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Review: Mushishi (Live-action)

2011-02-20

Yuki Urushibara begab sich mit ihrem Manga Mushishi in heikle Gefilde. Anime und Manga tendieren dazu, wenn sie mit mythischen Versatzstücken hantieren, diese ordentlich zu verschwurbeln. „Kokoro“  noch und nöcher, gerne auch versetzt mit Youkai und anderem Gekreuch und Gefleuch. Das kann dann auf den ersten Blick gefällig und gehaltvoll wirken, schmeckt aber oft recht bald schal; es ist selten mehr als überirdisches Schmuckwerk, Esoterik und Folklore, für allzu irdische Problemchen.

Urushibaras Mushishi machte es da anders, Manga wie darauffolgender Anime. Ginko, der Protagonist, weiß viel über Mushi, mysteriöse Lebewesen irgendwo zwischen der unseren und der anderen Welt. Er lernt auch viel, stets macht er sich Notizen und tauscht sich aus. Aber er lernt nie aus. Nach zehn Bänden und sechsundzwanzig Episoden ist die Welt, durch die er wandelt, immer noch so rätselhaft und tiefgründig wie eh und je – wenn nicht gar noch mehr.

Dank der episodischen Natur von Anime und Manga ist der fast völlige Verzicht auf eine durchgehende, übergeordnete Geschichte kein Makel, sondern ein ganz großer Vorteil. Handlung und Handlungswelt bilden eine perfekte Einheit. Muss man sich noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: die Handlungswelt ist nicht nur Backdrop oder Kulisse, sie ist mindestens im gleichen Rang wie der Hauptcharakter und zugleich Ebenbild der Erzählstrategie. Gibt es auch nicht überall. Das Stichwort „atmosphärisch“ kann fallen; auch wenn es ansonsten die nutzloseste aller Zuschreibungen ist (was sagt das schon?), in diesem speziellen Fall, bei Mushishi, ist die Stimmung so völlig eigen und zutiefst faszinierend, dass sie lebendig wird. Atmosphäre im Wortsinn eben.

2007 wurde eine weitere Adaption des Stoffes veröffentlicht, ein Live-action-Film, entstanden unter Regie Katsuhiro Otomos und mit dem Star Jou Odagiri in der Hauptrolle. Otomo ist ja nun kein gänzlicher Unbekannter, insofern konnte man mit Spannung erwarten, wie er die konzeptionell herausfordernde Geschichte auf die Leinwand bringen würde. Kann er dasselbe erreichen wie Anime und Manga?

Jein. Otomos Mushishi hat das grundsätzliche Problem, ein abendfüllender Spielfilm zu sein, und das macht einen gewaltigen Unterschied. Wenn der Film kein völlig abgehobenes Arthouse-Experiment sein will – und das will er nicht -, dann muss er eine propere Geschichte erzählen. Gleichzeitig lebt Mushishi, und Otomo kann man ablesen, dass er die Geschichte mag und gerne angemessen übersetzt sehen will, aber von seiner fast schon spirituellen Offenheit und Ungebundenheit. Diesen Widerspruch kann Otomo leider nicht auflösen.

Er versucht es. Sein Film setzt sich zusammen aus mehreren Kapiteln des Manga respektive Episoden des Anime, die er leicht abwandelt und ineinander schachtelt. Das Mädchen mit den Hörnern, die zum Schreiben gezwungene Tanyu, der Regenbogensucher Kourou und vor allem Ginkos eigene Vergangenheit bilden die Eckpfeiler, deren Subplots teils nacheinander, teils nebeneinander stattfinden. Damit will er der Struktur der Vorlage gerecht werden, begeht aber einen Kardinalfehler: er wird beliebig.

Während Anime und Manga staunend durch die Welt wandeln, irrt der Film erratisch, fast schon planlos umher. Der Rhythmus stimmt nicht: Ginko lernt Kourou kennen und geht mit ihm auf Wanderung. Dann aber besucht er Tanyu und stellt Kourou buchstäblich vor der Tür ab. Nach der Tanyu-Episode entledigt Otomo sich Kourous Plot und besinnt sich auf Ginkos Hintergrundgeschichte, die er irgendwann anstieß. Es passt nicht: welchen Sinn hatte all das Gezeigte eigentlich? Wieso ausgerechnet die Geschichte des Regenbogensuchers? In welcher Beziehung steht sie zu Ginko und zu seiner Vergangenheit? Das meine ich mit Beliebigkeit.

Es hilft nicht, dass Joe Odagiri für die Rolle des Ginko nicht geeignet ist. Mag sein, dass er ein hübscher Junge ist, aber er spielt seinen Ginko nicht glaubwürdig. Während sich die meisten Nebendarsteller hervoragend ins Bild fügen, wirkt ausgerechnet er gewissermaßen kostümiert. Ginko ist ja bei Gott kein transzendenter Charakter, aber Odagiri scheint so gewöhnlich und uninvolviert, dass es bisweilen schwer fällt, ihm zu glauben. Das ist gefährlich, weil er damit ein ums andere Mal das unangenehme Gefühl aufkommen lässt, eine künstliche Welt zu sehen anstatt einer so sehr natürlichen – was Mushishi ja eigentlich in seinem Kern ausmacht.

