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Mangarama: Hiroki Endo – All-Rounder Meguru

2010-04-18

Das eine Motiv, das Endos bisheriges Werk – das in vielerlei Hinsicht kolossale Eden und seine Kurzgeschichten – konsequent durchzog, war dasjenige des Existentialismus. Damit meine ich weniger das philosophische Konzept, wie es Camus und Sartre bekannt gemacht haben, als das, was die Jugendkultur und Populärkultur daraus gemacht hat. Auch Endo hat sich daran abgearbeitet, mit viel Blut, Schweiß und Tränen, in ganz wortwörtlichem Sinne. Eden etwa: ein beeindruckender, wenn auch verwinkelter und stellenweise bemühter Parforceritt durch eine Welt voller brutaler Gewalt, nacktem Nihilismus und der Unmöglichkeit, in einer Welt voller Menschen menschlich zu sein.

Das ließ seine Geschichten des Öfteren auf der Rasierklinge tanzen. Gerade seine früheren und frühesten Erzählungen, etwa For Those Of Us Who Don’t Believe In God (um mir den leierigen deutschen Titel zu ersparen), scheiterten auch mal an ihrem Überanspruch. Was kein Wunder ist, wenn man die ganze Welt buckeln will. Das ist eben die Art Existentialismus der jungen gitarrenbewehrten Männer, deren Depressionen sich aus einer Mischung von als chronisch empfundenen Untervögelung, Quarter Life Crisis und dem – gerade in Japan präsenten – Konflikt zwischen Individualität und gesellschaftlichem Kollektiv speisen.

Was aber nicht unbedingt heißen muss, dass seine Stories schlecht sind oder mir nicht gefielen. Jung, gitarrenbewehrt war man ja selber auch mal, und wenn auch die Motivation ein wenig peinlich ist, kann die Umsetzung immer noch brillant geraten. Gerade Eden brach sich, eher nach den metaphernüberfrachteten ersten Bänden, oft mit einer solchen Urgewalt die Bahn, dass man nicht anders als staunen konnte. Und nicht zu vergessen: Endo entwickelte sich. Schon seit dreizehn Jahren ist er im Geschäft, was nicht nur in seiner Technik Spuren hinterließ, sondern auch in seinen Geschichten, die immer schon ein starkes Indiz seiner jeweiligen Verfassung waren. Man wird nun mal älter, und die Gitarre wandert auch irgendwann in den Keller.

Stichwort All-Rounder Meguru. Eden war da gerade an die Spitze getrieben und dann noch ein mal ein paar Kilometer darüber hinaus, ganz seiner ursprünglichen Inspiration Neon Genesis Evangelion gleich,  da wartete Endo mit einem neuen Manga auf: über jugendliche Amateur-Kampfsportler. Was nicht nur formal einen Paradigmenwechsel erahnen ließ. Tatsächlich ist All-Rounder Meguru eine, im Vergleich zu seinen bisherigen Manga, entschleunigte und entschlackte Angelegenheit, die Endos Fähigkeiten, von seiner bisherigen Weltenschwere ein Stück weit entlastet, deutlicher freilegt.

All-Rounder Meguru ist die Geschichte Megurus, eines Schülers in Tokio. Sein Hobby ist Shooto. In der Schule ist er mittelmäßig, in der Liebe etwas unglücklich, im Sport mäßig erfolgreich, ansonsten aber nicht wirklich vom Pech ge- und selber auch nicht niedergeschlagen. Er trainiert und kämpft eben, weil er es mag. Anders Takashi, ein Jugendfreund, den er schon lange aus den Augen verloren hat. Takashis Familie gehört zu den Yakuza und zog ihn in die brutale Halbwelt der japanischen Mafia. Auch Takashi trainiert und kämpft Shooto, ein fokussierter, gestählter, willensstarker junger Mann; am Rande eines Wettbewerbs treffen sich die beiden, mittlerweile völlig entfremdet, und ihre Wege kreuzen sich seitdem wieder öfter.

Endos neuester Manga – bislang sind 22 Kapitel von Kotonoha übersetzt und ins Netz gestellt worden – ist schlicht und geradlinig in seiner Konstruktion, ganz anders als der ewige Benchmark Eden. Was aber spürbar Resultat eines bewussten Verzichts ist. Einfachere, gewöhnlichere Settings dienten ihm oft, genauso oft aber waren sie dennoch Schauplatz für etwas Größeres. Hier nicht: All-Rounder Meguru ist tatsächlich, in erster Linie, nur die Geschichte eines talentierten Nachwuchskämpfers, keine Allegorie und auch kein Sprungbrett für philosophisch anmutende Betrachtungen.

In zweiter Linie gibt es aber viel, von dem Endo nicht lassen kann – denn ohne Implikationen funktioniert keine Geschichte. Sein Welt- und Menschenbild ist, auch wenn er in Meguru von seinem bekannten Existentialismus ablässt und so viele humoristische Einlagen bringt wie noch nie (ironisch, weil Standards abarbeitend: als Mann in die Frauendusche gehen, Witze über Körbchengrößen) , nach wie vor pessimistisch. Was wohl heißen soll, dass er wohl den Bedeutungsgrad seiner Geschichten steuern kann, das Naturell des Menschen aber nicht. Deutlich wird das bei Takashi,  der dem Sog der pervertierten und kompromisslosen Unterwelt nicht entrinnen kann – Erinnerungen an Eden werden wach.

Endo kann diese Stellen mit einem ernüchternden Realismus schreiben und zeichnen, wie auch dieser Manga ebenso wie seine Vorgänger einen ausgeprägt realistischen Stil prägen. Allerdings ist Meguru etwas weniger detailliert ausgefallen; die Hintergründe bleiben oft weiß oder einfach. Dafür investiert er sehr viel Zeit in die Körpersprache seiner Charaktere: Haltung, Blick, Gestik, Mimik, Körperspannung und Körperlichkeit sind, vor allem natürlich in den Kampfsequenzen, bemerkenswert durchdacht und ausdrucksvoll. Sein Strich wirkt insgesamt entspannter, die Geschichte lockerer trotz aller düsteren Implikationen, ohne aber auf Präzision und Konzentration zu verzichten.

All-Rounder Meguru ist bislang eine im Kern einfache Geschichte, die gerade durch ihre Yakuza-Verwicklungen und ihren Aufbau erahnen lässt, wohin die Reise gehen kann und wird. Endo weiß aber nach den langen Jahren, die er in Eden gesteckt hat, ganz genau, wie er das Ding auch richtig anstellt. Er überfrachtet Meguru bislang nicht und es sieht auch nicht danach aus, dass er das noch tun wird. Seine beeindruckenden zeichnerischen Fähigkeiten lässt er in einem lockereren Kontext prima aufscheinen, und seine Geschichte zehrt vom entfernt brodelnden Unheil, ohne von ihm erdrückt zu werden. Bin sehr gespannt auf den Fortgang der Geschichte, und ob Endo vielleicht doch noch ein paar Volten schlägt. Man ist zwar vielleicht nicht mehr jung, und die Gitarre steht nur noch rum, aber so ganz hört man eben doch nicht auf man selbst zu sein.

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