Also. Bevor ich morgen den letzten in einer Reihe von reichlich öden Tagen voller öder Arbeiten und Verpflichtungen hinter mich bringe und endlich, endlich anfangen kann, meine Agenda für den Blog anzupacken:
Vor ganz kurzem (ha, noch nicht einmal ANN hat die News) wurde auf der offiziellen Homepage, oder dem, was davon übrig ist, die offizielle ist nämlich verschwunden… der Trailer zum kommenden Haruhi-Film bereitgestellt. Nicht ganz zufällig am japanischen 18. Dezember, wenn man mal an die Story denkt. Unterlegt von der ebenso unverwüstlichen wie überstrapazierten Gymnopedie No.1 Erik Saties macht der er deutlich, dass die Grundstimmung eine ganz andere sein wird. Fein fein. Anschauen lohnt, vor allem beim besser aufgelösten und weit weniger ruckligen YouTube-Mirror.
>[gg-TakaJun] _Kara _no _Kyoukai _- _07 _[9789CE05].mkv
>[Ayako] _Denpa _Teki _na _Kanojo _- _part.2 _- _DVD _- _H264 _[EEA3AB90].mkv
Warum muss das immer, immer dann passieren, wenn man am wenigsten Zeit hat? Immer? Harghlblarghglarghlbrr.
Uah, schon wieder ist eine Season um – dabei habe ich noch nicht mal alle Anime aus dem Sommer-Trimester besprochen. Phantom, Tokyo Magnitude 8.0 und Taishou Yakyuu Musume stehen noch auf meiner Liste und wollen bis Ende des Jahres abgearbeitet werden, ganz zu schweigen von meinem alljährlich-traditionsreichen Jahresrückblick ,und den Herbst-Anime, und… uah.
Und dann kommt auch noch der Chartfag umme Ecke und erinnert mich daran, dass in deutlich weniger als einem Monat schon die nächste Welle anrollt. Zeit also, Wichtigeres beiseite zu pfeffern und neue Zeitvernichter in meinem Tagesablauf zu verplanen. Yay?
Brain’s Base / MBS / 12 Eps / 2010-01-06 / 25:25
Seit meinem ersten, ausführlicheren Preview hat sich da nichts großartig geändert. Die Fixpunkte standen ja schon damals fest, und an denen hänge ich mich nach wie vor auf: Brain’s Base als Animationsstudio, Vorlage aus der Feder von Narita Ryohga, Soundtrack von Yoshimori Makoto; dazu der MBS-Sendeplatz von Darker than Black: Ryuusei no Gemini, das coole Design und der vielversprechende Trailer. Passt alles.
Durarara!! wird sicherlich einer der spannendsten und hoffentlich auch besten Anime der nächsten Season. Ich erwarte reichlich stilvolle Action, eine ungewöhnliche Story mit einem Knacks der Güteklasse Narita, und nackte Unvorhersehbarkeit. Klar, die Light Novels sind schon lange draußen und werden seit kurzem auch in Fanarbeit bei Baka-Tsuki übersetzt, aber weder ist da viel zu finden, noch will es lesen. Lieber lasse ich mich überraschen, und das wird Durarara!! sicher prima hinkriegen.
So-Ra-No-Wo-To [ANN][PV][AniDB]
A1 / TV Tokyo / 12 Eps / 2010-01-03 / 25:30
Ein wenig habe ich ja schon Angst, dass ich mich in meiner fast schon euphorischen ersten Vorschau übernommen habe und bitter enttäuscht werde. Das konnte ich nie ausschließen, kann ich auch jetzt nicht. Aber ich glaube nicht daran, mein Gefühl ist einfach ein anderes. Justum wurde der dreißigsekündige Fernsehspot für So-Ra-No-Wo-To auf die offizielle Homepage gestellt, der doch einiges mehr zeigt – und mich bislang eher bestätigt als mir zu widersprechen.
Angespielt wird schon mal der Vorspann-Song Hikari no Senritsu („Melodie des Lichts“, oder so), für den Kalafina verpflichtet wurden. Von deren Aufmachung kann man ja halten, was man will – aber die Songs, die ihnen Kajiura Yuki für den kongenialen Kara no Kyoukai-Soundtrack geschrieben hat, waren ziemlich gut gemachte, stimmige Popmusik. Scheint auch hier wieder der Fall zu sein und klingt auch schlicht gut, fein fein.
Mehr zu sehen ist auch vom Setting und vom Animationsstil. Ersteres ist mir wie auf den Leib geschneidert, ich habe eh schon einen großen Hang zu solchen Orten wie Alarcón (feine Bildstrecke bei Flickr!), das dem Produktionsteam als Vorlage diente. Herrlich. In den kurzen Ausschnitten kann man außerdem begutachten, dass der Animationsstil sich tatsächlich noch deutlich eher mit K-ON! vergleichen lässt als das Design. A1 scheinen So-Ra-No-Wo-To sehr flüssig animieren zu wollen, mit wenig ausgefeilten Key Frames in den Bewegungsszenen und mehr Inbetweens. Das mutet auf den ersten Blick vielleicht etwas sketchy an, ist aber eigentlich sehr gut gemacht.
Nodame Cantabile: Finale [ANN][PV][AniDB]
J.C. Staff / Fuji TV / 11 Eps? / 2009-01-14 / 24:45
Nach einer Verschiebung um eine Season wird im Januar die dritte und letzte Staffel des kleinen, charmanten josei-Anime in Fuji TVs von mir schon oft genug angepriesenen noitaminA-Reihe ausgestrahlt werden. Und viel mehr gibt es schon nicht zu sagen. Nodame Cantabile flog eben immer schon ein wenig unter dem Radar. Dass die Serie trotzdem so beliebt ist, hat viele Gründe: das angenehm bedeckte Design, der wohldosierte und -gesetzte Humor, das entschleunigte Erzähltempo, die großartige Beziehung von Nodame und Chiaki, selbstverständlich auch Nodames liebenswerte Verstrahltheit. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge kann man sich auf den Serienabschluss freuen.
AIC / TBS / 12 Eps / 2009-01-06 / 25:59
Die Quellen geben nicht viel her. Eine Adaption eines PSP-Spieles soll das sein, einer Visual Novel, an der Ryukishi07 großen Anteil hat. AniDB ordnet das Ganze in vier Kategorien ein: Angst, Horror, Seinen, Thriller, und schickt eine kurze Beschreibung hinterher: Kuzumi Hiroshi zieht im Jahr 1983 mit seiner Familie in eine kleine Stadt in den Bergen, doch über der Stadt, über den alten Vierteln, scheint ein mörderischer Fluch zu liegen. Zehn Schicksale sollen dort verwoben werden unter dem Zeichen des Wolfes.
Das alles klingt doch sehr nach der Handschrift von Ryukishi07 – die Positionierung in dieses Genre irgendwo zwischen Horror und Mystery, das er fast im Alleingang aufzog, das Setting, der Zeitraum, die Multiperspektivität. Nur, dass er hier erstmals seine Pfoten vom Pinsel lässt (wofür ich sehr dankbar bin…) und an Stelle von Studio DEEN die talentierten Jungs von AIC die Produktion übernehmen lässt. Dafür ist zwar wahrscheinlich Konami verantwortlich, aber es ist trotzdem mal spannend zu sehen, wie denn so eine Ryukishi07-Geschichte auch mal in anderem Rahmen funktionieren kann.
Noch ist das alles etwas vage, ein Promo-Video etwa gibt es noch nicht, auch keine Bilder bis auf das obenstehende, aber ich werde den Titel auf jeden Fall im Auge behalten. Ryukishi07 schreibt herrlich verspulte Sachen, von denen man sich auch einfach mal mit Genuss erschlagen lassen kann. Und wenn das alles von AIC in eine hübsche Verpackung gesteckt wird, umso besser.
White Fox / Fuji TV + BS Fuji + MBS / ab 2009-01
Hm. Katanagatari klingt zu interessant, um den Titel von der Liste zu streichen, aber der letzte Funken will bislang nicht überspringen. Diese Adaption eines weiteren Nisiosin-Stoffes nach Bakemonogatari ist keine Fernsehserie, sondern eine Reihe monatlich ausgestrahlter, knapp einstündiger Sendungen. In zwölf Folgen soll es dabei um zwölf legendäre Schwerter gehen, die Yasuri Shichika und seine Schwester Nanami im Japan der Feudalzeit aufspüren sollen.
Eine bewusst simple Grundgeschichte, die aber der Illustrator Take in eine sehr eigene, etwas exaltierte Hülle packt. Katanagatari wird ungewöhnlich; überhaupt, das Ganze sieht experimentell aus, hört und fühlt sich so an, aber das kann ebenso funktionieren, wie es eben auch scheitern kann. Andrew Cunningham findet die Story etwa ziemlich scheiße. Ein Blick auf die erste Folge, die im Januar ausgestrahlt wird, kann aber nicht schaden.
