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Review: Senkou no Night Raid

2010-12-06

Es ist etwas frustrierend. Anime no Chikara war, auch von mir, sehr positiv aufgenommen worden; Nicht-Adaptionen sind immer interessant, freie Fahrt für Nachwuchskreative sowieso. Auch adaptierte Anime können natürlich sehr gut sein, aber originale Plots schöpfen die narrativen Möglichkeiten des Mediums leichter ab. Nur, schon der erste Titel der Reihe, So Ra No Wo To, löste die Versprechen nicht ein. Zwar war der Anime im Vergleich sicher noch überdurchschnittlich und stellenweise (Setting, Musik, Design) auch gut, aber gerade angesichts seines Potentials stellte sich doch Frust ein. Weil mehr drin gewesen wäre.

Die Reihe sollte noch zwei weitere Pfeile im Köcher haben, Senkou no Night Raid im Frühjahr und Seikimatsu Occult Gakuin im Sommer, bevor sie auf unbestimmte Zeit wieder in der Versenkung verschwand; Shinbos Mahou Shoujo Madoka Magica dürfte im Januar wohl so etwas wie die modifizierte Neuauflage des Programmblocks darstellen. Während allerdings Seikimatsu Occult Gakuin eine ziemlich gelungene Sache ist, lässt einen Senkou no Night Raid, ähnlich wie So Ra No Wo To, ein wenig ratlos zurück.

Shanghai 1931, ein Pulverfass. In China brandet der Bürgerkrieg, angefacht von Kuomintang und der Kommunistischen Partei, immer wieder auf, während im Norden die semiautonome japanische Kwantung-Armee lauert. Überall in Fernost, Südasien und Südostasien betreiben die Niederlande, das Vereinigte Königreich, Portugal, Spanien, Russland Kolonien und Einflussgebiete. Die Japaner haben seit der Meiji-Restauration kolossal auf die so sehr beneideten Westmächte aufgeholt,mit dem ersten Japanisch-Chinesischen sowie dem Russisch-Japanischen Krieg den Anspruch als asiatische Supermacht unterstrichen und sich en passant auch den Imperialismus zu eigen gemacht, den Supermächte so pflegen – Korea, die Mandschurei, Ost- und Südchina bis hinunter zu Formosa und dem Malaiischen Archipel werden vom Inselreich beansprucht.

Und Shanghai, eine der größten Metropolen und historisch aufregendsten Städte der Welt, Paris des Ostens, New York des Westens, kann da nur im Fokus des Geschehens stehen. Der Spionagering Sakurai Kikan operiert hier und arbeitet hier der Kaiserlichen Japanischen Armee zu, enttarnt Geheimagenten, verhindert Anschläge, infiltriert politische Bewegungen. Doch der Lauf der Geschichte holt sie ein; während Japan die Mandschurei annektiert, formt der Bruder der Spionin Yukina Sonogi und abtrünnige Armee-Offizier Isao Takachiho eine Terrorgruppe mit ganz eigenen Zielen – die er mit drastischen Mitteln erreichen will.

Senkou no Night Raid ist ein klassisch angelegter Spionagethriller. Was in westlichen Filmen und populären Büchern längst einer der gängigsten Standards ist, ist in Anime immer noch eindeutig die Ausnahme. Das Genre liegt mir, wenn es gut gemacht ist, also näher bei le Carré liegt als beim fürchterlichen Clancy; wird wohl typisch sein, wenn man sich als Mann an Ränkespielen, politischen Schachzügen und Machtkämpfen erfreut.

Und dieser Anime fährt ein reichhaltiges Menü auf. Die Hintergründe der Geschichte und Teile ihrer Umsetzung sind phänomenal interessant, für mich (als Historiker) die interessantesten des Jahres, wie man sich vielleicht bei meinen einführenden Worten denken kann. Das Interbellum als Zeit fasziniert mich zutiefst, einer der Gründe auch für meine Wertschätzung von Porco Rosso, und Shanghai zu dieser Zeit, zwischen diesen Fronten, dürfte eine der spannendsten Städte der Geschichte gewesen sein.

Zumal hier ausgerechnet eine japanische Story erzählt wird, brisant vor dem Hintergrund der noch immer kontroversen Debatte um Japan und dessen Einstellung zur eigenen Vergangenheit im 20. Jahrhundert (kontrovers übrigens auch in Japan selber, Historiker wie Kiyoshi Inoue sind durchaus keine Randerscheinung) . Ganz andere Medien trauen sich da nicht ran, und wenn, dann verheben sie sich oft – ausgerechnet ein Anime soll sich nun also damit befassen? Durchaus ein Grund zur Skepsis. Dass Senkou no Night Raid allerdings die Thematik nicht etwa einseitig abhandelt, sondern sogar zu seinem vorzeigbarsten und besten Argument macht und eine für seine Verhältnisse und Ansprüche veritable systematische Reflektion bietet, überrascht nicht nur – das freut. Ungemein.

