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Review: Kimi ni Todoke

2010-05-13

Ich mag ja Shoujo-Anime. Ich gehöre zwar mal sowas von gar nicht zur Zielgruppe, aber auch mit einem Bart im Gesicht kann ich mich für im Herzen einfache Liebesgeschichten aus Mädchenperspektive erwärmen. Nur, auch da gibt es solche und solche, natürlich. Selbst wenn die Geschichte im Kern oft sehr vergleichbar ist, zwischen der Heldin und dem designierten Bishounen-Helden oft ein steiniger Weg voller Umwege und Gefahren liegt, muss der Weg erstmal beschritten werden. Und das kann unterschiedlich gut angegangen werden.

Kare Kano gehört zu den besten Anime, die ich bislang sehen durfte – allerdings auch deswegen, weil er das Shoujo-Genre so grundsätzlich dekonstruiert hat, nur um es postwendend wieder aufzubauen. Weswegen der Anime auf einer wirklich nicht ausgefallenen Prämisse aufsatteln kann, die er aber mit so viel anarchischem, brüllend komischen Humor, brillanten visuellen Ideen und viel, viel, viel echtem Herz und Leben bereichert, dass man gar nicht anders kann, als ihm völlig zu verfallen. Kare Kano war ziemlich mutig (und ging der Autorin des Manga auch zu weit), aber anders kann es ein Hideaki Anno ja auch gar nicht. In jedem Fall zeigt der Anime, dass in diesem Genre sehr viel möglich ist, geht man es denn nur richtig an.

Bei Kimi ni Todoke hatte ich gewisse Hoffnungen. Ein zweites Kare Kano habe ich nicht erwartet – ein Meisterwerk wie dieses fällt nicht zweimal vom Himmel -, aber seit diesem Meilenstein ist auch wieder eine Dekade vergangen; Zeit genug, etwas daraus gelernt zu haben. Und Production I.G. als ausführendes Studio im Rücken zu haben ist ja auch nicht gerade die schlechtestmögliche Option. Weswegen Kimi ni Todoke auch durchgehend hübsch aussieht und die ein oder andere wirklich gute Idee hat – aber leider trotzdem über weite Strecken eine sehr mühsame Sache ist.

Sawako Kuronuma hat ihren Namen in der Schule schon längst weg: Sadako. So wie Sadako, die Schreckgestalt des japanischen Kultfilms Ringu. Und das kommt nicht von ungefähr. Denn nicht nur, dass Sawako Sadako mit ihrem hime cut, ihren eindringlichen Augen und ihrer unheilverheißenden Stimme erschreckend ähnelt – sie soll auch Unglück bringen, wenn man ihr nur in die Augen schaut, geschweige denn mit ihr redet. Kein Wunder, dass Sawako ihre Tage allein verbringt. Was ihr aber nicht wirklich viel ausmacht; zwar versucht sie, mit ihrem naiven, unglaublich gutmütigen und gutwilligen Gemüt vorsichtig in die Gesellschaft zu tapsen, aber dass sie daranstets scheitert, das macht ihr nichts. Da muss sie sich eben mehr bemühen.

Irgendwann aber findet sie tatsächlich erste Freundinnen, und mit ihnen wird sie allmählich von irgendwem zumindest zu irgendjemandem. Sie findet weiter und weiter in die Gemeinschaft hinein und kommt damit auch Shouta Kazehaya näher, dem allseits beliebten und geliebten, unfassbar sympathischen und netten Kerl aus ihrer Klasse, den sie schon seit langem bewundert, weil er so herzensgut ist. Erst jetzt stellt sie irgendwann fest, dass da eigentlich noch mehr ist; sie liebt ihn und kriegt dabei gar nicht mit, dass es Kazehaya nicht anders ergeht…

Man kann Kimi ni Todoke nicht vorwerfen, mit Klischees zu arbeiten. Gut, man kann, weil der Anime das tut und zwar massiv. Aber so ist nun mal das Genre und selbst die bahnbrechenden Werke (wie eben Kare Kano) können nicht ohne. Shoujo-Romanzen sind Wunscherfüllung, und die geht so: das unauffällige, unansehnliche, aus der Zeit gefallene Mädchen, stand-in für die geneigte Leserschaft, träumt vom unerreichbar scheinenden großen Glück. Dann aber tut sich etwas und man stellt fest, dass im hässlichen Entlein ein wunderchöner Schwan steckt, eine Prinzessin, die am Ende zum Prinzen findet. Nicht aber, ohne vorher gegen böse Hexen gekämpft und viele, viele andere Probleme auf dem Weg zum Glück (© ZDF) überwunden zu haben.