Dance in the Vampire Bund [ANN][PV][AniDB]
Shaft / AT-X / 12 Eps / 2009-01-06 / 27:00
Der Anime auf meiner Liste mit dem dicksten Fragezeichen hinter dem Namen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Laszive Lolis langweilen mich nur noch, und die olle Kiste mit den Vampiren und Werwölfen mitsamt der sich daraus bedienenden Ästhetik ist, nun ja, nur noch eine olle Kiste. Obendrein ist das Feld auch inhaltlich, von den Konfliktmöglichkeiten her, arg begrenzt, zumal Ärsche, Titten und Blut nicht gerade das erzählerische non plus ultra sind, auch wenn’s bis zu einem gewissen Alter so scheint.
Trotzdem, auf dem Regiestuhl sitzt nun mal Shinbo Akiyuki, und produziert wird bei Shaft. Irgendeinen sehenswerten Twist könnte das Ganze doch noch bekommen. Vielleicht. Ein müdes Auge bleibt auf dem Titel, aber das Nervpotential liegt Stand dato höher als die Wahrscheinlichkeit, mich positiv zu überraschen. Schauen wir mal.
***
Und so bleibt mir nur noch die feierliche Nominierung für den Preis in der Kategorie what the fuck, Japan, what the fuck. Zwei Namen landen da auf meiner Vorschlagsliste: Seikon no Qwaser [AniDB], weil der Anime sich nicht zu dämlich ist, Brustmilchtränkung von der Quelle als plot device zu verbauen. Ja, die Charaktere müssen an Titten nuckeln, um sich wieder aufzuladen. Außerdem: Chu-Bra [AniDB], weil sich in diesem Anime alles um einen Unterwäscheklub an einer Mittelschule dreht. What the fuck, Japan, what the fuck. Wieso tut ihr euch das nur an.
Mori Kaoru ist ein Otaku alter Schule, im eigentlichen Sinne und in der positivsten Auslegung des Wortes. Ohne mich daran lange aufhalten zu wollen – Wikipedia weiß genug dazu -, ist Mori eine, die viel Leidenschaft und viel Herzblut in ihre Interessen steckt. Die können dann, nicht unüblich für japanische Otaku, ebenso ausgefallen wie speziell sein, und in ihrem Fall sind es eben Leben und Wirken von Dienstmädchen im viktorianischen England. Das hat weniger mit dem notorischen meido-Fetisch zu tun, und umso mehr mit dem englischen Sittenroman des 19. Jahrhunderts, wie sich sehr schön in ihrem bislang einzigen größeren Manga besichtigen lässt, Emma. Mori liebt den nun mal Stoff zutiefst, und das kann man sehen.
Nun hat Otoyomegatari mit diesem Sujet nichts zu tun. Ihr neuestes Projekt, das seit Oktober letzten Jahres zweimonatlich erscheint, findet wohl zwar auch irgendwann im 19. Jahrhundert statt; doch das Setting ist ein ganz anderes. Nahe des Kaspischen Meeres, vielleicht auch nahe der Seidenstraße, in einem Dorf sesshaft gewordener Nomaden, ist Otoyomegatari die Geschichte von Amira und Karluk. Karluk ist zwölf Jahre alt, Sohn einer großen Familie des Dorfes, und schon alt genug zur Heirat. Seine Braut ist Amira, die Tochter eines halbnomadischen Stammes aus dem Norden, und sie ist zwanzig.
Doch das ist kein Problem. Karluk ist ein herzensguter Junge, seine Familie freundlich und sympathisch, sein Dorf eine eingeschworene Gemeinschaft. Amira ist ein junges Mädchen von entwaffnender Aufrichtigkeit, gesegnet mit einer strahlend liebenswerten Persönlichkeit und großen Fertigkeiten: jagen kann sie, reiten, Tiere treiben, aber auch kochen und nähen. Niemand stört sich am Alter, weil alle glücklich sind. Alles könnte perfekt sein, wäre nicht Amiras Familie. Notfalls mit Gewalt will ihr Vater sie zurückholen, um sie zur Heirat in den brutalen Stamm der Numaji zu geben, und lässt ihren Onkel und ihren älteren Bruder das Dorf angreifen.
Das ist, in ihren Grundzügen, die Geschichte von Moris neuem Manga. Doch erst in den letzten Kapiteln rückt sie auch in den Mittelpunkt, denn anfangs nimmt sich Mori viel Zeit, um in diese gänzlich neue Welt einzutauchen. Und aus jedem Panel spricht ihre innige Liebe zu diesem neuen Setting.
Im zweiten Kapitel lässt sich das fein nachzeichnen. Rostam, Karluks kleiner Bruder, schleicht sich ständig fort und lässt seine Aufgaben liegen, um dem Schreiner bei der Arbeit zuzuschauen. Akribisch und sorgfältig formt er Türen, Säulen, Geländer, Fensterläden, verziert mit den schönsten Ornamenten. Er erläutert ihm das Bauprinzip der Häuser, wie das zweite Stockwerk angelegt wird, die Wände mit Teppichen behangen werden, im Innenhof vielleicht noch Traubenstöcke und Bäume angelegt werden – kurzum, wie man ein Idyll schafft.
Mori wendet unfassbar viel Energie auf, auch die kleinsten und allerkleinsten Verzierungen und Details in all ihrer Pracht wiederzugeben. So akribisch und sorgfältig der Schreiner seine Werke formt, die Figuren in Otoyomegatari für ihr Glück arbeiten, so akribisch und sorgfältig ist sie, ihnen in ihrem Manga gerecht zu werden. Eine schier unglaubliche Detailfreude erschlägt einen alle naslang, in den besagten Einrichtungen, in den Wandteppichen, in den Gewändern steckt eine solche Pracht und Schönheit, dass man nicht anders kann als minutenlang darin zu schwelgen. Und über allem eine solche Luftigkeit und Leichtigkeit…
Natürlich ist das höchst subjektiv, und natürlich lässt sich Schönheit auf vielfältigste Arten und Weisen auslegen. Aber Moris Stil ist für mich verdammt attraktiv und herrlich anzuschauen, nicht nur in den technischen Details, sondern auch in der Ausgestaltung der Charaktere. Schöne Menschen noch und nöcher. Allerdings ist Otoyomegatari keine plotlose Fingerübung, in der sie ihren famosen Zeichenstil spazieren führt, denn in dem der Story zu Grunde liegenden Konflikt steckt eine sehr interessante und durchdachte Überlegung.
Otoyomegatari ist eine Geschichte zum Anbruch der Moderne. Am Anfang der Neuzeit finden wir da Nomaden und Halbnomaden, deren althergebrachte, archaische Regeln nicht mehr von allen geteilt werden. Amiras Familie beharrt auf der Wirkmacht ihrer Traditionen und will sich durch eine arrangierte Heirat absichern, auch wenn sie wissen, wie brutal Frauen bei den Numaji behandelt werden; Karahiga und Aterui, zwei alte Freundinnen Amiras, sind dort umgekommen. Doch Karluks Gemeinschaft akzeptiert dies nicht und verweigert die Herausgabe Amiras.
In Karluks Dorf herrscht eine andere Definition von Glück: statt Macht und Sicherung, wie sie bei Nomaden, die täglich neu um ihr Überleben kämpfen müssen, steht bei ihnen die Intaktheit und Geborgenheit in der Gemeinschaft im Mittelpunkt. Deswegen wollen sie sich Amira nicht rauben lassen. Der Kampf um Amira ist also zugleich ein Kampf der Weltanschauungen, Symptom eines sich gerade vollziehenden Paradigmenwechsels, und der Versuch, eine Antwort zu finden auf die Frage, was das Glück des Menschen ist – in einer brutalen und lebensfeindlichen Zeit.
Otoyomegatari ist eher Sittengemälde denn Sittenroman, ganz buchstäblich. Gemälde einerseits, weil der Manga so wunderschön gezeichnet ist und sich Mori nicht die Arbeit erspart, ihre Bilder mit detailverliebten Minutien auszukleiden. Und Sittengemälde, weil es darüber hinaus ganz ohne Ethno-Kitsch einen grundlegenden Konflikt der Menschheit illustriert – wer lebt denn nun das richtige Leben? Niemand möchte am Ende einsehen müssen, dass der eigene Lebensentwurf der falsche war, dass man den falschen Regeln und Gesetzen folgte.
Moris Antwort auf diese Frage ist eine zutiefst sympathische. Nicht umsonst malt sie das Leben in Karluks Dorf und Familie in den schönsten Farben aus, lässt Karluk und Amira am Glück der Gemeinschaft teilhaben, zeigt, wie schön das Leben in einer intakten Umwelt ist, wenn alle aufgeschlossen, freundlich, zugänglich sind. Das kann natürlich eine japanische Antwort sein, das kann auch eine weibliche Antwort sein, vielleicht eine materialistische, eine unrealistische, eine utopische, eine verklärte; darüber lässt sich diskutieren. Aber in Moris Fassung ist sie eben so unfassbar sympathisch und einladend, dass ich mir wünsche, sie wäre auch die richtige.
