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Mangarama: Mizu Sahara – My Girl

2010-09-29

Für meine erste Begegnung mit Mizu Sahara ist Makoto Shinkai verantwortlich. Dessen Hoshi no Koe ist ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter kleiner Anime, machte aber auch klar, dass sein Erzählstil nicht eben gewöhnlich ist. Sehr introspektiv, sicher auch durch seinen speziellen Entstehungskontext bedingt, arbeitete er in erster Linie daran, Atmosphäre zu schaffen. Was zwar eigentlich nicht zu Unrecht etwas verpönt ist und als easy way out gilt, doch Shinkai machte später dennoch so weiter (er kann ja wohl auch kaum anders) und führte sein Animeschaffen im gleichen Stil in Byousoku 5cm zu seinen vorläufigen Höhepunkt.

Irgendwann stieß ich dann auf die Manga-Adaption von Hoshi no Koe; Shinkai hatte die Ursprungsgeschichte erweitert und fand in einer ehemaligen Doujin-Zeichnerin, die unter anderem unter dem schönen Pseudonym Mizu Sahara („Saharawasser“) arbeitet, eine – wie sich später herausstellen sollte – hervorragende Arrangeurin. Sahara griff Shinkais spezielle Erzählstimmung auf, legte aber – Shinkai ist nun mal kein begnadeter Charakterdesigner – ihren eigenen Stil über die Geschichte. Was so gut funktionierte, dass der Manga zu Hoshi no Koe, in Deutschland bei EMA als Voices of a Distant Star erschienen und sein Geld sicherlich wert, für mich mittlerweile die definitive Version der Story darstellt. Und für sich auch einfach ein prächtiger Manga war.

Damit war die Neugier auf Sahara und ihre weiteren Werke geweckt. Zwar habe ich es mit ihren Yaoi-Arbeiten nicht so, die sie unter dem Namen Sumomo Yumeka veröffentlicht, aber mit dem Alias der Mizu Sahara hat sie eine ganze Reihe feiner kleiner Manga gezeichnet, die meisten mit verwandten Themen, allesamt aber in ihrem faszinierenden Stil, der zu keiner Gattung so recht passt. Stellvertretend sei an dieser Stelle My Girl genannt, eine Fortsetzungsgeschichte, die derzeit publiziert wird; ein richtig gutes Ding, dabei aber noch lange nicht ihr bestes – und das will was heißen.

My Girl ist eine Erzählung ohne strikten Spannungsbogen. Der etwas ziellose Kazama Masamune, frisch von der Universität an eine Firma gewechselt, wird von der Rückkehr seiner großen Liebe überrascht, die ihn vor einigen Jahren plötzlich verließ. Allerdings nicht so, wie er es sich gewünscht hätte; Youko ist tot. Und sie verließ ihn nicht, weil sie ihn nicht mehr liebte (au contraire) – sie wollte seine Zukunft nicht verbauen, denn sie war schwanger von ihm. Nun ist sie tot, und vor Kazama steht seine Tochter Koharu.

In den folgenden (bislang zwanzig) Kapiteln müssen sowohl Kazama als auch Koharu erst einmal herausfinden, wie das alles jetzt so laufen soll. Denn nicht nur, dass Kazama plötzlich für eine Vorschülerin verantwortlich ist, und Koharu mit den ganz eigenen Problemen einer Kindheit klarkommen muss – über beiden schwebt stets die Ahnung von Verlust, in beiden ist das Loch, das der Tod von Youko hinterlassen hat.

Es gibt keinen großen Wurf in My Girl. Koharu wächst heran, während Kazama versucht, sie und sich zu versorgen. Die meisten Kapitel erkunden kleinere Details des Lebens, die auf einmal wichtig geworden sind. Etwa, miteinander reden zu können, aufeinander zu hören, aber auch, Prioritäten im Beruf zu setzen und vielleicht doch noch das richtige Leben im falschen zu finden.

Das hat allerdings stark idealisierte Züge. Sahara ruft schon in den ersten zwei Bänden so einige durchaus heftige Themen auf – entfremdete Eltern und die verstörten Kinder, die unter ihnen leiden, wie in Koharus Schulfreund Aki, oder Teenagerschwangerschaften. Die werden dann zwar durchaus mit einem gewissen Respekt behandelt, enden aber grundsätzlich in einer positiven, tröstlichen Note; bei Sahara sind Probleme zum Meistern da.

Ein visuelles Ebenbild dessen kann man in ihrem prägnanten Zeichenstil sehen. Sahara zeichnet frei. Ihren grundsätzlich klaren Strich mildert sie oft mit skizzenhafteren Schraffuren ab, die ihren ätherisch schönen, aquarellartigen und impressionistischen Illustrationen nahekommen. Expressionistisch wiederum ist ihre flexible Panelkomposition, die aber nie chaotisch wird, und der Zug, Charaktere oft Haarfarbe und Augenfarbe wechseln zu lassen. Ein ungewöhnlicher Stil, wie eingangs erwähnt; man merkt ihr die Herkunft als ehemalige Amateurin und Doujin-Zeichnerin an, aber das tut ihr nur gut.

Sahara ist eine Laienästhetin, sie liebt das Schöne – ihre Charaktere sind schlank und aufrecht, altersweise und einsichtig und liebenswert, ihre Geschichten vermitteln ein wohliges Gefühl, ihre Grundstimmung will das Magische im Alltag und im Zwischenmenschlichen offenbar machen. Das hat etwas ziemlich Naives und Unbedarftes, gerade, wenn sie vergleichsweise harte Themen abhandelt. Aber daraus spricht auch ein Wunsch, den ich sympathisch finde: im Alltag der Mühsale und Entbehrungen und Tragödien eine Insel zu finden, einen Ort zu schaffen, an dem man sich eben richtig fühlt. Hoshi no Koe war so ein Beispiel, und auch My Girl ist es. Zum Glück.

Eine Lizenzierung ist wohl leider nicht in Sicht; Storm in Heaven allerdings machen derweil einen prima Job, selbst wenn sie es wie üblich etwas gemächlich angehen. Dafür lassen sich bei ihnen auch ein paar andere Titel von Mizu Sahara wie die Kurzgeschichtensammlungen Bus Hashiru und Sukima-shiki finden. Wer den deutschen Publishern ein Signal geben will (oder auch nur einen schönen Manga lesen möchte), darf in der Zwischenzeit gerne zu Hoshi no Koe greifen – ein guter Vorgeschmack auf Mizu Sahara und ihre Werke.

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