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Review: Dance in the Vampire Bund

2010-08-08

So präsent ist Akiyuki Shinbos Schaffen beim Studio Shaft, dass Shaft und Shinbo häufig synonym verwendet werden. Dabei gab es auch einen Shinbo vor Shaft und Shaft gab es auch vor Shinbo. Aber der letzte Anime des Studios, bei dem nicht der exaltierte Regisseur die Animatoren anleitete, liegt immerhin schon satte vier Jahre zurück. Eine lange Zeit, in der er mehr oder weniger freie Hand bekam, um die inszenatorische Linie des auch quantitativ reichlichen Outputs zu bestimmen.Was er auch ausgiebig tat, so dass sich von Sayonara Zetsubou-sensei und ef über Hidamari Sketch und Maria+Holic hin zu Bakemonogatari, so unterschiedlich die Anime teils auch waren, tatsächlich ein prägnanter Shinbo-Shaft-Stil herausbildete, im Visuellen wie im Narrativen.

Man wusste also, was von Dance in the Vampire Bund zu erwarten war – und der Anime fällt auch wirklich nicht aus dem Rahmen. Im Gegenteil, in einiger Hinsicht lassen sich darin so einige Eigenheiten dieses markanten Stils ausmachen – wie etwa in der ganz eigenen Aufmachung, die selbst der schnöden Grundthematik einige überraschende Glanzlichter abtrotzt.  Aber der Manga, der dem Anime zur Vorlage diente, war inhaltlich und in seiner Visualisierung sehr dankbares Futter für Shinbo, und genau darin offenbaren sich auch die unangenehmen Seiten seines Regiestils. Denn so kreativ und mutig er und Shaft die visuellen Aspekte seiner Anime herausfeilen, so mäßig kann manchmal deren inhaltliche Auslegung sein. Etwa beim Thema Sex.

Nun ist Sex und Anime eine Sache für sich und kein Fass, dass ich unbedingt aufmachen will. Doch Shinbo sexualisiert viele seiner Anime so heftig, dass man einfach nicht umhin kommt, das Thema anzuschneiden. Dabei muss vorausgeschickt werden, dass Sexualität in Literatur und Kunst selbstverständlich ein völliges legitimes Thema wie auch Mittel ist, um die menschliche Existenz auszuloten. Grenzwertige Erkundigungen sind da natürlich eingeschlossen, Nabokovs Lolita ist nur das berühmteste unter vielen Beispielen. Nur, um zu Shinbo im Allgemeinen und Dance in the Vampire Bund im Speziellen zu gelangen, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ist Shinbo ein hochklassiger Literat, der den Diskurs über die menschliche Sexualität und ihre postmodern-mediale Rezeption in der populären Jugendkultur ironisch bricht; oder er steckt seine eigentlich unverhohlenen, profanen und pervertierten Fantastereien in ein ironisches Kleidchen, um sie zu legitimieren. Und ich tendiere deutlich eher zur zweiten Möglichkeit.

Die Geschichte von Dance in the Vampire Bund geht ungefähr so: Die Königin der Vampire, Mina Tepes, und ihr Gefolge siedeln über nach Japan. Oder bis vor knapp vor Japan, wo sie sich auf dem Meer einen eigenen autonomen Distrikt, den Bund, errichten – was die japanische Regierung mehr oder weniger willig absegnet, schließlich haben Mina Tepes und ihr Vampirimperium die japanische Wirtschaft fest in der Hand und das Land über die Kontrolle seiner gewaltigen Staatsschulden am Kragen. So ganz ohne öffentliches Aufhebens läuft das natürlich nicht, Vampire sind schließlich Vampire und selbst mit Sonnenschutzsalben und strenger eigener Rechtsprechung tümmeln sich auch in der finsteren Halbwelt genügend garstige Gesellen. Der natürlich bis dato unbekümmerte Teenager Akira wird unversehens in das Brimborium hineingezogen, als sich herausstellt, dass seine Schule seit langem im Besitz der Vampire ist, Mina Tepes dort Schülerin (und Rektorin) wird und beide sich wohl schon kennen, ziemlich gut kennen. Oh, und er ist ein Werwolf. Und Leibwächter der Vampirprinzessin.

Es folgen zwei Arcs; die eine spielt mehr oder weniger an der Schule, die von rebellischen Nachwuchsvampiren übernommen wird (schlecht für die Außenwirkung, wie die Prinzessin später nachdrücklich klarstellen wird), die andere spitzt den Konflikt innerhalb der Halbwelt zu, als Mina Tepes dazu gedrängt wird, die Blutslinie des Königshauses fortzuführen. Wichtig ist das aber nicht unbedingt, die Story steht auf tönernen Füßen und ist weder sehr spannend noch sehr interessant – auch wenn ich das Konzept der vampirischen Gemeinschaft als straff organisiertes Wirtschaftsunternehmen gut finde. Aber faktisch ist die Geschichte eine uninspirierte Melange verschiedener Standards des Genres; nur profaner.

