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Review: Angel Beats!

2011-02-25

Jun Maeda ist als Szenarist und Autor einer der Superstars der Visual Novel-Szene. Für das Studio Key schrieb er vor allem Kanon, Air, Clannad, mit allen dreien landete er satte Erfolge, die nicht minder erfolgreichen Anime als Vorlage dienten. Seine Methode: Nakige. Die englische Übersetzung des Begriffs, tearjerker, gefällt mir und sie trifft es ganz gut: seine Stories funktionieren ausschließlich über Emotion. Oder, wenn man so will: emotionale Manipulation.

Clannad zum Beispiel mochte ich trotzdem ziemlich; als Anime zumindest, für die VNs hatte und habe ich weder Zeit noch Motivation über. Ich mochte den Anime, obwohl ich um Nakige wusste und obwohl er bei Licht betrachtet fadenscheinig und billig bis zum Schwachsinn konzipiert ist. Dass ich ihn mochte, das hatte zwei Gründe: das Studio KyoAni und, vor allen Dingen, Regisseur Tatsuya Ishihara, der auch die anderen Key-Adaptionen besorgte und den ich sehr schätze.

Keine uninteressante Fragestellung: Kann die Umsetzung auch dann einen Unterschied machen, wenn der eigentliche Content allenfalls solala ist? Können Regie, Drehbuch, Schnitt aus einer Geschichte mehr machen, als sie ist? Ich würde sagen: ja. In Clannad sehe ich einen Beleg dafür, und in Angel Beats!, Maedas erstem exklusiv für einen Anime und keine Visual Novel geschriebenen Stoff, eine angemessene Gegenprobe: selber Autor, selbe Mechanismen, aber anderes Studio. (Ja, quasi-experimentelles Design, Korrelation statt Kausalität… nicht weitersagen.)

Yuzuru ist tot. Statt im Jenseits erwacht er auf dem Schulhof einer Schule, an dem ein Kampf tobt. Wer seine Jugend aus dem ein oder anderen Grund verpasste – verpassen musste – und aus dem Leben schied, landet an dieser Schule. Man soll dort ein letztes Mal Erfüllung finden, mit dem Leben abschließen und es loslassen, um dann einfach zu verschwinden. Eine Reihe von Schülern aber, die SSS unter Führung der schnippischen Yuri, will das nicht hinnehmen und lehnt sich gegen Gott – und seine/ihre Stellvertreterin, die Schülerratspräsidentin Tenshi – auf.

Sie fühlen sich dazu durchaus berechtigt. Yuri etwa musste die brutale Ermordung ihrer jüngeren Geschwister mitansehen, Naoi konnte den Platz seines talentierteren Bruders nie einnehmen und verlebte eine bittere Kindheit, Yui war nach einem Autounfall querschnittsgelähmt, Iwasawa litt unter der Gewalt in der Familie. Sie alle hatten auf die ein oder andere Weise vor ihrem Tod ein beschissenes Leben. Harter Tobak also, bisschen viel auf einmal vielleicht, aber aus 13 Episoden ist nun mal das Maximum an Gefühl abzuschöpfen.

Angel Beats! ist allerdings mitnichten ein finsteres Drama, im Gegenteil. Der kontrastierende Comedy-Anteil im Anime ist hoch und funktioniert über Situationskomik und Slapstick, vor allem aber die Charaktere. Da die Figuren nicht mehr sterben können – wenn sie zermalmt oder erschossen oder verbrannt werden, wachen sie wieder auf der Krankenstation auf – und mit ihrer so üppigen wie ausgefallenen Bewaffnung großzügig umgehen, ergeben sich immer wieder skurrile Situationen.

Minus der Abmurkserei erinnert das funktionell tatsächlich an Clannad; jenseits der todtraurig-tränenreichen Vergangenheiten seiner Figuren hatte auch dieser Anime zahlreiche helle, wirklich amüsante Momente. Die Kontrastierung zwischen Drama und Komödie ist vielleicht kein originelles, aber ein probates Mittel. Handwerklich richtig gemacht und vernünftig eingesetzt, kann das eine Geschichte tragen und ihr Wert verleihen. Aber genau da hapert es gewaltig bei Angel Beats!, dem von mir eigentlich geschätzten Studio P.A. Works zum Trotz.