Einzig schade, dass der Manga so selten erscheint. Angesichts der brillanten Detailfülle ist es mehr als nachvollziehbar, dass sie zwei Monate je Kapitel benötigt, aber das macht das Warten nur bedingt erträglicher. Der Konflikt kommt seiner Auflösung allerdings näher, so dass ich mir vorstellen könnte, in zwei, drei Kapiteln die Geschichte schon abgeschlossen zu sehen. Das Höchste der Gefühle wäre dann ein hübsch dicker Sammelband – vielleicht bei Tokyopop? -, aber da hoffe ich lieber erst gar nicht mal drauf. So lange kann man sich aber mit den sehr guten Scanlations der Jungs vom iichan versorgen.
Einen Link will ich zum Schluss loswerden: Auf Comic Natalie findet sich eine Videoserie, die Mori bei der Arbeit an einer Illustration Amiras zeigt. Sehr spannend!
Es gibt da einen recht häufigen Fehlschluss. Man meint oft, dass nur ein Charakter, der einem sympathisch ist, auch ein „guter“ Charakter wäre. Ist der Charakter im Gegenzug jemand, dessen Weltbild das eigene in Frage stellt, dessen Meinungen man nicht teilt und dessen Handlungen man nicht gutheißen will, sei er im Gegenzug eben ein „schlechter“ Charakter. Und gute Charaktere machen gute Shows, und schlechte Charaktere machen schlechte Shows, ne?
Ne.
Das Ganze ist gleichzeitig viel einfacher und viel komplizierter, wie das Beispiel der Hauptfigur in White Album, Touya, wunderschön illustriert.
Mal einen Blick in’s Bedford Glossary of Critical and Literary Terms (Boston: Bedford/St. Martin’s 2003) geworfen, weil’s gerade auf dem Tisch steht. In Abschnitt G-3 steht da folgende Definition:
flat characters: Characters that behave in predictable and uncomplicated ways, in part because they are thinly developed emotionally. Frequently found in melodrama, flat characters are often stereotypes. Their opposites, so-called rounded characters, possess the complications and contradictions of real people.
Man unterscheidet also in der angelsächsischen Literaturtheorie nach flachen und nach runden Charaktern. Ein flacher Charakter ist stereotyp und nicht allzu tiefgründig. Oft aber ist er notwendig – der Zeuge bei der Polizei, der den entscheidenden Hinweis gibt; der Jogger, der den Ermordeten im Wald entdeckt; der Lehrer, der die Strafarbeit aufbrockt, weswegen man erst abends aus der Schule kommt, an Bahnhof dann aber… – Nebencharaktere, die nur wenig zur Geschichte beitragen, müssen gar nicht kompliziert geschrieben sein. Problematisch wird es immer dann, wenn Hauptcharaktere flach sind, nicht genügend ausgebaut sind, denn die Geschichte kann nur so tief gründen wie ihre Charaktere.
Umgekehrt zeichnet runde Charaktere aus, dass sie, und das gefällt mir an der Formulierung im Bedford Glossary, die Verwicklungen und Widersprüche echter Menschen in sich tragen. Es reicht nicht mehr, den Charakter mit nur wenigen Attribut belegen zu können; der Jogger, atemlos, dick verpackt, es ist ja November, Stöpsel im Ohr und Pulsmesser am Handgelenk. Das ergibt eine einfache Figur, die man sich gut vorstellen kann. Aber kaum einen echten Menschen kann man so simpel beschreiben, ohne stark zu vereinfachen und damit eben auch zu verfälschen. Es fehlen die Widersprüche und Verwicklungen.
Nun ist es so, dass runde Charaktere in der Literaturtheorie als gute Charaktere gelten, weil sie aus sich selbst heraus die Geschichten gewissermaßen schreiben. Um ein bekanntes Beispiel kurz anzureißen: Schuld und Sühne baut auf der Dynamik, die sich aus Rodion Raskolnikows höchst widersprüchlichem, komplizierten Charakter ergibt. In ihm kommt furchtbar viel zusammen, und das treibt die Geschichte voran. Aber auch flache Charaktere können als gute Charaktere gelten, wenn sie denn richtig platziert sind und ihre Funktion erfüllen, ohne die Geschichte ins Stocken zu bringen. Der umgekehrte Fall macht sie dann zu schlechten Charakteren, im Sinne der Literaturtheorie.
Blöd nur, dass „gut“ und „schlecht“ gleichzeitig moralische Kategorien sind. Siehe Einleitung. Ist Raskolnikow ein guter Charakter, obwohl er ein Doppelmörder ist? Ja und nein. Je nachdem. Knifflig.
Um endlich zu White Album zurückzukommen: es kann verdammt schwer sein, Touya als „guten Charakter“ zu bezeichnen. Touya ist ein Herzensbrecher, nicht wie weiland Cary Grant (hach), sondern im wortwörtlichen Sinne: er nimmt sich Herzen, und bricht sie. Er steht im Mittelpunkt eines komplizierten Charaktergeflechts, in dem er immer wieder Menschen – Mädchen – verletzt. Und zwar, weil er ein Arschloch ist. Touya ist untreu, feige, verlogen, sprunghaft, opportun, un- und selbstgerecht, ignorant, selbstsüchtig, unreif, fahrlässig, und vor allem: sich jeder seiner Handlung, mag sie noch so beschissen sein, bewusst. Auf einer rein persönlichen, moralischen Ebene würde ihn gerne an den Eiern aufknüpfen. Ist Touya ein guter Charakter? Fuck no.
Auf der anderen Seite aber ist er es dann doch. Denn Dramen brauchen Arschlöcher. Wenn man sich White Album anschaut – das soll an dieser Stelle kein Review werden, folgt noch -, dann sieht man schnell, dass die vordergründige Story reichlich egal ist. An sich geht es im Kern um Yuki, die als Idol Karriere macht, um Rina, ihre Kollegin und Freundin, und eben Touya, Yukis Freund. Aber im Grunde genommen ist es egal, denn White Album ist ein Drama und lebt damit von den Gefühlen seiner Charaktere, vom Herzschmerz. Und dafür braucht es eben einen Brecher, ein Arschloch.
Touya ist notwendig. Ohne ihn wäre ich nicht in der Lage, mit denjenigen, denen er Unrecht tut, die er betrügt und im Stich lässt, Mitleid zu empfinden. Ohne ihn und seine hassenswerte Idiotie gäbe es kaum bis keine Konflikte in White Album – Konflikte aber sind zentral, nicht nur für das Genre, sondern für fast jede Geschichte; entweder freut man sich, sie überwunden zu haben, oder trauert darum, an ihnen gescheitert zu sein. Natürlich ist Touya nicht alleine darin, negative Züge zu tragen. Die meisten Charaktere in diesem Anime sind doppelbödig und ambivalent. Die Hauptlast, die Hauptschuld, die trägt aber nur er. Er zieht in der Geschichte den Hass auf sich. Klar fällt es da schwer, ihn – in moralischen Kategorien denkend – einen „guten“ Charakter zu nennen. Aber genau deswegen ist er es eben doch.
Es ist nicht nur, dass er notwendig ist, dass er eine so zentrale und wichtige Rolle für die Geschichte einnimmt. Es ist auch die Tatsache, dass er allem zum Trotz sogar noch seine eigene Rolle reflektieren kann. Er weiß ziemlich genau, dass er immer und immer wieder Scheiße baut. Manchmal bekommt er es nicht mit, manchmal ignoriert er es, manchmal ist es ihm gleichgültig. Fast immer wieder er es aber. Er weiß, dass er Yuki nicht anlügen sollte. Aber er tut es, und er tut es nicht einfach so, sondern trotzdem. Im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Das macht ihn natürlich zu einem Arschloch – und zugleich zu einem guten, runden Charakter im Rahmen eines Dramas.
Touya ist echten Menschen charakterlich wohl näher als die meisten anderen Anime-Charaktere in diesem Jahr, voller Komplikationen, Widersprüche. Ein runder Charakter, nur halt moralisch verdorben. Kein Mörder, kein Vergewaltiger, aber eine mitgeben will man ihm trotzdem dafür. Das alleine macht einen Anime nicht gleich selber schlecht. Das ist zu simpel gedacht: beschissener Charakter, beschissener Anime, und obendrein fühle ich mich auch noch selber beschissen. Aber dafür sind Dramen ja da, und dafür brauchen sie Arschlöcher wie Touya.
(Übrigens, wenn ich hier „Drama“ sage, dann meine ich Melodrama. White Album ist kein Othello, Touya kein Iago. Und ebensowenig ist er ein Raskolnikow. Um das mal klarzustellen.)
