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Review: Hourou Musuko

2011-09-13

Im Gender-Diskurs kann man sich kaum bewegen, ohne zwischen Altfeministinnen (bäh, Schwarzer), Neo-Emanzen (bäh, Roche), Chauvis mit ihren lahmen Lila-Latzhosen-Lesben-Sprüchen (und panischen Daseinsängsten), und ätzenden Hipstern und New-Age-Spinnern (huhu, ich bin gender fluid!) aufgerieben zu werden. Was schade ist, weil es einem das Interesse an wichtigen Sachen wie dem Bewusstsein von Geschlechterrollen vergällt. Deren Probleme sind eben nicht nur marginale Randerscheinungen, sondern allgegenwärtige Dinge – zum Beispiel, im ehemals kleinen Rot jetzt das unerträglich kitschige Girlierosa zu sehen; fick dich, Hello Kitty und fick dich, Disney Company.

Hourou Musuko befasst sich fast ausschließlich mit Themen, derer ich also schon lange überdrüssig geworden bin. Geschlechterrollen, Homosexualität und Transsexualität als Gegenstand von Geschichten sind ja an sich perfectly fine; der Kladderadatsch, der ihnen übergestülpt wird, dagegen eben nicht. Ganz und gar nicht. Zumal in bestimmten Ecken des Internets; es gibt wenig, das mich derart nervt wie der Beißreflex der Reiz-Reaktion-Maschinen  – hihi, Trap. Selbst wenn ich zugeben muss, dass die sexuelle Eskalation in den Anime und Manga der letzten Jahre Beißspielzeug en masse geliefert hat.

Nun ist Hourou Musuko aber zugleich die Adaption eines Manga von Takako Shimura. Und Shimura hat sich nicht nur mit ihren konsequent sensiblen Behandlungen dieser Probleme einen Namen gemacht, sondern kann dabei sogar völlig auf die in Japan so beliebte Fetischisierung der Androgynie verzichten – was im superdiversen Medium Manga auch durchaus geht. Finanzielle Risiken und Aufwand halten sich in Grenzen, und genügend Liebhaber bestimmter Stilrichtungen und Gattungen finden sich ebenfalls oft genug, um eine Produktion abseits der rein gewinnorientierten Magazine zu tragen.

Bei Anime wird es kniffliger, weil mehr an ihnen hängt, nicht zuletzt Arbeitsplätze. Trotzdem kann man Mittel und Wege finden, komplexere und gewagtere Settings unterzubringen, ohne seine Integrität zu verlieren. Aoi Hana demonstriert das prima. Dabei ist diese Geschichte im Vergleich zu Hourou Musuko noch verhältnismäßig zahm: junge Lesben im Oberschulalter sind ein Stück weit massenkompatibler als Grundschulkinder, die an ihren Geschlechterrollen (ver-)zweifeln. Aoi Hana stand die eher konservative Adaption von J. C. Staff dementsprechend gut zu Gesicht – aber wie zum Henker sollte in so einem verseuchten Klima eine Geschichte wie diejenige von Hourou Musuko funktionieren? AIC Classic wagt sich für noitaminA an eine experimentellere Lösung.

Schon Shimura erzählt nicht unbedingt stringent. Die Kapitel in Hourou Musuko folgen vielleicht noch recht zuverlässig chronologisch aufeinander, nicht aber unbedingt kausal. Es kann viel oder wenig Zeit zwischen ihnen vergehen, das Gesagte und Getane erst einen Band später unvermittelt wieder auftauchen. Man liest Hourou Musuko und versteht die Kapitel eher als Beiträge zum Gesamtwerk. Das klingt vielleicht zerfahrener, als es ist – der Manga ist nicht etwa abstrakt, zusammenhanglos oder verkopft, sondern einfach frei, unbeschränkt.

