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Review: Durarara!!

2010-08-15

Wer Baccano! kannte, wusste in etwa, was er von Durarara!! zu erwarten hatte. Baccano! war eine anfangs furchtbar konfuse Angelegenheit, die an mindestens vier Orten und mit ebenso vielen (eher mehr) Parallelhandlungen stattfand, zu verschiedenen Zeitpunkten natürlich, so dass man zunächst völlig verwirrt zurückgelassen wurde. Je weiter der Anime aber fortschritt, desto mehr schälte sich der Kern der Geschichte heraus – und erst am Ende begriff man, wie genial verschachtelt das Ganze eigentlich war. Und so in etwa durfte und darf man sich das auch bei Durarara!! vorstellen.

Denn schließlich ist auch diese Geschichte von Ryohgo Narita in die Tastatur gehackt worden, und wie auch vor drei Jahren sollte das Team von Takahiro Omori (Regisseur; Natsume Yuujinchou, Jigoku Shoujo, Koi Kaze nebst Baccano!) und Noboru Takagi (Drehbuchautor; die selben Titel sans Natsume Yuujinchou…) bei Brain’s Base, bis hin zu großen Überschneidungen bei Storyboardern und Animatoren, die Adaption verantworten. So kommt es also, dass man in ahnen konnte, was auf einen zukommen würde – aber so richtig bereit konnte man nicht sein, kann man nie bei etwas, das sich Chaos auf die Fahne schreibt und am Ende tatsächlich damit durchkommt.

Mikado Ryuugamine, der Junge mit dem peinlich hochtrabenden Namen, zieht nach Tokyo. Genauer gesagt in das superurbane Viertel Ikebukuro, wo sein bester Freund aus Kindheitstagen mittlerweile lebt, Masaomi Kida. Der verstockte und schüchterne Mikado wird vom smarten Masaomi rasch in die vielen Eigentümlichkeiten Ikebukuros eingeweiht, woran es dieser Ecke Tokyos nun wirklich nicht mangelt. Bald laufen ihm über den Weg: ein inhuman starker und schmerzresistenter Türsteher; ein zwielichtiger Informant; ein schwarzer, russischer Sushi-Verkäufer und wohl Ex-KGBler; die ein oder andere Gang, allen voran die Yellow Scarves und Dotachins Renegadentruppe; ein Yakuza-Chirurg; und eine Motorradfahrerin, die keinen Kopf haben soll, auf einer schweren, wiehernden, pechschwarzen Maschine. Ein paar andere laufen ihm zwar noch nicht über den Weg, wie entführte Mädchen, der schreckliche Slasher, der nachts Menschen mit einem Katana abmurkst, oder die mysteriöse, unsichtbar scheinende Gang der Dollars. Und vielleicht ist ja auch nicht jeder langweilige Charakter so, wie er scheint. Aber um das zu erkunden ist ja 24 Episoden Zeit.

Man ahnt es: Narita hat auch diese Geschichte ganz ähnlich angelegt wie in Baccano!, indem er eine Plethora an Charakteren in einen Dampfkochtopf (hier: das moderne Tokyo) packt und die ganze Suppe ordentlich aufkochen lässt, garniert mit reichlich Übernatürlichem und einer Prise exzessiver Gewalt. Gerade am Anfang, circa in der ersten Hälfte, kann Omori dabei aus dem Vollen schöpfen – was er auch tut, ausgiebig und kongenial. Er hat so viele Charaktere mit ihren Gechichten zu bedienen, dass er den großen Rest, Passanten  und Mitschüler, einfach gar nicht erst kolorieren und als graue Masse durch die Szenerie laufen lässt. Das hilft anfangs, ein wenig die Übersicht zu behalten (auch wenn Baccano! in der Hinsicht gemeiner war – Durarara!! spielt immerhin mehr oder weniger nur an einem Ort), und wird erst gegen Mitte und dann nochmal gegen Ende des Anime in zwei verdammt cleveren Kniffen plötzlich zum Thema gemacht, als die Horden an namenslosen Allerweltspersonen plötzlich anfangen zu handeln. Ein kleines Beispiel dafür, wie durchdacht und gerissen hier vorgegangen wird.

Aber zurück zur eigentlichen Geschichte. Gerade am Anfang macht man sich noch keinen Begriff davon, was eigentlich so alles vorgeht. Der Anime lässt sich auch Zeit damit, die zu Grunde liegenden Motive und Themen aufzudecken, und mäandert stattdessen durch die Fülle an Charakteren. Das klappt hervorragend, weil es einfach viel Interessantes zu erzählen gibt – Naritas Ikebukuro ist eine faszinierende, chaotische Stadt voller skurriler Typen und irrer Aktionen, Hort eines Magischen Realismus ganz eigener Prägung.

