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Review: Umi Monogatari

2010-03-24

Schon über ein halbes Jahr zuvor habe ich mir Gedanken gemacht, wieso ich Umi Monogatari eigentlich schaue. Da war die Serie noch keine paar Episoden alt, einige der Mechanismen sowie die Auflösung und der Hintergrund der Geschichte konnten mir noch nicht bekannt sein – aber die Antworten, die ich damals gefunden habe, waren für mich solide genug, um mich die Serie beenden zu lassen. Rückblickend bin ich dankbar, dass ich mich dazu durchgerungen habe. Die Qualitäten waren zwar offensichtlich; das angenehm stark farbige, trotzdem nicht übertriebene, sondern stimmige Design; die gekonnte Regie, die viel aus der Geschichte herauskitzeln konnte; und natürlich die Musik, die Umi Monogatari eine eigene, reizende Stimmung verlieh. Die Kritikpunkte waren aber ebenso offensichtlich. Die Frage ist nur, welcher Eindruck am Ende überwiegen sollte.

Marin, eine Meerjungfrau, drängt es in ihrer unbändigen Neugier auf eine nahegelegene Insel, zu den Himmelsmenschen. Sie und ihre zögerliche jüngere Schwester Urin streifen sich Ringe über, mit denen sie über Wasser atmen können, und erkunden die Insel – ein beliebtes Touristenziel, wohl irgendeine der zahlreichen Ryuukyuu-Inseln. Sie treffen dort auf die grantige Kanon, die viel Groll hegt – gegen ihren Freund, mit dem sie sich zerstritten hat, ihre Mutter, die sie für einen blöden Nebenjob für die Touris verknackt hat, gegen ihre zickige Freundin. Der völlige Gegenentwurf zur stets strahlend gut aufgelegten Marin.

Allerdings ziehen bald, buchstäblich, dunkle Wolken über dem Inselparadies auf. Aus Versehen befreit Urin den Geist Sedonas, der auf der Insel versiegelt war. Sedona ist darauf aus, die Menschen in Verzweiflung zu stürzen, indem sie ihre innersten, verdrängten bösen Gefühle zum Vorschein bringt. Marin und Kanon jedoch sind keine gewöhnlichen Mädchen, in ihnen schlummern nämlich die Kräfte der Meeresjungfrau und der Himmelsjungfrau, so dass sie die ersten Angriffe Sedonas abwehren können. Doch dann schlüpft Sedona selber in eine Seele – und zwar ausgerechnet in diejenige Urins, die eifersüchtig und verletzt ist, weil Marin sich so gut mit Kanon versteht.

Wenn der Abriss der Geschichte nun nicht unbedingt begeistert, dann… naja, mich begeistert er auch nicht. Das Gerüst des Plots ist simpel und greift auf die grundlegendste aller Konventionen zurück: den Kampf des Guten gegen das Böse, die letztlich zwei Seiten einer Medaille sind, die man – was Wunder – derart ausgedrückt vor allem in der menschlichen Natur wiederfindet. Das ist mehr oder weniger einiger der ältesten und bekanntesten Basisplots, der zwar durchaus eine große inhärente Macht hat – der Gedanke selber ist kraftvoll und wohl auch wahr -, aber auch auf Grund seiner Überschaubarkeit schon furchtbar oft abgerufen und bearbeitet worden ist.

Das alleine muss noch kein KO-Kriterium sein. Aber die Messlatte, mit erzählerischer Klasse aus diesem eigentlich schon völlig geplünderten Fundus noch eine überzeugende Geschichte zu basteln, liegt trotzdem hoch. Und Umi Monogatari reißt sie. Das zu erwarten wäre vielleicht auch vermessen gewesen, aber die Story von Umi Monogatari klammert sich doch recht stark an die basale Dychotomie des Guten und des Bösen und erlaubt nur manchmal Ambiguitäten.

