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Review: Ookamikakushi

2010-04-10

Higurashi war und ist ein Stück weit ein Phänomen; was 2002 als ein Doujin-Spiel unter vielen begann, blickt mittlerweile auf neun Spielepisoden, zwei Anime-Staffeln, fünf OVAs, diverse Manga-Adaptionen, vier Light Novels und zwei Live-Action-Filme zurück. Dabei fing alles an im Kopf von Ryukishi07, der mit seinem Bruder und ein paar weiteren, aber wenigen Mitstreitern das, was in seinem Kopf so alles vorging, irgendwie erst zu Papier, dann in den PC und schließlich auf die Bildschirme brachte.

Mittlerweile bastelt er mit Umineko an einem zweiten Juggernaut des Genres, das er eigentlich fast exklusiv für sich hat. Was ein wenig auch problematisch ist: für sich genommen ist er erfolgreich, aber eben auch nur in seinem eigenen Universum. Dort hat er völlige Narrenfreiheit, die er auch gebührend auskostet – aber ob seine Geschichten auch anderswo funktionieren können? In der Hinsicht sind denn die beiden Projekte, an denen er außerhalb seines überschaubaren Zirkels mit größeren Namen zusammenarbeitet, spannend. Rewrite wäre das eine, die nächste große Visual Novel der Szenegröße Key; Ookamikakushi das andere, eine VN von Konami für Sonys PSP.

Wohl um den Buzz des Spiels, das im August 2009 erschienen ist, abzuschöpfen, wurde nur wenig später für eben jenes eine Anime-Umsetzung aufgelegt. Erstmals sollte sich dabei nicht das infame Studio DEEN für die Adaption einer von Ryukishi07 geschriebenen Geschichte verantwortlich zeichnen. Ein Team bei AIC unter unprominenter Führung (Regie Nobuhiro Takamoto, Skript Touko Machida – beide ziemliche Nonames) wurde stattdessen beauftragt. Es stellte sich die Frage, ob Ryukishi07 also auch unter ganz anderen Vorzeichen funktionieren würde; Ookamikakushi gab darauf eine arg ernüchternde Antwort.

Hiroshi Kuzumi zieht mit seinem alleinerziehenden Vater, einem Mystery-Autor, und seiner an den Rollstuhl gefesselten jüngeren Schwester Mana nach Jouga, in ein abgelegenes Städtchen in den Bergen. Die Menschen dort sind freundlich, übermäßig freundlich sogar, fast schon aufdringlich; Hiroshi kann sich vor Aufmerksamkeit kaum retten. Das alles ist zwar ein wenig anstrengend, aber ja auch irgendwie schmeichelnd. Dann jedoch merkt er, dass in Jouga etwas nicht stimmt, und sieht eines Nachts sogar einen Mord geschehen. Wenig überraschend kommt er den düsteren Geheimnissen Jougas nach und nach auf die Spur und muss am Ende feststellen, dass er – unfreiwillig – sogar im Mittelpunkt der Vorgänge steht.

Wohlwollend kann man die Geschichte vielleicht noch „routiniert“ nennen. Viele Standards des Mystery-Genres finden sich in Ookamikakushi wieder, viel zu viele. Kultische Geheimorganisationen, menschliche Experimente, brutale Morde basierend auf dem Kodex einer verschworenen Gemeinschaft, und am Ende – ohne jemals vorher erwähnt oder gezeigt worden zu sein – steht da sogar ein Staudamm in der Gegend, strategisch platziert über der Stadt, dessen Sprengung es zu verhindern gilt. Huh? Wohlwollend wäre das womöglich „routiniert“ zu nennen, ja, aber unwohlwollend: inspirationslos, lahm, unkreativ, nicht bemüht.

Nicht nur das: Ryukishi07 hat auch noch relativ frech bei einem anderen Werk geklaut – und zwar bei seinem eigenen. Die Parallelen zu Higurashi sind frappierend: das einsame kleine Nest in der Provinz mit seinen ganz speziellen Leutchen und quasi-religiösem Grusel, die Hetzjagden und Morde, die dem ganzen Spuk zu Grunde liegende Genkrankheit. Sogar die Yamainu treten gegen Schluss auf. All das, vor allem in seinem Gesamtzusammenhang, rückt Ookamikakushi – zu seinen Ungunsten – in ein hässliches epigonisches Verhältnis zu Higurashi. Zumal Higurashi sehr, sehr viel aus seinen endlosen Verwicklungen und Scheinrealitäten und Irrfahrten gewann, etwas, das Ookamikakushi schon aus Kapazitätsgründen nicht leisten kann.

