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Review: So Ra No Wo To

2010-05-03

Erwartungen sind gemein. Ich habe viel von So Ra No Wo To erwartet, weil ich unbedingt wollte, dass der Anime mir gefällt; die wenigen, ersten Informationen, allen voran der nach wie vor faszinierend schöne Trailer, reichten mir dazu vollkommen. Dabei fällt es mir schwer, eine Linie zu ziehen: wo enden die Versprechen des Anime, die er im Paratext gemacht hat? Und wo beginnt meine eigene Projektion? Schließlich nenne ich den Anime immer noch partout So Ra No Wo To, mit all den Implikationen, die der Name so mit sich bringt, auch wenn die Geschichte selber eher ein (gewöhnlicheres) Sora no Woto war.

Erwartungen sind aber auch gemein, weil sie nahezu automatisch in Enttäuschungen enden. Wodurch es schwerer wird, den Anime nur für sich zu nehmen, so, wie er ist. Das hat natürlich seine Umstände; So Ra No Wo To ist der erste Titel der „Anime no Chikara“-Reihe von Tokyo TV und Aniplex, die sich zum Auftrag gemacht hat, weniger profilierten Animeschaffenden die Chance zu bieten, ihre ganz eigenen Stories auf den Bildschirm zu bringen. Wird selbstverständlich auch so seine betriebswirtschaftlichen und geschäftsstrategischen Gründe haben – wo keine Vorlage, da keine Lizenzgebühr, zum Beispiel -, aber dennoch räumt man damit einigen Glückspilzen eine seltene Narrenfreiheit ein, die andernorts schmerzlich vermisst wird (nicht auf die horrend falsche Kommentierung im Video achten, übrigens).

Das ist der Grund, wieso ich mir von So Ra No Wo To so viel erhofft habe. Und das ist letztlich auch der Grund, wieso ich nun ziemlich ernüchtert bin. Nicht, dass der Anime ein Reinfall gewesen wäre, was er sicherlich nicht war. Aber er ist dort, wo er hätte weiter gehen dürfen, oft genug einfach nur stehen geblieben. Einige Versprechen hat er tatsächlich eingelöst und in einigen Aspekten Ergebnisse abgeliefert, die in jeweils darin zu einem der besseren oder gar besten Anime des Jahres machen. Aber das betrifft nur den Rahmen. Im eigentlichen Kern ist So Ra No Wo To aber nicht so gut, wie der Anime hätte sein können und sollen.

Kanata ist eine junge Rekrutin, die es zur Armee zieht, weil sie dort und nur dort lernen kann, Trompete zu spielen. Sie wird nach Seize versetzt, in einen einsamen Landstrich irgendwo an der Staatsgrenze, nahe am öden, brach liegenden Niemandsland. Sie wird Teil des 1121. Zugs, der, mit ihr, aus gerade einmal fünf Soldatinnen besteht, die am Rande eines pittoresken Städtchens ihren Wachdienst verrichten. Filicia ist die milde gestimmte Kommandantin, anders als die gestrenge Rio, die ihrerseits Trompeterin ist und Kanata unter die Fittiche nimmt. Was Kureha, dem aufmüpfigen, bis dahin jüngsten Mitglied der Einheit, nicht gefällt – da sie doch Rio so bewundert und ihre Aufmerksamkeit nicht teilen will. Nicht zuletzt wäre da noch Noel, ein stilles Wesen und die Technikerin der Truppe, die einsam an einem völlig zerlegten Panzer vor sich hin werkelt.