Schön war’s. Fuji TV rief in Noise vor ziemlich genau einem Jahr einen neuen Programmblock ins Leben, in dem mit Michiko to Hatchin, Ristorante Paradiso und Aoi Hana drei richtig gute bis fantastische Anime liefen, die eben nicht ganz ins übliche Schema passten. Ristorante Paradiso hatte statt junger Mädchen alte Männer als Hauptakteure, Aoi Hana brachte das Kunststück fertig, als dedizierter Yuri-Anime weniger yuri zu sein als das, was heute so als gewöhnlicher Anime durchgeht, und über Michiko to Hatchin wird bis Ende des Jahres noch zu schreiben sein. Man sieht, ich bin Fan.
Leider löste Fuji den Block nach Ende der Ausstrahlung von Aoi Hana wieder auf. Es sollte eben nicht sein. Ganz traurig bin ich aber nicht, denn Noise war eh schon so etwas wie das Sahnehäubchen auf dem Sahnehäubchen; mit noitaminA hat Fuji nämlich schon seit über vier Jahren bereits eine Reihe im Programm, in der Anime eine Heimat finden, die auf die ein oder andere Weise aus der Rolle fallen. In diesem Jahr etwa liefen unter diesem Label Titel wie Kamiyamas Eden of the East und das ungewöhnliche Erdbeben-Drama Tokyo Magnitude 8.0. Im Januar wird an dieser Stelle die dritte und letzte Staffel des charmanten kleinen Nodame Cantabile ihre Premiere feiern. Und seit gestern wissen wir, was ihr folgen wird.
Es wird eine Manglobe-Adaption von Ono Natsumes Sarai-ya Goyou („The House of Five Leaves“ in der englischen Veröffentlichung), wie ich bei Can you Moe? lesen durfte. Ono Natsume kann man zum Beispiel kennen, wenn man Ristorante Paradiso gesehen hat. Denn ihrer Feder entspringt der Manga, der als Vorlage diente. Hier wie dort findet man sie auf den ersten Blick im eigenwilligen Stil der Zeichnungen wieder, mit seinen harten Konturen und den vielsagenden Blicken der Augen.
Aber auch bei dem, was das Internet an Zusammenfassungen der Story bietet, kann man das tun. Das Sujet ist ein anderes, klar. Sarai-ya Goyou spielt laut ANN und MangaUpdates in der Edo-Ära und behandelt das Leben des Samurai Masanosuke Akitsu, dessen Lehnsherren ihn wegen seiner Naivität wieder und wieder aus der Pflicht entlassen, bis er bei der titelgebenden Räubertruppe unter deren Anführer Yaichi anheuert. Im Manga, und damit dann wohl auch im Anime, sollen die Charaktere und ihre Beziehungen im Mittelpunkt stehen.
Das hat natürlich gewisse Yaoi-Anklänge. Auch Ono’s Ristorante Paradiso nutzte die Hauptfigur der Nicoletta vor allem, um aus ihrer Warte die eleganten signori des Restaurants bewundern zu dürfen. Gepflegt, weltgewandt, souverän, erfahren und einfühlsam. In mehr oder weniger ausgeprägten Spuren wird man das wohl auch bei Sarai-ya Goyou wiederfinden – und das ist absolut okay so, denn Beziehungen kann Ono fein schreiben. Das sind dann nicht unbedingt die ausdetaillierten, vielschichtigen Beziehungen, sondern die ikonischen, die durch ihre Konstellation alleine schon genügend Strahlkraft haben.
Aber das passt, weil Ono viel über ihren ganz speziellen Stil vermittelt. Und in Manglobe auch einen Partner gefunden hat, der ihn adäquat in bewegte Bilder übersetzen wird. Gut, The Sacred Blacksmith ist eine eher peinliche Auftragsarbeit. Aber die anderen Titel, die das aus Bones hervorgegangene Studio auf dem Kerbholz hat, sprechen für sich: Samurai Champloo, Ergo Proxy, und eben das besagte Michiko to Hatchin. Anders als andere kann Manglobe auch anders, zumal das Ganze dann auch noch für noitaminA produziert wird. Ich denke, dass sich da so einiges gefunden hat, um für einen guten Anime zu bürgen. Wieder ein spannender Titel mehr für 2010, fein fein.
ANN: In terms of where the Japanese manga industry is going, what are some of the most promising and distressing areas you can see in the manga industry today in Japan?
Fred Schodt: The big problem in Japan is that the bubble in the industry has definitely burst for both anime and manga. I think it’s probably worse than many of the official statistics reveal. I was in Tokyo in May – and I go to Tokyo every year to watch trends – and the thing that drove the point home to me is that on the train, almost no one is reading manga. That’s a huge, huge change from ten years ago, huge. On top of that, you have a new era in Japan where there’s a declining population of young people, which is still the main readership and market for manga and anime. So publishers and producers of shows are confronting this very stark reality that fewer people are buying their products, and there are fewer people to buy their products. It’s not only that they are buying less, but that there are fewer people to buy them! So no one knows what’s going to happen yet.
- Frederik L. Schodt in einem Interview mit dem ANN. Hervorhebungen von mir.
Es braucht keinen Schodt, um zu sehen, dass das Geschäft mit Anime und Manga an allen Ecken und Enden krankt. Das Wissen darum ist beinahe so allgemein wie banal. Doch das Problem bekommt Gewicht, wenn sich eine anerkannte Autorität wie Schodt, einer, der schon seit weit über 30 Jahren Zugang hat zu den innersten Zirkeln der Branche, derart pessimistisch äußert. Die Blase ist geplatzt, und keiner weiß so recht, was folgen wird.
Einen der wichtigsten Gründe nennt Schodt: die japanische Bevölkerung schrumpft. Die Geburtenrate liegt mit 1,26 Kinder je Elternpaar sogar noch unter der ohnehin sehr niedrigen Deutschlands von 1,37 – anders als in Deutschland lässt sich jedoch aus Gründen, die mehr Aufmerksamkeit als einen läppischen Nebensatz erfordern, keine nennenswerte Einwanderung verzeichnen. Ergo: weniger Kinder, weniger Jugendliche, weniger junge Erwachsene, und damit auch weniger Konsumenten für Anime und Manga. Das allerdings ist bei weitem nicht der einzige Grund. Die Branche hat an verdammt vielen Fronten zu kämpfen.
In dieser Rubrik will ich ab und an, wenn mir einige gute Links in die Hände fallen, ein paar Hintergründe beleuchten und nach Möglichkeit auch Verbindungen knüpfen. Das Problem des Niedergangs der Branche ist ein komplexes, und ich habe nicht großartig Lust, mich an einem Mammutartikel abzuarbeiten wie der letzte Mofo – besser aufbereitete Infos als bei mir kriegt man ungefiltert an der Quelle ehwieso.
The Downward Spiral
Im an sich spannenden, teils etwas redundanten, aber immer gut mit Fakten unterfütterten Buch Shutting Out The Sun (New York: Random House, 2006) stellt der Autor Michael Zielenziger eine starke Korrelation der chronischen japanischen Wirtschaftskrise und dem Hikikomori-Phänomen auf. Besonders im sechsten Kapitel, Careening Of Course, benennt er einige Punkte, die jeder für sich zum Platzen der bubble economy der Achtziger führten und Japan eine so massive Wirtschaftskrise einbrockten, dass sich das Land bis heute nicht davon erholen konnte. Viele junge japanische Männer soll das in die innere Emigration getrieben haben. Nun mag Zielenzigers Buch kein Referenzwerk für die jüngere japanische Wirtschaftsgeschichte sein und auf ein anderes Thema abheben, aber es taugt, um den starken Zusammenhang von Wirtschaft und Gesellschaft an einem Beispiel zu erörtern. Und die grundlegenden Beschreibungen treffen zu, die Probleme wirken heute mehr denn je.
Glaubt man Telepolis, steuert die japanische Wirtschaft derzeit nicht mehr gen Abgrund, sie steht mittlerweile hart an der Kante und wartet auf den Todesstoß. Deflation, irrsinnige Staatsverschuldung, nominale Schrumpfung der Wirtschaft um 10% in einem einzigen Jahr, Konsumeinbruch trotz Absturz der Sparquote auf 2% – Hiobsbotschaft über Hiobsbotschaft. Was es für die Weltwirtschaft bedeutete, wenn die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt kollabiert oder auch nur einer ihrer gigantischen Wirtschaftskonzerne wie Matsushita, kann man sich ausmalen.
Um aber zum Thema zurückzukommen: natürlich hat die Krise auch enormen Einfluss auf alle Beteiligten der Branche. Denn bei schlechterer Wirtschaftslage sind es immer erst die nicht lebensnotwendigen Einkäufe, die zurückgestellt werden. Also kommt zu der schrumpfenden Bevölkerung auch noch die sinkende Bereitschaft, Geld in Anime und Manga zu investieren – ganz so, wie Schodt es ausgemacht hat.
