihn hassen. Und muss sich wirklich anstrengen, um ihn zum Wohle des Anime zu verdrängen.

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Sonderpreis: lim(Qualität des Charakters/Qualität des Anime) –>

Im Herbst und Winter 2008 kamen bei mir zwei im Einzelnen harmlose, in Kombination tödliche Dinge zusammen: zu viel Zeit, und die Lust am Trash. Wenn ich Trash sehen will, there but for the grace of God, aber nicht viel Zeit habe, dann gönne ich mir ein, zwei Episoden eines miserablen Anime und lasse ihn schneller fallen als die FDP die soziale Gerechtigkeit. So aber habe ich mir tatsächlich alle 25 Episoden von Toradora reingewürgt, und mich mehr als nur einmal selber in Frage gestellt. Mittlerweile ist alle Evidenz vernichtet, einzig zweierlei legt noch Zeugnis dieses grausamen Irrtums ab: die 3,0/10 in meinem Protokoll, und die Erinnerung daran, dass der Anime immerhin einen tauglichen Charakter hatte. Ami war eine unerträglich arrogante, selbstgerechte, gemeine Zicke mit den obligatorisch braven, sympathischen, jungmädchenhaft-zaghaften Träumen, die sich am Ende nicht erfüllten. Was keine dezidiert herausragende Charakterisierung darstellt, im Kontext von Toradora aber scheint wie Westerwelles Colgategrinsen bei der genüsslichen Sabotage der gesamtgesellschaftlichen Solidarität.

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Sonderpreis: Mai Waifu

– was insofern nicht stimmt, als dass ich nichts mit Waifus anfangen kann. Den psychosozialen Impetus dahinter kann ich völlig nachvollziehen, wenn auch nur bedingt nachfühlen. Die Wahrscheinlichkeit, in Animecharakteren eine Kombination der von einem selber positiv konnotierten Eigenschaften und Charakterzügen zu entdecken, ist nun mal höher als in der echten Welt. Zündete nur eben nie bei mir. Was aber nicht heißt, dass ich mich völlig dagegen wehren kann, wenn ein gut ausgestalteter Charakter meinen Nerv trifft und an meine basalen männlichen Instinkte appelliert (und damit meine ich nicht Sex). Ame, die kanojo aus Denpa teki na Kanojo, von der schon weiter oben die Rede war, ist so ein Fall, aus den schon weiter oben genannten Gründen. Ihr Gesicht verbirgt sich unter ihrem Pony, ihre Persönlichkeit hinter ihrem schwer zugänglichen Charakter. Wer aber wie Juu (und mit ihm der Zuschauer) die Gelegenheit bekommt, hinter die Fassade der sozial gestörten Außenseiterin zu blicken, entdeckt ein – Achtung, Beschützerkomplex – naives, verletztliches, gar nicht mal so kompliziertes Mädchen. Im Jahr 2009 gab es sicherlich auch stärkere Frauenfiguren, die energiegeladene Michiko, die raffinierte Horo, die zynische Hitagi Senjougahara, aber Ame ist nun mal die liebenswerteste.

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