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Review: K-ON!!

2011-04-05

Ich habe mich lange vor einer Besprechung von K-ON!! gedrückt, weil sie auch so etwas wie eine kleine Generalabrechnung werden muss und weniger analytisch, wie eine Rezension sein sollte. Doch wenn ein Anime sich derart verkauft und für derart viel Terz in der Zuschauerschaft sorgt, zum kommerziellen Flaggschiff eines Jahres aufsteigt, sagt er zugleich auch einiges darüber aus, wie es um den Anime heute und seine Anhängerschaft bestellt ist. Und das ist untersuchenswert.

Man kam an diesem Anime auch gar nicht vorbei. Ein totaler Blockbuster, an dem sich die beteiligten Produktionsfirmen aus der chronisch kränkelnden Branche ordentlich gesundstoßen konnten. Und an dem man auch ablesen kann, wie denn so die Zeichen der Zeit stehen. Man darf in dieser Hinsicht den Erfolg von K-ON!! nicht mit Anime im Ganzen  gleichsetzen, dazu ist der Output an Fernsehserien immer noch divers genug, dafür gibt es auch noch genug Kontroversen um und Gegenwind für Anime wie K-ON!!. Es wäre aber auch zu kurz gegriffen, diese Serie nur als Symptom eines unterstellten Grundübels zu sehen und nicht auf seine eigenen Stärken und Schwächen hin abzuklopfen.

Wenig überraschend hat sich im Vergleich zur ersten Staffel aus dem Jahr 2009 kaum etwas getan. Yui, Mio, Ritsu, Mugi und Azusa sind immer noch auf der Schule und… joa, das ist es in etwa. Die beiden Staffeln erzählen von den drei Jahren der Mädchen auf der Highschool, vom ersten Tag bis zur Abschlusszeremonie; und zwar erzählen sie aus ihrem Alltag. Mal muss man lernen, mal ist es heiß, mal geht man auf ein Festival, mal zum Bummeln. Ab und an klimpert man auch ein bisschen rum.

41 Folgen und mehrere Hunderttausend verkaufte DVDs und BDs später fragt man sich: wofür das alles? „Unterhaltung“ ist eine irrsinnig versatile und auch gar keine so schlechte Antwort – man muss in seinem Zeitvertreib nicht unbedingt rational sein -, aber sie ist auch stumpf und reicht nicht so recht. Man muss wohl den Weg über Slice of Life gehen.

Als Genre (und zunehmend auch als Stilmittel in anderen Genre) ist Slice of Life erstens ein alter Hut und zweitens nicht illegitim. Revolutionär erweist sich K-ON!! da nicht, im Gegenteil: so radikal ereignislos, wie der Anime ist, gibt er in diesem Genre einen konservativen Vertreter ab. Genügend Benchmarks und Vergleiche stehen ja bereit: moderne Klassiker wie Yotsuba& (Manga zumindest… hmpf) und Aria, klassische Klassiker wie Yokohama Kaidashi Kikou und Azumanga Daioh und Haibane Renmei, in Genshiken, Kamichu!, Hourou Musuko ein paar Lieblings- und Spezialtitel; andere Anime wie Dennou Coil oder Planetes arbeiten erfolgreich damit, den Alltag in ihre Plots einzuweben (auch wenn man die Wendung nicht überstrapazieren sollte).

Was K-ON!! von den Titeln der ersten Kategorie, also den anderen Slice of Life-Anime im engeren Sinne unterscheidet, ist seine technische Güte. K-ON!! sieht in aller Regel richtig, richtig gut aus, die Produktionsrotation im (meines Erachtens) nicht zu Unrecht sehr respektierten Studio Kyoto Animation liefert mit einer fast schon beängstigenden Konstanz die Art von Qualitätsanimation ab, für die KyoAni bekannt ist: haufenweise theoretisch unnötiger, praktisch aber liebevoller kleiner Details, Ideen und Spielereien, geschickt in Szene gesetzt von Regie und Buch. Ließe sich mühelos ein sehr anständiges Highlight-Reel mit füllen.

In der Peripherie stimmt also alles, aber worum gruppiert sie sich? Aria, Azumanga Daioh und Haibane Renmei etwa sehen bestenfalls bieder aus, fallen in technischer Hinsicht klar ab, aber sie haben jeweils einen eigenen Kern (oder wer’s pathetisch mag, ein eigenes Herz). Es geht um etwas. Bei Aria um schieren, unverdünnten Eskapismus, bei Azumanga Daioh um die Skurrilitäten im Alltag, bei Haibane Renmei um die rätselhafte Welt jenseits unserer Welt, und das Leben an sich, wenn man so will.

In K-ON!! dagegen geht es um nichts. Gar nichts. In seiner Mitte ist gähnende Leere. Narratologisch wäre es Quatsch zu behaupten, K-ON!! hätte keine Handlung oder keinen Plot; irgendetwas passiert ja immer. Alle Folgen haben ein Thema: den Marathon, der Sommerausflug, das Theaterstück. Am Anfang treffen sich die Mädchen und gehen gemeinsam ihren Weg. Etwas passiert also durchaus. Was aber passiert, das ist fast durchgehend wertlos.

Geradezu bezeichnend, dass die zweite Staffel schon nach der Hälfte der Folgen anfängt, vom Arsenal des Abschiedsschmerzes zu zehren. Der Abschied als emotionales Momentum ist mächtig („Jede Trennung gibt einen Vorgeschmack des Todes – und jedes Wiedersehen einen Vorgeschmack der Auferstehung“ – der olle Schopenhauer), selbst ein so simples Konstrukt wie K-ON!! kann davon schöpfen. Aber es ist so circa auch alles, was der Anime tatsächlich an Aussage aufbieten kann.

