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Review: Fullmetal Alchemist: Brotherhood

2010-09-06

Ich habe mich mit Adaptionen früher immer dann schwer getan, wenn sie entscheidend vom Quellmaterial abwichen. Adaptionen sind immer Sachen für sich. Wenn eine Geschichte vom einen Medium ins andere überführt wird, gehen zwangsläufig Ausdrucksformen verloren und müssen näherungsweise ersetzt oder entsprechend interpretiert werden. Was ja auch völlig okay ist und seine eigenen Reize mit sich bringt.

Trotzdem fand ich es lange schwer, die teils gegenläufigen Eindrücke unter einen Hut zu bringen, die sich dann manchmal ergeben; etwa wenn Versionen einer Geschichte in Konkurrenz treten. Planetes zum Beispiel liebe ich, Manga und Anime gleichermaßen. Was hinzugefügt werden muss, denn ab einem recht frühen Zeitpunkt gehen beide völlig andere Wege. Der Manga bleibt ein dichtes, konzentriertes Werk mit einer überschaubaren Zahl an handelnden Figuren, ein Ensemblestück von kammerspielartigem Charakter, während der Anime Handlungsstränge, Schauplätze, Personae massiv ausbaut und abenteuerhaftere, fantastischere Züge annimmt. Irgendwann sind es zwei unterschiedliche Geschichten, nicht völlig aber doch signifikant, selbst wenn Dinge wie philosophische Grundfragen oder Charakterisierungen weitestgehend identisch bleiben. Aber einen Kanon gibt es eben nicht mehr, was zu verarbeiten mir lange schwer fiel.

Fullmetal Alchemist ist ein noch gravierenderer Fall. Der sensationell populäre Shounen-Manga, den Hiromu Arakawa von 2001 bis 2010 zeichnete, erhielt bereits 2003 einen eigenen Anime zu bester Sendezeit, animiert vom damals noch (im Sinne seiner Eigenständigkeit) recht jungen, aber bereits versierten Studio Bones. Die Adaption sollte satte 51 Episoden umfassen und war damit zwar angemessen für einen so beliebten Manga, aber der lief zu dem Zeitpunkt ebe auch erst seit knappen zwei Jahren – und so war nach etwa der Hälfte der Laufzeit die Geschichte eingeholt. Was tun?

Arakawa, Bones und Square Enix (als Publisher und Produzent) entschieden sich, dem Studio freie Hand zu gewähren, weil die Mangaka nicht ihrer eigenen Geschichte hinterherzeichnen wollte. Der FMA-Anime zweigte daher vom Manga ab, und das nicht nur in Details. Ganze Charaktere waren entweder neu oder weg oder völlig anders angelegt; die Gschichte nahm einen gänzlich anderen Lauf und gipfelte bei Bones am Ende in einer historischen Metapher und (wortwörtlich) Parallelerzählung. Das war reichlich gut gemacht und ich habe den ersten Anime auch in guter (wenngleich lückenhafter) Erinnerung. Hätte ich seinerzeit den Manga gelesen, wäre das etwas gewesen, an dem ich ordentlich zu knabbern gehabt hätte.

Ein Dilemma, das mich lange verschonen sollte – bis es mich vor etwa zwei Jahren überraschend doch einholte. Studio Bones sollte nämlich nur knapp sechs Jahre nach dem ersten Anime Fullmetal Alchemist ein zweites Mal animieren, diesmal aber der Geschichte des Manga bis zum Ende folgen. Selbes Studio, selbe Geschichte (zur Hälfte), selber Name (nur für’s Englischsprachige galt der neue Untertitel Brotherhood), anderer Kanon… autsch. Aber wegschauen konnte und wollte ich nicht – Fullmetal Alchemist war schon damals eine prächtig funktionierende Abenteuergeschichte mit erstaunlicher Tiefe und überraschendem Mut, und Bones ist in den letzten Jahren auch alles andere als schlechter geworden. Es führte also kein Weg daran vorbei, und selbst wenn, ich hätte ihn gar nicht genommen.

