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Retrospektive 2010: Die Anime, #20 – #16

2011-01-15

Vielleicht ein Wort zu meinen Statistiken. Aus früheren Tagen, als always-on allgemein noch eine Utopie war und ich ständig die Einwahlpreise verglichen habe, um die elterliche Telefonrechnung mit meinen zweitäglichen halben Stunden im Netz nicht über Gebühr zu belasten, habe ich mir einen gewissen Effektivitäts-, Statistik- und Ordnungsfimmel bewahrt.Vor der Einwahl habe ich immer Listen von Adressen getippt, die ich dann so rasch wie möglich bei 33.6k angewählt und sofort abgespeichert habe, um sie offline zu lesen. Nach der Lektüre wurden sie dann schön systematisiert und archiviert. Als nerdiges Unterstufenkind hat man nun mal Zeit für so etwas.

Aus der Zeit stammten auch Listen, auf denen ich alles möglich vermerkte. Viele der Listen gingen irgendwann verloren oder ich habe sie ignoranterweise gelöscht. Als ich vor einigen Jahren wieder Anime als Hobby aufnahm, fing ich auch neue Listen an. Weil sie für mich mittlerweile gefühlsmäßig dazugehörten.

Erst nur eine Notepad-Liste, auf der lediglich Anime notiert waren, die ich geschaut hatte. Reichte irgendwann nicht mehr, eine Excel-Datei musste her. Auf weiteren Tabellenblättern folgten: eine Merkliste für zu kaufende oder besorgende Anime; eine für Manga, eine für asiatische Filme; eine Protokollliste, auf der ich jede geschaute Anime-Episode notiere (Ausbeute 15.01.2010: Durarara!! #2, Winter Sonata #6, FMA: Brotherhood #39) und eine, auf der ich die Übersicht behalte über aktuell verfolgte Serien.

esca.xls heißt die Datei, wie ich sie irgendwann in Anlehnung an den Blog nannte. Oder andersherum? Die Listen baue ich immer weiter aus, Studios, Qualität, Laufzeiten, Ausstrahlungsdaten, Kommentare… und mit den Statistik-Funktionen von Excel habe ich auch meinen Spaß. 44% der Anime in meiner Sammlung habe ich noch nicht gesehen; 69% der Einträge sind Serien, 14% sind OVAs, 17% sind Filme. Alles verpackt in hübsche farbige Tabellenrahmen.

Natürlich gibt es auch MAL und AniDB, von denen vor allem letztere Datenbank für Recherchen ziemlich nützlich ist. last.fm und Moviepilot benutzte oder benutze ich auch. Statistiken an sich sind ja auch nichts Schlimmes. Es macht aber eigentlich keinen Sinn, so viel Arbeit in eine Datei zu stecken, die niemand außer mir je zu sehen bekommt; vermutlich wirkt das für Außenstehende im besten Fall anachronistisch, im wahrscheinlicheren seltsam (oder gar krankhaft?).

Trotzdem will ich mir diesen anachronistisch-nerdigen Spaß bewahren; nerdig nicht im Sinne Hollywoods, wo das verfügbare Einkommen dieser doofen Brillenträgerinformatikerrollenspieler sie plötzlich sexy machte und Geeks zu Ikonen des 21. Jahrhunderts hochgejazzt wurden, sondern nerdig im Sinne des schmächtigen Siebtklässlers mit Spange und Pickeln, der sich mehr auf die Digimon-Wiederholung im Nachmittagsprogramm und das Magic-Turnier am nächsten Tag freut als auf die Unterstufenparty in der Schul-Aula, vor der er sich irgendwie drücken muss.

Heute bin ich leider arg gut justiert. Aber ich mag nicht vergessen, wo ich herkomme. Deswegen gönne mir diesen Spaß und werde es weiterhin tun. Übrigens, 2010: 957 Episoden, Filme, OVAs. Umgerechnet fast eine Stunde am Tag? Verteilt sich natürlich über die Wochentage und Wochenden. Darunter 319 Einträge aus aufgeholten Anime. Durchschnittswertung meiner 2010er Top 25: 6,5.

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20 | Katanagatari White Fox, 12 Eps, Q1/Q2/Q3/Q4

Nisioisin schreibt in erster Linie Dialoge, in zweiter Geschichten. Das ist zunächst einmal nur eine Feststellung, ein Stil ist nur ein Stil. Wenn Kritik ausgeübt werden kann, dann an der Ausführung – und dafür bietet die White Fox-Adaption seiner Katangatari-Reihe ausreichend Angriffsfläche. Dabei ist die zwölfteilige Filmreihe (zu je knapp 50 Minuten) ja gar nicht übel, wirklich nicht. Der visuelle Stil ist oft sehr interessant, stellenweise betörend in seiner Verfremdung und Ausdrucksstärke, mit seinen abstrakt angelegten und gestalteten Charakteren und beeindruckenden Ideen.

