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Review: Nodame Cantabile Finale

2010-08-01

Eine sehr unangenehme Krankheit setzte die Mangaka Tomoko Ninomiya nach Geburt ihres Sohnes im Oktober 2008 lange außer Gefecht: das Karpaltunnelsyndrom – reichlich ungelegen für Mangaka, die ihre Hände ja durchaus hin und wieder mal brauchen, wie man hört. Ninomiya setzte die Arbeit an ihrem Manga Nodame Cantabile aus, was wohl auch für die Verschiebung der dritten und letzten Staffel des Anime verantwortlich war, die in etwa zur gleichen Zeit für den Herbst 2009 angekündigt worden ist. Daraus wurde letzten Endes der Winter 2010, aber das ist okay;  macht sich Nodame Cantabile Finale eben auf, die Bestenlisten dieses Jahres aufzumischen. Und schlecht sind die Chancen nicht.

Es sprach nichts dagegen, dass Finale die Qualitäten der ersten Staffel sowie der zweiten, Paris-hen, fortführen würde. Schon bei der zweiten Staffel wurde Kenichi Kasai (Honey and Clover, Aoi Hana) von Chiaki Kon (Higurashi, Umineko) auf dem Regieposten abgelöst, die auch die dritte Staffel verantworten sollte, und mit Kazuki Nakashima (Gurren Lagann) durfte man sogar schon den dritten Namen als Chefautor notieren. Kasai führte seinen weichen, nicht sehr animationsintensiven Aquarellstil, wie man ihn aus Honey and Clover kannte und in Aoi Hana wiederfand, auch in Nodame Cantabile ein – was dem Anime aber gut tat, das eher schmale Budget mit Stil und Kreativität überdeckte und dank dem Verbleib der Art-Abteilung von J.C. Staff in allen drei Staffeln auch beibehalten wurde.

Paris-hen setzte aber nicht nur das fort, sondern alles, was Nodame Cantabile schon in der ersten Staffel besonders machte – eine warmherzige, amüsante, gewitzte Komödie in einem unüblichen Setting mit einem ganzen Haufen in erster Linie witziger, in zweiter Linie bemerkenswert tief gründender Charaktere. Und auch in Finale sollte sich der Charme der Geschichte entfalten, leider zum letzten Mal.

Nodame und Chiaki, die beiden talentierten japanischen Nachwuchsmusiker, haben in Paris-hen endlich den Sprung von Japan nach Europa geschafft (in Chiakis Fall bekanntlich nicht ganz ohne Mühen), und sich bald auch schon in Paris eingerichtet. Wobei, für Chiaki gilt das nur bedingt: sein Engagement als gefeierter Nachwuchsdirigent führt ihn durch halb Europa und letztlich auch zu seinem alten Meister und Idol Sebastiano Viera, dem er bei der Ausrichtung einer Oper in Italien zur Hand gehen darf. Dass das seine seltsam ungefähre Beziehung zu Nodame, die dazu alles andere als reibungslos verläuft, noch weiter anspannt, liegt nahe. Zumal Nodame mit ihren ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat, denn so begabt sie auch ist – das Genialische in ihr ist verbuddelt unter Lagen an Faulheit und Verpeiltheit und Chaos.

Nahtlos knüpft Finale da an, wo Paris-hen aufhörte. Oder vielmehr nicht wirklich aufhörte, denn die gesamte Geschichte von der ersten Episode der ersten Staffel bis zur letzten der dritten ist eine durchgängige, die Staffelung eher produktionsbedingt (der Manga wurde eben noch veröffentlicht), auch wenn die erste Staffel ein schön rundes Ende hatte und damit das Sahnehäubchen auf einen sehr feinen Anime setzte. Trotzdem ist Finale eher so etwas wie die Folgen 35 bis 45 des Anime in seiner Gesamtheit, da trotz Regie- und Autorenwechsel die Kontinuität und Konsistenz von Anfang bis Ende gegeben ist.

Nodame Cantabile erzählte die Geschichte eines sehr ungleichen Pärchens, dem hochtrabend-ernsthaften Chiaki auf der einen, der verspult-kaputten Nodame auf der anderen Seite, die sich an einem japanischen Konservatorium über den Weg laufen. Der Nachwuchsdirigent und die Pianistenbegabung raufen sich mehr schlecht als recht irgendwie zusammen, dummerweise sind sie nämlich schlicht füreinander gemacht. Was nicht heißt, dass fortan alles glatt läuft. Im Gegenteil, in Paris-hen wie in Finale wird kräftig gezofft und geeifersüchtelt, ohne dass das jemals – was ja nahe liegen könnte – auch nur ansatzweise in die Gefilde einer Soap Opera abdriftet.

