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Mangarama: Takayuki Yamaguchi – Shigurui

2010-07-02

Achtung: not for the faint of heart. Es wird explizit.

Takayuki Yamaguchi ist ein Gewaltästhet. Sein Debüt Kakugo no Susume, in den USA als Apocalypse Zero erschienen, macht das unmissverständlich klar, ist ein abartiger, verstörender Trip in die allertiefsten Abgründe und Perversionen menschlicher Vorstellungskraft. Die Adaption des Manga gehört zum Kanon derjenigen berüchtigten Anime, die in den 90er Jahren den zweifelhaften Ruf von Manga und Anime im Bewusstsein der westlichen Gesellschaften zementierte. Doch es ist nicht die schiere Brutalität und grauenerregende Gewalt, die hängen bleibt; Yamaguchi zelebriert Gewalt, nicht als Schock- oder Verkaufsfaktor, sondern als etwas (leider) zutiefst menschliches, das er – gerade in Shigurui – wieder und wieder ergründen will. Oder muss.

Schon im ersten Band, recht früh, fällt einer klügsten unter vielen klugen Sätzen dieses Manga: „Die feudale Gesellschaft, in ihrer Reinform, setzt sich aus wenigen Sadisten und vielen Masochisten zusammen“. Ein Versuch der Erklärung, wie es zu den unzähligen, alptraumhaften, ebenso begeisternden wie entgeisternden, faszinierenden wie ekelerregenden Szenen in den folgenden bislang vierzehn Bänden kommen kann. Shigurui spielt im Japan der frühen Tokugawa-Zeit, das als befriedet gilt; doch zwischen dem Land und seinem Frieden steht noch immer etwas: der Mensch.

Tadanaga Tokugawa ist ein Enkel des Reichseinigers Ieyasu Tokugawa und Bruder Iemitsus, des derzeitigen Shoguns; dass sein Bruder trotz (in seinen Augen) schlechterer Eignung nur seines Alters wegen den Vorzug erhielt, ist einer der Gründe, weswegen Tadanaga zu dem wurde, der er ist: ein sadistischer, wahnsinniger, machttrunkener Tyrann.

Tadanaga ruft – in Shigurui und auf der Erzählung Suruga-jou Gozenjiai von Norio Nanjou basierend – einen Wettbewerb aus, um seinen monströsen Blutdurst zu stillen (den er ansonsten durch die Folterung, Vergewaltigung und Ermordung seiner Dienerinnen befriedigt). Zweiundzwanzig Samurai sollen in einem Turnier auf der Burg Sunpu antreten, und zwar nicht mit Holz- oder Bambusschwertern, sondern Stahlklingen. Ein Kampf nicht um das Leben, sondern nur um den Tod. Im ersten Kampf treten Seigen Irako und Gennosuke Fujiki gegeneinander an, der eine blind und lahm, der andere ohne linken Arm.

Wenig später wird klar, das wir in ultimas res eingestiegen sind. Die Geschichte springt um sieben Jahre zurück und enthüllt, dass Shigurui die Geschichte zweier Schwertkämpfer ist, Irako und Fujiki, die das Schicksal im Dojo des Kogan Iwamoto zusammengebracht hat. Irako wie Fujiki sind Ausnahmeerscheinungen, ein Drache und ein Tiger; der eine, Irako, ein Lustmensch mit wehendem Haar und sinnlichen Lippe und gerissenem Geist, doch ist er auch ein Getriebener; der andere, Fujiki, ein Muster an Willenskraft und Konzentration, zum Samurai nachgerade berufen. Doch sie entzweien sich, und bald gibt es nur noch eines in ihren Leben: den anderen zu töten.

Nicht aber, dass das so einfach ist. Sie sind dem dem rigiden System und den strikten Traditionen des vormodernen Japans verpflichtet. Diese kolossalen Spannungen sind der Hintergrund, vor dem Yamaguchi seine unnachgiebige und gnadenlose Rachegeschichte aufspielen lässt, auf eine unnachahmliche Art und Weise. Seine nüchterne Erzählhaltung, die bisweilen mal dokumentarisch, mal aber auch stilgerecht prosaisch wird, und die überwiegend sehr strenge Komposition seiner Panels vermitteln dieses eigenartige Gefühl von Striktheit, das uns humanistisch (oder wenigstens ein bissken vulgärliberal) geprägte Europäer an diese so stark kodifizierten und reglementierten Adelsgesellschaft des damaligen Japan auf diese merkwürdige Art und Weise fremd und unvorstellbar erscheinen lässt.

Das ist aber nur der eine Teil des Faszinosums Shigurui, seine konsequente und unnachgiebige Deklination feudaler Machtstrukturen, die aber etwas ist, was im Hintergrund wirkt. Im Vordergrund steht nämlich Yamaguchis unübertroffener, vielleicht schon obsessiv-kompulsiver Körperkult. Die Körperlichkeit in Shigurui habe ich in all ihrer Präzision und furchterregenden Detailfreude bislang in keinem anderen Manga gesehen. Abgesehen davon, dass Yamaguchi ein brillanter Zeichner ist, spürbar von den 1990er Jahren beeinflusst, und großes Geschick und große Empathie in der Inszenierung seiner Geschichte beweist (etwa in der Art, wie er seine Charaktere in den Panels positioniert), findet seine Kunst in den vielen, vielen Großeinstellungen und Spreads ihre Vollendung.

Wieder und wieder lässt er seine Kapitel in restlos beeindruckenden Doppelseiten gipfeln, sorgsam komponiert und übelkeiterregend in ihrer nackten Wildheit. Halbe Schädel in Großaufnahme, geborstene Leiber, abgeschnittene Gliedmaßen und Extremitäten, entstellte Gesichter, abgezogene Haut, eingedrückte Schädel, herausquillende Gedärme, zerfetzte Augäpfel. Und immer wieder auch gestählte, formvollendete, nackte Körper im Zweikampf, in die Homoerotik changierend. Es ist atemberaubend, wie phantastisch und akribisch und erbarmungslos Yamaguchi darin ist; ein Symbol für die hässliche, zutiefst kaputte Gesellschaft, in der die Geschichte spielt.

In einer Sequenz etwa lässt er Fujiki, dem Irako gerade den Arm abgeschlagen hat, zu einem Arzt bringen – oder das, was sich damals Arzt nennen lassen durfte. Drei Helfer drücken die Muskel und Sehnen zurück und legen den Knochen am Stumpf frei, der Arzt sägt und sägt und sägt, Blut und Knochenmark und Eiter quillt aus den Wunden, während Fujiki schier wahnsinnig wird und in seiner Todesangst ejakuliert. Die Ästhetik der Gewalt, schon lange Teil der Literatur und Filmkunst, findet im Medium des Manga bei Yamaguchi einen ihrer Meister.

Shigurui hat mittlerweile den Bogen geschlagen, der Plot erreichte vor einigen Kapiteln wieder die Geschichte des Auftaktes im ersten Band. Doch Yamaguchi legt auch immer wieder Nebenstränge an, so dass nicht absehbar ist, wie und auch wann er diesen Manga beenden wird. (Übrigens hat sich sein Stil im Vergleich zu vor sieben Jahren nur wenig verändert – ein Qualitätsmerkmal.) So oder so ist Shigurui aber schon seit langer Zeit und hoffentlich auch noch für lange Zeit einer der faszinierend-verstörend-besten Manga, der für die ersten sechs Bände im Jahr 2007 schon eine kongeniale Anime-Umsetzung bei Madhouse erhielt und, dankenswerterweise mit großer Professionalität und Qualität, dank Spore und Stem auch im Westen zugänglich ist.

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