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Retrospektive 2010: Die Anime, #5 – #1

2011-01-30

Eigentlich gibt es keinen Anlass für eine State of the Union. Ich halte weiterhin hartnäckig an meiner Maxime fest: Es ändert sich wenig. Sicher hat das vergangene Jahrzehnt in Sachen Anime eine Art Paradigmenwechsel erlebt; ausgerechnet das hervorragende Azumanga Daioh dürfte ausgelöst haben, dass Moe, Niedlichkeit, weibliche Hauptfiguren zu Leitlinien des Storytellings und Kriterien des Erfolgs geworden sind.

Nur: was weiter? Prinzipiell muss das nichts Schlimmes sein. Besagtes Azumanga Daioh, Kamichu!, Aria, in diesem und im kommenden Jahr Tamayura sind feine Anime, weil sie auch jenseits ihres Etiketts noch etwas zu bieten haben. Die Frage ist immer nur, was man daraus macht. In meinen Top 10 sind keine Anime, die lediglich um ein einziges Verkaufsargument herumgebaut sind. Wohl aber welche, die Versatzstücke einarbeiten. Wieso auch nicht?

Letztlich war es 2010 so wie auch 2009 und in den Jahren zuvor, und wie es in den Jahren 2011 und aufwärts sein wird: die guten Sachen pickt man sich raus. War nie anders. Ob wie früher Mechas rumstolpern oder pseudorealistische Figuren pseudopsychologische Sachen machen und heute eben jede Ritze fachgerecht und bombenfest mit Moe verfugt ist, das macht substantiell keinen Unterschied. Mau ist mau, so oder so.

Ordentliche Titel wird es weiterhin geben. Mit meiner Auswahl aus der laufenden Winter Season bin ich zufrieden, die anrückende Spring Season (plus Kaiji S2!) sollte noch besser werden. ’nuff said dazu. Für den Blog habe ich keine großen Umbruchpläne. Demnächst will ich endlich dem massiv lesenswerten Groschi eine überfällige Filmrezi nachliefern, Animereviews habe ich auch noch genügend vor der Brust. Die angefangenen Artikelreihen sind zumindest durchgeplant, mit ein bisschen Glück habe ich ab demnächst etwas mehr Zeit dafür. Im Sommer und Herbst dürfte es dann wieder knapper werden.

Also, die Top 5. Wir sind in einem gefährlichen Territorium angelangt, in diesen Regionen entscheiden das persönliche Empfinden und die eigene Konsumgeschichte. Generell kann ich wohl alle Anime aus meinen Top 10 empfehlen, sicherlich je nachdem auch einige von den hinteren Rängen. Garantien will ich aber nicht abgeben, dazu sind Vorlieben und Eindrücke zu speziell. In jedem Fall: gerade Anime wie die folgenden machen mir immer wieder klar, wieso ich bei diesem Hobby bleibe. Einen Blick zumindest sind sie allemal wert.

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05 | Seikimatsu Occult Gakuin A1 & Xebec, 13 Eps, Q3

Ich gebe zu, das hat ein bisschen was von einem Statement (; enttäuschend, wie rasch die Serie unterging). Aber es gibt tatsächlich nur sehr wenige Anime im Jahr 2010, die mich derart überzeugen können wie Seikimatsu Occult Gakuin. Nicht restlos natürlich, gerade die Hauptfigur Maya hatte ein paar Schwächen, auch das Pacing, vor allem in der Filler-Doppelfolge kurz vor dem dann etwas zu überhasteten Finale, war nicht optimal.

Aber: Geschenkt! Seikimatsu Occult Gakuin ist eine gloriose Angelegenheit vor allem, weil der Anime und seine Charaktere so fantastisch geschrieben waren. Schon vom Setting her ungewöhnlich mit seinem okkulten Fokus, ist Occult Gakuin ein starker Hybrid aus Komödie, Drama, Science Fiction, Mystery. Und zwar derart wohl abgewogen und in beeindruckender Harmonie, dass sich eine total eigenständige, tatsächlich originelle  Geschichte entwickelt.