Ei Aoki, der bei den in diesem Rahmen eher unerwarteten Ga-Rei Zero und Kara no Kyoukai 1 Regie führte und demnächst mit dem krachigen Fate/Zero den wohl letzten Blockbuster des Jahres verantworten wird, wählte für seine Interpretation bei AIC nicht nur eine ähnliche Struktur – er entwickelte sie radikal impressionistisch weiter. Der Anime steigt kommentarlos in die Geschichte ein, lässt die ersten vier Bände des Manga weg und verweist nur hin und wieder im Vorbeigehen auf sie. Auch er lässt die Geschichte natürlich circa chronologisch fließen, mischt aber Shimuras Kapitel selber wiederum kräftig durch – und fügt sie wie ein Mosaik neu zusammen.

Auf einen narrativen Bogen verzichtet der Anime nicht ganz, selbst wenn er in medias res einsteigt und offen endet; es ist Bewegung und Entwickung drin. Auch ohne eine schnöde Exposition begreift man schnell, dass Shuuichi und Yoshino, nunmehr Mittelschüler, sich in ihrer Haut nicht wohl fühlen: Shuu wäre lieber ein Mädchen, Yoshino ein Junge. Das ist die grundlegende Konfliktstellung in der Geschichte, aber bei weitem nicht ihr einziger Gegenstand. Deswegen ist das Problem (?) am Ende des Anime auch alles andere als gelöst – jedoch es hat sich so viel entwickelt, verändert, ist gewachsen und gereift, dass er auch gar keinen narrativen Deckel zur Formvollendung braucht.

Die Struktur entspricht der delikaten Thematik. Letztlich versuchen Shimura und Aoki mit Instinkt, Gefühl und Können die Pubertät einzufangen, diese so schwierige und unfassbare Formationszeit – das eigene Geschlecht zu erkunden ist dabei nur eine von vielen Herausforderungen auf der Suche nach der eigenen Identität. Mit den Mitteln des Realismus kommen sie dem allerdings nicht bei: Hourou Musuko ist in allen Aspekten bewusst stilisiert und ästhetisiert. Welche zwölfjährigen Durchschnittskinder würden etwa Romeo und Julia für ihr Schultheaters derart umschreiben, dass das Stück und seine Entstehung zu einer klugen kleinen Parabel wird? (Wobei der Anime aber nie in irgendeine intellektualistische Fantasterei abdriftet.)

Augenscheinlicher ist noch die visuelle Aufbereitung: mit viel Aufwand pflegt Hourou Musuko einen recht entrückten Stil. Die Farbpalette ist träumerisch sachte und pastellen, die Texturierung gemasert, selbst die oft präsenten blauen und violetten Verläufe wirken nicht so recht kalt; an den Rändern ist das Bild ausgeweißt. Statt sich um einen zurückhaltenden Eindruck wie etwa bei Aoi Hana zu bemühen, will die Digitalkoloration aber ins Auge fallen – Hourou Musuko wirkt in seiner Optik zugleich weltfremd und hyperreal, analog zu seiner Geschichte. Und recht einzigartig obendrauf.

Wir bewegen uns also in einer Parallelwelt, die viel mit unserer zu tun hat, aber eben nicht alles. Hourou Musuko ist kein ernstes, realistisches Dramolett, das die menschlichen Untiefen auslotet; seine Charaktere sind nicht dem echten Leben entnommen. Ich kann die Kritik verstehen, die aus dieser Ecke kommt: im Sinne einer konkreten Handlungsanweisung, die erstaunlich viele irgendwie immer zu brauchen scheinen, können wir daraus nichts lernen: diese Geschichte genügt nur sich selbst. Hourou Musuko steht über den Dingen – was allerdings wiederum heißt, dass man sich seiner Geschichte entspannt und unverkrampft nähern kann.

