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Review: Sarai-ya Goyou

2010-11-17

Die Anime-Adaption von Natsume Onos Manga Ristorante Paradiso war ein interessantes Experiment. Zum einen, weil es Teil des leider kurzlebigen Programmblocks NOISE war, den Fuji TV für etwas abseitigere Anime angelegt hat (und nach lediglich drei Titeln wieder einstampfte). Zum anderen, weil es thematisch ziemlich weit weg ist von vielem, was so davor und danach im Medium stattfand und stattfindet; ein Slice of Life zwar, aber eines distinguierter älterer Gentleman in einem Römer Ristorante. Und das alles in Onos markantem, unverwechselbarem, aber eben auch nicht sehr publikumsaffinen Zeichenstil.

Was sich im Manga allerdings noch anlässt, wenn man nicht eben auf eine Veröffentlichung in all den Weekly Shounen Jumps und Weekly Shounen Magazines schielt – Nischen lassen sich finden und bedienen, ohne im Vorlauf viel Geld zu versenken. Anders im Anime, der eine komplette, nicht unerhebliche Vorfinanzierung zu stemmen hat – am Ende nichts anderes als eine Wette auf die späteren DVD-Verkäufe. Kein sonderlich fruchtbarer Boden für alles, das nicht dem Zeitgeist entspricht.

Und doch lief mit Sarai-ya Goyou innert nur knapp eines Jahres gleich ein zweiter Anime, der aus der Feder – inhaltlich wie gestalterisch – von Natsume Ono stammt, eine Geschichte einer Bande von Entführern und Dieben irgendwann zur Tokugawa-Zeit, in der Hauptstadt Edo. Keine attraktive weibliche Hauptrolle und auch kein Substitut für die Zuschauerinnen (Hakuouki, ich schaue dich an), keine spektakuläre Handlung, kein Design, das in die heutige Zeit passt; wenn man fair ist: in keine Zeit passt, weil zeitlos ist. Anderswo als bei noitaminA, dessen Sendezeit vor kurzem und rechtzeitig für Sarai-ya Goyou glatt verdoppelt wurde (sicherlich als Reaktion auf die Einstellung von NOISE), hätte eine solche Produktion kaum eine Chance gehabt; was so richtig schade gewesen wäre.

Masanosuke ist ein Ronin, ein herrenloser Samurai – weil er feige und ängstlich ist. Kaum ein Haus oder Auftraggeber will ihn über längere Zeit anstellen, und doch – weil er sich vor seiner Familie sonst schämen würde – will er Samurai bleiben. Sein kümmerliches Dasein ändert sich jedoch, als er Yaichi begegnet, einem gewieften, geschmeidigen Lebemann, der ihn – aus welchen Gründen auch immer – in die Sarai-ya Goyou lockt, das Haus der fünf Blätter, die sich später als eine kriminelle Bande entpuppt. Spezialisiert auf Entführungen und Lösegeldforderungen, eingespielt und erfolgreich. Masanosuke will nicht, doch halb zogen sie ihn, halb sank er hin…

Allerdings, der Weg dorthin führt ihn weniger über das Geld als über die Menschen. Die Sarai-ya Goyou ist eine kleine Gruppe – Yaichi, der zwielichtige Anführer; Otake, die Gesellschafterin; Matsukichi, der Spion und Dieb; Umezou, der in seiner Taverne Unterschlupf gewährt und die Entführten aufs Land bringt, wo sie ein verdienter und altersmilder Veteran der Edoer Halbwelt übernimmt. Die Fünfe voll macht aber erst Masa, der sich als Leibwächter für Yaichi anheuern lässt – auch wenn Yaichi selber wohl in der Vergangenheit ein ausgezeichneter Schwertkämpfer gewesen ist.

Die recht überschaubare Geschichte von nur zwölf Episoden Länge ließe sich auch klar abgesteckt nacherzählen, aber das würde der Erzählweise dieses Anime nicht gerecht werden. Einbelassen in eine herrlich gezeichnete, stimmungsvolle Welt lässt Sarai-ya Goyou seine Geschichte wie einen langsamen, aber stetigen, ruhigen, aber unbegradigten Fluss dahinfließen. Mal erkundet sie den einen, mal den anderen Charakter näher, mal widmet sie sich der Vergangenheit Yaichis oder der Gegenwart der Edo-Periode. Am Ende hat sich auf der primären Handlungsebene nichts getan – ein spät eingeführter Widersacher stirbt, die Sarai-ya Goyou überdenken sich selbst. Auf der Charakterebene aber stellen sich die Entwicklungen als profund heraus.

Sarai-ya Goyou ist ein charakterzentriertes Werk, das zu einem großen Teil im Subtext stattfindet. Wie zu erwarten von einer japanischen Geschichte, zumal einer, die in dieser Zeit vor der Meiji-Restauration stattfindet, bleibt vieles unausgesprochen. Andeutungen, Blicke, Mimik und Gestik artikulieren, was anderswo profaner ein Ausrufezeichen hinter Subjekt-Verb-Objekt (oder eher noch Subjekt-Objekt-Verb…) hätte. Und keiner der Blicke hängt im luftleeren Raum, sie alle tragen dazu bei, die delikaten Verhältnisse und Beziehungen der Hauptcharaktere untereinander immer wieder neu auszuloten und zu verorten.