Gerade die letzten Folgen pfeffern einem eine Kanonade an eigentlich völlig unglaublichen Abstrusitäten um die Ohren: Final Fantasy-Bossfights, fliegende Panther, Zaubersprüche, Zeit-Raum-Singularitäten, Alieninvasoren, ein Protagonist mit plötzlich stahlharten Eiern … und alles funktioniert. Ein Coup. Seikimatsu Occult Gakuin hat den Elan, die Chuzpe, die Energie, die Fantasie einer ganzen Season; und das notwendige Gespür, alles elegant in einen Plot zu verpacken.

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04 | Shiki Daume, 22 Eps, Q3/Q4

Vampire sind natürlich reichlich in Mode. Selbst wenn die Vorlage von Fuyumi Ono aus dem Jahr 1998 stammt, den Vorwurf der Trittbrettfahrerei muss sich Shiki gefallen lassen. Dazu ist die Kombination aus horroresker Vampirgeschichte mit jugendlichen Protagonisten einfach zu gefällig. Allerdings: Shiki hält das mühelos aus.

Gar so simpel ist es sowieso nicht. Der Anime fährt einen satten Cast auf, dutzende an Charakteren und viele von ihnen in handelnden Rollen; für die besagten zielgruppenaffinen Figuren bleibt schlicht nicht allzu viel Zeit. Die Show selber ist der Star, ihre Geschichte ihr Kern. Stilistisch ist Shiki gewagt, die Designs sind krass, sehr expressiv und poppig. Aber der Anime setzt auf Überzeichnung, er setzt auf das Ikonische und Symbolträchtige, um seine Geschichte buchstäblich zu inszenieren.

Alles, die Musik, die Gestaltung, auch die Charaktere, dient der Erkundung dieser so besonderen Geschichte. Ihr Mysterium enträtselt sie langsam, effektvoll und geschickt, angeleitet von der guten Regie, die das ungewöhnliche Setup bestens auskostet. Den Lohn holt man sich in der zweiten Hälfte ab, die moralische Grauzonen auslotet und in einer beispiellosen, aber konsequenten Gewaltorgie endet. Spätestens dann weiß man, dass Shiki ein außerordentlicher Anime ist.

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03 | Tentai Senshi Sunred S2 AIC A.S.T.A., 26 Eps, 09-Q4/10-Q1

Gut, Tentai Senshi Sunred ist eine Parodie und als solche absolut gelungen. Sicher ist das Super Sentai-Genre auch leichte Beute, wenn man die eigene Ungläubigkeit nicht willentlich aussetzen mag, kann man kurzerhand die Shows sogar als Parodien ihrer selbst schauen. Trotzdem hat eine gut zugespitzte Parodie eine Existenzberechtigung, wenn sie die ruminations and machinations ihres Genres amüsant offenlegt. Tentai Senshi Sunred macht das prima, definitiv.

Was aber aus einer tauglichen Komödie einen der besten Anime des vergangenen (und vorvergangenen) Jahres formt, ist dessen Innenleben. Die Charaktere in Sunred verselbstständigen sich bald und sind schon sehr früh keine bloßen Schablonen und Abziehfiguren mehr. Im Gegenteil, Sunred und die Monsterorganisation Florsheim (Zweigstelle Kawasaki), und alle weiteren Charaktere wie Sunreds Freundin Kayoko, sind lebensnaher und natürlicher als die meisten „realistischen“ Charaktere anderer Anime.

Deswegen ist Sunred auch weit mehr als eine simple Sentai-Parodie. Die Grundpfeiler des Genres sind immer präsent, ein großer Teil des (perfekt trockenen und gut abgehangenen Humors) bezieht sich auf sie. Die Stärke und der Fokus des Anime ist aber der eigentümliche Mikrokosmos, den er sich schafft; so abgefahren die vielen Monster sind, so herrlich banal sind die Alltagsangelegenheiten, die sie umtreiben. Das erinnert an Klassiker wie Azumanga Daioh und das Slice of Life-Genre generell, ist aber besser und komischer als fast alles aus dieser Ecke.

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02 | Fullmetal Alchemist: Brotherhood Bones, 64 Eps, 09-Q2/10-Q2

Satte 64 Episoden. Anders als die Endlosvertreter seiner Zunft schwingt sich Brotherhood nicht beinahe zusammenhangslos von Arc zu Arc. Stattdessen erzählt der Anime eine einzige, lange, vielschichtige und komplexe Geschichte, die sich genau das (im Internet überstrapazierte) Prädikat verdient, welches eine Abenteuerstory erst zu einer richtigen Abenteuerstory erhebt: Brotherhood ist episch im besten aller Sinne. Fuck-yeah-episch.