Auch die Geschichte selber, eine Art Aventurie durch ein Japan zwischen Sengoku und Meiji, profitiert sehr von einer Fähigkeit, die Nisioisin auszeichnet: Originalität. Denn Wendungen, Überraschungen und unerwartete Enthüllungen halten das Interesse immer wieder wach. Und doch, Katanagatari ist im Grunde genommen ein langer, sich über ein ganzes Jahr erstreckender Dialog. Jede der zwölf Episoden ist durchzogen von mehreren fünf-, zehn-, fünfzehnminütigen, teilweise ununterbrochenen Zwiegesprächen.

Was nichts Schlimmes sein muss, ich mag ungewöhnlichere Erzählformen – aber Katanagatari ist schon an sich so speziell und selbstbezogen, dass es an Autismus grenzt, womit auch die Dialoge zu einem Kraftakt werden. Linguistische und psychologische Exkurse (wechselhafter Qualität) mäandern um die unübersichtliche Geschichte und gipfeln in mal mehr, mal weniger spektakulären Kämpfen. Nisioisin für die Leinwand zu übersetzen ist knifflig, und White Fox versucht mit der besonderen visuellen Gestaltung, eine adäquate Bildsprache zu finden. Was im Grunde genommen und in der Rückschau insgesamt okay ist. Aber so richtig funktionieren tut es eben auch nicht wirklich.

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19 | Tamayura HAL, 4 Eps (OVA), Q4

Es stimmt: das massive Überangebot an hyperniedlichem Kram kann einem das Genre völlig verleiden. Trotzdem, ganz Abstand nehmen will und kann ich nicht. Weil ich immer Gefahr laufe, vielleicht ein kleines Juwel wie Kamichu! zu verpassen. Nun ist Tamayura kein zweites Kamichu!, auch kein zweites Aria, wie man bei Regisseur Satou denken/hoffen könnte. Aber der Anime geht zumindest in die richtige Richtung.

Tamayura ist sehr klein und überschaubar, vier Halbepisoden, die später als zwei OVA veröffentlicht wurden (und gar nicht allzu viel erzählen können). Auch das Setup ist nicht überragend originell, klingt tendenziell sogar eher abschreckend: vier Mädchen, die jünger aussehen als sie sind, Tee trinkend, Kuchen essend,… hatten wir in diesem Jahr auch schon in bedrückend ähnlicher Konstellation.

Und doch macht Tamayura gewissermaßen alles richtig, was K-ON! falsch macht. Die Charaktere sind sympathisch (die pfeifende Maon!), das Motiv (Fotografie) leitet die Geschichte an und ist kein Gimmick, die Atmosphäre ist angenehm und erinnert an healing anime wie Yokohama Kaidashi Kikou oder eben Aria – und das alles in einem Bruchteil der Laufzeit von K-ON!. Tamayura erfindet das Rad nicht neu, macht seine Sache aber gut. Sollte es jemals eine komplette Fernsehserie geben, ich wäre dabei.

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18 | Soredemo Machi wa Mawatteiru Shaft, 12 Eps, Q4

Kein anderer Regisseur hat einen solchen Output wie Akiyuki Shinbo. In den letzten zwei Jahren war er an dreizehn (!) verschiedenen Anime beteiligt, bei den allermeisten als Regisseur. Zum Vergleich: in zwei Jahren schafft ein Masaaki Yuasa einen einzigen Anime. Natürlich müssen da auch Graupen darunter sein (Dance in the Vampire Bund) und Anime mit heftigeren qualitativen Schwankungen (Arakawa Under The Bridge).

Soredemo Machi wa Mawatteiru hält sich im Vergleich ziemlich wacker. Der Titel ist zum Beispiel nicht so formalistisch verspult wie Arakawa mit seinem betont besonderen Setup; das gewöhnlichere Setting mit seinen gewöhnlicheren Menschen, small town people in a small town, macht die Angelegenheit lockerer und zugänglicher, die seltenen Ausflüge ins Obskure und Okkulte fallen nicht negativ ins Gewicht. Auch die zerfahrene Struktur, die sich willkürlich aus den Manga-Kapiteln bedient, stört hier nicht. Im Gegenteil, sie passt zum titelgebenden Motiv der Stadt, die sich immer weiter und weiter dreht.