Dreh- und Angelpunkt ist die Mittelepisode 7, Jihen, die aus der Hauptgeschichte rausgeht, den Mukden-Zwischenfall thematisiert und dabei lediglich online gestreamt worden ist (ob des kontroversen Themas?). Ab diesem durchaus differenzierenden, kritischen, abwägenden, vor allem nicht verklärenden Moment gewinnt die Geschichte, die sich bis dahin fast nur mit worldbuilding beschäftigte, endlich eine narrative Klammer.

An der Figur des Isao Takachiho lässt sich die Hintergrundgeschichte von Senkou no Night Raid am besten ablesen. Isao  ist ein Terrorist mit klassischer Motivlage, der politische Ziele verfolgt. Er will eine Antwort haben auf die Frage, in welche Richtung Asien im 20. Jahrhundert gehen wird. Die Zwischenkriegszeit war nicht nur in Europa eine Zeit der Weichenstellung, auch wenn sie in Asian natürlich alles andere als friedlich war. Der chinesische Bürgerkrieg ist schließlich keine Folklore, sondern ein massiver Konflikt der Weltanschauungen, Nationalismus gegen internationalen Kommunismus, während einerseits Japan mit seiner Großostasiatischen Wohlsstandssphäre mit den besitzstandwahrenden europäischen Kolonialmächten um die Hegemonie in Asien ringt.

Isao wiederum, die kommenden Kriege antizipierend, bringt Inder und Pakistani, Malaiien, Kambodschaner an den Tisch lässt den Panasianismus diskutieren. In Episode 10 zitiert er Kazuya gegenüber, einem der Sakurai Kikan-Spione, aus einem Gedicht von Rudyard Kipling:

Oh, East is East and West is West, and never the twain shall meet

Till Earth and Sky stand presently at God’s great Judgment Seat;

But there is neither East nor West, Border, nor Breed, nor Birth,

When two strong men stand face to face, though they come from the ends of the earth!

Er spricht an, dass oft nur die erste Zeile zitiert und damit immer falsch ausgelegt wird. Nicht die Unvereinbarkeit von Ost und West ist in seiner Interpretation zentral, sondern, dass Grenzen und Geburt und Ost und West, dass das alles irrelevant wird, wenn sich zwei starke Männer auf Augenhöhe begegnen. Für ihn das Epitom seiner Mission, die Asien in seiner Gesamtheit, unabhängig von seiner eigenen japanischen Herkunft, aus dem Rang einer kolonisierten Region erheben und Europa ebenbürtig sehen will. (Spoiler) Dass er dabei als nützlicher Idiot von Sakurai und damit dem japanischen Militär gesteuert wird, ohne es zu wissen, ist eine besonders zynische Note dieser Geschichte – denn die Showa-Militaristen nutzten den Panasiatismus als Zulauf ihrer Hegemoniebestrebungen. (Spoiler)

Und noch nicht einmal da hört Senkou no Night Raid auf. Denn Takachihos Bestreben lässt sich hervorragend in ein realistisches Politikverständnis innerhalb der Internationalen Beziehungen einpassen. Takachihos weapon of choice ist buchstäblich eine Waffe, eine kolossale Waffe mit dem Potential, ganze Landstriche auszuradieren – durch Abschreckung und Bedrohung will er Asien auf Augenhöhe mit dem Westen hieven; klassische politische Handlung im Realismus mit seiner anarchischen Staatenwelt und seinem Hobbesschen Naturzustand.  Selbst das wird in diesem Anime nicht nur angerissen, sondern diskutiert – denn auf einmal greift Japan nach der Bombe, weit vor Hiroshima und Nagasaki, und kostet von ihrer Macht. Großartiger, denkanstoßender Rollentausch.

Konzeptionell ist Senkou no Night Raid eine Sensation und genau mein Fall, das Setting dieses Anime mit seiner Zeit, seiner Hintergrundgeschichte, seinen theoretischen und politischen Abwägungen ist schlichtweg fantastisch. Demgegenüber aber, und das ist reichlich bitter, fällt die Umsetzung enorm ab.

