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Review: Usamaru Furuya – Tokyo Inferno (Kanojo wo Mamoru 51 no Houhou)

2010-10-19

Usamaru Furuya kann ein brillanter Mangaka sein. Einer der besten. Er ist kein Romancier mit anderen Mitteln, er ist kein Unterhalter; er ist einer, der etwas zu sagen hat. Als studierter Bildhauer und Illustrator, vor allem aber als Intellektueller kam er über das legendäre Underground-Magazin Garo zum Manga. Neben seinem wohl bekanntesten Werk, Short Cuts, ist dessen Prototyp und Furuyas erste Garo-Veröffentlichung Palepoli sicherlich derjenige Manga, der die Essenz und die Haltung Furuyas am besten zum Ausdruck bringt.

Ausgerechnet im Format der 4koma gießt er in Palepoli Seite um Seite ätzende, bitterböse Sozialkritik (und Selbstkritik) in surreale, verstörende, aber auch zutiefst faszinierende Bilder. Wild prescht er durch alle Epochen und Stile westlicher und östlicher Kunst, wendet sie auf links, haut sie durcheinander. Seine Miniaturen sind kaputt, undurchschaubar, fuchteinflößend – und durch und durch brillant. Palepoli ist ein biestiges, unangenehmes Meisterstück im ursprünglichen Sinne des Wortes.

In Short Cuts, etwas später in einem größeren Magazin (und dann sogar in den USA) veröffentlicht, wurden ihm etwas engere Grenzen gezogen. Die er aber erstens anging, indem er sich thematisch darauf verlegte, vor allem die Jugendkultur Japans und dessen (in seinen Augen) Epitom, die Kogals, an’s Kreuz zu nageln. Und sie dann zweitens sowieso ständig in Frage stellte, zum Leidwesen seiner Redakteure, wie das Nachwort belegt.

Nun ist Furuya keine 26 mehr wie damals, 1994, als Palepoli aus seinem Hirn kroch, sondern bald schon 43 Jahre alt. Seine intellektuelle Schärfe und seinen Furor hat er nicht verloren, das beweisen viele seiner neueren Manga wie die groteske Kinderkreuzzugsballade La Croisade des Innocents, der visuell streng formalisierte, so abartige wie abstrakte Psychoterror-Gewaltporno Litchi Hikari Club oder sein Wunderwerk des Magischen Realismus, The Chronicles of the Clueless Age, das auch mein About schmückt. Und doch, auch er kann nicht von Idealismus leben; oder von dem, was man so seinen Idealismus nennen kann.

Tokyo Inferno ist nach der bei Schreiber & Leser erschienen Sion Sono-Adaption Der Selbstmordclub Furuyas zweiter in Deutschland veröffentlichter Manga; in zwei dicken Bänden statt den originalen fünf japanischen Ausgaben liegt die deutsche Ausgabe nun bei Tokyopop vor. Der Originaltitel der Geschichte lautet allerdings Kanojo wo Mamoru 51 no Houhou und trägt damit, was kein Zufall ist, den selben Namen wie ein populärer Roman des Journalisten Minoru Watanabe. Darin illustriert dieser die Auswirkungen eines massiven Erdbebens in Tokio, journalistisch nüchtern recherchiert und aufbereitet, aber mit einer romantischen Rahmenhandlung aufgehübscht (und einem zugegeben cleveren Titel versehen). Doch genau das ist auch die Crux der Geschichte.

Aber zum Inhalt selber: Jin, Student in seinem letzten Jahr, will sich bei Fuji ALPS TV bewerben, deren repräsentatives Hauptgebäude auf der künstlichen Insel Odaiba in der Bucht von Tokio errichtet worden ist. Auf Odaiba tummelt sich, ganz Tokio im Kleinen, der übliche Querschnitt durch die Subkulturen der Hauptstadt – Touris, Punker, Otaku, Perverse, Ausländer, Gothic Lolitas. Loliko, eine dieser Gestalten, fällt ihm ins Auge. Er begreift, dass hinter der seltsamen Hülle eigentlich Nanako steckt, ein Mädchen, mit dem er auf die Mittelschule ging.

Allerdings hat das Leben sie auseinandergetrieben, weswegen die beiden anfangs absolut nicht miteinander auskommen. Doch noch bevor sie sich nach einem kurzen Zoff versöhnen, bricht die Erde auf. Ein verheerendes Erdbeben der Stärke 8 sucht Tokio heim. Jin und Nanako müssen aus Odaiba fliehen, sich ihren Weg durch das verwüstete Tokio nach Hause bahnen – und, vor allen Dingen, überleben.