Das ist, auch wenn’s anders klingt, aber völlig okay so. Shounen-Geschichten sind ebenso formulaisch, und auch wenn man hüben wie drüben genau das zum Vorwurf machen kann, ist das Anliegen im Kern aber beiderseits grundsympathisch. In Shounen-Geschichten träumen die Jungs davon, die Kraft in sich zu wecken, sich vom schwächlichen, überforderten, passiven Teilnehmer hin zum aktiven Kämpfer für irgendetwas Wahrhaftiges, Echtes, Gutes zu wandeln. Und die Shoujo-Geschichten gehen davon aus, dass in jedem Mädchen nun mal eine Prinzessin steckt. Und zwar keine barbiepinke Werbefernsehprinzessinengöre, wie sie meine Cousinchen sein wollen (deren Eltern könnt‘ ich links und rechts… naja), sondern einfach ein gutes, ein schönes, ein besonderes Mädchen. Und ganz gleich, wie widrig die Rahmenbedingungen sind: wenn man nur durchhält und alle Probleme übersteht, wird man irgendwann dafür belohnt.

Selbstverständlich schwingt da ein konservatives Weltbild und Werteverständnis mit; mit der feministischen Kritik gesehen kann man daran massiv monieren. Aber in dieser funktionalistischen Konstruktion des klassischen Shoujo-Plots (übrigens auch drüben bei den Shounen), so limitiert sie auch ist, steckt ein tröstlicher, positiver und motivierender Impuls, den ich ursympathisch finde – gerade bei den Mädchengeschichten.

Insofern hat Kimi ni Todoke meine Grundsympathien sicher, zumal der Anime sich auch gestalterisch angenehm zurückhält und auf knallige Farben und rasante Schnitte verzichtet. Leider bedient er sich gewissermaßen nur bei den Standards, ohne sie nutzen. Will meinen: Kimi ni Todoke bemüht sich nicht, die Grenzen des Genres auszuloten, und gibt sich schon völlig mit dem fantasielosen Abklappern der üblichen Entwicklungen zufrieden, was zusammen mit dem sehr zögerlichen Storyfortschritt und den eindimensionalen Charaktern in den 24 Episoden für einige Längen und auch Langeweile sorgt.

Um bei Sawako zu beginnen: anfangs eine sehr reizvolle, weil eigene Figur. Ihre urnaive, weltfremde Art ist amüsant, weil sie in die kleinsten Dingen die größte Wichtigkeit legt – was fast schon zu Zerwürfnissen führt, wie etwa, als sie sich gar nicht traut, Ayane und Chizuru ihre Freundinnen zu nennen, und diese denken sie hätte sich von ihnen abgewendet. Zumal sie es ja alles andere als leicht hat. Doch nach einer Weile langweilt das ewige Beschwören ihrer Manierismen, weil es den Fortgang der Geschichte extrem verzögert und ihre eigene persönliche Entwicklung und Wandlung (denn Shoujo ist immer auch ein wenig Coming-of-Age) auf ein trauriges Minimum beschränkt.

Überhaupt, Kimi ni Todoke tut sich mit seinen dauernden Redundanzen und der ständigen und ständig kommentierten Bezugnahme auf die immer selben introspektiven Beobachtungen keinen Gefallen. Dass ein und die selben Motive durch den Anime hinweg aufkommen ist ja völlig in Ordnung. Nicht aber, dass sie in jeder einzelnen Episode in den Vordergrund gezerrt werden, denn damit gehen sie bald auf den Wecker (und mit ihnen auch Mamiko Notos eigentlich wunderbar angenehme, sanfte Stimme); Sawako und ihr Zurückgezogenheit; Sawako und ihre ersten Freundschaften; Sawako und ihre irritierende Ignoranz ihren Gefühlen gegenüber; und immer wieder Kazehaya, ach, Kazehaya.

Wenn ich sage, dass Kimi ni Todoke langsam ist, dann meine ich nicht etwa gemächlich und ruhig, mit all seinen positiven Konnotationen, sondern: betulich und schleichend. Kimi ni Todoke ist streckenweise langweilig bis hin zur Schmerzgrenze; den Vergleich mit dem manchmal etwas zu turbulenten, aber stets und unfehlbar spaßigen und unterhaltsamen und berührenden und bewegenden Kare Kano lasse ich aus gutem Willen lieber in der Schublade. Aber: für eine Show, die Gefühle regen will, regt Kimi ni Todoke erstaunlich wenig Gefühl.