Kaum, dass Kanata in Seize ankommt – passiert nichts. Gar nichts. Seize ist eine abseitige Ecke des Landes, und man befindet sich im Waffenstillstand; der Krieg, der die Welt vor kurzem noch verwüstete, ist weit weg. Und so werden Kanata und Kureha mal auf Erkundungstour geschickt, durch den abgesperrten Teil der kleinen Festung, der sich als halb zerstörte Schule herausstellt; Kanata und Noel besuchen eine Glasmanufaktur oder werden in die kleinen Geschäfte verwickelt, die der 1121. Zug unter der Hand mit der Stadt am Laufen hat; und am Ende des Tages steht schon mal der Besuch einer heißen Quelle an. Erst zum Ende hin nimmt die Geschichte eine Wendung. Die Verhandlungen zwischen Helvetia und dem Romanischen Reich verlaufen im Sande, der Konflikt spitzt sich nach einer Zeit der relativen (und trügerischen) Ruhe wieder zu – und Seize soll zum Faustpfand und zum Opfer werden, um die Flammen des Krieges erneut zu entfachen.

An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass meine Screenshots trügerisch sind. Inmitten des Zettelwustes auf meinem Schreibtisch (wichtiger Kram unten, belangloser oben) ist auch ein Notizblock mit ein paar kryptischen Zahlenkombinationen. Wenn ich Anime schaue, notiere ich mir darauf die Stellen, um später Screenshots zu machen. In aller Regel sind das aber nur Einstellungen, die mich irgendwo ansprechen. Verschafft mir zwar eine ansehnliche Sammlung hübscher Bilder, taugt aber eben auch nicht, um im Falle einer Rezension ein vollständiges Bild zu liefern. Was im Falle von So Ra No Wo To aber immerhin möglich macht, eines der besten Argumente des Anime zu illustrieren. Denn So Ra No Wo To sieht, weitestgehend, großartig aus.

Das bezieht sich in allererster Linie auf die fantastischen Backgrounds, die Stadtansichten und Landschaftszeichnungen, hintersinnig erdacht und traumhaft umgesetzt. Gerade die Stadt und die Festung entfalten einen wunderbaren Charme. Auf der einen Seite ein eng bebautes, verwinkeltes Örtchen mit steinernen Torbögen und gewundenen Treppen, über einer Schlucht thronend, auf der anderen ein gemischtes Ensemble, notdürftig zur Festung erklärt – obwohl ein großer Teil des Geländes mulmigerweise an eine verfallene und zerstörte japanische Schule erinnert.

Überhaupt, die Kultur: So Ra No Wo To greift eklektisch auf alle möglichen und unmöglichen Stile zurück. Seize und die Festung gemahnen an spanische Architektur, in Helvetia wird Französisch geschrieben, Kureha und Kanata stammen aber eindeutig aus Gegenden, die japanisch geprägt sind, während die Uniformen auf die Wehrmacht zurückgehen. Und die Büscheleule, Haustier, Maskottchen und Leittier des Zuges, lebt eigentlich in Afrika. Drüben, auf der anderen Seite, bei den Romanen, wird Deutsch gesprochen. Das Amalgam wirkt anfangs vielleicht wahllos, hat aber in seiner liebevollen Patchwork-Attitüde viel für sich und geht letztlich auch erfolgreich auf.

Die Welt und das Setting von So Ra No Wo To sind den Machern herrlich geraten. Nicht nur, weil sie ästhetisch so hochwertig sind in ihrer Farbwahl und ihren Szenerien, sondern weil sie (dadurch) auch ein Gefühl der stillen Melancholie transportieren. Geschichten, die irgendwo auch Verfall und Vergehen thematisieren, drücken das oft rau und unmittelbar aus. So Ra No Wo To zeichnet das in wärmeren Farben aus, wie wenn der Anime tröstlich sein will. Das Niemandsland sieht aus wie eine Wüste, doch hier und dort erheben sich die Trümmer der Häuser, die im Krieg zerstört wurden – gewaltige Städte, die unter ihrem eigenen Schutt begraben worden sind. Das alles ist da und bekannt, aber eben auch Teil der Geschichte und der Gegend geworden, etwas, das zu akzeptieren man gelernt hat. Ein schönes Sinnbild.