Die Gebrüder Elric, Edward und Alphonse, sind in alchemistischen Dingen nicht eben unbegabt. Was sie in einer Lage der Not zu einem fatalen Schritt verleitet. Ihre Mutter stirbt nach langer Krankheit, der Vater verließ die Familie vor Jahren, und in ihrer Verzweiflung wagen die beiden Kinder, das größte Tabu der Alchemie zu brechen: Menschliche Transmutation, die Erschaffung eines Menschen aus seinen Bestandteilen. Um ihre Mutter wiederzuerwecken. Doch der Versuch läuft fürchterlich schief, und beide verlieren als Tribut für das verbotene Ritual etwas. Al wird sein Körper genommen, und um dessen Seele zu retten, opfert Ed Arm und Bein, um sie an eine Rüstung zu binden.

Zwar geben sie es auf, ihre Mutter wiederzusehen, doch dafür wollen – müssen – sie irgendwie ihre Körper zurückkriegen. Ed schließt sich deswegen der Armee von Amestris in den Reihen ihrer Staatsalchemisten an, landesweit die beste Möglichkeit, die Kunst der Alchemie zu erforschen. Aber bald werden sie in den Strudel der Ereignisse gezogen, denn Merkwürdiges geht vor sich in der Armee und im Land, und hinter den Kulissen nähert sich ein Jahrhunderte alter Konflikt seinem disaströsen Ende – wenn Ed und Al und ihre zahlreichen Weggefährten, die sie in den kommenden Jahren treffen sollen, ihn nicht verhindern.

Was für sich genommen vielleicht nicht allzu spektakulär klingt, nimmt im Laufe der Zeit aber im besten Sinne epische Ausmaße an – Brotherhood läuft nicht ohne Grund noch eine ganze Saison länger als der erste Anime. Dieses Gefühl der Größe, das FMA:B im Laufe seiner 64 Episoden meisterhaft vermittelt, ist vielleicht das bezeichnendste Merkmal dieses Anime, einen Tick mehr noch als in seiner ersten Version. Die im Kern recht einfache Geschichte zweier vom Schicksal geschlagener Jungs mit einer Mission bleibt auch im ganzen Verlauf und bis zum Ende zugänglich, gewinnt aber rasch an Facetten, Umfang, Wucht und Komplexität und Wertigkeit.

Da wäre sie satte Zahl an (ob offen oder hinter den Kulissen) handelnden Charakteren zu nennen, denen Ed und Al begegnen. Freunde und Feinde in Reihen der Armee, der Racheengel Scar, ihre alte Lehrerin Izumi, die kleine Alchemistin Mei aus Xing, der getriebene Doktor Marcoh, der einsame Wanderer Van Hohenheim und unzählige weitere Figuren bis hin zu den furchterregenden Homunculi um den sinistren Father mischen bald mit, anfangs nur entlang des Weges, gegen Ende dann aber in sechs, sieben Parallelhandlungen ineinander verstrickt – und nahezu allesamt sind sie wunderbar, stark und lebendig geschrieben und charakterisiert.

Analog dazu entwickelt die Haupthandlung, auch dank der zahlreichen Nebenhandlungen, schon bald einen enormen Sog. Ed und Al stolpern nicht mal eben in ein Abenteuer, schon von Anfang an sind sie Teil von Ereignissen historischen Ausmaßes, ob durch ihren Vater, ihre Fähigkeiten, ihre Vergangenheit oder ihren Willen. Und die Geschichte hat es in sich. Von Anfang an sind es – für einen theoretisch familienkompatiblen Anime zu bester Sendezeit am sonntäglichen Vorabend – erstaunlich existentielle Fragen, die Fullmetal Alchemist anreißt. Schon das Grundmotiv, die Alchemie als Konzept des Gebens und Nehmens, stellt sie. Und eine erste, furchtbare Wahrheit lässt sich im Stein der Weisen finden, dem Ed und Al lange Zeit nachjagen.

Der Stein der Weisen, so viel kann verraten werden, wird mit dem Tod von Menschen erkauft. Was durchaus auch nur zum schaurigen Motiv getaugt hätte, wird in FMA zu einer Frage von Macht und Moral. Ed und Al kehren ab, weil für sie nichts das Leben eines Menschen aufwiegen kann. Father, und mit ihm die Führungsriege der Armee und zahlreiche andere Mitläufer hingegen wollen sich ihrer zum eigenen Wohle bedienen, um unsterblich zu werden oder andere Ziele zu erreichen. Eine unverhohlene Parabel auf die Macht der Macht auf Menschen und somit insgesamt eine philosophische Auseinandersetzung – hier die Humanisten, die sogar das eigene Wohl und Leben auf’s Spiel setzen und an den gleichen Wert jedes Lebens glauben;  da die Machiavellisten, die ganze Nationen opfern, um ihre Bedürfnisse befriedigt zu sehen.