Das alleine könnte man noch hinnehmen. Ich bin jemand, der versucht, das beste aus allem zu machen. Dazu brauche ich nicht viel, solide und saubere handwerkliche Fähigkeiten reichen mir in der Regel schon. Aber selbst daran kann ich mich bei Ookamikakushi nur sehr, sehr bedingt erfreuen. Generell funktioniert die Geschichte vielleicht noch, sie hat einen Anfang, einen Mittelteil, und einen untypisch für Anime recht runden Schluss. Alles da, und als Bonus gibt es noch eine reichlich bizarre und gar nicht mal so unwitzig gemachte Omake-Episode obendrauf.

Aber jenseits der generellen Konstruktion hapert es gewaltig. Die Exposition etwa zieht sich viel zu lange. Im Prinzip macht es Sinn, anstehenden Horror mit scheinbarer Idylle zu kontrastieren, um den folgenden Punch gezielter zu setzen. Aber der Anime verliert viel wertvolle Zeit am Anfang mit redundanten und letztlich zu nichts führenden Wendungen – und schafft es trotzdem schon, so viele Andeutungen zu machen, dass man in der eh schon überschaubaren Welt von Ookamikakushi viel zu früh alle Antworten raushat. Mystery für Anfänger. Wenn am Ende noch in einem Akt von deus ex machina die eigentlich ermordete Isuzu zurückkehrt, gibt der Anime – völlig ohne Grund – sein kleines bisschen Empathie und Trauma drein, das er mit ihrem Tod für sich verbuchen konnte.

Dabei hat der Anime durchaus ein paar nette Momente. Viele Bewohner Jougas sind keine echten Menschen, sondern gewissermaßen Wölfe in Menschengestalt, die ihre Instinkte mit dem Extrakt der Hassaku-Früchte zügeln müssen. Hiroshi verströmt einen besonders starken Duft, der sie fast verrückt macht. Issei, der große Bruder Isuzus, hält es irgendwann kaum noch aus und kommt Hiroshi sehr, sehr nahe. Diese latent homoerotischen Sequenzen wirken tatsächlich reichlich unangenehm und irritierend, aber im positiven Sinne: sie sind gut inszeniert und deswegen wirkungsvoll. Auch das Motiv der Zählreime, wie sie in den Vorschauen zu hören sind und verschlüsselte Hinweise auf die Geschichte geben, ist hübsch geraten. Viel mehr dieser Beispiele kann ich aber nicht finden.

Zu allem Überdruss ist die Produktion von AIC natürlich qualitativ weitaus hochwertiger als diejenige DEENs, mit solide geratener Animation und stimmiger Farbwahl – aber nicht unbedingt das, was eine derartige Geschichte braucht. Wenn dann auch noch die zuckrigen und überkandidelten Designs von Peach-Pit ins Spiel kommen, verliert Ookamikakushi nicht nur die Möglichkeit, seine Stimmung über die Optik zu transportieren – der Anime büßt daran auch viel Nachdruckskraft ein.

Es ist etwas ärgerlich, dass Ookamikakushi sich letztlich so viel selber kaputtmacht. Nicht, dass man aus dem Plot wirklich sehr viel hätte herausholen können – Ryukishi07 muss man ankreiden, dass er sich einfach keine Mühe gegeben hat, auch wenn die ein oder andere passable oder gar ganz gute Szene dabei ist. Könnte daran liegen, dass Ookamikakushi eine Auftragsarbeit ist, womöglich sogar mit dem Wunsch Konamis, „irgendetwas wie Higurashi“ geliefert zu bekommen.  Trotzdem muss man feststellen, dass er sich mit Ookamikakushi ein wenig entzaubert hat.

Ganz gescheitert ist Ookamikakushi nicht. Die grundlegenden Qualitäten sind ja durchaus da, dafür immerhin kann man sich bei AIC verbürgen. DEEN mag besser zu den Geschichten passen mit all ihrer visuellen Kaputtheit, aber angenehmer liegen einem definitiv die Anime von AIC auf den Augen. Die Geschichte ist schwach, aber sie funktioniert. Und letztlich liefert Ookamikakushi zwar Anlass zum Ärgern, aber damit hat sich’s dann auch. Dafür ist der Anime zu unscheinbar und schlicht zu sehr Mittelmaß, ohne wirklich völlig defekt zu sein. Allerdings, immerhin taugt er für eine Erkenntnis: Ryukishi07s krude Geisteskinder blühen nur in ihrem eigenen Biotop wirklich auf; außerhalb gehen sie rasch ein. 4/10

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