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Review: The Tatami Galaxy

2010-10-08

Masaaki Yuasas Herangehensweise ist die eines Créateurs. Er schreibt, er animiert, er schöpft und erschafft. Dafür braucht er Freiraum, aber den bekommt er auch – Yojouhan Shinwa Taikei,  der auch den englischen und wunderbar passenden Namen The Tatami Galaxy trägt, ist nach Kemonozume (2006) und Kaiba (2008) erst sein dritter Fernsehanime in sechs Jahren. Zuvor allerdings legte er in Mind Game einen furiosen Debütfilm vor und fand anschließend im Studio Madhouse eine neue Heimat, die ihm alles an die Hand gab, um einfach sein Ding zu machen. Wie eben Kemonozume und Kaiba.

Kaiba etwa war grandios, der faszinierendste Anime 2008 und zugleich finanziell einer der größten Flops des Jahres. Der extrem verfremdete und abstrahierte visuelle Stil, in dem Yuasa einen – wie sich am Ende herausstellen sollte – existentiellen Kampf ausfechten ließ, kam nicht gut an; selbst wenn gerade der Kunstgriff, seine Figuren so völlig entmenschlicht zu zeichnen, bei Yuasa dazu diente, das wahrhaft menschliche Antlitz aufzudecken. Genial und unbedingt empfehlenswert – und eine zweifache Hypothek für die Zukunft. Denn auch ein Studio Madhouse lebt nicht nur vom Applaus, und überhaupt: so ein Werk ein zweites Mal zu stemmen sollte selbst ein Yuasa nicht eben mal so hinkriegen. Oder?

An einer Kyotoer Universität. Unser junger Protagonist, auf der Suche nach einem rosenroten, erfüllten Studentenleben und der perfekten Liebe zu einer wunderschönen Maid mit rabenschwarzem Haar, tritt an seinem ersten Tag dem Filmklub bei. Es endet damit, dass er eine Skandaldoku über die perverse Liebe seines Sempais zu einer Love Doll dreht.

Unser junger Protagonist, auf der Suche nach einem rosenroten, erfüllten Studentenleben und der perfekten Liebe zu einer wunderschönen Maid mit rabenschwarzem Haar, tritt an seinem ersten Tag dem Softball-Team bei. Es endet damit, dass er haarscharf einer wütenden Meute Sektierer entwischt.

Unser junger Protagonist, auf der Suche nach einem rosenroten, erfüllten Studentenleben und der perfekten Liebe zu einer wunderschönen Maid mit rabenschwarzem Haar, tritt an seinem ersten Tag der geheimen Gesellschaft eines Chinarestaurants bei. Es endet damit, dass er ein Mobster wird.

Unser junger Protagonist, auf der Suche nach einem rosenroten, erfüllten Studentenleben und der perfekten Liebe zu einer wunderschönen Maid mit rabenschwarzem Haar, entschließt sich eines Tages, einfach in seinem Viereinhalb-Tatami-Zimmer zu bleiben.

The Tatami Galaxy ist, auf den ersten Blick, merkwürdig konstruiert. Fast jede Episode wiederholt sich in ihren Grundzügen; der Protagonist betritt die Universität mit dem festen Vorsatz, aus seinem kostbaren, begrenzten, viel zu kurzen Studentenleben alles herauszuholen. Zwar landet er mal im einen oder anderen Klub oder Team, aber vieles begleitet ihn durch jede Folge: die Bekanntschaft (Freundschaft?) mit dem schmierigen Ozu und der netten, nur leicht seltsamen Akashi, ein Set von mal mehr, mal weniger präsenten Nebencharakteren, eine ominöse alte Wahrsagerin – und sein letztendliches Scheitern. Statt ein rosenrotes Studentenleben mit der perfekten Liebe zu einer wunderschönen Maid mit rabenschwarzem Haar zu führen, geht alles in die Brüche. Der Protagonist – namenslos, übrigens – wünscht sich, alles anders gemacht zu haben. Dann läutet die Turmuhr, die Folge wird zurückgespult, Abspann. Neue Folge.