Das als grundlegender Handlungskonflikt ist zwar alles andere als innovativ, geht in Fullmetal Alchemist aber hervorragend auf und stößt eine phänomenale Dynamik an. FMA und speziell Brotherhood hat einen sehr guten Sinn für Rhythmus, denn die zahlreichen, teils drastischen, grotesk und schonungslos brutalen Momente stehen stets, und meist wohltemperiert, im Kontrast mit der generellen Ausrichtung des Anime. Fullmetal Alchemist ist und bleibt eine Geschichte für eine junge Zielgruppe, das sieht man an den bunten, comichaften Hintergründen ebenso wie an den zahlreichen komischen Passagen und den humorvollen Auseinandersetzungen der Charaktere. Das sorgt nicht nur für Comic Relief, es erdet die Geschichte auch. Das Beeindruckende an Brotherhood ist, wie der Anime beides, gleichermaßen und fast ohne holprige Übergänge, vereinbaren kann.

Dabei kommt der Anime, wie angesprochen, mit einer erstaunlich ungeschönten Härte und Offenheit daher. Auch Tod, Leid, Schmerz sind schon früh omnipräsent; mit Eds und Als Wiedererweckung ihrer Mutter, die als furchtbar entstellter Leichnam zurückkehrt; mit der Prozedur, in der Ed sich wahnsinnig qualvoll Automail, künstliche Gliedmaßen, anbringen lässt; mit der Familie, die Maes Hughes nach seiner Ermordung zurücklässt; mit Martel, die in der hohlen Rüstung Als erstochen wird; mit dem Massaker in Ishbal.

Das alles dient nicht etwa einem Schockfaktor, sondern ist die harte Schule des Lebens, durch die Ed und Al gehen müssen. FMA ist ein Stück weit auch ein Bildungsroman, natürlich, Ed und Al lassen schon bald ihre Kindheit zurück und wachsen, müssen wachsen, wenn sie nicht sterben (lassen) wollen – auch wenn es im Anime wichtiger ist zu wissen, was für ein Erwachsener man sein will, und nicht nur schnöde erwachsen zu werden. Eine wertvollere Herangehensweise.

Aber abgesehen von diesem klugen Unterbau ist und bleibt Fullmetal Alchemist: Brotherhood eine astreine, lupenreine und ausgeprochen unterhaltsame Abenteuergeschichte in einem interessanten, wenn auch nicht überragend faszinierenden Setting, mit Versatzstücken aus Steampunk und Fantasy, die – auch wenn es vielleicht etwas tautologisch klingt – von ihrer schieren Qualität in nahezu allen Bereichen bereichert wird. Fast alles, was prinzipiell in der Umsetzung eines Anime falsch gemacht werden kann, macht dieser hier richtig, sehr sehr richtig.

Das Skripting aller Autoren etwa ist hervorragend, bereitet von Anfang an die enorm umfangreiche Geschichte bis auf wenige Ausnahmen großartig auf, strukturiert sie, hält sie frisch und spannend und erzählt sie mit gutem Tempo. Auch die Musik von Akira Senju findet mit ihrer breiten Orchestrierung die richtigen Töne, um die großen wie die kleinen Szenen zu beleben, und die großartige Leistung der Synchronsprecher tut ihr Übriges (auch wenn ich die fantastische Leistung der guten, versatilen Romi Park als Ed hervorheben will).

Besonderes Lob gebührt aber der genuinsten Leistung des Studios Bones, das seinen (bis auf die leidige 540p-Auflösung…) sehr guten Ruf nicht umsonst verdient hat und in Brotherhood mehr als nur verteidigen kann. Ich bin zwar kein Sakuga-Otaku, und die Involvierungt zahlreicher kleinerer, aber wichtiger Studios wie Telecom in die Produktion kann ich an dieser Stelle nicht aufdröseln; aber nicht nur in den zahlreichen Auftritten von (kommenden) Staranimatoren glänzt Brotherhood mit feiner Animation, visueller Konsistenz und stilistischer Klasse. Auch wenn natürlich vor allem die Leistungen der besagten Key-Animatoren am spektakulärsten ausfallen, wie hier in einer Sequenz von Yoshimichi Kameda:

Selbstverständlich kann auch hier nicht alles klappen. Hin und wieder wird die Geschichte so groß, dass auch Bones sich ein wenig übernimmt, was vor allem in den letzten Folgen, wo alles zusammen kam, manchmal etwas unrund läuft. Auch sind nicht alle Wechsel vom Komischen zum Tragischen und zurück ganz gelungen. Aber das sind Schönheitsfehler, die angesichts der sonstigen Güte fast schon verblassen.