Deren True Tears war eine richtig, richtig feine Angelegenheit. Als komplette Eigenproduktion machte der Anime eindrücklich Werbung für die Fähigkeiten des Studios. CANAAN war zumindest technisch nicht minder hochwertig und ansehnlich, selbst wenn die Geschichte etwas arg konfus aufbereitet war. Das lag aber auch am Lieferanten der Vorlage (Kinoko Nasu, head honcho von Type-Moon), dessen Unsortiertheit und Verspultheit wohl nur von einem anderen Autoren der VN-Szene übertroffen wird: Jun Maeda…

Bei aller Wertschätzung, die Qualitäten KyoAnis hat P.A. Works einfach nicht; Maedas eklatante Schwächen kann der eigentlich gute Regisseur Seiji Kishi (Seto no Hanayome, Tentai Senshi Sunred) nicht überspielen. Angel Beats! ist ein Clusterfuck, dessen teils durchaus nicht uninteressanten Ideen im richtungslosen, stillosen, gespürlosen Kuddelmuddel an Plot zu ersaufen drohen. Maeda schafft sich ein narratives Planschbecken mit Wohlfühltemperatur, er verweigert sich Einschränkungen und Konventionen nicht aus einer Vision heraus, sondern weil es bequem für ihn ist.

Seine grundlegende Idee mag dreist geklaut, krachledern existentialistisch, unsubtil und unelegant sein, aber sie ist nicht übel. Der Tod ist unabwendbar, der Kampf dagegen sinnlos; ihn nicht hinnehmen zu wollen ist aber allzu menschlich. Die Kinder in Angel Beats! können aufgeben und Erlösung finden, aber sie weigern sich lange. Der Akt, endlich loszulassen, erfordert Mut und Reife. In der letzten Episode (Spoiler) ritualisieren die verbliebenen fünf Schüler in einer mittlerweile völlig menschenleeren Schule ihren Abschied, verleihen sich Abschlusszeugnisse, singen ein Lied, dann scheiden sie nach und nach dahin. Das ist stark.

Die Story von Angel Beats! ist spürbar von hinten, seiner Auflösung her gedacht und um eine Reihe teils ganz cooler Ideen und Motive herum gebaut worden. Angel Beats! scheitert aber grandios daran, sie zu einem vernünftigen Anime zu verweben, was teils am Nichtkönnen liegt, teils aber auch am Nichtwollen; den tendenziellen Tiefgang seiner Geschichte sabotiert Maeda freihändig, indem er sie massenhaft mit bescheuerten bis billigen Versatzstücken spickt und Klischees und flachen Humor fett aufträgt wie Butter und Nutella:

Eine rein weibliche Abteilung der SSS besorgt die Ablenkungsmanöver. Durch Rockkonzerte, natürlich (mehr K-ON! als Sleater Kinney). Die SSS wiederum geriert sich als paramilitärische Einsatztruppe, deren Einsätze schicke Waffenpornografie für entsprechende Fetischisten sind. Die Charaktere, wiederum vor allem die weiblichen, sind ganz überwiegend völlig unausgearbeitet und nichts mehr als eine Ansammlung gängiger Merkmale; Frisuren, Haarfarben, Rocklängen, Verhalten schön säuberlich durchdekliniert, damit für jeden etwas dabei ist.

Auf einer Meta-Ebene referenziert Angel Beats! Visual Novels und MMOs, indem der Anime, etwa bei Ortswechseln (Levelwechseln?), Anzeigen aufblendet. Nur, wozu? Reflektiert Maeda damit seine Rolle als Autor einer Geschichte und damit Schöpfer einer Welt? Sind VNs und Anime nur eine Art Limbo für Charaktere, die so reell sind (…), dass sie eine Art Bewusstsein erlangen? Keine der denkbaren Fragen wird schlüssig beantwortet, geschweige denn adressiert; letztlich belohnt die visuelle Referenz die Ingroup der Otaku, die sich in ihrem Medienkonsum angesprochen und bestätigt sehen können. Das ist billig und flach, und zynisch auf den Zeitgeist der Subkultur abzielend.