Das liegt unter anderem daran, dass am Ende der 24 Episoden zwar viel zu sehen war, aber kaum etwas geschehen ist – Kimi ni Todoke endet mit einer geschlagenen Doppelepisode, in der Sawako und Kazehaya einen Schrein zu Neujahr besuchen, und eigentlich nichts machen. Das liegt auch daran, dass die Charaktere zwar mit viel Willen in Szene gesetzt werden (und in den durchaus netten SD-Sequenzen auch mal Spaß machen), aber eigentlich nicht viel dahinter steckt. Was bei Kazehaya als möglichst kantenlos attraktivem, klassichen Bishounen-Helden nachvollziehbar (wenn auch schade) ist, bei den Nebencharakteren aber vermeidbar gewesen wäre und bei aufgepropften, notorischen comic relief-Charaktern wie Pin oder Joe auch auf die Nerven geht.

Selbst das Bemühen, Chizuru mit einer ganzen Arc zu hinterleuchten, bleibt letztlich ohne spürbaren emotionalen Effekt. Das liegt nicht zuletzt, paradoxerweise, auch an der eigentlich schönen Gestaltung und soliden Regie des Anime. Denn Kimi ni Todoke sieht gut aus mit seiner angenehm sanften Farbwahl und seinen impressionistischen, oft traumhaft verfremdeten Hintergründen, aber die vielen schwelgerischen Sequenzen geben den Charakteren auch viel Raum, sich nur ein weiteres Mal zu wiederholen, statt sich zu entwickeln. Kimi ni Todoke will in jeder Sequenz schön sein, aber der Verzicht auf die hässlicheren Seiten bedeutet, dass keine plausiblen, vielschichtigen Charaktere entstehen können, die so einen Anime nun mal länger im Gedächtnis halten als primär ästhetisch hübsche Szenerien.

Wobei ich gerne zugebe, dass Kimi ni Todoke im Mittelteil in dieser Hinsicht so ganz anders ist dank der Einführung des mit Abstand interessantesten und spannendsten Charakters. Kurumi ist doppelbödig, eigensüchtig, ungerecht und gemein und damit allen anderen Charakteren an Komplexität und auch als Empathiefläche turmhoch überlegen. Denn auch wenn sie sich vordergründig als zuckersüßer, bezaubender everybody’s darling geriert und fleißig intrigiert, um Kazehaya zu erobern, und im (hoffnungslosen) Konkurrenzkampf gegen Sawako erst ihre biestige, dann ihre innerste, verletztliche, dann wieder ihre biestige Seite zeigt, also ein moralisch vielleicht nicht sehr fitter Charakter ist, kratzt sie mit ihrer Widerborstigkeit großartig an der viel zu glatt geschliffenen Oberfläche von Kimi ni Todoke.

Die doch recht lange Arc, in der sie allmählich zum Angriff auf Sawako übergeht, irgendwann scheitert, sich dabei aber auch öffnet und ehrlicher wird, ist der bei weitem beste Part des Anime, weil der Konflikt und das Drama überzeugend gespielt sind. Kurumi kämpft mit harten Bandagen gegen die vielfach gehandicappte Sawako, die lange Zeit gar nicht weiß, dass sie sich eigentlich wehren muss, und selbst dann noch Mitleid mit ihrer Freundin Kurumi hat. Doch am Ende entscheidet nun mal Kazehayas Zuneigung – ein harter Schlag für ein Mädchen, das schon seit Jahren ihr ganzes Leben danach richtet, dem Jungen, den sie liebt, zu gefallen. Und jemanden zu haben, für den sie sich nicht verstellen muss (interessanter Widerspruch!), ohne allerdings je wirklich beachtet zu werden.

Dass der Rest des Anime im Vergleich dazu deutlich abfällt, spricht aber für sich. Kann man so oder so auslegen. Man kann knallscharf den Vergleich ziehen und die Kurumi-losen Episoden damit noch schlechter machen, als sie sind; oder man kann ihre Arc als Ausreißer nach oben verstehen, wozu ich eher tendiere.

Denn Kimi ni Todoke hat, wie eingangs erwähnt, meine Grundsympathien. Ich mag romantische Geschichten, und gerade gegen Ende, als Sawako endlich ein wenig aus ihrer konstruierten Rolle herausgeht und erwachsener wird, Kazehaya damit auch näher kommt, hat Kimi ni Todoke gutes romantisches Potential. Umso bedauerlicher natürlich, dass der Anime sich ständig selber ausbremst, fast bis hin zum Stillstand – und das Kimi ni Todoke nachhaltig und substantiell nach unten zieht. Schade, dass man tatsächlich über zehn Jahre nach Kare Kano noch derart in diesen schwärmerischen, gefälligen Erzählmustern verhaftet sein muss und keinen Mumm hat, sich den entscheidenden Schritt weiter zu trauen. 6/10

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