Ganz so reiterativ geht es dann aber auch nicht. Die Wahrsagerin verlangt von Folge zu Folge mehr Geld, was der Erzähler (in Personalunion mit der Hauptfigur) sogar weiß. Und folgen die ersten fünf Episoden noch mehr oder weniger diesem Muster, sind die nachkommenden drei ein weiterer, nun dreifacher Abschnitt seines Studentenlebens – drei Mädchen begegnet der Erzähler, und in jeder Folge versucht er, sich einer anderen der Angebeteten zu widmen. Dann allerdings, nachdem auch da wieder und wieder alles schief läuft und er sich irgendwann sogar selbst sabotiert – wird in Episode drei sein Fahrrad vom Fröhlichen Fahrradbeseitungskorps geklaut, ist er in Episode neun deren Chef -, will er nicht mehr.

Und findet sich plötzlich in seinem schäbigen Viereinhalb-Tatami-Zimmer in seinem verlotterten Wohnheim wieder, ohne Entkommen. Geht er durch die Tür, betritt er eine zweite Version seines Zimmers. Steigt er durch das Fenster, dito. Klettert er durch die Zimmerdecke, schaut er aus dem Boden noch eines seiner Zimmer. Bricht er durch die Wand, steht er wieder in seinem Zimmer.Viel Zeit, um nachzudenken…

Wenn ich mir eine von Yuasas vielen vorzüglichen Fähigkeiten herauspicken müsste, dann wäre es seine Erzähltechnik. Natürlich muss gesagt werden, dass The Tatami Galaxy eine Adaption ist und die Geschichte, wohl auch in ihrer Erzählform, dort bereits so angelegt war. Dass soll und kann aber Yuasas Leistung nicht mindern, den nicht gerade unkomplizierten Plot perfekt visuell übersetzt und vor allem  mit seiner Bildsprache würdig umgesetzt zu haben.

Es hilft, sich der Sache mit der Literaturwissenschaft zu  nähern. Erzähler des Ganzen ist schließlich der Protagonist selber, zurückblickend und auktorial, aber auch mitfühlend und nacherlebend; während er sich dabei zuschaut, wie er sich auf der Suche nach dem perfekten Studentenlebenvergeblich einen abstrampelt, prasseln pausenlos und rasend schnell mal bissige, mal empörte, mal trockene Kommentare aus dem Off. Die Episoden sind nichts anderes als die Räume, die er am Ende durchschreitet, und die Räume sind in seinem Kopf. Der Ideologe der viereinhalb Tatami erklärt sein innerstes Ich – symbolisch seine Studentenbude – zu seinem inneren Sanktum. Die interne Fokalisierung mit ihm im Fokus stürzt uns durch sein Leben so, wie er es gerne hätte, aber auch so, wie er es bekommt.

The Tatami Galaxy ist so etwas wie eine Anime gewordene Introspektion und darin strukturell postmodern im allerbesten Sinne; die sehr ungewöhnliche Erzählweise, zumal für das Medium der Anime, ist ein unmittelbarer Ausdruck der Geschichte selber. Das Rattern im Geiste, was wäre, wenn; und das endlose, qualvolle Durchdeklinieren aller Umstände und Begebenheite – ohne darauf zu kommen, dass die simple Lösung einem genau vor den Augen bammelt.

Ein schönes Beispiel sind sicherlich die Nebencharaktere. Anfangs erscheinen sie als nicht viel mehr denn planlose Spinner und verquastete Egomanen; der Ramen-Verkäufer, von dem man munkelt, er kocht seine Nudeln in Katzenbrühe; Jougasaki, der eitle Schönling mit einem Wall voller Brüste (!) und einer Love Doll als Geliebte; Higuchi, der verspulte Philosoph; Hanuki, die aufreizende Hedonistin. Von Folge zu Folge kommen allerdings neue Facetten dazu, teils unerwartete, bis am Ende – wenn der Protagonist wieder in der Realität ankommt – ein erstaunlich realistisches Porträt von vier normalen jungen Menschen entsteht, die nun mal eben die ein oder andere Macke haben. Higuchi wird zwischendrin wieder vom im Yukata gewandeten Intellektuellen zum etwas verspulten Philosophiestudenten, Jougasaki vom aufgeplusterten Adonis zum etwas nerdigen Durchschnittstypen. Yuasa überzeichnet gerne, er kostet seine Charaktere aus; was auch Spaß macht. Aber er tut das maßvoll. Seine Figuren sind, bei allen Abstrusitäten, Charakterköpfe; keine Freaks.