Aber SoreMachi ist am besten, wenn der Anime seine überwiegend ziemlich guten Charaktere einfach mal sein lässt, in der Stadt und miteinander. Was er auch oft genug macht. Wunderbar etwa war die Halbfolge, in der Hotori, Futaba und Toshiko einfach in einem Waschsalon abhängen; auch wenn diese zeigt, dass Shinbo nach wie vor nicht ohne Zoten und Anzüglichkeiten funktionieren kann. Was schade ist, denn die letzte Folge, die klug ein bestimmtes Kapitel gewählt hat und aus der amüsanten Komödie eine bittersüße Tragödie macht, beweist seine eigentliche Klasse. Er müsste öfter mit solchen Stoffen arbeiten dürfen.

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17 | The World God Only Knows manglobe, 12 Eps, Q4

Anime und Manga und Spiele über Anime und Manga und Spiele sind gefährlich. In dem Komplex steckt verdammt viel drin, Reflektion, Parodie und Selbstkritik ebenso wie Masturbation, Nabelschau und Schleimerei. The World God Only Knows geht genau dahin, wo es weh tut: ein Anime aus einem Manga über den selbsternannten Galge-Gottkönig, in dem er exakt dasselbe tut wie im Spiel – Mädchen erobern. (Aber Meta-Ebenen und Selbstreferenz werden ein andermal Thema sein müssen.) Kann das gut gehen?

Bis zu einem gewissen Grad: ja, auf jeden Fall. The World God Only Knows findet ein relativ einfaches, aber probates Mittel, um sich vor den Gefahren seiner selbst zu feien: Ironie. Natürlich imitiert der Anime seinen Bezugsstoff so, dass er ihm sehr gleich wird. Auch TWGOK bedient gewisse Fantasien, denn eine Parodie ist der Anime nicht. Aber immer dann, wenn es gefährlich wird, zieht TWGOK für meine Begriffe rechtzeitig die Reißleine.

Vor allem der Hauptcharakter, der gnadenlos (selbst-)überzeichnete Keima, der ein Gott seiner eigenen Welt ist und ein Spiegelbild seiner Zuschauer, wird dann wieder gründlich demontiert. Wie etwa im Abspann der letzten Folge und schon einmal erwähnt; vordergründig funktioniert die einfache Gleichung, mit Spielstrategien auch im echten Leben Mädchen analysieren und betören zu können; hintergründig weist der Anime aber immer wieder darauf hin, dass das Quatsch ist. Das, neben den wirklich guten Produktionswerten und ihrer sauberen und attraktiven Optik, einem sehr pointiert gespielten Humor und einigen sehr reizenden Szenen (Shiori!), wiegt die Durchhänger und Schwächen mehr als auf; The World God Only Knows ist ein amüsantes, manchmal sogar cleveres Ding.

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16 | So Ra No Wo To A1, 12+2 Eps, Q1

Hätte, wäre, wenn. So Ra No Wo To ist nunmal so, wie es ist, und nicht so, wie es hätte sein können. Aber was ist das schon? Ich habe mich mittlerweile arrangiert, nachdem mich der Titel lange umtrieb – wie kann ein einziger Anime  nur in manchen Bereichen so gut sein, sich in anderen Bereichen dann aber ohne jede Not so sehr unter Wert verkaufen?

Der Ärger bleibt durchaus, vor allem über die Geschichte, die sich so sehr selbst limitiert, und die Charaktere, die so viel Potential verschwenden. Das ist ja nicht mal theoretisch gedacht, der Anime selber deutet mit Filicias Folge und den historischen und metaphorischen Ebenen der Geschichte alles an, was da hätte sein können. Dann aber verzichtet er, darauf weiter einzugehen. Wahrscheinlich scheitert er in dieser Beziehung daran, weil er in letzter Konsequenz Angst hat, den entscheidenen Schritt vom (wenig gewöhnten) Publikum wegzumachen.

Aber immerhin stirbt So Ra No Wo To in Schönheit. Das Setting ist atemberaubend und zutiefst faszinierend, ein pittoreskes Städtchen am Ende der Welt und der Zeit, das seine Melancholie nie so ganz abschütteln und die Wolken am Horizont nie so wirklich verdrängen kann. Alleine dafür hat es sich gelohnt, So Ra No Wo To zu schauen, zumal der Rest ja nicht so frappierend schlecht ist wie es vielleicht klingt; ich würde eher sagen, einfach nicht gut genug. Jedenfalls hatte ich meinen Spaß am Anime, dem berechtigten Ärger zum Trotz.

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