Nodame Cantabile baut nämlich auf seine Charaktere. Der Anime ist im Herzen eine Komödie, weder der brachialen (Seto no Hanayome) noch der bizarren (Sunred) Sorte, sondern eine, die von den Skurrilitäten ihrer Charaktere lebt, ohne dass diese lediglich Schablonen und Folien für irgendwelche flachgeistigen Absurditäten sind (was ich aber weder Seto no Hanayome noch Sunred unterstellen kann/will). Im Gegenteil: die Charaktere haben Macken, in aller Regel liebenswerte Macken und oft auch herzlich amüsante, aber sie sind bei weitem nicht darauf beschränkt. Das wird am deutlichsten bei den beiden Hauptcharakteren Nodame und Chiaki, die letztlich beide auf einer inneren Erkundungsreise nach sich selbst sind und sich entscheiden müssen, welchen Weg sie einschlagen wollen – was bei den vielen Nebencharakteren allerdings nicht minder gut gemacht ist.

Nodame etwa leidet oft darunter – sie ist gut, sie hat geniale Anflüge, aber sie kann weder mit Druck umgehen noch traut sie sich überhaupt zu, wirklich alles aus sich herauszuholen. In Finale verschärft sich ihre Lage noch, weil es allmählich gegen Ende ihres Studiums geht. Dem harten Regime des Monsieur Auclair (der an sie glaubt und sie nur deswegen so fordert) zollt sie Tribut, während Chiaki sich zu sehr um seine eigenen Belange zu kümmern scheint und sogar mit dem chinesischen Ausnahmetalent Rui ein Konzert aufführt, von dem sie immer geträumt hat. Wofür sie sich rächt, indem sie mit dem lüsternen Maestro Stresemann durchbrennt – und in London ihrerseits ein gefeiertes Konzert gibt…

Ähnlich wie die mäandernde On-Off-Beziehung zwischen Nodame und Chiaki bewegt sich auch der Anime in toto durch die Geschichte. Sehr typisch für Manga-Adaptionen, zumal für diejenigen, deren Manga noch in der Veröffentlichung sind, lebt die Geschichte eher von Episode zu Episode, ohne aber richtig episodisch zu sein (irgendwann sollte ich einen Post schreiben über die narrativen Optionen in Fernsehanime…). Die Story ist durchgängig, hat aber keinen übergreifenden Aufbau – eine Erkundungsreise eben; auch Finale driftet in seinen letzten Episoden eher in ein open end aus. Aber das geht völlig in Ordnung, in Nodame Cantabile geht es um den Weg und nicht das Ziel.

Nodame Cantabile erkundet seine Möglichkeit ebenso wie seine twentysomethings, die so ungefähr ins Leben zielen und auch einmal scheitern; Yunlong etwa wird als mittelprächtiger Absolvent nach China zurückgehen müssen, während Tanya sich langsam eingestehen muss, dass ihr Talent für ihr süßes Leben als Musikstudentin leider vielleicht nicht ganz reicht. Man sieht, die Lebenswelt der Figuren ist angenehmerweise nicht die obligatorische Schule oder Uni, in der hundsgewöhnliche Allerweltsprobleme gewälzt werden, sondern die Welt der klassischen Musik (im weiteren Sinne), in der die Allerweltsprobleme dann doch wieder etwas anders liegen.

Damit verhindert man schon mal dieses arg selbstreferentielle und egozentrische Muster, an dem etwa auch ein Inio Asano in seinen Manga ab und an mal krankt(e), wenn man ein Thema hat in doppeltem Sinne: als Bezugsrahmen und als Begleitmetapher. Auch in Finale beschränkt sich der Anime nicht nur auf das Setting einer Musikhochschule in Paris, sondern greift gekonnt auf die Motivik seiner Musik zurück – Ravel, Chopin, Mendelssohn, Liszt, Mozart natürlich, sie alle werden für die Geschichte so verarbeitet, das es sie auch weiterbringt und die Geschichte stets (in positivem Sinne) fordernd hält.

Was aber, und damit kommen wir zum größten Vorzug von Nodame Cantabile, nie auch nur im Geringsten verkopft oder bemüht oder gekünstelt rüberkommt. Im Gegenteil. Die klassische Musik verquirlt sich völlig natürlich mit den vielen komödiantischen und auch ernsthaften Szenen und verleiht Nodame Cantabile erst dieses ganz besondere Flair – und schafft genau damit den Rahmen, in dem der manchmal herrlich kindische, aber nie profane, oft überraschende und temporeiche und fast immer einfach gute Witz aufblühen kann. Nodame Cantabile ist eine wunderbare, ungewöhnliche Melange, genau richtig abgeschmeckt, mit gutem Sinn für ernste Momente wie für treffsichere Pointen, in der ersten Staffel wie in Paris-hen wie in Finale. Eine sehr lockere, sehr stimmige, sehr gekonnte Sache, deren Humor ich ziemlich vermisse. 8/10

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