Dieses Auffächern, das in der erwähnten peniblen, fast schon manisch-obsessiven Introspektion des Protagonisten begründet liegt, macht The Tatami Galaxy zu einem ganz besonderen Anime. Nicht nur, dass man sich an der konzeptionell so originell erdachten wie sauber ausgeführten Struktur als Formalist laben kann; The Tatami Galaxy strahlt schlicht in den schillerndsten Farben. Denn so schlau und komplex die Geschichte auch erzählt wird – sie ist keine Kopfgeburt, ganz im Gegenteil.

The Tatami Galaxy sprüht nur so vor Leben. In erster Linie ist es der feine Humor, der die ganze Serie durchzieht. Der ganze Anime steckt voller Absurditäten, die mal bass erstaunlich sind, mal liebenswürdig, aber immer kurios und wahnsinnig witzig und stets begleitet vom trockenen, aber akzentuierten und eloquenten Erzähler. Bei einigem bedient sich Yuasa dem Studentenmilieu, das er mit gutem Auge für’s Detail ausschlachtet – die gemeinsamen Besäufnisse, die Bullshit-Aktionen, die vielen, vielen Leute um einen herum – ein fruchtbarer Boden, der in diesem Medium viel zu selten beackert wird (und wenn, dann manchmal in Prätentiösität verfällt).

Bei vielem aber kann er auf die Kraft des Plots vertrauen. Keine Episode ohne schlichtweg geniale, frische Momente in der Geschichte selber – wie der generationenlange Streichkampf, in den der Protagonist und Ozu geraten, die Sache mit der Love Doll Kaori, das vergebliche Ankämpfen des armen Johnny gegen die Prinzipien des Protagonisten, die abnormen Vorgänge in all den Klubs, von den bizaren Filmen Jougasakis über die Campusmafia im Keller eines Chinarestaurants hin zur Honwa-Sekte, die die Uni unterwandert hat… vom Inhalt einer Episode könnten andere Anime zwei Cours lang zehren (und tun es auch). Dass Yuasa aus dem Handgelenk elegant und meisterhaft lebendige, glaubwürdige und konsistente Charaktere schütteln kann, muss kaum noch erwähnt werden.

Bei Yuasas Anime kommt stets auch sein besonderer Blick für’s Visuelle zugute. Dem Setting angemessen hat er seinem (im Vergleich zum Gros der Fernseh-Anime-Produktionen) radikalen Stil die Pop Art als Leitmotiv übergestreift, in der Mode ebenso wie in der Farbgebung. Mit starken, nie geschmacklos knalligen Primärfarben komponiert Yuasa sein Bild und verfeinert es, indem er sich seines nie enden wollen zu scheinenden Stroms an kreativen Ideen bedient – Muster und Motive im Hinterrgund, Stilwechsel, Kontrastspiele, Referenzen, verfremdete Realaufnahmen, ebenso einfallsreich wie stilsicher, nie nur ein Gimmick, stets die Geschichte mit- und weitererzählend.

Keine Szene, die bei Yuasa und seinen kongenialen (und namhaften) Helfern bei Madhouse nicht sorgfältig und liebevoll angelegt wäre, in allem – Schnitt, Komposition, Visualisierung, Kommentierung, Musik. Hochexpressiv auch sein brillanter Animationsstil, skizzenhafter und zugleich konkreter als bei Kaiba, klarer und doch auch noch comichafter als bei Kemonozume, aber wie gehabt wahnsinnig dynamisch und ausdrucksstark. Man muss ihn gesehen haben.

Wären selbst all die vielen technischen Vorzüge einen Blick auf Yuasas Anime Wert, ist seine krönende Leistung aber, dass sie nie zum Selbstzweck verkommen – anders als des Öfteren bei Akiyuki Shinbo, einem weiteren etwas abwegigeren Regisseur, dem sein hochfrequentiger Output aber keinen Gefallen tut. Yuasa stellt seine Kreativität voll in den Dienst der Geschichte – und so wächst The Tatami Galaxy über die meisten Fernseh-Anime nicht nur in diesem Jahr heraus.

Spätestens die brillante, triumphale Auflösung, eine wahrhaftige Epiphanie, macht es klar – so kompliziert ist The Tatami Galaxy eigentlich gar nicht. Die grundsätzliche Aussage ist keine, die noch nie dagewesen wäre; Träume sind schön und gut, aber manchmal verbauen sie einem den Blick darauf, wie man im wahren Leben glücklich wird – und wie nahe das Glück liegen kann, wenn man sich nur nicht in seine naiv-romantischen Träumen verbeißt und mal die Augen aufmacht. Aber erst diese so wahnsinnig gute Erzählung, die nicht nur interessante und spannende, sondern kluge und subtil überzeugende Konstruktion und Metaphorik der Geschichte, verleiht der Geschichte auch die Wucht und Bedeutung, die sie verdient. Und verwässert sie auch nicht mit naheliegendem Selbstreferentialismus.