Dass die Geschichte nicht aus Furuyas Feder stammt, muss man sich nicht erst sagen lassen. Watanabe und ein Beraterteam haben das Verlagsprojekt einer Manga-Umsetzung mit all ihren Restriktionen aufgesetzt. Tokyo Inferno ist aber nachgerade seltsam, wenn man Furuyas andere Manga kennt und schätzt. Nicht nur, dass die Geschichte ungewohnt schlicht ist; sie besitzt keine Reflexionsebene und ist, bedeutender noch, eigentlich nur Rahmenhandlung für ein Sammelsurium an (teilweise banalen) Überlebenstipps im Katastrophenfall. Der Manga ist, wenn man so will, Edutainment (mit all der Spießigkeit, die in diesem Begriff steckt).

Während sich Jin und Nanako allmählich ihren Weg also über die Rainbow Bridge und durch Roppongi, Shibuya und Shinjuku bahnen, passiert allerlei Praktisches. Teure Modetreter werden durch robustes Schuhwerk ersetzt, Panik wird erzeugt und vermieden, das japanische Notversorgungssystem der Krankenhäuser erklärt, Ablegen von Moral und Anstand bei Menschen am Rande des Wahnsinns durchexerziert, Gruppendynamik erläutert. Jin und Nanako treffen auf den Bassisten von Nanakos Lieblingsband, der erst durch das Erdbeben begreift, was ihm im Leben wichtig ist; sie treffen auf skrupellose Shibuya-Gangs, freundliche Gaijin, renitente Bürgerwehr-Rentner, dubiose Sektierer. Rika schließt sich den beiden an, ein Roppongi-Püppchen, das etwas später brutal vergewaltigt wird, und die zur Waise gewordene Marin. Jin und Nanako selber finden zueinander.

Das alles funktioniert zwar, wie es soll, hat aber (nicht nur durch seine regelmäßigen volldokumentarischen Artikel von Minoru Watanabe, die nach Kapiteln mit typischen Katastrophen-Erscheinungen eingeschoben werden) ständig einen unangenehm präsenten Lehrcharakter, dem alles andere untergeordnet wird. Tokyo Inferno ist eine Geschichte, anhand der Watanabe seine 51 Tipps zum Überleben illustrieren lässt. Wenig mehr, nichts weniger. Ein Usamaru Furuya, der es unterhalb von mindestens zweifach gebrochenen Subtexten eigentlich nicht macht, der eben nicht nur erzählt, sondern interpretiert, analysiert, bearbeitet, zerlegt, ironisch und sarkastisch und zynisch und traurig und böse und künstlerisch hochwertig versteht und darstellt und predigt – der liefert hier sehr ansehnliches Handwerk ab, muss sich aber auch spürbar zurücknehmen.

Sein eigentlich unglaublich flexibler und wandelbarer Stil, der mühelos, selbstverständlich und hochpräzise japanische wie europäische Ästhetik adaptieren und für sich verwenden kann, ruht völlig in sich und wird fast verwechselbar. Man merkt ihm das Bemühen an, sich zurückzuhalten; strenge Panel- und klassische Bildkomposition, betont wenige visuelle Experimente – auch wenn natürlich ständig irgendwo sein Genius durchblitzt. Großartig etwa seine vollfrontalen Ganzkörperporträts, ganz unjapanisch (und seine künstlerische Ausbildung wiederspiegelnd) ohne das zwanghafte Verfrachten in eine kontextualisierende Umwelt. Das Wesen eines Menschen in einem Bild.

Gerade gegen Ende reizt er lotet er dann aber doch den furchtbar konventionellen Rahmen ein wenig aus, der ihm von der Romanvorlage und dem Gesamtprojekt gesetzt wurde. Marin etwa ist partout karikaturistisch überzeichnet, Kringelaugen, Genuschel – ein bewusst gesetzter Störfaktor im ansonsten auf Realismus getrimmten Stil. Es ist so herrlich absurd wie subtil, wie Furuya einfach nur, weil er kann, die Story gleichzeitig nüchtern weitererzählt und trotzdem so ein seltsames Ding durch die Kulissen spaziert. Das ist nicht das einzige Bild, aus dem man dieses Privatvergnügen Furuyas, diese ganz feine, subversive Ironie herauslesen kann und den demütigen Gestus eines Großen, der nicht herablassend wirken will und doch nicht an sich halten kann. Nichts dagegen, gönne ich ihm gerne.