Taschengeldanimatoren und schwankende Riesen
Der ökonomische Aspekt trifft die Branche auf Konsumentenseite direkt. Auf Produzentenseite ist er eher ein Gift unter vielen, denn neben den Einnahmeeinbrüchen haben die Animationsstudios noch an anderen, vielleicht sogar schwerwiegenderen Problem zu knabbern – wie dem Nachwuchsmangel. Auf welcome datacomp kann man die Übersetzung eines sehr spannenden Artikels des Regisseurs Yamazaki Osamu finden, der das Problem des fehlenden Nachwuchses an fähigen Key-Animatoren thematisiert.
Er erweitert die etwas einseitige Betrachtung der wirtschaftlichen Problematik, die sich so aufdrängt: klar, die wegbrechenden Werbe- und Verkaufseinnahmen wirken sich aus. Ein Rückgang von 18% bei den DVD-Verkäufen in den Jahren von 2006 bis 2008 tut extrem weh. Und doch fällt für ihn das Nachwuchsproblem gar noch mehr ins Problem – was bezeichnend ist. Er umreißt es wie folgt: Ein Inbetweener, also ein Animator, der die Animationsschritte zwischen den Key-Frames ergänzt, bekommt bis zu 250 Yen pro Zeichnung – und damit bei einer Monatsleistung von 500 Zeichnungen nach Abzug der Steuern etwa 100′000 Yen als Verdienst, knapp 750€ Stand heute. Viele Studios sitzen in Tokio, einer der teuersten Städte der Welt.
Der Tarif wurde in den Siebzigern geschlossen, und da mag das noch gepasst haben. Heute aber reicht das kaum zum Leben und zieht unter den harschen Bedingungen (Vierzehn-Stunden-Tage, teils Sieben-Tage-Woche) auch kaum wirklich gute Zeichner an. Die mittelmäßigen Kräfte zwar schon, aber geschlagene neun von zehn (!) Animatoren steigen nach durchschnittlich drei Jahren wieder aus dem grind aus – weil das Geld nicht reicht, das Talent, die Zeit. Gute Animatoren hingegen zieht es in lukrativere Jobs, während die Animationsstudios sogar auf Hobbykräfte zurückgreifen müssen, die sich etwas dazuverdienen wollen und ohne Leidenschaft und großes Können vor sich her pinseln.
Die wenigen wirklich fähigen Key-Animatoren, Veteranen der Branche, bekommen dagegen mehr und mehr anstrengende Korrekturarbeit aufgeladen, ihre eigene Arbeit bleibt dann auf der Strecke. Darunter leidet die Qualität, auch weil viele Animationsschritte, oft ohne ausreichende Kontrolle, aus Kostengründen nach Korea, China oder Vietnam ausgelagert werden müssen. Womit wir wieder bei der Wirtschaft wären. Und als Fan leidet man mit, denn folgt man Yamazakis düsterer Argumentation, werden die Animationsstudios auf kurz oder lang ausbluten – viele der Veteranen sind in den Fünfzigern und Sechzigern und werden, wie kürzlich Kanada Yoshinori, irgendwann den Weg alles Irdischen gehen, ohne dass die Studios die Stellen äquivalent nachbesetzen können.
Allerdings muss man bei der Argumentation ein wenig aufpassen; natürlich kann man auch als Animator gut verdienen, doch dazu muss man entweder in der Hierarchie der Studios aufgestiegen sein oder einen spezialisierten Job finden. Die Verallgemeinerung, dass Animatoren mies verdienen, wäre in der Tat zu einfach. Das ändert aber nichts am grundsätzlichen Problem, denn auf jeden Animationsdirektor kommen dutzende Inbetweener, und die talentierten Nachwuchskräfte scheitern oft schon beim Einstieg an den harschen Bedingungen derer Jobs. Der Grundkonflikt bleibt. Yamazakis ebenso knappes wie zutreffendes Fazit dazu findet sich beim Wall Street Journal:
„People have tremendous power by just being young [...] Without young blood, we’ll lose our ability to think flexibly and creatively.“
Addendum: Wie ich das nur übersehen konnte? Dunno dunno. Jedenfalls gehört zum Artikel des WSJ auch ein aufschlussreiches kleines Video, über das ich erst bei einem Eintrag auf Random Curiosity gestolpert bin. Asche, Haupt, etc.
„escapistolero“, werde ich häufig (nie) gefragt, „escapistolero, sag mal, was liest du eigentlich gerade für Manga?“; nun, dies und jenes. Und mehr, als der Blog meinen lässt – 20 Artikel, und noch kein Wort zu Manga? Das muss sich ändern. Und womit ließe sich das besser an als mit Billy Bat, dem neuesten Wurf von Urasawa Naoki?
Wer Urasawa Naoki sagt, denkt auch an Tezuka Osamu. Das hat drei Gründe. Zum einen ist Urasawa der einzige Mangaka, der den Tezuka Osamu Bunkashō, den Exzellenzpreis der Zeitung Asahi Shimbun, in den zwölf Jahren seit dessen Auslobung bereits zwei Mal verliehen bekam. Den einen kassierte er für seinen phänomenalen Manga 20th Century Boys, den anderen, und damit komme ich zum zwoten Punkt, für Pluto. Denn Pluto ist eine Art Fortsetzung/Hommage/Bearbeitung/Update der sicherlich nicht besten, aber bekanntesten und vor allem unfassbar stilprägenden Geschichte Tezuka: Tetsuwan Astro aka Astro Boy.
Drittens, und nicht zuletzt, wird Urasawa gerne für den besten lebenden Mangaka gehalten. Für den legitimen Nachfolger Tezukas. Das zu diskutieren wäre ebenso müßig wie frucht- und sinnlos. Weder lässt sich das abschließend feststellen, noch würde es irgendwas ändern oder besagen können. Aber es zeigt, dass Urasawa zumindest einer der ganz, ganz Großen ist und auch bleiben wird. 20th Century Boys, Monster, Pluto – seine drei jüngsten abgeschlossenen Manga kann man guten Gewissens zu den besten Manga der letzten beiden Jahrzehnte rechnen. Dabei ist Urasawa kein tiefschürfender Philosoph, niemand, der radikal neue Wege beschreitet, und auch sicher nicht der brillanteste Zeichner unter der Sonne Japans. Aber mit einiger Wahrscheinlichkeit der beste Erzähler.
Das Erzählen, das Storytelling, das ist Urasawas Domäne. Ich kenne viele Mangaka, die ansprechender zeichnen – und das ist nicht zu unterschätzen, Manga bleibt eben ein Zwittermedium aus Text und Zeichnung. Ich kenne auch viele Mangaka, die hochwertige, hochintelligente Geschichten anspruchsvoll im Medium Manga aufbereiten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Asano Inio. Aber nur ganz, ganz wenige können sich mit Urasawa in dem messen, für das er so geachtet wird: Im Erzählen von Geschichten.
Urasawa kann das Tempo anziehen und drosseln, Fokus und Spannung steuern mit einfachen ebenso wie mit raffinierten Methoden, seine Stories referenz- und kenntnisreich ausmalen in den schönsten aller Farben. Am wichtigsten allerdings: die Geschichten stehen immer im Mittelpunkt. Er hat all die Erzählformen des Mediums gemeistert, damit seine Geschichten sich noch besser entfalten können. Mit Billy Bat nimmt er eine der letzten Hürden, die ihm geblieben ist, greift auf Elemente der Metafiktion zurück – und stellt damit zugleich die Frage, ob ausgerechnet das in seinem ureigenen, plotzentrierten Erzählen funktionieren kann.
Um es vorwegzunehmen: es kann. Und wie. Urasawa eröffnet Billy Bat ansatz- und schnörkellos im Stile eines amerikanischen Comics der Vierziger, dessen Hauptfigur ein kruder Wiedergänger Micky Maus’ ist, Billy Bat eben, ein marlowesker, zynischer Privatdetektiv (außerdem auch eine Fledermaus), der sich mit einem dieser hundsgewöhnlichen Ehebruch-Fälle abmühen muss, bald aber in ein Geflecht aus Geheimorganisationen und Agenten verwickelt wird, und… das war’s dann. Kevin Yamagata, der Zeichner der in den USA der Nachkriegszeit höchst populären Billy Bat-Comics, ärgert sich mit der Vorgabe des Redakteurs, schon wieder Sowjetspione als Bösewichte verbauen zu müssen, da klopft es an der Tür. Polizei. Das Fenster, das zur Straße rausgeht, sei optimal, deswegen müsse man das Studio akquirieren. Denn gegenüber sollen Sowjetspione hausen.