Alles kam für diesen Anime zusammen. Die Geschichte der Vorlage ist mitreißend, in ihren zwischenmenschlichen Momenten ist sie rührig, in ihren kämpferischen packend, in ihren dramatischen ergreifend, in ihren finsteren bitter. Studio Bones veranwortet eine kongeniale Umsetzung; nicht nur, dass das angemessen dicke Budget für eine in jeglicher Hinsicht prächtige Produktion sorgt, Regie und Skript sind absolut erstklassig und mit das Beste, was man in der Fernsehanime-Branche kriegen kann.

Brotherhood hat alles, um eine großartige Shounen-Abenteuergeschichte zu erzählen. Und tut es auch. Wenn alles zusammenkommt, wenn alles richtig umgesetzt wird, hat das mehr von einem Ereignis oder einem Erlebnis, von einer langen Reise, bei der der Weg der Weg ist und das Ziel das Ziel und beides gut; einen größeren, epochaleren Anime gab es in den letzten Jahren nicht.

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01 | The Tatami Galaxy Madhouse, 11 Eps, Q2

Womöglich kann man Tatami Galaxy gar nicht so recht mit anderen Anime vergleichen. Das soll kein kriecherische Huldigung sein, von wegen, Tatami Galaxy sei so gut, der Anime könne ja gar kein Anime sein. Das ist Unfug (und sowieso ein ziemlich albernes Argument), natürlich ist der Titel ein Anime, durch und durch sogar, und sein Schöpfer und Gestalter Masaaki Yuasa sogar einer der wenigen wirklichen Großmeister des Mediums. Oder der Kunstform?

Zweifellos ist Tatami Galaxy aber anders, völlig anders. Das alleine ist zwar noch lange kein Qualitätsmerkmal, kann es aber sein, wenn am Ende etwas Besonderes steht. Bei Yuasa ist es eines, weil seine Anime nicht anders sind for the sake of it, sondern weil er etwas mit ihnen im Sinn hat. Vergleichbar wäre Tatami Galaxy schon irgendwo, alles in allem erzählt der Anime eine Coming of Age-Geschichte wie viele andere, kreativer sicherlich, origineller auch, aber eben nicht völlig revolutionär.

Was den Anime allerdings in die Nähe eines Meisterwerks rückt, ist seine Güte (und das Wort ‚Meisterwerk‘ nehme ich nicht leichtfertig in den Mund; ehrlich, hab‘ nachgeschaut, nur zwei Anime habe ich im Blog so genannt: Cowboy Bebop und Kare Kano). Güte heißt mehr als nur Qualität, die ist schon in Fülle vorhanden: Tatami Galaxy sieht großartig aus mit seinem individuellen, reizvoll animierten Design, die Geschichte ist fantastisch geschrieben und unheimlich gerissen angelegt, die Charaktere sind lebendig. Güte hat eine persönlichere Note.

Kann der sonderbare Erzählstil mit seiner Monologorgie auf die Nerven gehen? Sicher. Kann die sich wiederholende Story redundant erscheinen, als Gimmick empfunden werden? Klar. Ist das nicht unheimlich überheblich, anmaßend, pompös und elitär, eine im Wesentlichen so simple Botschaft so verkopft zu verklausulieren? Kann man so sehen.

Ich sehe das aber nicht so. Bei mir fallen alle Rädchen sauber und passgenau ins Uhrwerk; es ist alles so, wie es sein muss. Das Schöne an Tatami Galaxy ist, dass alles Sinn macht. Bis ins letzte Detail fügt sich alles ineinander, die Animation in die Designs, die Designs in die Charaktere, die Charaktere in die Erzählweise, die Erzählweise in die Geschichte. Tatami Galaxy ist  komplett.

Nicht, dass der Anime jetzt so gut sei, dass alles andere daneben verblasst – auch andere Stoffe sind gut und sehr gut auf ihre Weisen, weniger Gefallen habe ich an ihnen auch nicht. Trotzdem nimmt Tatami Galaxy eine Ausnahmestellung ein, die den Vergleich eben etwas schwer macht. Vielleicht ist der Anime dann doch ein klein wenig mehr.

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