Bezeichnend: das erste Kapitel wird mit einer Collage von Biographien eingeleitet. Ein Bild, ein Traum. Makoto will seinen eigenen Friseursalon haben, Eriko will neben Ehe und Mutterschaft ihren Beruf halten, Kenta will den TOEFL schaffen. Jin will Moderator werden, Nanako will für immer Fan ihrer Visual-Kei-Heroen Sarin Helnwein bleiben. Das sind gute, anständige, normale Träume. Das ist aber auch nichts, was im Angesicht des Todes Bestand hat. Allein dieser kleine Kunstgriff schafft mehr als die viele Exposition und ständige Kommentierung der folgenden Kapitel zusammen. Er schafft Atmosphäre, Kontext, Charakter, Stimmung, Wert, kontrastiert Leben und Traum mit Tod und Alptraum.

Aber es ist müßig zu spekulieren, wie Furuya Tokyo Inferno geschrieben und gezeichnet hätte, wenn es seine Geschichte gewesen wäre. Das ist sie eben nicht, das ist eine illustrierte Fassung von Watanabes Roman. Auch wenn ich Furuya sein ehrliches Interesse am Thema abnehme, das aus seinem Nachwort im zweiten deutschen Band spricht (faszinierend bleibt dieser Einblick in die urbane Katastrophe immer, und Furuya evoziert die damit verbundene Urfurcht selbstverständlich tadellos), Tokyo Inferno bleibt so frappierend unter seinen Möglichkeiten, dass es weh tut. Die immer wieder gesetzten Highlights und die unterschwelligen Momente, in denen er sein Können kurz aufblitzen lässt, machen das nur noch deutlicher. Ich kann mir vorstellen, was sich Furuya wohl gedacht haben muss, als er das letzte Kapitel – den Triumph des Konservatismus und Reaktionären – zeichnete…

Dabei ist der Manga durchaus nicht schlecht, im Gegenteil. Ich würde sogar so weit gehen und ihn empfehlen, gerade angesichts der Tatsache, dass der deutsche Markt nicht gerade von etwas ansprechenderen Stoffen überflutet wird. Aber er bleibt eben auch eine zutiefst unglückliche Kombination völlig widerstrebender Kräfte. Auf der einen Seite Watanabes zweckgebundene, wenig originelle Geschichte mit ihren platten Versatzstücken, auf der anderen das schiere Genie Furuyas, der den meisten anderen Mangaka um mehr Ecke voraus ist, als sie jemals auch nur sehen werden. Insofern: hätte man Minoru Watanabes Namen auf dem Cover stehen, würde man dem Manga deutlich gerechter werden.

Tokyo Inferno könnte man in dieser Hinsicht mit gutem Recht als gescheiterten Manga betrachten, in dem weder das eine noch das andere so richtig passt. Andererseits: Furuya hat sich eben zurücknehmen müssen, um diese Geschichte zu adaptieren. Das ist kein Beinbruch – es gibt noch genug auch laufende Projekte, die einem ausreichend hochkonzentrierten Furuya liefern. Und auch ein Furuya mit enormer Selbstbeschränkung ist immer noch ein großartiger Zeichner, der aus Tokyo Inferno wohl alles herausgeholt hat, was er unter diesen Umständen herausholen konnte. Ganz kann man ihn nie abstellen; selbst ein Furuya in geringerer Dosierung macht einen Manga lesenswert. 6/10

(Die deutsche Ausgabe geht absolut in Ordnung. Zwei statt fünf Bänden heißt zwar weniger der schicken Cover-Illustrationen, aber die beiden Omnibus-Bände sind qualitativ sehr anständig und preislich –  €16,95 je Band – im Rahmen des Angemessenen. Die Übersetzung wirkt zwar öfters etwas holprig, aber das schreibe ich mal dem mauen Skript der Vorlage zu. So oder so, einen hierzulande erschienenen Furuya darf man sich ruhigen Gewissens kaufen; kann ja auch als Signal verstanden werden – gibt noch viele Manga von ihm, die ich lieber im Schrank als auf der Platte hätte…)

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