Der kleine, feine Kunstgriff in den ersten beiden Kapiteln des Manga enthält im Kern alles, was Billy Bat an Themen und Dynamiken durchziehen wird. Denn Urasawa geht nicht nur einen Schritt hinaus, lässt seine und Yamagatas Geschichte nicht nur parallel laufen und sich spiegeln. Sie verschränken sich auch – die Sowjetspione im Comic ziehen die Sowjetspione im Manga nach sich. In den nächsten Kapiteln beschreibt er Yamagatas Suche nach Billy Bat im Japan des Wiederaufbaus, denn er hat diese Figur während seines Einsatzes als Besatzungssoldat in Tokyo im Dienste des GHQ aufgeschnappt. Das führt ihn, in bester Urasawa-Manier, nicht nur auf die Spur verschiedenster geheimer und supergeheimer Organisationen und Akteure, sondern auch zu den übernatürlichen Ursprüngen der Fledermausfigur, bis er Billy Bat, seiner vermeintlichen Kreation, leibhaftig gegenüber steht, und… das war’s dann, wieder.
Denn Billy Bat hält sich nicht nur mit diesem Ebenenspiel zwischen Realität und Fiktion (in einem fiktiven Medium) auf. Es reicht nicht, dass Yamagata einen Manga in Händen hält, der den Lauf der Welt prädeterminiert, und dass ihm Billy Bat, das schizophrene, mysteriöse, gottgleiche Irgendwas die alles entscheidende Frage stellt. Urasawa bricht weitere Ebenen auf, etwa die historische – denn plötzlich geht es um Judas Ischariot, um Francis Xavier, um eine kitschig-schöne Weihnachtsgeschichte inmitten des von Segregationshass gebeutelten Amerikas der 1950er, um den Tod der Freundschaft in der Sengoku-Zeit. Und alles passt zusammen, und alles läuft auf eines hinaus: Billy Bat.
Am ehesten noch erinnert das an 20th Century Boys, Urasawas fantastisch-phantastischer Potenzierung einer Kindheitsphantasie. Auch dieser Manga spielte in verschiedenen Zeitebenen, arbeitete mit ihrer Verschränkung – anders als Monster und Pluto, die beide eher straightforward ausfallen. Doch wirklich vergleichen lässt sich Billy Bat nur bedingt, denn der Manga ist wesentlich konsequenter darin, die Multidimensionalität des Plots zu nutzen. Die Geschichte franst an den Rändern aus, um sich auf links gedreht durch den Stoff zu wühlen und an den losen Enden wieder anzuknüpfen; rennt auf und davon, um sich selbst zu überholen. Fast schon klassisch das einführende Kapitel der Judas-Episode, ein tolles Beispiel für den Urasawa-Stil.
Billy Bat zieht sich bereits jetzt, nach gerade mal 20 Kapitel Stand dato, durch die Geschichte der Menschheit ebenso wie durch die Metaebenen des Comicmediums, dass Scott McCloud seine helle Freude daran hätte. Ein Galoppritt durch die Möglichkeiten. Und ein Beweis für Urasawas gelungene Erweiterung seines Repertoires, der es tatsächlich schaffen kann, bei seiner jetzt schon brillanten Erzähltechnik noch einmal eine Schippe draufzulegen. Urasawa ist ein Schlitzohr, einer, dem es diebische Freude macht, den Leser mit Finten und Haken und Ösen durch seine modernen Märchen zu geleiten. Ein Raconteur eben, einer, der meisterlich auf der Klaviatur der Unterhaltung spielt. Ob er jetzt so gut oder fast so gut oder besser als Tezuka ist – geschenkt, solange ich meine ungetrübte Freude an ihm haben kann, und mit Billy Bat definitiv haben werde.
Nach dem Pluto-Clusterfuck EMAs, für das sie freilich keine Verantwortung tragen, und Paninis schwerem Stand mit 20th Century Boys, das der Verlag mit Ach und Krach im nächsten Jahr mit den beiden Bänden von 21st Century Boys zu Ende bringen wird, glaube ich nicht, demnächst Billy Bat in einer deutschen Edition in den Händen halten zu dürfen. Auf den üblichen Seiten im Netz lassen sich die Scanlations natürlich finden, wenn auch in teils unerträglicher Qualität. Allerdings haben Arienai ab Kapitel 14 das Steuer in die Hand genommen und liefern gewohnt gute Scans ab. (Über die Moralität der Piraterie schreibe ich irgendwann mal was.)
„escapistolero“, heißt es dann jedenfalls immer (nie), „escapistolero, liest du eigentlich immer nur so geilen Scheiß?“ – ne, natürlich nicht. Aber am liebsten schon.

Zwei DVDs werden Anfang Dezember in Japan veröffentlicht, auf die ich schon lange, sehr lange warte. Zum einen der siebte und letzte Film der Kara no Kyoukai-Reihe, dessen Trailer ich im September verlinkt habe. Danach habe ich die Sache auf sich beruhen lassen, zu viel Vorfreude tut meinem alten Herzen nicht gut – nun, bis ich eben heute zufällig auf ein neues DVD-Promovideo zu Murder Study pt.2 gestoßen bin. Auf der offiziellen Homepage findet man weitere zweieinhalb Minuten aus dem Film, mit vielen neuen Szenen und viel Dialog. Letzteren konnte ich mangels Japanisch-Kenntnissen nicht entschlüsseln (… nur, dass es wohl viel um korosu, Töten, geht…), ersteres bietet mehr als genug, um meine altersschwache Pumpe hart an die Leistungsgrenze zu bringen. Feine Sache.
Fast ebenso freue ich mich auf die zweite OVA zu Denpa Teki na Kanojo. Die Adaption der gleichnamigen Light Novel-Serie von Katayama Kentarou lieferte schon in der ersten OVA einen ausgezeichnet gemachten kleinen Mystery-Thriller mit recht eigenwilligem Storytelling. Nicht ganz zufällig, denn auch hier war, wie schon bei Kure-nai, Katayamas anderer erfolgreicher Romanserie, das Studio Brain’s Base für die Umsetzung verantwortlich. Die erzählerischen Parallelen sind greifbar, und das ist gut so. Sowohl Kure-nai als auch Denpa Teki na Kanojo erzählen ihre Geschichten mit einem ganz eigenen Tempo, ungewohnt für modernere Anime. Kein Wunder, dass auch die zweite OVA (und die zweite Staffel von Kure-nai, und wenn wir schon dabei sind, auch gleich das Crossover von beiden Serien…) von mir sehnsüchtig erwartet wird.

Da gibt es eine Szene in diesem Film, in der vieles klar wird. Wenn man sie denn entdeckt, denn der Moment wirkt auf den ersten Blick nebensächlich. Es geht darin um Shinjis SDAT-Player, der in der ursprünglichen Fernsehserie Neon Genesis Evangelion als Symbol und Motiv verwandt wurde. Immer und immer wieder wurde damals gezeigt, wie Shinji die Tracks 25 und 26 hörte. Erst den einen, dann den anderen, dann wieder den einen. Diese Einstellungen fanden sich immer dann, wenn Shinji sich in sich selbst zurückzog, wenn er sich dem Druck, der auf ihm lastete, nicht mehr aussetzen konnte und sich abkapselte. Man konnte sie auch als Ausdruck dieses drückenden Fatalismus verstehen, der auf NGE lastete – sie deuteten das Ende an, im einen Fall das Ende der Serie (Episoden 25 und 26), im anderen, End of Evangelion, gar das Ende alles und jeden. Von vornherein war klar, dass alles enden würde. Diese Weltenschwere ließ Shinji nie los.
In Rebuild 2.0 ist der SDAT-Player nach einem Zwischenfall defekt. Statt 25 und 26 zu wiederholen, springt er weiter zu Track 27. Die Szene dauert kaum einige Sekunden, sie ist weder auffällig noch so zentral, wie sie mit meiner Beschreibung erscheint, aber sie ist da.
Wenn man will, kann man in diesem Track 27 ein Sinnbild für die Rebuild-Reihe sehen. Eine Absage an die zwingende, innere Logik von Neon Genesis Evangelion, die ihren Ausdruck fand in der motivischen Verwendung der beiden Songs. Rebuild macht Schluss damit – und geht zugleich einen Schritt weiter, ist also eine Fortsetzung, die zugleich eine gänzlich andere, eigene Logik hat. Das zu begreifen ist wichtig, sehr wichtig. Neon Genesis Evangelion funktionierte nur innerhalb seiner eigenen Logik – ebenso, wie es die Rebuild-Filme nur innerhalb ihrer eigenen tun. Bei aller Nähe und bei allen offensichtlichen Gemeinsamkeiten liegen ihnen einige elementar unvereinbare Antriebe und Motivationen zu Grunde – nicht frappierend viele, aber mehr als genug, um beide Ansätze als eigenständige Auslegungen ein und des selben Plots verstehen zu müssen.