Allerdings muss man einräumen, dass Umi Monogatari doch immer noch recht viel aus seiner etwas einfachen Konzeption rausholt. Wenn schon nicht bahnbrechend originell, sind gut und böse doch immerhin ebenso konsequent wie ästhetisch ansprechend übersetzt. Überall finden sich kleine und große Gegensätzlichkeiten, etwa Marins Optimismus und Weltverliebtheit und Reinheit im Gegensatz zu Kanons Pessimismus, Enttäuschung und Frust. Am interessantesten wird es dann, wenn die Janusköpfigkeit von gut und böse in der gleichen Gestalt verkörpert wird. Urins innerer Konflikt wäre da etwa zu nennen, in dem Vertrauen und Missgunst einander bekämpfen, oder die Figur der Oshima, einer Freundin Kanons – eigentlich eine furchtbar aufgeblasene Zicke, zugleich aber auch ehrlich und vernunftbegabt.

Das ist dann schon mal soweit okay, eine recht solide Leistung und ein belastbarer Untergrund für die darauf aufbauende, leider auch oft ins Banale abdriftende Handlung, but nothing to write home about. An dieser Stelle kommen dann Ken Muramatsu, Junichi Sato und Shichiro Kobayashi ins Spiel. Muramatsus Score ist schlichtweg grandios, um mich kurz zu fassen. Mein Lieblingssoundtrack 2009. Eine sehr geerdete, unprätentiöse Sammlung an Stücken für Piano und andere westliche und japanische Instrumente, sorgsam ausgewählt und aufeinander abgestimmt, ein Füllhorn an Eindrücken und Gefühlen, das Umi Monogatari ganz enorm aufwertet und der – sicher nicht sehr umhauend guten – Geschichte Leben einhaucht.

Dass Sato ein guter Regisseur ist, hat er ebenfalls mehrfach unter Beweis gestellt, so etwa bei der fantastisch eskapistischen Aria-Reihe. Nun ist Umi Monogatari mit seiner Vorlage – ein Pachinko-Automat… (!) – nicht der dankbarste aller Stoffe, und mit all seinem penetranten Fanservice, moetastischen Allgemeinplätzen und saccharinsüßen Knutschern und Knuddlern nachgerade abschreckend. Aber Sato macht wirklich das Beste daraus, bringt viele kleine Charakteristika ein (der Streit zwischen Oshima und Kanon war unglaublich spaßig) und malt die Charaktere, soweit sie das nun mal hergeben, lebhaft und mit viel Detailverliebtheit und Ironie aus, was in den vielen Schnuten und Reaktionen am deutlichsten wird.

Nicht zuletzt setzte Kobayashi, der zuletzt auch Aoi Hana oder Nodame Cantabile einen wunderschön zarten Aquarellstrich verpasste, aber auch etwa das bemerkenswerte Design des Schlosses von Cagliostro schuf, Umi Monogatari in einem beeindruckend ästhetischen Stil um – sowohl in der Farbwahl, die sich kräftige, frische und lebendige Töne zutraut, ohne sich dabei zu übernehmen, als auch in den Hintergründen eine Leistung, die mit Muramatsus Kompositionen fein harmoniert. Er hatte wohl ein ähnliches Glück wie die Animatoren vom ausführenden Studio Zexcs – ganz offensichtlich konnten die Macher beim Budget aus dem vollen Schöpfen, wie in der großartig animierten elften Episode zu bestaunen ist.

Das sind allesamt gute Gründe, mit Umi Monogatari seinen Spaß zu haben. Ich vermisse die Zeit, die ich mit den zwölf Folgen verbracht habe, sicher nicht. Ob ich Umi Monogatari weiterempfehlen kann? Bedingt. Bei aller Freude an der Arbeit von Muramatsu, Sato, Kobayashi und all den anderen offenbar sehr begabten und fähigen Kreativen, die hinter dem Anime stehen, bleibt Umi Monogatari im Kern doch nach wie vor eine zwar klasse gemachte, aber unoriginelle Show. Oft wird sie sogar ärgerlich, immer dann, wenn sie sich nur allzu penetrant an das Lolikon-Publikum ranschmeißt; und das macht sie ziemlich oft. Wie gesagt, ich hatte trotzdem meinen Spaß, dazu waren die Musik und die künstlerische Gestaltung einfach zu gut; mehr Spaß wäre aber drin gewesen, wenn sich das nicht nur auf wenige Bereiche des Anime beschränkt hätte. 7/10

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