Aber auch die Art, wie erzählt wird, hat erheblichen Anteil daran, dass das world building in Durarara!! so klasse klappt. Omori wechselt in jeder Episode die Erzähler durch, lässt mal Mikado naiv in die Welt reintapsen, bedient sich an Kana Hanazawa (die übrigens in letzter Zeit ziemlich omnipräsent geworden ist…) und ihrer verzagt-kindlichen Stimme, um die sensible Anri sprechen zu lassen, oder gibt auch mal der kopflosen Reiterin Celty oder dem Russen Simon Brezhnev (SUSHI UMAI YO~) das Wort. So dass zuächst jede Episode zunächst mal für sich erzählt wird, der Hauptcharakter der einen schon wieder zum Hintergrundcharakter der nächsten wird – aber am Ende eben herauskommt, dass alle doch irgendwie miteinander rumwerkeln und alles ins große Ganze zusammenfließt.

Die Vernetztheit ist in diesem Anime allerdings nicht mehr nur ein unterhaltsames Erzählmuster, sondern zugleich Motiv. Sowohl die Dollars als auch die Yellow Scarves und – Spoiler, hust – die Slasher-Infizierten sind auf die ein oder andere Weise miteinander verschaltet, ein Thema, das prima in das moderne, großstädtische, medial und informationstechnologisch hochgradig vernetzte Japan passt. Die Dollars sind eine Internet-Community mit flacher Hierarchie (und einem überraschenden Gründer, hehe), was an 2ch erinnern soll und die vielen Epigonen im Netz natürlich freut (hui, wir sind ja plötzlich wer); die Scarves eher eine klassische japanische Jugendbande mit ihren üblichen Scharmützeln; und die Slasher zeigen Züge einer Art organischen Einheit, einer Schwarmintelligenz.

Sie alle drei stellen sich am Ende als Bestandteile des Leitmotivs heraus, eines Dreikampfes à la der Zeit der Drei Reiche. Nur, dass sie erstmal gar nicht und später dann mit höchst unterschiedlichen Methoden kämpfen und von allüberall Störfeuer dazwischenprasselt, ganz abgesehen davon, dass ihre Chefs unbekanntermaßen miteinander verbandelt sind und sich die Gruppen überschneiden. Ein heilloses Chaos, aber eines, an dem man auch seine helle Freude hat – und gar kein so schlechter Versuch, paradoxerweise, ein wenig Ordnung in das moderne Leben zu bringen. Denn auch wenn ich nicht gerade häufig ferngesteuert unliebsame Personen zerschnibbele, weil meine Weisel es mir gebietet – soziologisch gesehen ist unsere Zeit, in der wir mittlerweile auch mobil stets und ständig verfügbar sind, Teile sozialer Netzwerke sind, die sich online wie offline überschneiden und gegenseitig verstärken, der Welt von Durarara!! reichlich nahe. Wie gesagt, von Details wie durch die Gegend geschleuderten Kühlschränken und Kopftransplantationen abgesehen.

Dass der Anime aber fast nur in seiner ersten Hälfte stets ans Geniale grenzt, in der zweiten aber etwas anfängt zu tingeln und langatmig zu werden und an Zugkraft zu verlieren, ist allerdings schade. Nach dem furiosen und turbulenten ersten Cours werden etwas zu ausführlich und gemählich die Verhältnisse sortiert und die Figuren für den Showdown in Positition gebracht, der dann auch etwas underwhelming ausfällt (was nur natürlich ist – schließlich geht die Geschichte ja eigentlich weiter und weiter und weiter…), nachdem auch die Erzählung gewöhnlicher wird und immer wieder auch ganz auf einen Erzähler verzichtet.

Das kann man zu einem gewissen Grad auch bei der Animationsqualität spüren, die bisweilen arg knapp wird, wenngleich das generelle Niveau der Produktionswerte ziemlich hoch anzusiedeln ist. Insbesondere die feine Kolorierung mit ihren satten Farben und dem sauberen Bild lässt den Anime superfrisch und lebendig wirken, wozu der hyperurbane Soundtrack von Makoto Yoshimori beiträgt, der neben gewohnt ausdrucksstarken Tracks wie dem kapriziösen The Sought-after Extraordinary oder der mal melancholischen, mal turbulenten, immer absurden Folk-Ska-Nummer Russian Bodyguard haufenweise versponnener Klangexperimente für den Anime geschrieben hat. Die ehrlich gesagt nicht immer sonderlich hörbar sind, aber prima in diesen Anime passen und ihn noch ein Stück weit besonderer machen.

Summa summarum ist Durarara!! ein richtig guter Anime, der Tempo und Turbulenz und Chaos so geschickt und amüsant als Stilmittel benutzen kann wie kaum ein anderer, bis auf Baccano! natürlich, auch wenn er sich bisweilen an sich selbst verhebt. Trotzdem bleiben seine Story, in ihrer intelligenten Grundthematik, den phantastischen Auswüchsen und bizarren Ausflügen, ebenso wie ihre clevere Erzählweise, die Durarara!! zum modernen Großstadtmärchen stilisiert, seine Prunkstücke. Teils noch ungeschliffen, hier und da mit Dellen und Kratzern und Beulen, aber dem Gros der Konkurrenz weit voraus. Derzeit arbeitet Omori zwar mit Kuragehime an einem Josei-Anime für noitaminA, der im Herbst anlaufen soll. Aber wenn er 2011 wieder eine Narita-Geschichte animieren sollte, kann man vielleicht wieder nicht wissen, was so alles drinstecken wird – wohl aber, dass ein verflixt guter Titel rauskommen wird. 8/10

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