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Review: Eden of the East – The King of Eden & Eden of the East II – Paradise Lost

2010-05-08

In Stuttgart liefen die beiden Eden of the East-Filme im Rahmen des 17. Internationalen Trickfilmfestivals als Studiopräsentation von Fuji Creative. Wie clever es dabei ist, zwei in Europa völlig unbekannte Filme zu zeigen, die weder ohne Kenntnis der vorhergehenden Serie funktionieren noch (dazu komme ich noch) technisch-künstlerisch Argumente liefern, sei dahingestellt. Trotzdem liefen sie dort, in der Schuhschachtel Metropolis 3, via DVD-Projektion und mit Untertiteln von Quarkboy Pinansky – und ich war am Festivalfreitag bei Paradise Lost dabei, weil ich an dem Tag sowieso im Ländle war und den Umweg nach Stuttgart mitnahm. (Was sich allein schon für Wes Andersons Fantastic Mr. Fox dicke gelohnt hat – cussing great!)

Ich gebe zu, ich musste nochmal nachlesen, bei mir selber. Im Dezember habe Eden of the East in meiner Jahresrangliste für 2009 auf einen guten sechsten Platz gesetzt, das wusste ich zwar noch, aber die Begründung ist mir entfallen. Kaum, dass ich sie lese, fällt mir, wie schwammig ich das begründete; eigentlich treffe ich gar handfeste keine Aussage über den Anime selber. Ich rede davon, was für ein verdienter Mann Kenji Kamiyama ist (Ghost in the Shell: Stand Alone Complex, Seirei no Moribito), wie „interessant konzipiert“ die Serie sei – alles im Grundvertrauen darauf, dass Kamiyama und Production I.G. das Ding in den beiden ausstehenden Filmen The King of Eden und Paradise Lost schon nach Hause schaukeln würden. Leider habe ich mich darin getäuscht, denn die Filme bringen die Geschichte zwar zu Ende, aber nur eben gerade so.

The King of Eden beginnt nicht ganz da, wo Eden of the East mit seiner (fein inszenierten) elften Episode endete. Aber fast. Sechs Monate sind vergangen, seitdem Akira Takizawa, unfreiwilliger Teilnehmer eines perversen Spiels, das zwölf „Selecao“ mit je zehn Milliarden Yen ausstattete, auf dass sie Japan in eine bessere Zeit führen, eben dieses Japan in einer konzertierten Abwehraktion vor dem Einschlag dutzender Raketen bewahrte. Die ein anderer Selecao losschickte, übrigens. Doch er löscht sein Gedächtnis und verschwindet spurlos, während ihn die Medien zum „Air King“ hochjazzen…

Saki und ihre Freunde bauen derweil ihre Eden of the East-Software aus und gründen ein Startup, das bald reichlich erfolgreich ist – und vor allem dazu dienen soll, Akira wiederzufinden. Denn das Spiel geht weiter, die anderen Selecao kämpfen immer noch darum, ihr Konzept für die Rettung Japans durchzuprügeln, notfalls auch über die Leiche Japans… bis Akira wieder in den Ring steigt.

Nochmal ein Rückgriff auf mein Retrospektiventextchen:

Wenig verbissen (…), aber trotzdem nicht ohne Nachdruck will Kamiyama wohl eine Art Parabel auf unsere Informationsgesellschaft und ihren Cyber-Terrorismus aufziehen, eine Zukunftsvision von Macht und Ohnmacht gegenüber der kommenden Moderne ausmalen. / … [eine]blendend produzierte und interessant konzipierte Fernsehserie, die mit Fug und Recht behaupten kann, einer der wenigen richtig modernen Anime zu sein. Ein Anime für die Jahre 201x, so oder so.

Das klingt optimistisch, macht aber immerhin zwei Motive aus: das Leben in der Informationsgesellschaft und das Verhältnis des Einzelnen zum immer weiter kollektivierten, virtuellen Anderen. Zwei andere größere Motive habe ich da noch verschwiegen: den Generationenkonflikt und die ethische Frage nach der besten Gesellschaftsformen, die die Philosophen schon seit Jahrtausenden umtreibt, aber auch gerne von Filmemachern angegangen wird. Was summa summarum alles prima klingt und bester Stoff hätte sein können – in Kamiyamas Filmen aber kaum tangiert wird.

Es ist kurios: eine Serie, zwei Filme, und ich komme kaum drauf, worum es in Eden of the East insgesamt eigentlich die ganze Zeit ging. Während die Serie zwar auch schon ein wenig umhertingelte, hatte sie letztlich durch ihre relative Kürze und das wirklich gut gemachte Zwischenfinale durchaus genügend Zug, um zu unterhalten, auch wenn jede Menge Erzählfäden angerissen, Metaphern aufgebaut und Charaktere eingeführt, aber nicht ausgeführt wurden. Aber darum sollten sich dann die Filme kümmern. Was sie letztlich kaum taten.

In The King of Eden ging es einfach nur weiter. Und das wiederum meine ich nicht von der Story her gesehen, das dort ja so sein soll, sondern von der Narrative. Beide Filme sind von ihrer Erzählform her nahezu identisch mit der Serie. Was insofern tödlich ist, als dass Filme und Serien völlig andere Strukturen haben und dementsprechend anders aufgebaut sein müssen. Weder The King of Eden noch Paradise Lost haben eine effektive, sinnvolle Binnenstruktur – der Film fängt an, geht dann weiter, und endet irgendwann. Das mag trivial klingen, ist aber tatsächlich ziemlich gravierend, weil sich dann weder Spannung einstellt noch die Geschichte aufgehen kann noch irgendeine Relevanz irgendwo ersichtlich wird. Und Geschichten sind immer nur so gut, wie sie erzählt werden.

