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Mangarama: Yuki Urushibara – Waters

2010-03-12

Erinnert sich noch jemand daran, als die Redaktion des Duden versucht hat ein Wort zu finden, dass die Sattheit nach dem Trinken beschreibt? Also, das für das Trinken sein sollte, was „satt“ für das Essen ist. „sitt“ wurde es am Ende, eine wenig ästhetische Lösung, die bald auch unterging und nie mehr gesehen ward. Die Aktion hatte eh zu viel von dieser typisch deutschen, ungelenken Attitüde, Lockerheit und Kreativität zwangszurekrutieren, aber lassen wir das. Auch wenn die Aktion von vorne bis hinten krumm konzipiert war und am Ende scheiterte, irgendwo kann ich die ganz ursprüngliche Intention, die da mal vielleicht war, gut nachfühlen: ein Wort zu haben, das diesen einzigartigen Zustand beschreibt.

Beim Lesen der ersten vier Kapitel von Waters, dem neuen Manga der Mushishi-Schöpferin Yuki Urushibara, kam mir das Wort urplötzlich wieder ins Bewusstsein. Trockenheit, Dürre, Hitze – jeder kennt das, und jeder weiß, wie belebend es dann sein kann, etwas zu trinken, irgendetwas, oder gar ganz ins Wasser zu tauchen. Ein tiefes, erfüllendes, lebendiges Gefühl, das Urushibara perfekt in ihrem Manga vermittelt und eines der vielen Motive des Wassers, das sie für ihre Geschichte nutzt.

Dabei lässt sich bislang noch kein Hauptstrang der Erzählung ausmachen; Waters beginnt mit dem Mädchen Chinami, das sich – unter der brütenden Sonne des von einem Dürresommer gebeutelten Japan – überanstrengt und kurz ohnmächtig wird. In ihrem Traum erwacht sie in einer wunderschönen Landschaft, über der ständig ein feiner Regen liegt, an einem Fluss nahe eines Dorfes. Sie erwacht, aber kaum fällt sie wieder in den Schlaf, findet sie sich wieder in dem Dorf wieder, in dem nur der junge Sumio und sein erstaunlich gealterter Vater leben. Doch kaum stellt man sich darauf ein, Chinami folgen zu können, wechselt der Manga die Perspektive und erzählt erst die Geschichte ihrer Großmutter, dann die des Sohnes ihrer Großmutter – Sumio…

Waters ist viel fassbarer, als der leicht esoterisch anmutende Auftakt glauben lässt, weil er sich nicht in seine Traumwelt verzettelt, sondern der Geschichte einer Familie folgt. Zugleich macht ihn genau das aber auch so magisch. Urushibara spielt natürlich mit dem altbekannten Motiv der Natürlichkeit, beschwört – in wunderschön malerischen, in sich ruhenden Bildern – eine Naturidylle rund um den Fluss herauf, an deren Ufern die Menschen zufrieden und glücklich lebten – zusätzlich aufgeladen durch das mythologische Element der Drachengöttin des Wasserfalls, auf deren Linie Chinamis Familie zurückgeht.

Und Urushibara macht das gut, wahnsinnig gut. Ich mag ihren weichen Strich, der ihre Landschaften so träumerisch, zugleich aber auch realistisch erscheinen lässt – ebenso wie ihre bescheidenen, lebensnahen Charaktere. Dass sie für die unprätentiöse Verheiratung des Magischen mit dem Alltäglichen ein Händchen hat, nicht eine naheliegende sensationalistisch-knallige Darstellung wählt, sondern eine ruhige, dafür umso glaubwürdigere, ist ein Segen für Waters.

Ich gebe es gerne zu, ich habe eine große Schwäche für diese Art von Geschichten, sei es in Manga oder anderswo. Ich mag es sehr gerne, wenn man dem Leben plötzlich Spuren von etwas Größerem abgewinnt, und Yuki Urushibara kann das hervorragend. Sie stellt nicht etwa nur einen Charakter in den Vordergrund, sondern mehrere – Chinami, ihre Großmutter, deren Sohn, bald wohl auch Chinamis Mutter und deren Vater. Und doch ist Waters mehr als ein reines Familienporträt, weil die Familie auch eng, sehr eng verbunden ist mit dem (untergegangenen) Dorf, seinem Fluss und Wasserfall. Deswegen erzählt der Manga vom Leben der Menschen am Fluss, ganz buchstäblich und im engsten Sinne der Worte, schöpft aus der Magie der Natur, um ihren Zeichnungen und Charakteren Leben einzuhauchen, und lässt über ihre zutiefst sympathischen Charaktere beim Leser das selbe Gefühl entstehen.

Ich freue mich sehr auf die nächsten Kapitel. Waters erscheint monatlich, der gute Hox kümmert sich um Scanlations.

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2 Kommentare leave one →
  1. 2011-07-19 15:06

    Ein sehr gutes Review. Falls das Interesse wegen fehlenden Updates verloren ging, es sind nun alle Kapitel veröffentlicht worden und bei Hox zu finden. Die Handlung und die Figuren wurden ebenso ruhig und verträumt nahegebracht, wie in den vorherigen Kapiteln und ich hoffe, dass es auch einen offiziellen Release geben wird.

    Hox + Waters + Google + Blogspot dürfte zum Ziel führen.

  2. escapistolero permalink*
    2011-08-02 12:10

    Mhhhh, nene, das Interesse ging nicht verloren. Ich lag Hox eh regelmäßig damit in den Ohren, den Manga ja nicht zu vergessen (was er natürlich gar nicht tun wollte, er hat nur darauf gewartet, alle Kapitel in bester Qualität in einem Rutsch zu übersetzen). Leider hatte ich trotzdem noch keine Zeit, den Manga zu lesen… :-/

    Ein offizieller Release wäre natürlich traumhaft. Die deutschen Verlage bringen ja immer mal wieder kleinere Sachen raus, vielleicht wandert ja auch mal Waters auf die Weise in mein Regal.

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