Das Team von P.A. Works kann keine Ordnung in die Geschichte bringen. Der Anime sieht – angesichts seines absehbaren Verkaufserfolges erstaunlich – allenfalls durchschnittlich aus, setzt aber nur sehr vereinzelt Glanzpunkte. Maedas Herangehensweise war schlicht nicht auseinanderzusortieren; die Erzählung springt erratisch von Episode zu Episode. Baseballfolge gefolgt von Infiltrationsfolge gefolgt von einer Folge, in der Schüler mit Kopfschüssen niedergestreckt werden (wie bitte?), gefolgt von Flashbackfolge. Tenshi wird anfangs als große Antagonistin eingeführt, dann ist plötzlich Naoi der Bösewicht, dann irgendein namenloser und fast gesichtsloser Junge, der im Serverraum haust. Zwischendrin Schattenmonster. Nichts passiert im Fluss.

Natürlich ist Jun Maeda ein Blender und ein Manipulator. Das weiß man aber, und bisweilen bin ich bereit, es hinzunehmen. So bei Clannad, einem Anime, der so viel richtig machte, dass sein üblicher Kladderadatsch mir nichts ausmachten; ich mochte Clannad nicht wegen, sondern trotz Maeda. Angel Beats! beweist das, weil P.A. Works sein Brimborium nicht kaschieren kann oder will. Der Anime hat seine guten Momente, die sind auch was wert und heben Angel Beats! von absolutem Schund ab, aber die sind hier eingelassen in eine völlig kaputte Konstruktion. 4/10

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4 Kommentare leave one →
  1. 2011-02-28 22:32

    Also die Screenshots gefallen mir. Satte Farben und Kontraste mit Lichteffekten sprechen mich immer gleich an. Eine spontane Assoziation war übrigens Working!!, die Haare gewinnen dort ähnlich mit Farbverläufen an Plastizität. Genaueres kann ich natürlich erst sagen, wenn ich die Bilder in Bewegung sehe. ^^

    Die Handlung klingt zumindest interessant, neu ist die Ausgangslage natürlich nicht. Andererseits stelle ich es mir schwierig vor, eine Welt, in der die Gestorbenen nicht noch einmal sterben können und die deshalb für viele Comedyszenen herhalten muss, für bedeutungsvolle Aussagen über Leben und Tod zu öffnen. Man muss sich irgendwo entscheiden, was man will. Der Schluss (Spoiler-Tags!! ^^) sieht für mich, der ich den Anime nun nicht kenne, sondern nur nachlese, daher eher wie eine deplatzierte oder Alibi-Erlösung aus.

    Wie sehr sich unser Standpunkt unterscheidet, von dem aus wir beide Anime bewerten, ist uns schon öfter aufgefallen, darum fühle ich mich eigentlich verpflichtet, Angel Beats!> eine Chance zu geben, zumal ich das eh schon länger möchte, aber nicht dazu komme (und die nächsten Wochen wird es leider weiterhin nichts).

  2. escapistolero permalink*
    2011-03-08 14:07

    … du hast Recht, ich hätte Spoilertags setzen sollen. Meine Reviews schreibe ich ganz gerne als Quasi-Analysen, und dazu gehört dann auch immer Kenntnis des Endes, aber ich will ja auch keinem den Spaß verderben. Hiermit korrigiert. Bin gespannt, was du zu dem Anime (irgendwann mal…) zu sagen hast 😉

  3. 2011-09-11 16:31

    Hmm, ich wollte eigentlich mal wieder ein bisschen in das Key Universum schauen und habe mir für den Anfang den Anime zu Angel Beats vorgenommen. Bin jetzt bei Episode 3. Schade, dass viele Reviews eher nicht gut ausfallen, hätte mir eigentlich mehr erhofft. Eventuell hätte es mit mehr Episoden besser geklappt, wenn die Wechsel zwischen Drama und Comedy nicht so schnell wären und man die Charaktere besser ausarbeiten könnte. Na mal schauen was noch kommt, zu Ende sehen werde ich Angel Beats jetzt schon.

  4. escapistolero permalink*
    2011-09-14 10:35

    Ich war ja auch gar nicht so pessimistisch im Vorfeld. P. A. Works haben bei mir seit True Tears und dem immer noch ordentlichen Canaan Kredit gut, Seiji Kishi als Regisseur von Seto no Hanayome und Sunred sowieso, und auch wenn Key emotional manipulativ as all fuck ist, Clannad hat ja gezeigt, dass es mit der richtigen Besetzung trotzdem funktionieren kann. Naja, sollte nicht sein. Ob da mehr Episoden ausgeholfen hätten, weiß ich nicht; aber in der gemunkelten zweiten Staffel kann man das ja vielleicht rausfinden.

    P.S.: Betreibst ja einen richtig schön speziellen Blog…

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