Vergleiche zwischen NGE und seinem Rebuild sind natürlich immer möglich, gerade im Kontrast erschließt man sich oft die Feinheiten und Funktionsweisen beider Ansätze – nicht möglich ist aber, die Maßstäbe des einen auf den anderen anzulegen und daraus eine Wertung zu ziehen. Damit macht man sich’s nur selbst schwer, denn es geht nicht. Rebuild of Evangelion 2.0: You Can (Not) Advance muss als eigenständiges Werk behandelt werden, nicht als Remix, nicht mal mehr als Re-Interpretation. Es gibt keinen Track 27 in Neon Genesis Evangelion – es gibt kein Rebuild in Neon Genesis Evangelion. Nicht vergessen, nie vergessen.

(An dieser Stelle die Warnung: Das Review wird stellenweise Spoiler für Evangelion 2.0 enthalten; die jeweiligen Absätze markiere ich mit einem roten Asterisk*.)
Ende Juni lief der zweite Rebuild-Film nach etwa zweijähriger Produktionszeit in den japanischen Kinos an. Zwei Wochen später schon kursierte eine qualitativ… mäßige Camrip im Netz, deren Verlockung ich erlegen bin. Denn die japanische BD liegt in weiter Ferne, ist noch nicht einmal datiert, während für die deutsche bei Universum der Mai 2010 angepeilt wird. Zu lange, viel zu lange. Also Augen auf und durch, denn nach Rebuild 1.0: You Are (Not) Alone war die Spannung immens. Das lag vor allem am Projekt selber; ein Jahrzehnt nach dem schier unfassbaren Abschluss der Serie in End of Evangelion, sollte Anno Hideaki sich erneut seines Magnum Opus annehmen. Ein faszinierender Gedanke, denn Neon Genesis Evangelion war ein epochales Werk. Und jetzt würde er den Stoff für die Leinwand neu erarbeiten, gar ausweiten? Woah.
Schwer tat man sich noch mit dem ersten Film der Rebuild-Reihe, wenn es darum ging, ihn in den ausufernden Kanon des Epos Neon Genesis Evangelion einzupflegen. Die Meere blutrot, die Engel anders benannt. Viele Details fügten sich nicht mehr in den Plot, wie wir ihn kannten. Gerade gegen Ende. Nach dem furiosen grande finale mit der komplett neu geschriebenen Operation Yashima sahen wir plötzlich Kaworu, wie er einem Sarg auf dem Mond entsteigt. Vier zu seiner Rechten sind offen, vier geschlossen, und einmal quer durch die Szenerie zieht sich ein großer Streifen Blut. In seinem Angesicht eine gewaltige Ausgrabungsstätte mit einem maskierten Koloss – ein Engel? Ein EVA? Und dann, nach dem Abspann, die Vorschau auf den nächsten Film – EVAs 05 und 06? Die First Ancestral Race? Und eine neue Pilotin? Wenn schon der erste Film im Detail und in den letzten Minuten so viele Änderungen beinhaltete, würde das Sequel wohl umso mehr davon bieten. Im Raum stand bald die (durchaus plausible) Theorie, die Rebuild-Filme wären eine Fortsetzung von End of Evangelion, eine buchstäblich postapokalyptische Geschichte und zugleich Reset der Serie unter anderen Bedingungen. Track 27 eben.
*Konnte man Evangelion 1.0 noch ansehen, wie nah er sich phasenweise am Ausgangsmaterial bewegte, sind es bei Evangelion 2.0 allenfalls Zitate daraus. Aus den Episoden 8 bis 19 bediente sich Anno des Plots, stellte einige der zentralen Ereignisse – Asukas Erscheinen, die Kämpfe gegen Bardiel und Zeruel – zusammen, fügte aber auch etliche neue Entwicklungen hinzu. Der Film eröffnet gleich mit dem Kampf Maris, der neuen Pilotin, in ihrem provisorischen EVA-05 gegen den dritten Engel in der amerikanisch-russischen Bethany Base, ist also chronologisch noch dem ersten Rebuild-Film vorgeschaltet. Bald schon wird Asuka eingeführt, und mit ihr die im Fokus des ersten Filmes stehende Beziehung von Shinji und Rei um eine Dimension erweitert. Sinnbildlich dafür der Kampf gegen Sahaquiel, in dem die drei Kinder zusammenarbeiten müssen, um den Fall des Bombenengels auf Tokyo-3 aufzuhalten – und es vor allem Asuka schwerfällt, sich in das schon eingespielte Regimen zu fügen.
*Die Kinder sind gezwungen, in diesen konflikthaltigen Interaktionen ihre eigenen Vorstellungen vom Leben in Frage zu stellen. Asuka etwa beruft sich anfangs noch auf die Prinzipien der Leistung und Stärke, weil sie darin bis dato die Beste war. Warum müssten sich die Japaner immer für alles entschuldigen? Schließlich fresse alles, das leben wolle, anderes Leben. Um selber zu leben, müsse anderes nun mal sterben. Mit anderen Lebensentwürfen wie demjenigen Reis, die sie von Anfang an dafür verachtete, ist das nicht kompatibel. Mehr noch: diese Prinzipien sind das be-all and end-all ihres Wesens. Im Kampf gegen Sahaquiel aber werden sie verneint, denn alleine wäre sie zu Grunde gegangen. Und mit dem Verschluss ihres EVA-02, um die Stationierung von EVA-03 in Japan zu erlauben, wird ihr buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen, ihre selbst auferlegt einzige Existenzgrundlage. Was ist sie nun noch?

*Doch in bester dialektischer Manier, und dabei teils drastisch anders als in NGE, wachsen die Kinder aneinander. Sie lernen voneinander. Mit einem bewusst einfachen, fast schon primitiven Vorgang bringt Anno das zum Ausdruck: mit dem Essen. Anders als in Asukas martialischer Vorstellung eines Fressens oder gefressen Werdens ist Shinji jemand, der nicht für sich selbst, sondern auch für andere Essen zubereitet. Für Asuka ist das ein ungewohnter, eigentümlich intimer Ausdruck der Zuneigung und Sorge: ich sorge dafür, dass du lebst. Für Rei hingegen stellt sich das als Zugang zum sozialen Leben selber dar, als etwas, wodurch man in der Gesellschaft sein Glück findet: ich sorge dafür, dass es dir gut geht.
*Beide machen den entscheidenden Schritt aus ihren jeweiligen Dilemmata heraus, indem sie schlicht kochen. Asuka will Shinjis Geste erwidern. Das ist für jemanden wie sie ein gewaltiger Schritt, weil er ihre ursprüngliche Philosophie negiert – sie erkennt an, dass es andere Menschen außerhalb ihrer eigenen Sphäre gibt, deren Existenz ihr wichtig sind. Rei wiederum empfindet bei etwas so Gewöhnlichem wie einem gemeinsamen Mahl Glück, und das will sie teilen mit den Menschen, für die sie etwas empfindet. Sie will für alle kochen, für sich, Shinji, Gendo, Asuka; sie geht damit auf’s Leben zu. Natürlich bringen dabei beide ihre Opfer, zu sehen an ihren Händen. Keine von beiden ist es gewohnt, zu kochen, und so schneiden sie sich ständig. Und trotzdem machen sie weiter.
*Ihren finalen Ausdruck findet diese Entwicklung in der zweiten Hälfte des Filmes. Rei wurde für den Tag, an dem sie ihre Party abhalten wollte, als Testpilotin für EVA-03 designiert. Die Amerikaner baten die japanische NERV-Abteilung, EVA-03 nach der mysteriösen Explosion von EVA-04 in Nevada, die weite Teile des Kontinents verwüstete, bei sich aufzunehmen. Doch Asuka erklärt sich bereit, Rei diese Pflicht abzunehmen – teils aus dem Grund, selber wieder ans Steuer zu dürfen, doch eben teils auch, um es Rei zu ermöglichen, zusammen mit Shinji und Gendo zu essen. Und dafür bedankt sich Rei sogar. Asuka und Rei sind aneinander gewachsen.
***Doch zugleich ist diese Sequenz, etwas nach der Stundenmarke, auch der Auftakt zur furiosen Schlussphase von Evangelion 2.0. Denn EVA-03 ist von Bardiel infiziert, der mit Asuka in seinem Inneren Amok läuft und schließlich nur von EVA-01 unter Führung des Dummy Plug gestoppt werden kann. Shinji wird Zeuge der monströsen Vergeltung Shogokis, der Gogoki zerfleischt. Zwar sieht Shinji nichts, doch er spürt und hört, was er tut. Daher weiß er auch genau, was passiert, als Shogoki den Entry Plug Asukas zwischen den Kiefern hält. Und ihn zerbeißt.