Nur, keine Geschichte besteht nur aus ihrem Setting. Das alles, was ich genannt habe – die Hintergründe, die Vorgeschichte, die Szenerien und die Inszenierungen und natürlich auch der fantastische Score von Michiru Ôshima, die einen fantasiereichen, beschwingten und stimmigen Score hat einspielen lassen -, das alles schafft einen Rahmen, den der Plot selber aber noch zu füllen hat. Die Steilvorlage nützt die Geschichte aber nicht, und mehr noch: stellenweise versagt sie dabei sogar. Der Ansatz war dabei gar nicht mal verkehrt; So Ra No Wo To war in seiner Episodenhaftigkeit dem Genre des Slice of Life of recht nahe, was aber, richtig genutzt, die Stärken des Settings nur unterstrichen und genutzt hätte.

Hin und wieder kommt das auch heraus – die fünf Mädchen allein in dieser kleinen, für sie aber immer noch viel zu großen Festung, darin etwa schwingt sehr stimmig das Gefühl der Einsamkeit am Rande der Welt mit. Hätte auch großartig funktioniert als Kontrastmittel: die Mädchen, die Festung, die Stadt, eine idyllische, aber bedrohte Insel in Meer der Kriegswirren, ein letztes Aufbegehren für ein bedachtes, harmonisches Leben im Angesicht mutwilliger Vernichtung.

Im Einzelnen aber ist die Geschichte schlicht nicht überzeugend. Das anfangs noch stark betonte Motiv der Musik fand sich zwar immer wieder im Fortgang des Anime wieder, fiel aber oft völlig aus der Handlung raus. Auch die Subplots der einzelnen Episoden schwankten in ihrer Qualität stark, die meisten waren einfach nur durchwachsen. Etwa die Episode, in der Kureha und ihr großer Held Claus einen Jungen vor den Fluten beschützen, Kureha aber erkennt, dass sie seit jeher den falschen Claus anhimmelte – konstruiert und corny. Am krassesten ist der Gegensatz aber ersichtlich in den Episoden sieben und acht, der jeweils mit Abstand besten respektive schlechtesten Geschichte.

Episode sieben, geschrieben und inszeniert von Shin Matsuo, einem etablierten Key Animator auf dem Weg nach oben, ist der albtraumhafte Abstieg in Filicias Vergangenheit, der durch seine brillante Regie die Wucht des Gezeigten vervielfacht. Von Anfang lastet eine drückende Atmosphäre über der Folge, große Hitze liegt über dem Land, die sich in ausgewaschenen, blendend hellen Farben äußert. Filicia steht neben sich, verliert sich in ihren Tagträumen, fängt an, zu halluzinieren – und findet sich plötzlich in den Wirren des Krieges wieder. Ihre Einheit gerät unter Beschuss, eingefangen in wuchtigen, dynamischen Bildern; alle außer ihr sterben. Sie wird in einer Ruine verschüttet, wo außer ihr nur die verwesende Leiche eines Soldaten liegt, mit dem sie in all ihrer Angst und Dehydration und Todesgewissheit anfängt zu reden – und der ihr antwortet. Diese Wahnvorstellungen wird Filicia nie mehr los, und allein diese Erkenntnis, umgesetzt in einer so packenden, perfekt pointierten Episode, wirft ein ganz neues Licht auf ihren damit viel tiefer ergründeten Charakter.

Ganz anders Episode acht. Dabei fängt sie, und das will ich ihr zu Gute halten, inszenatorisch in ultima res und damit ganz interessant fand – zeigt zunächst einen völlig abstrusen Moment gegen Ende ihrer Chronologie und danach erst, wie es dazu kommen konnte. Aber die eigentliche Story ist: Kanata erklärt sich bereit, Telefondienst zu schieben, weil die Funktionsprüfung der Leitung vom Hauptquartier ansteht. Allerdings trinkt sie zu viel und muss eigentlich ganz schnell auf die Toilette, kann aber nicht weg. Zwischendrin passiert ganz viel, so dass etwa der Stadtpfarrer kopfüber in der Unterwäsche der Mädchen stolpert, und am Ende pisst sich Kanata ins Höschen. Darf man gerne ein zweites Mal durchlesen, so zum Genießen.