Es geht also weiter, immer weiter. Der Plot und seine Nebengeschichten mäandern durch die Gegend, haben aber letztlich kein Ziel, weder in The King of Eden noch in Paradise Lost, die beide zudem reichlich antiklimaktisch enden, was speziell im Falle des abschließenden Filmes natürlich arg unbefriedigend ist. Es gibt keinen ausgemachten Antagonisten (dazu ist der nüchterne Mononobe zu lahm, Azo Saito zu unsichtbar), kein erklärtes Ziel, das irgendwie verfolgt wird (nicht vergessen: eigentlich soll man ja Japan retten), und keine Berechtigung für knapp die Hälfte der Charaktere – die auch die Hälfte der Zeit beanspruchen. Es ist, als ob die Geschichte sich ständig selber vergisst. Nichtmal die Metaphern werden durchgezogen: in der Serie gilt Akira als Prinz, dann ist er der Air King – und das war’s dann.

Vielleicht, und da räume ich in dubio pro Eden of the East (ja, ich weiß, kein Ablativ) Kamiyama so einigen Kredit ein, verstehe ich auch nicht genug von den Motiven. Im Kern, wenn auch gut versteckt, werden wohl ein paar grundsätzliche Konflikte der wahrlich an Konflikten nicht armen japanischen Gesellschaft aufgeworfen. Ultimativ soll Eden of the East wohl ansprechen, wie die älteren Generationen sich an ihre Macht und ihre Privilegien klammern, während die jüngere immer weiter abgehängt wird und, falls sie dann aber doch mal, wie einige Selecao, an die Macht kommt, ungesteuert und ohne Anleitung vor sich hin manövriert. Aber in diesem anarchischen Impuls, den Kamiyama da seine graue Eminenz im Hintergrund in die japanische Gesellschaft jagen lässt, verliert er sich auch selber mit seiner Story.

Was soll es mit dem titelgebenden Eden of the East-Programm auf sich gehabt haben? Es spielt eine Rolle, ja, aber eine nebensächliche, ein bloßes Gimmick. Dabei lässt sich die vollständige gesellschaftliche Vernetzung und ihre unethische Nutzung so herrlich diskutieren. Was wollte Akira überhaupt erreichen? Was die anderen Selecao? Wie sollen Alt und Jung etwas gelernt haben? Was glaubt Azo Saito mit seinem Spiel erreicht zu haben? Welche Lehre zieht man aus dieser Übung? Wie soll Japan nun im 21. Jahrhundert weiterleben? Nur Fragen, keine Antworten – und das nicht so, wie manche Filme thought-provoking sind und zum Weiterdenken anregen, sondern wie diejenigen, die sich bei der Antwort verhaspeln und einen verwirrt zurücklassen.

Dabei hinterläuft Kamiyama die Geschichte, so weit ich das ersehen kann, nicht mal vorsätzlich – weder subversiv noch sonstwie mit Erzählkonventionen spielend. Diese Art, einfach nur immer weiter und weiter zu erzählen, ohne Rhythmus, Aufmerksamkeit und Hintersinn, kann eigentlich auch gar keinen Zweck haben. Wie ein Kamiyama, der in Stand Alone Complex und Moribito schon großartige Anime abliefern konnte, so hinter seine bisherigen Leistungen zurückfallen kann, ist mir ein Rätsel.

Ich bin letztlich nur ungeheuer ratlos und Stück weit enttäuscht. The King of Eden und Paradise Lost, die man problemlos zusammenwerfen kann, weil sie nahtlos ineinander übergehen und strukturell keine Unterschiede aufweisen, haben in Filmform eigentlich nichts zu suchen. Insgesamt 150 Minuten Film wären schon mal knapp acht vollständige Episoden, dann noch zwei bis drei obendrauf, und man hätte eine in etwa 22 Episoden gut aufgehende Story gehabt – angesichts der Tatsache, dass beide Filme sowohl erzählerisch wie qualitativ eher aneinandergereihten Fernsehepisoden gleichen, wäre das sicher der besserere Weg gewesen.

Dabei ist Eden of the East noch nicht mal wirklich schlecht. Da das hier genauso wenig hingehört wie sonstwo, ein Exkurs zu meinen Wertungen: ich benote gerne gut, weil ich mir meinen Zeitvertreib ungerne madig mache. Bisschen normativ, aber so ist’s. Dabei gehe ich aber meist nur bis 5,0, was in meinen Augen völlig unbemerkenswerte, aber sonst harmlose Anime sind; für alles, was aber tiefe Abneigung in mir weckt, habe ich den Bereich darunter reserviert. Und da gehört Eden of the East nicht hin, in der Serie schon gar nicht (auch wenn die Filme sie nachträglich mit abwerten) und eigentlich auch in den beiden Filmen nicht, die ja doch die durchaus komplexe Geschichte immerhin zu Ende bringen, nur eben eine schlechte Figur dabei machen.

Die Ästhetik ist zwar nicht sonderlich reizvoll und auch die Animationsqualität mag sich im Fernsehen noch gut gemacht haben, reicht für das Kino aber lange noch nicht (wo die Filme aber die wenigsten sehen werden…) The King of Eden und Paradise Lost diskutieren all die Dinge, die an verschiedenen Stellen der Geschichte mal angesprochen werden, fast gar nicht aus und führen zur enttäuschenden Erkenntnis, dass  Eden of the East in dieser Form schlicht keine Relevanz hat. Aber das macht The King of Eden und Paradise Lost nicht schlecht, denn dazu fällt es in meinen Wertungsrubriken noch,  sondern eben nur schwach. Was allerdings schon genug über dieses ambitionierte Projekt aussagt. 5/10

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