Technisch mag K-ON!! das Kriterium erfüllen, eine Geschichte zu erzählen (schlag’s nach im Bedford): Ereignisse werden arrangiert und in Beziehungen gesetzt, ja – aber was ist die Aussage? Das Thema? Hat die Symbolik eine Bedeutung? Wird ein Konflikt ausgespielt? Da sehe ich bei K-ON!! bedrückend wenige belastbare Antworten (und nein, tanoshi wa tanoshi da yo ist keine belastbare Antwort; fuck you). Freundschaft vielleicht, und die gemeinsame Zeit in der Jugend, die nie mehr wiederkommt, zu genießen; das fiele mir ein. Aber auch daran wird nur oberflächlich gekratzt, selbst wenn das Thema so verdammt viel hergibt.

Der Anime wählt eine andere Strategie, und zumindest kommerziell gibt sie ihm auch Recht: Vereinfachung bis zur Retardierung. Azumanga Daioh und K-ON!! fußen auf derselben Basis. Während der völlig zu Recht zum Klassiker avancierte erstere Titel die Belanglosigkeit des Alltags gründlich ironisiert und gnadenlos ins Absurde und Bizarre dreht, macht K-ON!! das glatte Gegenteil: der Anime zelebriert sie. Und trifft damit anscheinend den Nerv der Zeit.

Das soll gar kein intellektualistisches Argument sein, ich fühle mich verdammt wohl mit sogenannter low culture, wenn man die Unterscheidung in postmodernen Zeiten überhaupt noch treffen mag. Aber auch die muss etwas Fleisch an den Rippen haben, irgendetwas muss an ihr dran sein. Wenn K-ON!! aber quasi Nichts reklamiert, und das erfolgreich, bleibe ich etwas ratlos zurück.

Ich halte KyoAi zu Gute (weil ich nicht will, dass diese vielen Stunden verschwendet waren), dass das Studio wirklich alles versucht hat. Die Produktion an sich ist schlüssig, stimmig und stets schön anzusehen, und auch inszenatorisch lässt das Team durchscheinen, wie groß das Repertoire des Studios an Talenten und Techniken ist.

Episode 13, als Azusa die Sommerhitze zu schaffen macht und sie sich in deliriösen Wachträumen verfängt, ist so ein Beispiel – Farben, Schnitt, Ton erzeugen ein beunruhigendes Druckgefühl, ähnlich wie auch in der vierten Endless Eight-Folge der zweiten Haruhi-Staffel. In der kurzen Theatersequenz in Episode 19 wechselt die Stimmung, ganz kurz: das Licht fällt anders, spielt mit Giftkelch und Dolch; Mio-Romeos und Ritsu-Julias Strähnen fallen genau so, wie sie zu fallen haben. Bloße Momente, aber sie wirken.

Ich kann in so ziemlich jeder Episode solche hübschen kleinen Details aufzählen, und ich erkenne sie auch gerne als echte, beachtenswerte Qualitäten an. Für mich machten sie K-ON!!, gerade noch so, anschauenswert. Aber das Visuelle macht eben auch nur eine Hälfte des Ganzen aus; es reicht nicht, um eine Empfehlung für diesen Anime auszusprechen. Denn ansonsten hat er rein gar nichts zu bieten.

Und was heißt dann nun für die Lage der Nation? Der Bedarf nach dieser Art von Unterhaltung Befriedigung scheint da zu sein. Dass ausgerechnet K-ON!! als einer der konsequentesten Inhaltsverweigerer einen derartigen Erfolg feiert und nicht ein anderer Anime, hat in geringerem Umfang vielleicht mit KyoAni und deren handwerklichem Geschick zu tun, vor allem aber mit dem Wesen dieses Anime: die absolute Anspruchslosigkeit, gepaart mit watteweichen Schmeicheleien und vollkommener Harmlosigkeit.

Nun ist K-ON!! aber nicht der einzige Smash-Hit der jüngeren Vergangenheit. Angel Beats! mag die eben getätigte Aussage noch bekräftigen, Bakemonogatari und derzeit/demnächst Puella Magi Madoka Magica widerlegen diese Beobachtung mit ihrer Anspruchshaltung und im Vergleich zu K-ON!! herausragenden Komplexität. Daraus kann man am ehesten noch schließen, dass es eine gewisse Segmentierung in der Zuschauerschaft gibt (abgesehen von den Allesschauern und bescheuerten Animebloggern wie mir). Was okay wäre, weil das so einer Art Hegemonie vorbeugt und kein Vertreter des Mediums zum Goldstandard avancieren kann.

Die K-ON!!-Fraktion war im vergangenen Jahr sehr präsent. Und sie wird es auch weiterhin bleiben, wegen des für Dezember angekündigten Films und wegen der zwei Sequel-Manga, die garantiert nicht ohne Anime-Adaption bleiben werden. Ihre Strahlkraft ist signifikant, aber sie hält sich noch in einem gewissen Rahmen. K-ON!! ist ein denkbar schlechtes Vorbild, zumal quasi allen anderen Studios die technischen Mittel fehlen, es KyoAni zumindest in der Produktion gleichzutun. Solange es aber bei diesem Patt bleibt, kann ich mit ihm leben. 5/10

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