Spätestens da war der Punkt erreicht, an dem mir klar wurde, dass So Ra No Wo To alle Chancen vergeben hat. Noch eine Folge zuvor war meine Hoffnung plötzlich wieder da, nachdem sie in der ersten Hälfte des Anime schon nur noch auf Sparflamme gekocht hat. Trieb So Ra No Wo To bis dahin noch zwar ansehnlich, aber belang- und schwerelos vor sich hin, machte Folge sieben auf einmal das Fass auf und schöpfte aus dem Vollen – nur, um von der achten Episode wieder tief, tief in die Banalität gestoßen zu werden, aus der sich der Anime danach nie mehr befreien konnte.

Letztlich ist es der schwachen Geschichte und ihren gleichfalls schwachen Charaktern geschuldet, dass So Ra No Wo To trotz seiner denkbar guten Ausgangslage nicht so gut ist, wie dem Anime möglich gewesen wäre. Mag sein, dass es angesichts der sonstigen Qualitäten schwer gewesen wäre, eine adäquate Geschichte zu finden. Aber, und das ist vielleicht meine größte Enttäuschung bei So Ra No Wo To, ich habe nicht den Eindruck, dass das auch nur versucht worden wäre. In einer ziemlich kurz angebunden Reaktion richtete sich Akai Toshifumi, seines Zeichens Charakterdesigner des Anime, an die Zuschauerschaft – ob denn wirklich erst jemand sterben müsste, damit man bewegt ist. Weil kritisiert worden war, dass das Ende zu cheesy und vorhersehbar und, vor allem, völlig frei von Todesfällen gewesen sei.

Ich glaube nicht, dass da wirklich der Wunsch dahinter stand, die Protagonistinnen leiden und sterben zu sehen. Sondern eher, dass einfach etwas passieren soll, irgendetwas, das den Charaktern mehr Tiefe verleiht – und der Tod, gerade in einem Anime, der mit Melancholie und dem Schrecken des Kriegs arbeitet, nun mal ein probates Mittel ist. Denn die Charaktere, das gilt für die fünf Mädchen der Festung ebenso wie für die Nebencharaktere, sind nahezu allesamt ausnehmend flach geraten. Es entsteht keine emotionale Bindung garnirgendwozu, vielmehr kommen sie mir bisweilen sogar fremd in ihrem eigenen Anime vor. Einzig Filicia hatte eine Folge, die wirklich ins Mark ging.

Ein Tod ruft starke Emotionen hervor, Trauer vor allem – etwas, was die Zuschauer (und ich mit ihnen) ganz offensichtlich vermisst haben. Die Metaphorik aus der ersten Episode wäre eine fantastische Vorlage gewesen – eine lokale Legende, die im Opening abgebildet ist und in der ersten Folge erzählt wird, berichtet von den fünf Feuermaiden der Burg, die im Kampf mit einem Drachen ihr Leben gaben, um die Stadt vor seinen Flammen zu retten. Konsequent durchgezogen, umgemünzt auf den Realismus des Krieges, wäre das ein perfekter narrativer Bogen und eine wirklich bewegende Geschichte gewesen. Stattdessen wird das Motiv schlicht, irgendwo unterwegs, fallen gelassen. Und ward nie mehr gesehen.

Es wäre anders gegangen. Aber die Macher um Hiroyuki Yoshino und Mamoru Kanbe (der seine persönliche Visitenkarte wie schon bei Elfen Lied mit durchaus hübschen Klimt-Imitationen im Opening hinterlässt) haben sich dagegen entschieden. Hatten sie den Marktdruck im Kopf? Oder ist das tatsächlich alles, was sie aus dieser Gelegenheit herausholen konnten und wollten? In jedem Fall lässt So Ra No Wo To bei allen Qualitäten, die der Anime so hat – und das sind nicht wenige -, ein irgendwie unbefriedigendes Gefühl zurück. Vielleicht war der Anime doch zu sehr Kind seiner Zeit, denn sein Kern ist mit vielen Anime, die derzeit sonst noch so erfolgreich sind, unangenehm kompatibel. Schade um die vergebene Chance; auch wenn so einiges von So Ra No Wo To bleiben wird. 6/10

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