Fullmetal Alchemist: Brotherhood bleibt ein kolossales Werk, massiv unterhaltsam, technisch und stilistisch hochwertig, und mit Tiefgang und Verve, wie es das Genre ansonsten vermissen lässt – gerade diejenigen Vertreter, die Größe mit Länge verwechseln. Auch Brotherhood ist lang, 64 Folgen sind ein massiver Brocken. Aber Brotherhood ist auch stringent durckomponiert, von vorne bis hinten – keine Aneinanderreihung von Ereignissen, sondern eine einzige, packende, große Geschichte mit einem großen Spannungsbogen und einem großen Ende.

Es gibt für mich Anime, die tiefer gründen oder tiefer treffen (selbst wenn derer gar so viele auch nicht sind). Aber irgendwann, vielleicht auch wegen Planetes, habe ich aufgehört so zu vergleichen. Nicht im Sinne der Komparatistik, die macht ja auch Sinn, aber im Sinne der Urteilsfindung. Was besser oder schlechter oder wahrer ist, ist mir gleich. Stattdessen sehe ich alles einfach als das, was es ist, und Fullmetal Alchemist: Brotherhood ist für das, was es ist, wahnsinnig gut. Ein kompletter Anime, eine fabelhaft spannende, intelligente, unterhaltsame und beseelte Abenteuergeschichte und einer der besten Anime der letzten Zeit. 9/10


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4 Kommentare leave one →
  1. 2010-09-11 00:43

    Yoa, bin größtenteils ganz deiner Meinung. Endlich mal wieder eine epische Erzählung, die Storytechnisch einfach Hand und Fuß und eine ausgefeilte Dramaturgie hat und mit einer Fülle großartiger Charaktere aufwarten kann. Die von dir bemängelten schnellen Wechsel zwischen knallharter Tragik und unschuldiger Komik faszinieren mich um so mehr und unterstreichen meiner Meinung nach sehr gut das zerrissene Seelenleben der brutal ihrer unschuldigen Kindheit beraubten Geschwister. Nur für den Showdown hätten die Macher sich mal wieder zwei oder drei Episoden mehr Zeit nehmen sollen, denn mehrere Folgen lang nur Knall-Bumm zu machen schadet doch ein wenig der Dramaturgie… Trotzdem haben sie die Kurve ganz gut gekriegt.

  2. escapistolero permalink*
    2010-09-11 13:58

    Eh, hieß es nicht vor ein paar Wochen erst, dass du dir im Sommer Brotherhood anschaust? Hast du aber in ’nem ziemlichem Tempo durchgeprügelt… ja, am Ende war da einfach zu viel, was noch unter einen Hut sollte bei dem Anime. War aber auch ein gewaltiger Aufbau bis dahin, und wenigstens vom Maßstab her (Tür zum Himmel…) war das auch angemessen. Glaube, hätte ich das nicht wöchentlich geschaut sondern massiert, wie du, wäre mir das auch deutlicher auf den Wecker gegangen. Das Knall-Bumm ist schon okay, ist und bleibt ja schließlich ein Genrewerk und da gehört das dazu, und immerhin um eine Episode (64 statt 63) konnte Bones ja auch noch verlängern, aber okay, passt ja schon summa summarum.

  3. 2010-09-11 17:04

    Naja, das ist doch schon über zwei Monate her. 😉
    Und ja, ich zieh mir Serien lieber am Stück rein, innerhalb einiger Tage bis Wochen. Wenn ich längere Pausen einlege, verliere ich einfach zu schnell den Faden. Und FMA: Brotherhood war spannend genug, um meinen „Episodenrate“ etwas zu beschleunigen. 🙂

  4. escapistolero permalink*
    2010-09-17 21:31

    Och, war dann doch schon ein straffes Regiment 😉

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