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Review: White Album

2010-04-07

Immer und immer und immer wieder wurde von Beziehungen zwischen Menschen erzählt. Wohl alle erdenklichen Konstellationen sind irgendwo, irgendwann mal durchgespielt worden. Und mit irgendwo und irgendwann meine ich vor allem die Soap Opera, Hort aller möglichen und unmöglichen Beziehungsklamotten und Zwischenmenschlichkeiten, in der der moderne Mensch lernt, wie das eigentlich so läuft mit den Mitmenschen und was man tun sollte, wenn die Stiefschwester zweiten Grades sich als leiblicher Vater des eigenen Kindes entpuppt (anzünden natürlich, beide, und das gemeinsame In-Lokal auch).

„Overwritten“ sagt man im Englischen, wenn zu etwas zu viel, zu lange geschrieben worden ist, so dass am Ende eine vergorene, ungenießbare Textsoße übrig bleibt (vgl. meine eigenen Texte). So ähnlich geht es mir mit vielen Geschichten, die Beziehungen in den Mittelpunkt stellen und am Ende die ewig gleichen Variationen der ewig gleichen Archetypen aufkochen. Zugegeben, schon wenn ich den Begriff „Archetyp“ wähle, gestehe ich ja ein, dass die Variationsmöglichkeiten endlich sind. Aber muss es immer Eifersucht und Enttäuschung und Vergebung in all ihrer unausnuancierten Völle? Muss es immer diesen unangenehm artifiziellen, affektierten Anstrich einer Vorabendserie im Privatfernsehen haben?

Muss es natürlich nicht. Derlei Stories mögen anfällig sein für Vereinfachungen und Kitsch, wie sie einem in vielen, viel zu vielen anderen Beziehungsgeschichten vorexerziert werden, gerade in Fernseh-Anime, die eher öfter denn seltener der unanstrengenden Unterhaltung dienen. Hindert einen aber trotzdem nicht daran, die richtigen Worte, Einstellungen und Inszenierungen zu wählen, um doch noch eine gute Geschichte über Beziehungen erzählen zu können. Und die Macher von White Album, einem Beziehungsdrama aus dem vergangenen Jahr, wollten das.

White Album ist zunächst die Geschichte Yukis, eines etwas unbedarften Mädchens, dem sich die Gelegenheit eröffnet, ein Idol zu werden. Bei Ogata Productions nimmt Rina sie unter die Fittiche, eine etablierte Größe in der Szene. Rina selber ist eine charmante junge Frau, eloquent, gewandt und aufrichtig. Yuki ist mit Touya zusammen, in ihn verliebt seit der gemeinsamen Schulzeit. In ihm fand das sensible und unschuldige Mädchen eine Schulter zum Anlehnen. Dann lernen Rina und Touya sich kennen, und instinktiv zieht es die erfolgreiche, aber innerlich nie zur Ruhe kommende Rina zu ihm hin.

Als Ausgangsgrundlage dient eine klassische Dreieckskonstellation für ein männliches Publikum: ein Mann zwischen zwei Frauen. Er kann nur gewinnen, so oder so, eine Gespielin wird er abschleppen, wenn auch nach etwas Geheule auf wenigstens zwei der drei Seiten. White Album gibt sich nur damit auf zweierlei Ebenen noch nicht zufrieden. Zum einen reihen sich nach und nach immer mehr Mädchen in die Schlange ein, was das Belohnungsprinzip nicht unbedingt schmälert (und der Qualität der Geschichte nicht unbedingt zuträglich sein muss); am Ende wird eben wieder gewonnen, nur dass die – romantische? sexuelle? – Spannung auf dem Weg dorthin noch höher ist. Simple Gleichung, spricht nicht unbedingt für White Album.

Zum anderen aber, und an dieser Stelle wird es interessant, taxiert der Anime diese Art der Gleichung gar nicht erst. Die Dreiecksbeziehung, die sich eigentlich abzeichnet, entsteht erst gar nicht und wird von Anfang an um mehrere Koordinaten erweitert; um Yukis Managerin Yayoi, Yukis und Touyas gemeinsame Freundinnen aus Schulzeiten und von der Uni, Haruka und Misaki, um Touyas Nachhilfeschülerin Mana, um die mysteriöse Menou und viele weitere Charaktere an der Peripherie: Rinas Bruder und Yukis Produzenten Eiji, den Schulfreund Akira, Touyas Vater.

Obschon es sich eigentlich anbietet, voyeuristisch in die Beziehungen zwischen den Charakteren einzudringen, verzichtet White Album nahezu vollständig darauf. Und dass, obwohl sogar miteinander geschlafen wird. Ganz im Gegenteil, die Regie des Anime zieht sich gewissermaßen weit aus der Geschichte zurück und inszeniert die Irrungen und Wirrungen seiner Figuren nicht ohne Mitgefühl, aber bemerkenswert distanziert und unterkühlt. Viel will über Blicke und Gesten transportiert werden, gesprochen wird zwar, angesprochen aber selten. Diese stark elliptische Erzählweise ist sehr ungewöhnlich für Anime, wie überhaupt die gesamte Inszenierung und Bildsprache echten Dramaserien weitaus näher als der typischen Anime-Ästhetik.