Auch in Sarai-ya Goyou wird natürlich geredet und gescherzt. Gerade die ausgefeilten und von den Synchronsprechern (allesamt jenseits des Seiyuu-Zirkus) perfekt intonierten Sprachdukti etwa von Yaichi und Otake, aber auch Masa tragen sehr zum Aufbau dieser Charaktere bei. Dennoch fällt der Unterschied im Vergleich zu vielen anderen Anime, die auf diesen Grad der Nuancierung verzichten (weil er sowieso nicht erfasst würde), doch sehr auf. Sarai-ya Goyou ist eine sehr bewusste, sehr durchdachte Umsetzung und Ausgestaltung seiner Vorlage.

Aus Mangel an spektakulären Szenen – lediglich zwei, drei sehr kurze Kampfsequenzen – kann man sogar fast übersehen, wie gelungen die Produktion des Studios manglobe ist. Erst der zweite Blick, der auf die Erzählstruktur und die gesammelten Screenshots, die man sich ihrer Hintergründe wegen als Wallpaper auf den Desktop pappen will, offenbart die schiere Qualität. Vor allem die Hintergründe sind berückend schön, angelehnt an und entnommen aus dem Ukiyo-e im weitesten Sinne mit ihren unregelmäßigen, tintenartigen Konturen und texturartigen Farbflächen. Der hervorragende Soundtrack möbelt Versatzstücke und Stimmungen traditioneller japanischer Musik sachte modern auf; die Charakterzeichnungen – ebenfalls holzschnittartig (im eigentlichen Sinn) – und Animation, selten gefordert und wenn, dann tadellos und beeindruckend, stehen der allgemeinen Güte in nichts nach.

Dieser große Stilwille dient aber stets der Geschichte, ein Verdienst des Regisseurs und Autors Tomomi Mochizuki; Ocean Waves, seine Einladungsarbeit für Ghibli, ist sicher neben den Klassikern Kimagure Orange Road, Here is Greenwood und vielleicht noch Zettai Shounen sein bekanntester Titel. Sehr elegant lässt er, wie angesprochen, die Geschichte durch die Episoden fließen. Sie alle haben zwar eine klare innere Logik, gewinnen aber auch dadurch, dass die Narrative nicht stringent durchgezogen wird. Damit und mit seiner einzigarten visuellen Gestaltung und seiner klugen Charakterentwicklung verströmt Sarai-ya Goyou einen gewissen Sog, eine Faszination für diese fremde Welt.

Ein schönes Bild findet man ganz am Anfang und ganz am Ende. In der ersten Episode bietet Yaichi dem erschrockenen Masa Yakitori an – in der letzten ist es Masa, der sie dem niedergeschlagenen Yaichi unter die Nase hält. Lässt sich leicht übersehen – ich selber habe erst an diesem Punkt gemerkt, was für eine Wandlung die Charaktere vollzogen haben. Mit simplen Umschalten hat das nichts zu tun, sie haben keine Modi, sondern vollziehen tatsächlich eine langsame, graduelle Wandlung. Der zynische Yaichi, konfrontiert mit der Unbedarftheit Masas, muss sein Leben und seine Einstellung in Frage stellen, und der feige Masa erarbeitet sich die Einsicht, dass er so feige eigentlich nicht ist, sondern nur unsicher. Angekommen sind sie noch lange nicht, aber auf dem Weg, immer auf dem Weg, so wie der gesamte Anime wie aus dem Leben geschnitten zu sein scheint; Slice of Life eben.

Sarai-ya Goyou ist mehr Poesie als Pose, und damit eine Ausnahmeerscheinung; reduziert und gelassen nach außen, gehaltvoll, subtil und nuanciert nach innen. Kein Ding für die Breite, und das meine ich ganz ohne elitären Gestus – alles hat seine Nische, und die Nische von Sarai-ya Goyou ist nun mal eine schmale, in der kantig gezeichnete Männer und Frauen (nicht Jungs und Mädchen) ihren Leben nachgehen und nicht immer alles ausgesprochen wird, was gemeint ist. Kann nicht jeder mögen, muss er auch nicht – schieren Unterhaltungswert finde man anderswo eher, gebe ich gerne zu. Die Werte von Sarai-ya Goyou sind nun mal verborgen, die Wege dorthin sind verschlungen und führen bisweilen in Sackgassen, was letztlich auch schlicht Arbeit bedeutet; aber es lohnt sich, sie aufzuspüren. 8/10

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One Comment leave one →
  1. 2010-11-18 16:30

    Klingt sehr, sehr gut – und sieht auch sehr, sehr gut aus. Ich gebe zu, dass dies immer auch ein Kriterium ist, dem ich folge, insofern danke für die Bilder.

    „Keine attraktive weibliche Hauptrolle und auch kein Substitut für die Zuschauerinnen“

    Das ist ja schon fast mutig.

    Für mich beweist dieser Anime (wie stehen die Chancen auf ein Erscheinen hierzulande?), dass in dieser Branche sehr wohl noch Leben herrscht und Ideen abseits der markterprobten Klischées noch möglich ist.

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