Otomo will den tiefen Mythos der Natur einfangen. In einigen – nicht allen – Einstellungen gelingt ihm das auch – die Schlusszene der Regenbogenjagd ist wunderschön -, der Stoff gibt es ja her und so manche Naturaufnahme atmet auch den Geist der Vorlage. Er hat sich die richtigen Kapitel ausgesucht, um visuell zu punkten. Die Mushi sind computeranimiert, fügen sich aber gelungen in das Bild ein – ebenso wie Tanyus artistische Schreibmethode, mit der sie eine Plethora fadenlanger Mushi – hier Verkörperungen von Geschichten – wieder einfängt und niederschreibt.

Aber sensationell ist seine Regie trotzdem nicht. Otomos Mushishi ist ein mittelmäßiger Film, und auch das nur mit gutem Willen. Er schafft nicht den Sprung dorthin, wo der Manga seinen Weg nahm und der Anime sich einfand. Zwar ist er auch kein esoterisch aufgeblasener Krimskrams; aber all das, was dazu beitrug, aus Anime und Manga Meisterwerke zu machen, kann in diesem Format und mit diesen Mitteln schlicht nicht erreicht werden. Das Beispiel des Soundtracks veranschaulicht den Unterschied. Der Score des Films ist durchaus stimmig und zweckdienlich, Toshio Masudas0 Kompositionen für die Fernsehserie hingegen zutiefst beseelt, inspirierend, bewegend. Es ist nicht nur ein Qualitätsunterschied; der Manga und der Anime sind wertvoll, im Gegensatz zum Film. Der ist zwar nicht schlimm, aber eben auch nicht gut, selbst wenn ich mir noch ein wenig Sympathie aus den Vorlagen ausborge. Nur, er lohnt sich einfach nicht. 5/10

(Für Groschi. Ich habe mich sehr gefreut, von ihm zum Japanese Cinema Blogathon 2010 eingeladen worden zu sein, auch wenn ich die Deadline um ein paar schlanke Monate verpasst habe… sorry!)

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3 Kommentare leave one →
  1. 2011-02-28 20:12

    … und ich habe dann deinen Post um eine satte Woche verpasst… 😉 Danke für die Widmung!
    Dein Review bestätigt so in etwa, was ich von der Verfilmung befürchtet habe, denn nach den vielen eher schwachen Verfilmungen bekannter Anime- und Mangatitel in den letzten Jahren (z.b. Death Note mit seinen hölzernen Darstellern, der viel zu gedrängten Story und dem nicht vorhandenen Rhytmus oder 20th Century Boys, dessen Inszenierung nach dem noch ganz gelungenen ersten Teil katastrophal einbricht…), sowie dem wissen um Otomo, dessen Fachgebiet ja auch eher die bombastisch-explosive Actionanimation als das Geschichtenerzählen ist, hab ich den Film mal einfach links liegen gelassen. Die ersten Pressefotos des einfach nur „Kostümiert“ wirkenden Hauptdarstellers und die eher verhaltenen Reaktionen auf den Film taten dann auch ihr übriges.

  2. 2011-03-05 18:02

    Live Action die ich gesehen habe und von denen ich höre, haben nie eine gute Qualität. Vor allem, weil sie meist aus Serien entstehen, die etwas länger sind. (Und die episodische Sailor Moon Live Action war fürchterlich. Budget tendierte gegen gering bis null). Ich erinnere mich an eine Mittzwnaziger Enma Ai (Jigoku Shoujo), einen völlig zusammengequetschten Plot bei Shinboi (Basilisk) und crappy crappy Bullshit bei den amerikanischen Sache (Dragonball). Und dann auch das eher seltsame L change the WorLd.
    Wobei letzteres noch den Vorteil hatte, dass es keine übernatürlichen Effekte brauchte. Ich verstehe sowieso nicht, warum man zu kampflastigen Sachen Live Action mit niedrigen Budgets produziert. Das kann nur crap werden. Wobei man scheinbar selbst bei Effektarmen Filmen wie Lovely Complex versagt.

    Den Anime Mushishi muss ich noch sehen. Er gehört zu den Serien, über die man immer nur gutes hört und die man trotzdem vor sich herschiebt. *seufz*

  3. escapistolero permalink*
    2011-03-08 14:04

    Nee, mit der Live Action verpasst ihr wirklich nichts. Groschi hat ganz Recht, Otomo hat seine Stärken und die liegen nun mal nicht da, wo der Film hier anzusiedeln ist.

    Ansonsten geht’s mir wie euch, bei Verfilmungen habe ich grundsätzlich Bauchgrummeln und lasse in aller Regel auch die Finger davon. Das Budget ist sicher eine Geschichte, aber die Adaptionsrichtung Anime -> LA scheint tatsächlich kniffliger zu sein als gedacht. Vielleicht gerade, weil die Medien sich so nah sind.

    Drei Serien habe ich aber trotzdem auf der Liste, die ich mal ausprobieren will: Nodame Cantabile, Hataraki Man und Moyashimon sollen prima geraten sein

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