Da schwingt viel Anspruch mit. White Album will eine dezidiert erwachsene Geschichte sein, auch wenn sie in einem Eroge gründet, und greift daher auf als anspruchsvoller verstandene Erzählstrukturen zurück. Als Zuschauer muss man Aufmerksamkeit investieren, weil White Album nicht kommentiert, sondern nur zeigt. Viele Charakteristika der Figuren werden nicht ausartikuliert, sondern nur angedeutet, was sie auf den ersten Blick schwerer greifbarer macht.

Zugleich werden sie damit aber auch realistischer, und ihre Charakterzeichnung dadurch tiefer, weil man am Ende eher das Gefühl hat, sie auch – wortwörtlich – zu „verstehen“, anstatt sich ihre Anlage einfach nur sagen zu lassen. Ich sehe darin auch eine Spur dieses japanischen Blicks für Zwischenräume, wenn White Album viel in der Schwebe lässt; Anrufe, Gespräche, Gefühle, sie alle bleiben ungefähr und undefiniert, sind aber trotzdem da. Man spürt sie, kann sie aber nicht einordnen und hat damit die selbe qualvolle Ungewissheit wie die Charaktere in der Serie. Manchmal werden kurze Satzfragmente aufgeblendet, Gedanken der Charaktere, aber auch diese bleiben passend rätselhaft.

Eines der besten Beispiele dürfte Yayoi sein. Yayoi ist Yukis Managerin und eine zielstrebige, manipulative Karrieristin. Um den Erfolg ihres Schäfchens zu sichern will sie ihr alle Hürden aus dem Weg räumen, und zu diesen zählt sie auch Yukis sprunghaften, unzuverlässigen Freund Touya. Deswegen verführt sie in, was ihr dank ihrer lasziven, sinnlichen Art (großartig transportiert von Romi Park) und Touyas Libido nicht schwer fällt. Doch dann schlafen sie immer wieder miteinander, Touya findet auch wieder zu Yuki zurück, doch Yayoi lässt es zu.

Später findet man heraus, dass Yayoi von einem manischen Stalker verfolgt wird, und sieht in einem kurzen Moment, in dem sie zusammenbricht, dass sie im (kärglichen) Privaten wie im Beruflichen unter ständigem, enormen Druck steht und ihre Affäre mit Touya auch ihrem eigenen, flüchtigen Trost dient. Das alles wird aber nur umrissen, die Szene, in der sie Angst vor ihrem Stalker zeigt ist kurz; das eine Standbild, in der man ihren Gesichtsausdruck beim Sex sieht, das eine völlig andere, erfüllte Yayoi zeigt, dauert keine halbe Sekunde. Dann ist man wieder zurück im Ungefähren, in der man die Fassade der eiskalten, attraktiven Businessfrau im Hosenanzug sieht, aber bei aller Ahnung nie genau sagen kann, was in ihr vorgeht.

Sie ist nicht die einzige, die Touya als Stütze braucht. Ähnlich geht es etwa Misaki, die von ihrem gewalttätigen Ex-Freund verfolgt wird, oder der jungen Mana, die naiv in das Spiel der Großen hineintapst und im Angesicht seiner Brutalität zurückschreckt, oder Haruka, die in Touya die Überwindung ihres Traumas vom Verlust ihres Bruders zu finden sucht. Sie alle finden auf ihre Weisen zu Touya, und bereitwillig spielt Touya seine Spiele mit ihnen. Über Touya musste ich zur Vorentlastung schon schreiben, aber weil es so schön ist, zitiere ich mich selber:

Touya ist untreu, feige, verlogen, sprunghaft, opportun, un- und selbstgerecht, ignorant, selbstsüchtig, unreif, fahrlässig, und vor allem: sich jeder seiner Handlung, mag sie noch so beschissen sein, bewusst.

Touya ist von einer moralischen Warte her kein guter Charakter. Von einer narrativen allerdings schon. Er verkörpert den Kernpunkt von White Album: Menschen sind defekte Wesen und scheitern aneinander. Guter Wille und Aufrichtigkeit wird von Unehrlichkeit und Eigensinn geschlagen. Am Ende steht fast immer die Enttäuschung. Touya springt auf alle Signale an, die sich ihm bieten, und gibt – fatalerweise – fast allen Mädchen, die ihm begegnen, die Hoffnung darauf, dass er ihre inneren Ängste kurieren kann. Er ist nicht wirklich liebenswert, aber in dem einen Moment, in dem er da sein soll, auch da (danach aber nie wieder). Es hat etwas Kompulsives und Pathologisches, wenn er aus reiner Gewohnheit das einsame Mädchen vom Schalter der Unibibliothek abschleppt, sie in ein Restaurant führt, dann mitten im Essen aufsteht und geht und sie enttäuscht und verletzt zurücklässt.