***Analog zur Beziehung der Kinder, die sich in der ersten Stunde entwickelt, nur um an dieser Stelle abrupt und brutal zerfetzt zu werden, ist auch der Verlauf des Filmes. Lange Zeit bereitet er vor, nimmt sich Zeit, um die Geschichte zu entwickeln, die Konflikte einzuführen und zu entfalten – nur, um in einer furiosen, atemberaubenden, spektakulären halben Stunde zu münden, in der das alles auf die Spitze und weit, weit darüber hinaus geführt, mit Genuss und Brachialität in Trümmer gelegt wird. Dass Anno und Sagisu Shirou, der Komponist, mit ihrem Soundtrack während besagter Szene an das nervenzerreißende Finale von End of Evangelion erinnern, ist mehr als passend. Wie damals Komm, süßer Tod ist auch hier ein vermeintlich fröhlich klingender, auf Textebene aber gänsehauterregend passender Song Untermalung und Folie des Schlimmstmöglichen; während EVA-01 im Abendrot steht, am Horizont ein Regenbogen, trieft ihm LCL aus den Lefzen, mit denen er gerade Asuka zermalmt hat; und Hayashibara Megumi, VA Reis, singt dazu: Sayonara. Anno macht unmissverständlich: was jetzt folgt, wird End of Evangelion noch in den Schatten stellen wollen.
***Und was dann folgte war schon im Camrip kaum zu fassen, und auf der großen Leinwand erwartungsgemäß überwältigend. Shinij kann nicht ertragen, was mit Asuka geschah, und nimmt seinen Abschied. Währenddessen jedoch steigt Zeruel herab und dringt mühelos bis zum NERV-HQ vor. Er schlägt Schneisen der Verwüstung, legt Tokyo-3 und das Geofront in Schutt und Asche. Auftritt Mari, die sich als Agentin einer unbekannten Macht in das Hauptquartier einschlich und die Kontrolle über EVA-02 übernahm. Sie führt ihn in eine Vernichtungsschlacht gegen Zeruel, und als ihre ersten Attacken nicht wirken, geht sie einen Schritt weiter: Sie löst EVA-02s Rückhaltemechanismen, die die Bestie im Inneren der EVA-Rüstungen bändigen, und wird mit ihm zum Biest, einer buchstäblich ungeheuerlichen, bestialischen Kampfmaschine. Mari riskiert dabei ihren Verstand, riskiert, vom EVA absorbiert zu werden, aber schon fast lustvoll, wahnhaft stürzt sie sich in den Kampf
***Doch sie scheitert. Rei greift ins Geschehen ein und will Zeruel zusammen mit sich selbst in die Luft jagen. Zusammen mit der fast völlig zerfetzten Mari durchbricht sie dessen AT-Field, doch der Angriff scheitert, und Rei wird von Zeruel verschlungen. Zeruel macht sich auf zum Central Dogma. Nun stellt sich ihm Shinji in den Weg, der mitansah, wie Rei starb. Er kehrt zurück, besteigt EVA-01 und nimmt den Kampf auf. Dann aber, er wird besiegt, geschieht etwas Epochales. Nicht nur Asuka und Rei kamen verändert aus ihren Begegnungen, auch Shinji. Er steckt nun nicht auf, sondern… nun, es ist schwer, das in Worte zu packen. Er transzendiert.
***Shogokis Augen, Glieder, Rachen erglühen rot, und über seinem Haupt erstrahlt eine Gloriole. Er lässt alle irdischen Begriffe und wird vom Mensch unter Menschen zum Gott unter Menschen. Shinji greift sich Zeruel, bricht ihn, dringt in ihn ein. Er will Rei zurück. Er löst sich auf, konkretisiert sich wieder, erst strahlend weiß, dann liegt seine Haut in Fetzen, aber er will Rei zurück. Unmenschliche, göttliche Anstrengungen, bis er sie wieder erreicht, sie befreit, mit ihr verschmilzt. Damit läutet er das Ende der Welt ein, denn das ist der Third Impact. Und im Hintergrund singt Hayashibara Megumi: In diesem endlosen Himmel will ich meine Flügel ausbreiten und fliegen, einem anderen Himmel entgegen, frei und frei von Traurigkeit.

*Was da alles geschieht ist schwer in Worte zu fassen. Fast jede Einstellung ikonisch, fast jedes Geschehen geht Meilen über das hinaus, was man sich zuvor hätte vorstellen können. Endlos könnte man Adjektive auseinanderpacken, aneinanderreihen – phänomenal, spektakulär, gewaltig, überragend, überwältigend – und doch wären sie zu kurz gegriffen. Evangelion 2.0 hat eines der intensivsten, atemberaubendsten Enden, das ich je in einem Film erleben durfte. Erst recht auf der großen Leinwand, in 35mm-Projektion und mit DTS-Sound. Und das ist nicht nur der Handlung geschuldet, sondern auch den Schauwerten. Eine solche visuelle Brillanz findet man in kaum einem Anime ein zweites Mal, und Evangelion 2.0 ist damit reich gesegnet, vor allem in den zahlreichen, fantastisch animierten und musikalisch unterlegten Kampfsequenzen.
*Natürlich findet all das in erster Linie auf einer vordergründigen Handlungsebene statt. Die hintergründigen treten zurück ins zweite Glied, werden zwar zitiert, immer wieder aufgegriffen, aber machen doch Platz für die actionreiche Auflösung des Films. Das kann man gerne kritisieren, genauso, wie man den Film als Ganzes kritisieren darf. Wenn man mit der Serie vergleichen will, dann ist klar, dass ein Spielfilm die psychologischen Details und Feinheiten in der Fülle, wie sie in der Serie minutiös aufgearbeitet worden sind, schlicht nicht leisten kann. Evangelion 2.0 gibt diesen Anspruch nicht unbedingt auf, aber man kann nicht umhin festzustellen, dass die inneren Mechanismen, die Beziehungen und Entwicklungen der Charaktere, die drüben beim Japankino in einer sehr, sehr klugen Analyse umrissen worden sind und für die Fernsehserie eine unüberschätzbare Rolle gespielt haben, in Filmform vereinfacht werden mussten. Das ist Fakt. Und damit muss man natürlich nicht glücklich sein.
Aber hier kommt auch ein anderer Fakt ins Spiel, den ich anfangs eingeführt habe: Rebuild of Evangelion ist nicht Neon Genesis Evangelion. Das sind zwei verschiedene Entitäten. Weder tut man sich noch seinem Filmgenuss noch den Werken einen Gefallen, wenn man das vergisst. Rebuild of Evangelion ergründet man am besten aus sich selbst heraus. Und in Evangelion 2.0 haben wir einen sensationellen Film mit enormen Ansprüchen an sich selbst, denen er fast allen auch gerecht werden kann. Sicherlich, bisweilen tut er sich schwer damit, alles in der angestrebten Perfektion zu erreichen, und wird immer dann ein wenig holprig. Manchmal gelingt der Spagat nicht ganz. Und manchmal hätte man sich, wenn man die Serie kennt, noch ein wenig mehr Details gewünscht, noch etwas mehr Hintergrundgeschichte.Viele Nebencharaktere spielen kaum noch eine Rolle, und auch wichtigere Elemente wie Asukas Vergangenheit mussten weichen.
Das muss man in diesem Fall einfach akzeptieren lernen. Man muss sich darauf einlassen können, begreifen können, dass es in dieser Fassung der Geschichte nun mal einen Track 27 gibt. Dass all das, was wir aus der Serie kennen, da ist, nur eben anders. Entschlackt, neu arrangiert, in eine neue Logik gebracht. Dass in diesem neuen Arrangement weniger Raum ist für die extrem ausführlichen, tief ergründenden Charakterstudien, die Neon Genesis Evangelion bot. Das mag in den Augen vieler ein Versäumnis sein, und das ist natürlich völlig legitim. Doch es geht am Kern der neuen Filmreihe vorbei, denn so kann man Evangelion 2.0 nicht als das erfassen, was es ist: ein Ereignis.
Denn die inszenatorische Wucht Annos, die überwältigende Inszenierung des Films wiegt all das auf. Und macht wieder bewusst, dass Anno seine Geschichte eben nie exklusiv als introspektive psychologische Fingerübung verstand, nicht als E-Anime, sondern eben immer auch und im gleichen Maße als U-Anime. Es ist völlig richtig, dass sich Anno aus praktischen, sicher aber auch inhaltlichen und persönlichen Gründen dafür entschied, die Mechanismen der Geschichte etwas zu vereinfachen. Doch es wäre nicht nur unfair, sondern auch am Kern des Rebuild-Projektes vorbeigedacht, dabei das zu ignorieren, worauf er stattdessen abzielte: auf den Film an sich. Und Evangelion 2.0 ist ein Ereignis, in jeglicher Hinsicht. Man darf gespannt sein, wie Anno sich in Rebuild of Evangelion 3.0: Quickening noch steigern will, und dann noch einmal im vierten und letzten Film. Es scheint schier unmöglich nach dem, was er uns in Evangelion 2.0 vorgelegt hat. Aber wenn jemand das Unmögliche einfach wegfegen und weit, weit hinter sich lassen kann, dann ist das Anno. 9,5/10