Masaaki Yuasa ist ein Créateur, wie gesagt, ein moderner Großmeister des Anime. Wenige andere Regisseure sind so komplett und können tatsächlich, fähig und kreativ, Gebrauch machen von den vielen Gestaltungsmöglichkeiten des Anime. Und doch mag ich behaupten, dass er sich in The Tatami Galaxy tatsächlich noch einmal selbst übertrumpfen konnte. Nicht, dass seine anderen Werke schwächer wären – The Tatami Galaxy ist einfach noch einen Tick stärker. Und hat so viel Herz wie ungefähr zwei Jahresladungen an Anime… oh. Danke, bis 2012. 10/10

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8 Kommentare leave one →
  1. 2010-10-11 19:03

    Respekt, du hast das tatsächlich zuende geschaut. 🙂
    Ich habe mich schon nach der ersten Episode so schlimm zugetextet gefühlt, dass die Serie bei mir erstmal auf Eis liegt. Weil ich Yuasas‘ bisheriges schaffen aber genau so großartig finde wie du, werde ich bestimmt noch ’nen zweiten Anlauf (diesmal vorbereitet auf die ausufernden Monologe) starten, Kaiba hatte das bei mir auch gebraucht.

  2. escapistolero permalink*
    2010-10-13 00:57

    Och, die Monologe haben mich im Geringsten nicht angefochten. Ich stehe ja auf ungewöhnlichere Erzählformen, und dass Yuasa da so rotzfrech in Richtung over-narration marschieren lässt, hat mir von vornherein Spaß gemacht. Weil ich wusste, dass er es zu irgendetwas nutzen würde.

    Kannst dir also ruhig den Rest antun, es lohnt sich, zugetextet zu werden 😉

  3. 2010-12-14 14:23

    Eine eher lieblose Adaption. Es ist vielleicht ganz nett, wenn man die Gedanken der Hauptfigur in der Buchvorlage ausufernd nachvollziehen kann, aber bunte Bilder und ein heruntergeleierter Audioschwall rechtfertigen das Medium Film nicht, vor allem bei einer solch banalen und überdies mehrgleisig fahrenden Geschichte. Das macht Tatami Galaxy zwar anders, aber noch lange nicht gut.

  4. escapistolero permalink*
    2010-12-14 21:18

    Ich bin im Umgang mit Adaptionen liberal und für unorthodoxe Erzählstrategien offen; sonst könnte ich etwa postmoderne Literatur ja nicht lesen und mögen. Mehr noch, ficht mich nicht nur nicht, macht mich sogar an. Erst recht, wenn fröhlich Medienkonventionen ignoriert werden.
    Und in einem des überbordenden Intellektualismus nicht gerade verdächtigen Medium wie dem Anime sind mir Sachen jenseits der Norm (die ja nun wirklich nicht sonderlich prall ist) tatsächlich willkommen und kriegen auch einen Vertrauensvorschuss, der sich, für mich, bei Tatami Galaxy locker wieder amortisiert hat.

    Insofern: As per usual, your mileage may vary. Danke für den Kommentar!

  5. 2010-12-26 09:57

    So, nach langem zögern hab ich mir die Serie jetzt mal komplett gegeben. Das Highlight der Saison war das ja mal ganz locker, aber wirklich zehn Punkte wert? Ich pendle da eher so zwischen 8 und 9 Punkten. Aber wie auch immer, es hat spaß gemacht. 🙂

  6. escapistolero permalink*
    2010-12-28 20:53

    Aaach, so ein bisschen leeway, ein Korridor von ±1 ist bei der Bewertung immer drin, finde ich. Ich mochte The Tatamy Galaxy etwas mehr als so manches, was bei mir als 9 läuft, aber einige 10er mag ich auch mehr. Im alten System hätte ich 9,5 gegeben, aber so wichtig ist das ja auch nicht. Wichtiger: dass es dir doch noch Spaß gemacht hat 🙂

Trackbacks

  1. The Tatami Galaxy – schmacht! | Japankino
  2. Tatami Galaxy unter den ersten DVD-Highlights 2012 | Japankino

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