Er ist aber nicht der einzige Charakter, der nicht richtig handelt. Doppelbödigkeiten und Intrigen ziehen sich etwa durch die brutale Idol-Branche, die wohl nicht zufällig zum Setting erkoren wurde (auch wenn es nebenbei natürlich gut Platten verkaufen lässt). Jenseits von Yuki, der einzigen wirklich unschuldigen und grundguten Figur, begehen selbst so sympathische Charaktere wie Rina oder Misaki gravierende Fehler. Rina hintergeht Yuki, wenn auch mit schlechtem Gewissen; Misaki lässt sich auf die Avancen Akiras ein, ohne ihn zu lieben. Im Gegensatz zu Touya aber ziehen fast alle die Konsequenzen aus ihren Fehlern. Sie wachsen, über sich selbst hinaus und über Touya sowieso, der am Ende sieht, wie Yuki, Rina, Misaki, alle sich von ihm zu lösen lernen. Es ist nicht ganz sauber und ganz konsequent, aber: ein Lichtblick.

Natürlich hat auch White Album seine Schwachstellen, nicht zu wenige sogar. Das wenig erfahrene Studio Seven Arcs hat extrem viel Animationsarbeit extern delegiert, was man dem Anime auch ansieht. Zwar hat er eine angenehme Ästhetik mit einer überwiegend sanften, zurückgenommenen Kolorierung, weichen Tönen und wirklich hübsch geratenen Aquarell-Einschüben, doch die Animationsqualität stürzt bisweilen (etwa in Episode 13) bis ins Bodenlose. Auch der kreative Stab hatte eine Vielzahl an Verantwortlichen, ganze 19 Storyboarder und 18 Episodenregisseure, so dass manche Episoden den enigmatischen Stil auch übertreiben und einen eher ratlos zurücklassen – was angesichts der sowieso so verschlungenen Narrative gefährlich ist -, auch wenn  die beiden Hauptregisseure Akira Yoshimura (erste Hälfte) und Taizo Yoshida (zweite Hälfte) meist doch wieder alle Fäden zusammenführen konnten.

Eine große Hilfe ist dem Anime dabei sein fantastischer Soundtrack, geschrieben von Fujima Hitoshi und Fujita Junpei. Zum Glück lassen sie weitgehend die Hände von der Musik der 80er (bis auf Hüsker Dü kam aus der Zeit einfach nicht viel gutes Zeug…) und arbeiten in erster Linie mit zwei größeren kompositorischen Klassen: dem Jazz und der Klassik. White Album hat einige herrlich schöne Streicherquartettpassagen und Pianostücke (Fuyu, Requiem, Misaki) sowie cool runtergespielte, unorthodoxe Jazzklamotten (Seihitsu, Touya~Yakou), die gut harmonieren, den Anime massiv aufwerten und eine Atmosphäre schaffen, in der man ihm seine Geschichte auch abnimmt.

Ich kann gut verstehen, wenn man White Album nicht mag. Im Netz findet man endlose Verrisse, die ich sicher nicht damit erklären will, dass der Anime nicht einfach verstanden worden wäre. Diese lückenhafte Art, eine Geschichte zu erzählen, ist Gefallenssache. Und White Album operiert ja auch nach wie vor in Kategorien, wie sie für Soap Operas und Telenovelas üblich sind, kann und will ich gar nicht in Abrede stellen. A liebt B, B steht mehr auf C, C wiederum ist der umoperierte Vater von As Sohn und zudem As Stiefschwester zweiten Grades… man kennt das.

Mich hat die andere Art, eine derartige Geschichte zu erzählen, allerdings beeindruckt. Manche Wendungen und Unterkapitel (wie die arg überzeichnete Theater-Arc Misakis) mögen im Einzelnen nur mäßig sein, und auch das Setting in der Idol-Branche der 80er Jahre nervt bisweilen bisweilen etwas. Aber White Album macht meines Erachtens an vielen Stellen etwas richtig, was bei anderen Geschichten gar nicht erst von Belang ist, und legt bei mir all die richtigen Schalter um (sonst würde ich nicht eine derart wohlwollende apologetische Rezi verfassen).

Man hat sich ganz offensichtlich überlegt, wie man ein tendenziell immer kitschiges, banales Beziehungsdrama anders ausdrücken kann; und mir gefällt die Antwort. Die Bildsprache ist elegant, durch ihre Distanz zu den Handelnden eine Spur unterkühlt. Damit rettet sie sich nicht nur vor dem Abdriften ins besagte Banale, sondern ermöglicht auch, mit vielen angedeuteten Zwischentönen zu arbeiten, was der Geschichte eine Tiefe und Glaubwürdigkeit verleiht, die anderswo abgeht. Wenn man so will: White Album hat Klasse. 8/10

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