Man folgt einfach mal unbefangen, wohin die Reise geht. Der Vorteil des späten Einstiegs ist, dass man nicht von vornherein auf eine Charakterkonstellation festgelegt wird. Shuu ist der Hauptcharakter, weil wir ihn am häufigsten sehen und an seinen Empfindungen am häufigsten teilhaben. Yoshino steckt in einer ähnlichen Lage, nur umgekehrt, und auch sie steht im Fokus. Der Anime verweigert sich aber dem Impuls, die beiden – trotz ihrer Nähe – stumpf zu einem Liebespaar zusammenzuführen.

Dazu steckt Hourou Musuko auch zu sehr voller guter Charaktere, die zwischen kindlicher Unschuld und frühreifer Abgeklärtheit pendeln. Shuus Schwester Maho etwa, die bei aller geschwisterlichen Kabbelei, bei aller scheinbaren Oberflächlichkeit und allen eigenen Problemen im Kern eine erstaunlich liebenswerte Person ist. Oder Anna, ihre Model-Freundin, die auch ein bisschen aus weltgewandter Smartheit mit dem zweifelnden, jüngeren Shuu zusammenkommt – und am Ende als schüchternes Mädchen staunend vor seiner Entwicklung steht. Oder natürlich Saori Chiba, das notorisch abweisende Mädchen, das ihren europäisch-katholisch durchwirkten Schwermut zur Schau trägt und von Shuus Neigung fasziniert zu sein scheint – dabei ist alles, was sie sucht, Nähe.

Was auf dem Papier womöglich flach klingt, gewinnt bei Hourou Musuko gerade durch seine Distanz, sein Schweben über der Welt, an Eindringlichkeit. Vieles geschieht en passant, nicht explizit, etwa wenn man nur zwischen den Zeilen liest, wie die zickige Maho sich eigentlich um ihren Bruder kümmert. Der Anime traut es seinen Zuschauern zu, diese Leistung zu erbringen, und belohnt sie mit einer lebendigen, tiefer gründenden, bittersüßen Geschichte, die nicht banal moralisiert oder zu simple, zu knappe Antworten liefert.

Es ist eine Wohltat, diesen Mut wieder in einem Anime zu sehen. Hourou Musuko ist eine inspirierte Adaption, die sich die naive Poetik Shimuras zu eigen macht und mit den Mitteln des Anime veredelt; vielleicht etwas weniger intuitiv und persönlich, dafür umso intensiver. Seine Losgelöstheit ist vielleicht nötig, um genug Distanz zwischen sich und die Realität seiner Thematik, seine unseligen Genrekollegen und den kaputten Gender-Diskurs zu bringen – und ist gerade deswegen so wertvoll, um sich Geschlechterrollen wieder ernsthaft widmen zu können.

Am Ende des Anime ist Shuu gewachsen, körperlich wie geistig. Der Stimmbruch steht an. Bald wird ihm keiner mehr so leicht abnehmen, ein Mädchen zu sein, wenn er sich nur eine Perücke aufsetzt und ein Kleid anzieht. Er hat keine Lösung für seine Probleme gefunden, wohl aber eine Antwort. Stück für Stück, durch viel Leid und Kummer, hat Shuu sich (viel, viel) Mut, Selbstbewusstsein und Sicherheit erarbeitet. Sein Dilemma beseitigen sie nicht, doch führen sie ihn zu einer Antwort: kore wa, ii de. 9/10

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2 Kommentare leave one →
  1. 2011-09-18 09:28

    Ich hab irgendwie noch keinen schlechten Anime zu solchen Themen gesehen…die japaner habe da einfach Fingerspitzengefühl

  2. 2011-09-22 19:55

    Spätestens seit Ano Hana und CLANNAD weiß man doch, dass Japaner bei sensibleren Themen gerne mal mit der grobmotorischen Drama-Presse ans Werk gehen, wobei CLANNAD zumindest noch in der Ausführung gut war. Jedenfalls mehr als im Stoff. Der hatte zwar auch so seine Höhen(der MusikerT_T), aber…

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