Shaft und Shinbo, um zum Kern vorzustoßen, kommt die Vorlage allerdings sehr, sehr zupass. Wir befinden uns in Dance in the Vampire Bund nämlich mittenmang im Lolikon-Territorium; die ständigen sexuellen Innuendos, die plakative Nacktheit, die berüchtigte Einreibeszene der zweiten Folge, das reguläre Ending machen das unmissverständlich klar. Schließlich ist Mina Tepes, selbst wenn sie einige Jahrhunderte auf dem Buckel hat, äußerlich eine Grundschülerin. Nun kann man das nicht ohne Grund und Recht schon als notgeilen, an die Pädophilie grenzenden Kram verdammen; aber selbst wenn man das aus den Augen jemandes betrachtet, der die ständige Sexualisierung kindlicher Figuren als Standard eines Massenmediums und damit wertneutral als Sachverhalt begreift, wird die aggressive Vermarktung in Dance in the Vampire Bund irgendwann schlicht öde und peinlich.

Natürlich bricht Shinbo das Ganze ironisch. Er macht es zum Thema, ästhetisiert es und spielt mit den Erwartungen. Das kann er, dazu ist sein visuelles Instrumentarium da, dazu sind seine knackigen Dialoge da, die ein Stück weit auch durchaus so etwas wie eine verführerische Laszivität entfalten. Aber in anderen Anime wie Bakemonogatari, das sogar noch ein Quäntchen offensiver rangeht, fußt das Ganze auf einer Geschichte mit wesentlich mehr Zug und mehr Facetten, während Dance in the Vampire Bund insgesamt banal bleibt. In diesem Anime wird deutlich, dass Ironie und Ästhetisierung tatsächlich nicht viel mehr sind als bloße  Schutzbehauptungen.

Letztlich ist es bei ihm wie bei vielen zeitgenössischen Produzenten von Anime und Manga – Parodie und Parodiertes stehen gleichberechtigt nebeneinander und werden irgendwann zum Selbstzweck. Wenn eine pantsu geflasht wird und das ironisch kommentiert wird, ist das natürlich eine Reflexion der so stark sexualisierten Gegenwart von Anime und Manga; was aber nichts daran ändert, dass das Höschen aber eben doch gezeigt wird. In Bakemonogatari dauert es in der ersten Episode ganze acht Sekunden, bis der Wind einen Schulmädchenrock hochweht und den Blick auf die Wäsche freigibt; dass die Zeit bis dahin eingeblendet wird und mitläuft, dass die Szene in Slow Motion abläuft, ist selbstverständlich ein vielsagender Kommentar – die Spitzen und Rüschen kann man aber trotzdem zählen, daran ändert das nichts.

In der über weiteste Strecken wirklich mauen Geschichte von Dance in the Vampire Bund ist die ständige sexuelle Konnotation irgendwann einfach nur noch öde, weil der Anime ansonsten nur sehr wenig bietet. Dabei macht er trotz seines augenfällig sehr bescheidenen Budgets einige Sachen sicherlich richtig; bei aller ansonsten mittelmäßigen Ansehnlichkeit sind viele Kontrastfarben gut gewählt, und Shinbo verzichtet nicht einmal auf sein Markenzeichen, die verschwenderischen, voll animierten vertikalen Pan-Shots, bei denen er nicht einfach eine fertige Zeichnung von unten nach oben abfährt, sondern den gesamten Weg animieren lässt.  Und wie so oft erhält auch hier eine Folge (Nummer 11) ein exklusives, eigens animiertes Ending. Macht auch nicht jeder.

Aoi Yuuki als Mina und Yu Kobayashi als Mei Ren sind gut gewählt und verkörpern ihre Figuren facettenreich und stimmig. Die Inspektion der Jungfräulichkeit Minas, durchgeführt von einer knorrigen alten Mamsell vor Zeugen, birgt tatsächlich – paradoxerweise – etwas von dieser rohen Angst vor dem Eindringen in die eigene Privatsphäre, die viele Anime in toto in Bezug zur Sexualität häufig missen lassen. Und die erste Folge, die erst mal null mit der Geschichte zu tun hat und eine gewöhnliche japanische Talkshow imitiert, die erst gegen Ende einen blutigen Verlauf nimmt, ist sogar so richtig gut gelungen, ein toller Einstieg.

Unter’m Strich ist Dance in the Vampire Bund allerdings eher ein verunglücktes Projekt. Sicherlich, Shinbo ästhetisiert und stilisiert wieder, wie es eben nur ein Shinbo kann. Das schätze ich zwar eher, als dass ich es mag, aber generell ist eine ausgefallene Regie sicherlich erstmal interessanter als eine blutarme Standardinszenierung. In einer so schwachen Geschichte wie dieser wirkt sie aber nicht nur etwas bemüht, sie macht auch die vorgeblich ironische Konstruktion offenbar, mit der Shinbo für gewöhnlich seine Anzüglichkeiten umflort und legitimiert; und diesmal ist es eben weniger Reflexion als bloßes Zurschaustellen. 4/10

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