Getragen wird die Geschichte von den angesprochenen vier Spionen, Decknamen Aoi Miyoshi, Kazuya Iha, Yukina Sonogi und Natsume Kagiya. Doch sie alle handeln unfassbar holzschnittartig im angesichts seiner reizvollen Thematik so ernüchternd aufbereiteten, ungelenken Plot. Bitter ist in dieser Hinsicht vor allem, dass dies ausgerechnet unter dem Label von Anime no Chikara geschieht, welches den Machern ja mehr oder weniger eine offene Lizenz erteilt. Doch sowohl die ersten Episoden als auch auch die (etwas das Tempo anziehenden) letzten leiden unter einer seltsamen inszenatorischen Blutarmut.

Im Prinzip steckt alles drin in jeder Episode, Exposition, Ausführung, Finale, Reflektion, ab der Serienhälfte mit einer guten narrativen Klammer. Und doch fühlen sich fast alle Folgen einfach lahm an, auch die zentralen. Die Skripte sind hölzern und unglaubwürdig, so dass manche Dialoge fast schon amateurhaft anmuten; die Spannungsbögen sind halbgar und schaffen es nur selten, Dynamik zu entwickeln und einen mitzureißen; und die Charaktere bleiben zu bis zum Ende zu flach, so dass sie nur selten taugen, persönliche Konflikte zu vermitteln. Wenn dann ab und an eine Episode wie die DVD-exklusive Ahenkutsu no Akuma mit ihrm deliriösen Wandeln zwischen den Bewusstseinsebenen plötzlich überzeugt, wird der sonstige Eindruck nur umso krasser.

Außerdem haben die Charaktere Superkräfte. Kazuya kann teleportieren, sich ebenso wie Gegenstände, Aoi die Zeit anhalten und Dinge telepathisch bewegen, Natsume kilometerweit durch Wände sehen, Yukina die Geschichte und Gefühle von Gegenständen und Personen nachempfinden. Wieso? Warum? Keine Antwort, nie eine Antwort.

Man kann die generelle Kritik an Senkou no Night Raid an diesem Punkt aufhängen. Die übernatürlichen Kräfte sind einfach da. Woher sie kommen, wieso ausgerechnet diese Charaktere sie tragen, wie sie begründet sind – nie ein Thema. Noch nicht einmal im Vorfeld, erst die erste Episode hatte sie urplötzlich drin. Sie entwerten noch nicht einmal die Geschichte, die hätte ohne ebenso funktioniert – sie sind einfach nur irrelevant. Unsinnige Gimmicks. Man kann rätseln, aber es lässt einen letztlich ratlos zurück. Wollte man die Darker than Black-Crowd abgraben? Brauchte man die Fähigkeiten als cop-out, damit die Helden immer noch irgendwie aus dem Schlamassel rauskommen? Ich weiß es nicht; ich bezweifle, dass irgendjemand es weiß.

Es ist zutiefst verwirrend und demotivierend, wenn auf der einen Seite so viel und auf der anderen so wenig stimmt. Dabei sind die Charakter-Designs und Hintergründe durchaus noch überdurchschnittlich attraktiv (Yukina nenne ich da gerne mit ihrem hübsch verwirbelten Haarschnitt), die Musik dito mit ein, zwei richtig guten Tracks. Aber bereits die Animation rauscht qualitativ mitunter ziemlich ab und bleibt über die gesamte Länge eher solide als gut.

Was Senkou no Night Raid will, ist stellenweise brillant. Was Senkou no Night Raid kann ist dafür meist arg durchwachsen. Diese hochambivalente Spanne lässt sich schwer überbrücken – eigentlich nur, wenn man sich wie ich am einen Ende festkrallt. Ich bin dieser Art von Geschichten sehr zugeneigt und auch ehrlich beeindruckt von den Passagen – die gibt es ja auch, vor allem gegen Ende -, die ehrliche, kluge und verständige Auseinandersetzung mit historischen Begebenheiten und politischer Theorie erkennen lassen. Right up my alley.

Obwohl ich diesem Anime also positiv gegenüber stehen will und das auch nicht ohne gute Gründe, muss ich ihn doch, ähnlich wie So Ra No Wo To,  gewissermaßen als misslungen betrachten – wenn man Anspruch und Potential von Anime no Chikara heranzieht. Die Hintergrundgeschichte ist hervorragend und reißt für meinereiner verdammt viel heraus. Aber das ist stark selektiv und subjektiv gedacht. Wer mit anderen Referenzen und Hintergründen als ich herangeht, dürfte wohl weniger Grund finden, Senkou no Night Raid zu mögen – und ich kann das verstehen. 7/10

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